Weitere Berufe: Feuerwehr, Piloten, Militär, Schweißer · Kapitel 9 von 22 · Studienlage: Klinische Studien, Leitlinien und Tierversuche

Vorbemerkung: Was „klinische Studie“ in diesem Feld bedeutet bis Systematische Übersichten und Metaanalysen

Vorbemerkung: Was „klinische Studie“ in diesem Feld bedeutet

Zu Berufsgruppen außerhalb der in anderen Kapiteln behandelten Gewerke (Feuerwehr, Piloten, Militär, Schweißer, Friseure, Maler und Lackierer, Landwirte) gibt es in der gesichteten Literatur keine einzige randomisierte Studie, die eine berufliche Exposition zuteilt. Das ist aus ethischen Gründen auch nicht zu erwarten. Die einzige Arbeit mit randomisiertem Element stammt aus einem Automobilteilewerk; dort wurde randomisiert, doppelblind eine Nahrungsergänzung geprüft, während die Messung niederfrequenter Felder nur die Exposition beschrieb, sodass sie keine Wirkung einer Berufsexposition prüft [s51]. Alles, was im Folgenden „Studienlage am Menschen“ heißt, sind Beobachtungsstudien: Querschnitte, Fall-Kontroll-Studien, wenige prospektive Kohorten, Fallserien und Fallberichte. Eine Kausalaussage tragen sie einzeln nicht. Das gilt auch dort, wo die Autoren selbst von „Wirkung“ sprechen.

Die Recherche (Stand 05.10.2026) umfasste Europe PMC und die NCBI-E-utilities, dazu für einzelne Sprachräume HAL, Dialnet, J-STAGE, CiNii, KoreaMed, CyberLeninka, TR Dizin und e-Marefa. Für die ausgewerteten 216 Quellen lag mindestens das Abstract vor; Volltexte wurden nur teilweise gelesen (unter anderem die Leitlinien-Webseiten von AUA und EAU). Alle Stärken und Schwächen, die unten genannt werden, beziehen sich deshalb auf das, was aus Abstract oder gelesenem Text erkennbar ist. Fehlende Angaben, etwa zur Kontrolle von Störgrößen, bedeuten nicht, dass sie in der Originalarbeit fehlen. Mehrere Datenbanken waren nicht erreichbar (CNKI, Wanfang, DBpia, SciELO, LILACS, Cairn, eLIBRARY.ru, DergiPark); das Fehlen von Studien in einzelnen Sprachräumen ist daher eine Aussage über die abgerufenen Quellen und kein Beleg, dass keine Studien existieren.

Ein Punkt vorweg, der alle folgenden Abschnitte betrifft: Viele Veröffentlichungen sind keine unabhängigen Belege. Dieselbe Datengrundlage erscheint mehrfach (zwei und mehr Zeitschriften, zwei Sprachfassungen, Folgearbeiten derselben Arbeitsgruppe an derselben Belegschaft). Wo das erkennbar ist, wird es unten benannt. Titel in der Originalsprache stehen im Original; bei Titeln in anderen Sprachen als Englisch und Deutsch folgt die deutsche Übersetzung in Klammern.

Leitlinien und Empfehlungen

Keine der gesichteten Leitlinien enthält eine eigene Empfehlung für einzelne Berufsgruppen oder konkrete Arbeitsplatzexpositionen. Berufliche Faktoren kommen als Teil der Anamnese und der Beratung vor, nicht als eigenständig bewertete Risikofaktoren. Im Einzelnen:

AUA/ASRM-Leitlinie zur Diagnose und Behandlung der männlichen Infertilität (Online-Volltext, Stand „Amended 2024“) [s27]. Statement 8 lautet im Wortlaut: „Clinicians may discuss risk factors (i.e., lifestyle, medication usage, environmental exposures, occupational exposures) associated with male infertility, and counsel the patients that the current data on the majority of risk factors are limited.“ Die Einstufung ist eine bedingte Empfehlung (Conditional Recommendation) mit Evidenzgrad C. Der Abschnitt zu Umweltfaktoren begründet die schwache Evidenz damit, dass viele Chemikalien allgegenwärtig seien, die Expositionsmessung unzureichend sei, wenige Toxizitätsbiomarker validiert seien und Störfaktoren die Deutung erschwerten. Der Zusammenhang zwischen Exposition und männlicher Infertilität sei „conclusive for some heavy metals and pesticides“; bei Bisphenol A, Benzophenonen, chlorierten antimikrobiellen Stoffen, Parabenen und Luftverschmutzung gilt die Evidenz als „inconclusive“. Für Blei wird festgehalten, dass Umwelt- und Berufsexposition gegenüber toxischen Bleiwerten in einer Reihe von Industrien mit Bleiverwendung weiter vorkommt. Wörtlich heißt es außerdem: „No systematic reviews met inclusion criteria for the following risk factors: recreational drug use, sleep, sports/exercise, heat exposure, type of underwear, or anatomic abnormalities of genitalia.“ Für Hitzeexposition, Bewegung und Schlaf floss also keine systematische Übersicht in die Bewertung ein; die unten besprochenen Einzelstudien zu Hitze, Schichtarbeit und körperlicher Arbeit sind damit von der Leitlinienbewertung nicht erfasst. Tätigkeiten wie Fahren, Büroarbeit oder Schichtarbeit werden auf der Seite nicht einzeln bewertet.

AUA/ASRM-Aktualisierung 2023/2024 (Abstract) [s28]. Die Aktualisierung nahm 22 Studien in die Evidenzbasis auf (4093 neue Abstracts gesichtet, nach Screening 125 geeignet). Genannte Neuerungen betreffen Schwellen für Tests auf Y-Chromosom-Mikrodeletionen, Indikationen für die Beckenbildgebung mit MRT und Hinweise zu testikulären Spermien bei Nicht-Azoospermie. Berufliche Exposition wird im Abstract nicht erwähnt.

EAU-Leitlinie Männliche Infertilität (Online-Kapitel, Volltext am 05.10.2026 abgerufen) [s216]. In der Anamnese erscheinen als typische Befunde „exposure to environmental toxins“ sowie „exposure to radiation or cytotoxic agents“; die Ursachentabelle führt „Environmental toxins“. Im Abschnitt Lebensstil heißt es: „Environmental and lifestyle factors may contribute to male infertility, acting additively on a susceptible genetic background.“ Als Evidenzaussage (Evidenzgrad LE 2a) steht: „In infertile males, lifestyle factors including obesity, low physical activity, smoking and high alcohol intake are associated with decreased sperm quality.“ Der Begriff „occupational“ kommt im gesamten Kapitel nur einmal vor, und zwar in einem unverwandten Zusammenhang (Beeinträchtigung des „social or occupational life“ bei psychischen Störungen). Eine eigene Empfehlung zu Berufsgruppen oder Arbeitsplatzexposition enthält das Kapitel nach dieser Durchsicht nicht. Die EAU-Kurzfassung 2025 [s19] nennt im Abstract als Kernempfehlungen die gründliche urologische Abklärung, die parallele Abklärung der Partnerin und die Beratung zu Gesundheitsrisiken; die neuen Abschnitte betreffen Exom-Sequenzierung und Probiotika. Berufliche Faktoren werden im Abstract nicht genannt.

Vergleich WHO 2025, AUA/ASRM, EAU, ESHRE, NICE [s01]. Die Übersicht stellt fest, dass die WHO-Leitlinie eine Public-Health-Perspektive mit Betonung der Prävention einnimmt, AUA/ASRM und EAU spezialistisch ausgerichtet sind und ESHRE sowie NICE paarzentriert vorgehen, „with limited focus on male-specific pathways“. Berufliche Faktoren werden im Abstract nicht gesondert angesprochen. Die ESHRE-Webseite war erreichbar, ihre Leitlinien wurden aber nicht im Volltext ausgewertet.

Australische Leitlinie [s18]. Das Abstract empfiehlt, im Rahmen der Behandlung Männer über „potentially modifiable risk factors“ zu beraten. Berufe oder Arbeitsplatzfaktoren werden im Abstract nicht erwähnt.

Französische Leitlinien. Die gemeinsame Empfehlung von AFU und SALF zur Abklärung der männlichen Infertilität [s59] fordert eine systematische Anamnese, die auch Lebensgewohnheiten und Behandlungen umfasst, zwei Spermiogramme nach WHO-Vorgaben, wenn das erste auffällt, eine Skrotalsonographie, eine Hormonbestimmung mit mindestens Testosteron und FSH und einen Karyotyp bei einer Spermienkonzentration von höchstens 10 × 10^6/mL. Die CNGOF-Leitlinie 2022 zur Erstabklärung des infertilen Paares [s32] enthält fünf Themenblöcke, darunter die „prevention of exposure to environmental factors“; die im Abstract genannten Empfehlungen betreffen Spermiogramm, Spermozytogramm und Spermakultur als erste Tests, mediterrane Ernährung, Bewegung, Rauch- und Cannabisverzicht sowie die Begrenzung des Alkohols auf weniger als 5 Gläser pro Woche. Eine berufsbezogene Empfehlung steht nicht im Abstract.

Deutschsprachiger Raum. Eine AWMF-Leitlinie mit Aussagen zu Berufsgruppen und Spermienqualität konnte nicht abgerufen werden (die Leitliniensuche war erreichbar, lieferte aber keine auswertbare Trefferliste). Zwei urologische Übersichten [s96, s52] halten übereinstimmend fest, dass neben Medikamenten und Lebensstilfaktoren wie Alkohol und Tabakrauch „various environmental and occupational agents, both chemical and physical“ die männliche Fortpflanzung beeinträchtigen können; die Informationslage zu einzelnen exogenen Faktoren und ihren Wirkmechanismen beim Menschen sei begrenzt, die Übertragung aus Tier- und In-vitro-Versuchen schwierig, relevante Expositionen sollten in der andrologischen Diagnostik sorgfältig erfasst werden. Die jüngere Fassung [s52] benennt Störungen auf hypothalamisch-hypophysärer, testikulärer und posttestikulärer Ebene. Beide Abstracts enthalten keine Zahlen und keine berufsgruppenspezifischen Aussagen. Die in Europe PMC gefundenen deutschen Treffer zu „Beruf“ und „Arbeit“ waren überwiegend MAK-Begründungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft zu Einzelstoffen (zum Beispiel 2-Methoxyethanol, 2-Butoxyethanol, Xylol, Cadmium); sie betreffen Grenzwerte einzelner Stoffe und wurden nicht als Studien zu Berufsgruppen gewertet. Eine deutschsprachige Primärstudie zum Thema wurde nicht gefunden.

Cochrane. Die Suche über Europe PMC ergab 465 Treffer zu Sperma und männlicher Subfertilität, darunter „Antioxidants for male subfertility“ (Fassungen von 2019 und 2022) und „Surgical or radiological treatment for varicoceles in subfertile men“. Ein Cochrane-Review zu Berufsgruppen oder Arbeitsplatzexposition und Spermienqualität wurde nicht gefunden.

Japan und Korea (Rahmenwerke statt Leitlinien). Aus Japan stammen Beiträge, die Rahmenbedingungen beschreiben, aber keine Grenzwerte für Spermienparameter nennen: Kamijima [s80] beschreibt, dass Japan den Schutz Schwangerer vor Reproduktionsgefahren am Arbeitsplatz verstärkt hat, männliche Beschäftigte über die Risikobewertung nach dem Arbeitssicherheits- und Gesundheitsgesetz geschützt werden könnten und aus Sicherheitsdatenblättern oft nicht erkennbar sei, ob keine Reproduktionstoxizität vorliegt oder nur Daten fehlen. Otani und Miura [s100] (労働安全衛生分野における精子分析法の活用; Anwendung der Spermienanalyse im Arbeitsschutz) erinnern an Schwermetalle, die Dibromchlorpropan-Ausbrüche und den Fall von 1995 und beschreiben einfache Spermientoxizitätstests, weil konventionelle Methoden teuer oder nicht einfach seien. Kamijima [s147] stellt 2005 fest, dass in Japan bisher nur sehr wenige Samenindex-Studien an Arbeitsplätzen existieren, und erörtert Studiendesign, Einwilligung von Arbeitgeber und Beschäftigten, Störgrößen wie Karenzzeit sowie Vorsicht bei der Mitteilung niedriger Samenqualität an eine exponierte Gruppe. Takahashi und Kollegen [s160] halten fest, dass epidemiologische Befunde durch Schwierigkeiten bei der Bestimmung exponierter Gruppen und der Expositionsbeurteilung begrenzt bleiben. Aus Korea nennen Park [s63] und Rim [s89] Übersichten zu fortpflanzungsgiftigen Stoffen am Arbeitsplatz: Park hält die Humandaten für unzureichend und betont die relativ kurze Latenz bis zu Fortpflanzungsschäden; Rim wertete von 100 gewählten Artikeln 47 aus (überwiegend deskriptiv), sieht Regelungslücken in Korea außer dem Sicherheitsdatenblatt und nennt als Vorschläge der Arbeit Gefährdungsüberwachung, Vermeidung, Ersatz, Lüftung und Schutzausrüstung. Das sind Vorschläge der Autoren, keine Aussagen dieses Kapitels.

Bor in der EU-Einstufung. Die türkische Borarbeiter-Forschung bezieht sich auf die Einstufung von Borsäure und Boraten in der EU als „reproduktionstoxisch Kategorie 1B“ (H360FD), die auf Tierversuchen beruht [s75, s92]. Die Autoren halten die Einstufung nicht für wissenschaftlich begründet und sehen ihre Studien als Stütze für eine Herabstufung auf Kategorie 2 [s92]. Das ist die Meinung der Autoren, kein Befund dieses Kapitels.

Zusammenfassung zu den Leitlinien. Die zwei Leitlinien, die berufliche Exposition ausdrücklich nennen (AUA/ASRM, EAU), behandeln sie als Anamnese- und Beratungsthema mit geringer Evidenzsicherheit. Die einzige konkrete Evidenzaussage der EAU betrifft Lebensstilfaktoren (Adipositas, geringe körperliche Aktivität, Rauchen, hoher Alkoholkonsum), nicht Berufe. Aus den Leitlinien lässt sich daher weder ablesen, dass eine bestimmte Berufsgruppe gesichert gefährdet ist, noch, dass sie es nicht ist.

Systematische Übersichten und Metaanalysen

Die folgenden Arbeiten fassen Primärstudien zusammen. Sie sind die belastbarste Ebene der Literatur, verbinden aber fast durchgehend Umwelt- und Berufsexposition und beruhen auf kleinen, heterogenen Beobachtungsstudien.

Nachtschichtarbeit und männliche Reproduktion [s23]. Systematische Übersicht mit Metaanalyse nach PRISMA 2020 (PROSPERO CRD42022379770); durchsucht wurden PubMed, Scopus und EMBASE, 6397 Zitate gesichtet, 8 Studien eingeschlossen. Der gepoolte Mittelwertunterschied der Spermienzahl betrug -18,38 × 10^6 Spermien (95-%-KI -59,82 bis 23,07; 3 Studien; I² = 85,12 %), der des Serum-Testosterons 15 ng/dL (-19,3 bis 49,39; 5 Studien; I² = 63 %). Die Autoren deuten dies als niedrigere Spermienzahlen und geringfügig höheres Testosteron bei Schichtarbeitern. Stärken: registriertes Protokoll, Heterogenitäts- und Bias-Analysen. Schwächen: Beide Konfidenzintervalle schließen null ein, die Heterogenität ist hoch, die Mehrzahl der Studien hatte ein hohes Verzerrungsrisiko bei Teilnehmerauswahl, Vergleichbarkeit der Gruppen und Expositionserfassung, und nur drei Studien gingen in die Spermienzahl ein. Ob chinesische, japanische oder koreanische Studien eingeschlossen waren, nennt das Abstract nicht.

Berufliche Lösungsmittelexposition [s78]. Metaanalyse aus PubMed mit sieben Studien, Vergleich exponierter Arbeiter mit nicht exponierten Kontrollen. Das Ejakulatvolumen war signifikant vermindert (standardisierte Mittelwertdifferenz, SMD, -0,35; 95-%-KI -0,63 bis -0,07), ebenso die Spermienkonzentration (SMD -0,36; -0,64 bis -0,08). Stärke: erste Metaanalyse zu dieser Frage. Schwächen: nur eine Datenbank, nur sieben Studien. Eine französische Masterarbeit zur selben Metaanalyse [s77] nennt zusätzlich die Zusammensetzung (272 exponierte und 247 nicht exponierte Arbeiter; Exposition gegenüber Glykolethern, Perchlorethylen, aromatischen Kohlenwasserstoffen, N,N-Dimethylformamid und Schwefelkohlenstoff) und berichtet, Morphologie, Beweglichkeit und Vitalität seien „également diminuées mais de façon non statistiquement significative“. Der Befund ist im englischen Zeitschriftenabstract nicht enthalten und zeigt, dass die gesicherte Aussage auf Volumen und Konzentration beschränkt bleibt.

Bleiexposition [s39]. Systematische Übersicht mit Metaanalyse (Random-Effects, gewichtete Mittelwertdifferenz, WMD), Recherche am 12. November 2022 in MEDLINE, Scopus und Embase; zehn Beobachtungsstudien an Männern mit Umwelt- oder Berufsexposition gegenüber Blei. Semenvolumen WMD -0,76 ml (95-%-KI -1,47 bis -0,05; p = 0,04), Spermienkonzentration WMD -0,63 × 10^6/ml (-1,15 bis -0,12; p = 0,02), Gesamtspermienzahl WMD -1,94 × 10^6 (-3,77 bis -0,11; p = 0,04), Vitalität WMD -2,18 % (-3,92 bis -0,45; p = 0,01), Gesamtbeweglichkeit WMD -1,31 % (-2,33 bis -0,30; p = 0,01). Kein Unterschied bei normaler Morphologie, progressiver Beweglichkeit und Viskosität. Schwächen: Die Intervalle liegen knapp unterhalb von null, Umwelt- und Berufsexposition sind vermischt, die Studienqualität ist im Abstract nicht ausgewiesen.

Cadmium (Umwelt und Beruf) [s38]. Systematische Übersicht mit Metaanalyse (PubMed, Embase, Web of Science, drei Jahrzehnte). Gepoolter Korrelationskoeffizient zwischen Cadmium und Spermienparametern r = -0,122 (95-%-KI -0,151 bis -0,092), mit Sexualhormonen r = 0,104 (0,060 bis 0,147). Blut-Cadmium korrelierte negativ mit Samendichte, Beweglichkeit, Morphologie und Spermienzahl, Sperma-Cadmium negativ mit der Konzentration und mit Testosteron. Schwächen: sehr kleine Effektstärke, große Heterogenität, Umwelt und Beruf nicht getrennt.

Quecksilber und Schwermetalle (narrativ) [s48, s15]. Die Übersicht zu Quecksilber [s48] beschreibt negative Effekte auf Spermienzahl, Beweglichkeit und Morphologie nach Umwelt-, Berufs- und amalgambedingter Exposition ohne Zahlen im Abstract; die Autoren sehen eine mögliche Toxizität für das Fortpflanzungspotenzial, „especially in males“. Das Scoping Review zu Schwermetallen [s15] (1709 Studien identifiziert, 21 eingeschlossen; PRISMA 2020) berichtet negative Effekte von Blei auf Konzentration, Beweglichkeit und Morphologie, von Cadmium auf die Blut-Hoden-Schranke und von Arsen auf die Beweglichkeit. Beide sind rein narrativ.

Nickel [s33]. Die einzige formale systematische Übersicht aus dem russischsprachigen Autorenkreis (PRISMA; PubMed, Scopus, Embase ohne Zeit- und Sprachgrenze): 19 Studien aus 23 Veröffentlichungen aus 12 Ländern, 16 Querschnittsstudien akzeptabler Qualität und 3 Fall-Kontroll-Berichte schlechter Qualität; multivariate Modelle nur in 8 Studien. Eine Metaanalyse war wegen uneinheitlicher Effekte nicht möglich: In 8 Studien keine Assoziation, in 11 eine Assoziation (9 erhöhtes Risiko, 2 schützender Effekt). Nur eine Studie betraf eine beruflich exponierte Population (Defekte des Flagellums, aber in Schweißern und Kontrollen gleichermaßen). Schluss der Autoren: widersprüchliche Evidenz, kein klarer Beleg für nachteilige Wirkung höherer Nickelwerte auf die Spermienqualität.

Radiofrequenz-Strahlung [s31]. Systematische Übersicht humaner Beobachtungsstudien mit Dosis-Wirkungs-Metaanalyse im Auftrag der WHO (PROSPERO CRD42021265401; OHAT-Werkzeuge). Neun Studien, davon sieben in der Allgemeinbevölkerung und zwei berufsbezogen (Techniker mit Mikrowellenexposition, Seeleute mit Radargeräten). Pro Stunde täglicher Mobiltelefonnutzung: Spermienkonzentration MD 1,6 × 10^6/mL (95-%-KI -1,7 bis 4,9; 3 Studien), Morphologie MD 0,15 Prozentpunkte (-0,21 bis 0,51; 3 Studien), progressive Beweglichkeit MD -0,46 Prozentpunkte (-1,04 bis 0,13; 2 Studien), Gesamtzahl MD -0,44 × 10^6/Ejakulat (-2,59 bis 1,7; 2 Studien); die Sicherheit der Evidenz sei „very uncertain“. Für berufliche Exposition war wegen unterschiedlicher Quellen keine Zusammenfassung möglich, beide Studien hatten in mehreren Domänen ein hohes Verzerrungsrisiko. Die Übersicht zu nichtionisierender Strahlung [s20] (12 Studien) berichtet, die Mehrzahl der Humanstudien in vivo und der Tierstudien in vitro zeige Effekte auf Zahl, Beweglichkeit und Vitalität, wobei Beweglichkeit und Vitalität am regelmäßigsten betroffen seien. Die Metaanalyse zur Mobiltelefonstrahlung [s61] (39 Studien, Mensch und Tier) fand in gepoolten humanen Querschnittsstudien keinen Zusammenhang zwischen Nutzung und Spermienqualität, aber eine Verminderung von Beweglichkeit und Vitalität reifer Spermien in vitro und bei Tieren.

Humanes Biomonitoring [s37]. Systematische Übersicht (21 Artikel, Recherche bis 11. Mai 2023, Newcastle-Ottawa-Skala, PROSPERO CRD42023405607) zu Bisphenolen, Phthalaten, Pestiziden, PCB, PAK und Schwermetallen in Urin und Blut. Berichtet wird eine signifikante positive Korrelation zwischen Schadstoffspiegeln und einzelnen Veränderungen der Spermienqualität (verminderte Beweglichkeit, Konzentration, Morphologie); Berufsgruppen werden im Abstract nicht getrennt ausgewiesen.

Physikalische und chemische Risikofaktoren am Arbeitsplatz [s43]. Systematische Übersicht (PRISMA 2020), 57 Artikel (34 Feldstudien, 23 klinische Studien; 43 zu chemischen, 6 zu physikalischen, 8 zu physikochemischen Faktoren), veröffentlicht 2000 bis 2021. Als wirksam auf die Fortpflanzungsorgane benannt werden Lärm, Hitze und Radiofrequenzstrahlung sowie Carbamat- und Organophosphat-Pestizide, Benzol, Toluol, Xylol, Formaldehyd, NO2, CS2, Mangan, Blei, Nickel und n-Hexan. Männer und Frauen werden gemeinsam ausgewertet, ohne Zahlen im Abstract.

Schichtarbeit und urogenitale Erkrankungen [s74]. Systematische Übersicht: Nichtstandard-Schichtarbeit ist mit schlechteren Spermaparametern und Fertilität, häufigerem Prostatakrebs, stärkerer erektiler Dysfunktion, Beschwerden der unteren Harnwege und hypogonadalen Symptomen verbunden; die Assoziationen seien bei Schichtarbeits-Schlafstörung (bis zu 20 % der Schichtarbeiter) stärker. Zahlen zu Spermienparametern nennt das Abstract nicht.

Psychosoziale Arbeitsfaktoren [s12]. Scoping Review (18 Volltexte aus 1322 Datensätzen, Januar 1990 bis Januar 2024, nur englischsprachig). Die Befunde zu Schichtarbeit, langen Arbeitszeiten und Jobstrain seien „inconclusive“; Jobstress und kognitive Erschöpfung verminderten die Spermienqualität; soziale Unterstützung am Arbeitsplatz puffere den Effekt hoher Anforderungen.

Bewegung, Training, physikalische Faktoren [s67, s16, s40]. Die Übersicht zu körperlicher Aktivität [s67] (32 Manuskripte) fand überwiegend keine großen Effekte; Freizeitaktivität könne Konzentration und progressive Beweglichkeit begünstigen, Leistungssport einzelne Parameter wie die progressive Beweglichkeit verschlechtern, beim Radfahren sei ein negativer Effekt auf die Konzentration angedeutet. Die systematische Übersicht zu intensivem Training bei Berufs- und Nichtberufssportlern [s16] (4 Studien, 156 Teilnehmer) berichtet, 16 Wochen intensives Radtraining habe Volumen, Konzentration, Beweglichkeit und Morphologie signifikant gesenkt, mit Rückkehr auf Ausgangswerte (außer Morphologie und Konzentration) nach mindestens einer Woche Pause; die Sicherheit der Evidenz wird als „very low“ eingestuft. Die kritische Übersicht zu physikalischen Faktoren [s40] (letzte zwanzig Jahre; MEDLINE, Scopus, Web of Science) hält fest, Strahlung beeinträchtige insgesamt die Spermien, Konzentrationsänderungen seien nach psychischem Stress und sitzender Arbeit beschrieben, Zusammenhänge zwischen körperlicher Anstrengung und Hormonprofil bestünden; das Evidenzniveau sei außer für körperliche Belastung „not adequate“.

Berufsfaktoren in Fall-Kontroll-Studien (französisch) [s97]. 13 PubMed-Artikel (Teilnehmerzahlen 61 bis 2619, große methodische Heterogenität, insbesondere bei der Expositionserfassung). Signifikant mit veränderten Spermaparametern verbunden waren die Berufe „workmen, painters, farmers, welders, plumbers and technicians“; bei den Expositionen Lösungsmittel, Schwermetalle, Hitze, Vibrationen und nichtionisierende Strahlung. „None of the selected studies has found a link with exposure to pesticides.“

Narrative Übersichten zu Hitze, Vibration und Methodik [s137, s143, s172, s111, s110, s194]. Die Übersicht von Jung und Schuppe [s137] hält fest: Die Sitzdauer bei der Arbeit korreliere positiv mit der Hodensacktemperatur am Tag, die Tagestemperatur negativ mit der Spermienqualität; eine unmittelbare negative Korrelation zwischen Sitzdauer und Spermienqualität habe sich in den verfügbaren Studien nicht zeigen lassen. Bei Berufskraftfahrern mit langen Sitzzeiten seien Fertilitätsparameter beeinträchtigt gewesen, doch müssten bei Fahrern von Lieferwagen, Lastwagen oder schweren Maschinen mögliche Störfaktoren berücksichtigt werden; Studien zu beruflicher Hitze hätten widersprüchliche Ergebnisse geliefert; Saunabesuche seien nicht hinreichend belegt. Jensen, Bonde und Joffe [s143] sehen den Einfluss von Hitze, ionisierender Strahlung, anorganischem Blei, Dibromchlorpropan, Ethylendibromid, einigen Ethylenglykolethern, Schwefelkohlenstoff und Schweißarbeiten in gut gestalteten epidemiologischen Studien als „strongly supported“; bei anderen Stoffen sei der Zusammenhang nur vermutet. Bonde und Storgaard [s172] halten berufliche Gefahren für bekannt, aber mit zu geringer Expositionshäufigkeit, um den Rückgang der Spermienzahl in der Allgemeinbevölkerung zu erklären; eine Ausnahme könne sitzende Arbeit sein, bei der die Hodenwärmeregulation erschöpft werden könnte. Bonde [s111] fasst zusammen, dass für Bor bei hoher beruflicher Exposition keine Hinweise auf Toxizität für die menschliche Spermatogenese vorliegen, während Benzol selbst bei sehr niedrigen Expositionen Chromosomenaberrationen in Spermien verursachen könne; Befunde zu Bisphenol A und Phthalaten bei Beschäftigten seien uneinheitlich. Schrader und Marlow [s110] überblicken Methoden zur Untersuchung beruflicher Expositionen und nennen frühe Beobachtungen (Blei bei Arbeitern in Rumänien 1975, Dibromchlorpropan 1977). Penkov und Tzvetkov [s194] fassen Tier-, klinische und epidemiologische Studien zur Vibration zusammen: Bei männlichen Ratten waren Spermienzahl, Spermatogeneseindex und Hodengröße vermindert; bei vibrationsexponierten Arbeitern (Transport und Industrie) sei die Prävalenz von Oligozoospermie, Asthenozoospermie und Teratozoospermie erhöht gewesen.

Weitere Übersichten. Die französischen Übersichten [s73, s81] nennen Tabak, Marihuana, Gewicht, Hitze, Ernährungszustand, elektromagnetische Wellen und Höhenlage als Faktoren mit möglichem negativem Einfluss (ohne Zahlen) beziehungsweise führen die seit 40 Jahren beschriebene Verschlechterung der Spermienqualität auf Umwelteinflüsse zurück, die vor allem über epigenetische und hormonelle Veränderungen wirkten; Berufsgruppen werden nicht genannt. Das Buchkapitel von Bansal und Cheema [s47] gibt eine Übersicht zu Lebensstil, Umweltstress und beruflichen Expositionen im Zusammenhang mit sinkender Samenqualität, oxidativem Stress und Spermien-DNA-Schäden und fordert genauere Studien. Die russischsprachigen Übersichten des Izmerov-Instituts für Arbeitsmedizin [s45, s36] sind narrativ: Zu physikalischen Faktoren [s45] heißt es, Hitze und Kälte könnten die Fortpflanzungsfunktion stören; bei erhöhter Temperatur beginne die Störung der Spermatogenese schon in den ersten Stunden (Degeneration des Keimepithels); in Freiwilligenversuchen mit leicht erhöhter Hodentemperatur seien morphologische Spermienanomalien erst nach 73 Tagen zur Norm zurückgekehrt; zu Lärm und Vibration seien Untersuchungen selten, ionisierende Strahlung gelte als „belegter Faktor“. Zu chemischen Faktoren [s36] werden für organische Lösungsmittel Störungen von Beweglichkeit und Morphologie (Glykolether, Aceton), verlängerte Zeit bis zur Schwangerschaft bei Partnerinnen von Beschäftigten mit Trichlor- und Tetrachlorethylen, gesteigerter Zelltod bei Benzol, bei Phthalaten ein Zusammenhang zwischen Körperspiegel und verminderter Spermienqualität sowie zu Blei „viele Arbeiten“ genannt. Zemlyanova und Kollegen [s26] überblicken 160 Publikationen und beschreiben Wirkungen über morphologische und funktionelle Störungen oder über Kaskaden aus oxidativen und entzündlichen Reaktionen und die endokrine, immunologische, nervöse und kardiovaskuläre Regulation; Lebensstil, Gewohnheiten, Infektionen und chronische Krankheiten erschwerten die Zuordnung. Das türkische Übersichtspaar [s85, s88] und die Übersicht zum östlichen Mittelmeerraum [s14] (63 Studien, Januar 2012 bis Juni 2024; ein Rückgang von Samenparametern korreliere mit hohen Temperaturen, Bisphenol A und Luftstaub; die Evidenz sei begrenzt und regional ungleich verteilt) liefern keine berufsgruppenspezifischen Zahlen.

Alle Kapitel und Anhänge (26)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Studienlage: Metaanalysen und Übersichten
  5. Berufsklassen, Berufsvergleiche und Arbeitsplatzfragebögen bis Schicht-, Nacht- und Wechselschichtarbeit
  6. Sitzende Tätigkeit, Hitze und Hodentemperatur bis Pestizid-Herstellung und Bromverbindungen
  7. Blei und Batterieherstellung bis Zement und Kernbohrung (Türkei)
  8. Weitere Beobachtungsstudien bis Einordnung der Evidenz im Überblick
  9. Vorbemerkung: Was „klinische Studie“ in diesem Feld bedeutet bis Systematische Übersichten und Metaanalysen
  10. Fahrer und Verkehrsberufe bis Strahlung, elektromagnetische Felder, Luftschadstoffe
  11. Metallurgie und Bergbau (russischsprachiger Raum) bis Fragebogenstudien zur Fruchtbarkeit ohne Samenanalyse
  12. Tierversuche und Experimente an Zellen und Was in der Literatur fehlt
  13. Mechanismen und biologische Plausibilität
  14. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  15. Englisch bis Japanisch
  16. Koreanisch bis Türkisch
  17. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  18. Limitationen der Evidenz
  19. Offene Forschungsfragen
  20. Praktische Einordnung
  21. Glossar
  22. Quellenverzeichnis
  23. Diagramme
  24. Quellen s01–s104
  25. Quellen s105–s216
  26. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle