Weitere Berufe: Feuerwehr, Piloten, Militär, Schweißer · Kapitel 3 von 22

Hintergrund

Biologie: Was an den Spermien berufsbedingt gestört werden könnte

Die Bildung reifer Spermien (Spermatogenese) findet in den Hodenkanälchen statt, die Reifung und Speicherung im Nebenhoden. Dieser Prozess ist an mehreren Stellen störbar, und die Studien dieser Literatur setzen an unterschiedlichen Punkten an. Die folgende Übersicht ordnet die in den Quellen beschriebenen Angriffspunkte, ohne damit zu behaupten, dass sie für eine Berufsgruppe nachgewiesen wären.

Temperatur. Die Hoden liegen außerhalb des Körpers im Hodensack, und mehrere Quellen gehen davon aus, dass ihre Wärmeregulation für die Spermienbildung wichtig ist. In einer Übersicht zur genitalen Hitzebelastung heißt es, dass die Sitzdauer bei der Arbeit positiv mit der Hodensacktemperatur am Tag korreliert und die Tagestemperatur negativ mit der Spermienqualität; eine unmittelbare negative Korrelation zwischen Sitzdauer und Spermienqualität ließ sich in den verfügbaren Studien jedoch nicht zeigen [s137]. Das ist die Kernspannung des Themas. Die Messstudien stützen den ersten Teil: In einer Studie an 101 Männern lag die mediane Hodensack-Hauttemperatur über 24 Stunden bei 33.1 °C, wenn weniger als eine Stunde gesessen wurde, und bei 34.7 °C bei mehr als sechs Stunden Sitzen; die Variation der sitzenden Arbeit erklärte 31.5 % der Variation der Mediantemperatur [s174]. Bei 99 gesunden Männern sank die Spermienkonzentration um 40 % je 1 °C Anstieg der medianen Tagestemperatur (95 %-KI 8 bis 71 %), während zwischen sitzender Position und Samenqualität nur schwache und inkonsistente Zusammenhänge bestanden [s173]. In einer dänischen Kohorte lag die mediane Konzentration bei Männern mit mehr als 75 % der Tageswerte über 35 °C bei 33.4 × 10^6/ml, bei Männern mit weniger als der Hälfte der Werte über 35 °C bei 91.8 × 10^6/ml [s187]. Wie schnell sich Hitzeschäden zurückbilden, beschreibt eine russische Übersicht mit dem Hinweis, in Freiwilligenversuchen mit leicht erhöhter Hodentemperatur seien morphologische Spermienanomalien erst nach 73 Tagen zur Norm zurückgekehrt [s45]; Spermienbefunde können demnach auf Ereignisse reagieren, die Wochen bis Monate zurückliegen. Die chinesische Radarstudie mit Rückbildungsgruppe (sechs Monate ohne Exposition, Morphologie und Beweglichkeit besser, aber gegenüber Kontrollen noch verändert) zeigt ein ähnliches Muster [s140].

Hormonelle Steuerung. Die Spermienbildung wird über die Achse aus Hypothalamus, Hypophyse und Hoden gesteuert (GnRH, LH, FSH, Testosteron). Mehrere Arbeitsplatzstudien untersuchen deshalb Hormone neben dem Spermiogramm. Bei manganexponierten Arbeitern waren GnRH und LH erhöht und Testosteron erniedrigt [s70]; bei Beschäftigten mit Schwefelkohlenstoff-Exposition waren FSH und LH erhöht und Testosteron erniedrigt [s93]; in einer großen chinesischen Querschnittsstudie an 1573 bleiexponierten Arbeitern fand sich ein linearer Zusammenhang zwischen Blutblei und Testosteron, ohne dass Spermienparameter erhoben wurden [s24]. Die Metaanalyse zur Nachtschicht fand ein um 15 ng/dl höheres Testosteron bei Schichtarbeitern, mit einem Konfidenzintervall von -19.3 bis 49.39 [s23]. Der Zusammenhang zwischen Hormonbefund und Spermienbefund ist also nicht eindeutig.

Oxidativer Stress und Erbgutschäden. Spermien sind für oxidative Schäden anfällig, und viele neuere Studien messen deshalb Marker dafür: bei Nachtarbeitern erhöhte d-ROMs-Werte (Median 340 gegen 280 U.CARR [s13]), erhöhtes Malondialdehyd im Seminalplasma bei Blei [s135], erhöhte reaktive Sauerstoffspezies bei Beschäftigten mit Lösungsmitteln und Schwermetallen [s06]. Erbgutschäden werden über Chromatinstruktur, Fragmentation, DNA-Addukte und den Comet-Test erfasst [s60, s95, s64]. Chromosomenabweichungen in Spermien (FISH) wurden vor allem bei Benzol [s117, s188] und Styrol [s169] untersucht. Diese Marker können auch dann verändert sein, wenn die Standardwerte im Normbereich liegen (zum Beispiel bei der Kokerei [s95]).

Weitere Mechanismen. Für Cadmium wird eine Wirkung auf die Blut-Hoden-Schranke beschrieben [s15], für Organophosphate im Tierversuch eine Schädigung des Nebenhodenepithels mit gebrochenen Spermien und Zytoplasmatropfen [s128]. Zirkadiane Störungen führten im Mausmodell zu Spermien-DNA-Schäden über eine Beeinträchtigung der homologen Rekombination [s10] und bei Ratten zu verminderter Beweglichkeit und Akrosomreaktion bei unveränderter Spermienzahl [s44]. Tierdaten stützen die Plausibilität, sagen aber nichts über das Ausmaß beim Menschen.

Verhaltens- und Lebensstilfaktoren. Rauchen, Alkohol, Übergewicht, Alter und Varikozele beeinflussen die Spermienqualität unabhängig vom Beruf und sind mit Berufsgruppen verknüpft. Blaukragen- und Weißkragen-Beschäftigte unterscheiden sich in Rauchen, Alkohol, Hitze, chemischer Exposition, Stress und sitzendem Lebensstil [s03]. In einer Querschnittsstudie mit 826 Männern blieben in der multivariaten Analyse laut Abstract nur Lebensstilfaktoren als unabhängig übrig, berufliche Faktoren nicht [s34]. Das erklärt, warum Berufsvergleiche ohne sorgfältige Adjustierung schwer zu deuten sind.

Definitionen und Messgrößen

Das Spermiogramm. Die Routineuntersuchung des Ejakulats umfasst Volumen (in Millilitern), Spermienkonzentration (Millionen je Milliliter), Gesamtzahl (Millionen je Ejakulat), Beweglichkeit (Anteil beweglicher Spermien, getrennt nach progressiver und Gesamtbeweglichkeit), Vitalität (Anteil lebender Spermien) und Morphologie (Anteil normal geformter Spermien). Die Probe wird nach einer Karenzzeit gewonnen; unterschiedliche Karenzzeiten sind eine bekannte Störgröße, die in einigen Arbeiten ausdrücklich genannt wird [s147, s166]. Mit computergestützter Analyse (CASA) werden zusätzlich Bewegungsgrößen wie VCL, VSL und VAP bestimmt [s104].

Begriffe aus den Studien. Viele Arbeiten dieser Literatur nutzen die klassischen Bezeichnungen: Oligozoospermie (zu niedrige Konzentration), Asthenozoospermie (zu niedrige Beweglichkeit), Teratozoospermie (zu geringer Anteil normaler Formen), Nekrozoospermie (zu hoher Anteil toter Spermien), Azoospermie (keine Spermien im Ejakulat) und die Kombination Oligoasthenoteratozoospermie. Das Handbuch der WHO von 2021 benutzt diese Begriffe nach Darstellung einer Übersicht nicht mehr: Die Begriffe „Normozoospermie“, „Asthenozoospermie“, „Nekrozoospermie“ und „Teratozoospermie“ kommen in den rund 280 Seiten der Ausgabe nicht vor, weil Referenzwerte allein für die Diagnose nicht ausreichen (Boitrelle und Kollegen 2021). Die Studien dieser Studie verwenden die Begriffe dennoch, weil sie überwiegend aus der Zeit davor stammen.

Erweiterte Marker. Die Spermien-DNA-Fragmentation (DNA-Fragmentationsindex, DFI) wird mit Verfahren wie dem Sperm Chromatin Structure Assay (SCSA), dem Halosperm-Test oder dem Comet-Test gemessen. Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung (FISH) zählt Chromosomen in Spermienkernen. Hinzu kommen Oxidationsmarker (zum Beispiel Malondialdehyd), Hormone im Blut und Biomarker der Exposition (Blutblei, Urin-Muconsäure als Benzol-Marker, Bor in Blut und Samen, 1-Hydroxypyren im Urin als PAK-Marker [s95]).

Hilfsgrößen der Fruchtbarkeit. Einige Studien messen keine Spermien, sondern die Zeit bis zur Schwangerschaft oder die Hazard Ratio für eine Schwangerschaft [s09, s157], die Gesamtfruchtbarkeitsrate eines Landes [s58] oder das Geschlechterverhältnis der Kinder als indirekten Marker für Schäden an Y-tragenden Spermien [s17, s54, s65]. Diese Größen hängen von vielen Faktoren außer der Spermienqualität ab und werden in dieser Studie nur als indirekte Hinweise gelesen. Befragungen zu Partnerinnen beschäftigter Männer (Fehlgeburten, Zeit bis zur Schwangerschaft) sagen nichts direkt über Spermien aus [s83, s84, s184].

Schwelle und Dichotomisierung. Mehrere Studien dichotomisieren die Befunde (unter oder über einer Schwelle) und berichten Odds Ratios. Eine Arbeit zeigt, dass die dichotome Analyse keine Zusammenhänge zwischen Berufsfaktoren und Fallstatus fand, die Analyse kontinuierlicher Variablen jedoch schon [s198]. Die Wahl der Auswertung beeinflusst also das Ergebnis.

Die WHO-Referenzwerte 2021

Die Weltgesundheitsorganisation veröffentlichte die sechste Ausgabe ihres Laborhandbuchs zur Untersuchung und Aufbereitung menschlichen Ejakulats im Juli 2021. Die darin genannten Werte sind die unteren fünften Perzentile von Männern, deren Partnerinnen innerhalb von zwölf Monaten auf natürlichem Weg schwanger wurden. Sie beruhen nach der Analyse von Campbell und Kollegen auf Daten von mehr als 3500 Männern aus zwölf Ländern auf fünf Kontinenten; die Autoren betonen, dass diese Werte keine scharfen Grenzen zwischen fruchtbaren und subfertilen Männern darstellen (Campbell und Kollegen 2021). Die folgende Tabelle gibt die Werte der fünften und der sechsten Ausgabe nach der Übersicht von Boitrelle und Kollegen (2021) wieder, jeweils mit 95 %-Konfidenzintervall; für die Konzentration sind die Angaben aus der Arbeit von Campbell und Kollegen und aus Studien des Verzeichnisses ergänzt.

GrößeWHO 2010 (5. Ausgabe)WHO 2021 (6. Ausgabe)
Ejakulatvolumen (ml)1.5 (1.4 bis 1.7)1.4 (1.3 bis 1.5)
Spermienkonzentration (Mio./ml)15 (in Studien des Verzeichnisses als WHO-Untergrenze genannt [s109, s99])16 (Campbell und Kollegen 2021)
Gesamtzahl je Ejakulat (Mio.)39 (33 bis 46)39 (35 bis 40)
Gesamtbeweglichkeit (%)40 (38 bis 42)42 (40 bis 43)
Progressive Beweglichkeit (%)32 (31 bis 34)30 (29 bis 31)
Vitalität (%)58 (55 bis 63)54 (50 bis 56)
Normalformen (%)4 (3 bis 4)4 (3.9 bis 4)

Drei Einschränkungen gehören zu diesen Werten. Erstens benennt das Handbuch von 2021 diese Werte nicht mehr als Referenzgrenzen, sondern verweist auf „Entscheidungsgrenzen“, ohne selbst welche vorzuschlagen (Boitrelle und Kollegen 2021). Zweitens wurde die Datengrundlage kritisch hinterfragt: Eine Reanalyse kam zu dem Schluss, dass die Voraussetzungen für gemeinsame Referenzintervalle aus Daten mehrerer Zentren größtenteils nicht erfüllt seien und keine der zehn Teilpopulationen durch die gepoolten Perzentile vollständig korrekt beschrieben werde (Paffoni und Kollegen 2022). Drittens liegen die Perzentile für fruchtbare Männer; ein Wert unter der Grenze besagt nicht, dass ein Mann unfruchtbar ist, und ein Wert darüber nicht, dass er es nicht sein kann.

Welche Maßstäbe die Studien benutzen. Die Studien dieser Literatur messen keineswegs durchgehend nach der Ausgabe von 2021. Sie beziehen sich auf WHO-Kriterien von 1997 [s142], 1999 [s163], 2010 [s03, s66] und 2021 [s02, s21]; die klinikbasierte Studie aus Xinjiang nutzt die sechste Ausgabe und definiert niedrige Qualität als Konzentration unter 16 × 10^6/ml oder progressive Beweglichkeit unter 30 % [s05]. Eine chinesische Studie legt als Schwelle eine Gesamtzahl unter 120 × 10^6 nach den Kriterien des Gesundheitsministeriums zugrunde [s62]. Ein extremes Beispiel liefert eine Moskauer Klinikstudie, die bei Kontrollen 90.56 % morphologisch normale Spermien berichtet [s11], was sich schwer mit den strengen Normalform-Kriterien vereinbaren lässt, für die eine andere Moskauer Klinikstudie die WHO-Untergrenze von 4 % nennt [s99]; es deutet auf ein anderes Bewertungsverfahren hin. Die Zahlen verschiedener Studien sind deshalb nicht ohne Weiteres vergleichbar. Zur Einordnung: In einer marokkanischen Klinikstudie mit 3025 Männern lagen 25.60 % unter dem WHO-2021-Referenzwert für die Konzentration, 34.13 % für die Morphologie, 32.29 % für die Gesamtbeweglichkeit und 62.46 % für die Vitalität [s21]. Diese Männer waren Patienten einer Kinderwunschpraxis; die Anteile dürfen nicht auf Beschäftigte oder die Allgemeinbevölkerung übertragen werden.

Geschichte der Forschungsfrage

Frühe Warnsignale. Die Frage nach beruflichen Ursachen verminderter männlicher Fruchtbarkeit entstand aus Beobachtungen an einzelnen Stoffen. Als frühe Hinweise werden Blei bei Arbeitern in Rumänien (1975) und Dibromchlorpropan (1977) genannt [s110]; die Dibromchlorpropan-Ausbrüche der 1960er und 1970er Jahre erwähnt auch ein japanischer Beitrag [s100]. Die Berufsfrage weitete sich von einzelnen Stoffen auf Berufsgruppen insgesamt aus, als Fall-Kontroll-Studien in Kliniken Berufsangaben auswerteten: Eine Studie von 1984 fand bei 112 azoo- oder oligospermischen Männern und 127 Kontrollen keinen Berufsfaktor, der mit Azoospermie oder Oligospermie verbunden war [s215]; eine Studie von 1987 verglich 18 Batteriearbeiter mit 18 Zementarbeitern und fand die mediane Spermienzahl niedriger (45 gegen 73 Millionen Zellen/cc) ohne Hormonveränderung [s214]; eine Kohorte von 354 Bleiarbeitern erschien 1991 [s213].

1990er Jahre: Ereignisse und Berufsklassen. Die frühen 1990er Jahre brachten Studien an Aufräumarbeitern nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl [s210, s211] und eine Untersuchung in Singapur, die Berufs- und Branchenklassen mit der Spermienqualität verglich [s208]. 1995 erkrankten in einer koreanischen Elektronikfabrik Beschäftigte nach dem Einsatz von 2-Brompropan als Ersatz für Fluorchlorkohlenwasserstoffe; unter den acht betroffenen Männern hatten zwei eine Azoospermie und vier eine Oligospermie oder verminderte Beweglichkeit [s203, s192]. Dieser Fall prägt die koreanische Literatur und wird in japanischen Übersichten aufgegriffen [s145, s146, s100]; die Autoren der Fallbeschreibung mahnen, unbekannte Ersatzstoffe nicht mit ungefährlichen zu verwechseln [s192]. Daneben entstanden große Fall-Kontroll-Studien wie die niederländische mit 899 Männern [s195].

2000 bis 2013: Messung statt Erfragung. Ab 2000 treten gemessene Größen in den Vordergrund: Hodensacktemperatur über 24 Stunden [s187, s173, s174], Biomarker bei Benzol, Blei und Styrol und Chromosomenanalysen in Spermien [s188, s117]. Übersichten ziehen Bilanz. Jensen und Kollegen (2006) sehen den Einfluss von Hitze, ionisierender Strahlung, anorganischem Blei, Dibromchlorpropan, Ethylendibromid, einigen Ethylenglykolethern, Schwefelkohlenstoff und Schweißarbeiten in gut gestalteten epidemiologischen Studien als „strongly supported“ [s143]. Bonde und Storgaard (2002) halten berufliche Gefahren für bekannt, aber für zu selten, um den Rückgang der Spermienzahl in der Allgemeinbevölkerung zu erklären; eine Ausnahme könne sitzende Arbeit sein [s172]. Kamijima stellt 2005 fest, dass Arbeitsplatzstudien zu Samenindizes in Japan selten sind und viele methodische Fragen aufwerfen, etwa Einwilligung, Karenzzeit und die Mitteilung niedriger Befunde an eine exponierte Gruppe [s147]. Die britische Glykolether-Studie mit 2118 beschäftigten Männern erscheint 2008 [s131]; eine Übersicht von Bonde (2013) hält fest, dass für Bor keine Hinweise auf Toxizität für die menschliche Spermatogenese vorliegen, während Benzol selbst bei sehr niedriger Exposition Chromosomenabweichungen in Spermien verursachen könne [s111]. Schrader und Marlow (2014) geben einen Überblick über die Methoden der Untersuchung beruflich Exponierter [s110].

2014 bis 2026: Schichtarbeit, Stress, Biomarker. Die jüngere Literatur konzentriert sich auf Wechselschicht, oxidativen Stress, Spermien-DNA-Fragmentation und Biomarker. Zu den wichtigen Arbeiten gehören die LIFE-Kohorte [s101], die chinesische Querschnittsstudie zu zirkadianer Desynchronisation [s62], die ökologische Studie zu Wechselschicht und Gesamtfruchtbarkeitsrate in 35 europäischen Ländern [s58], die Metaanalyse zu Nachtschichtarbeit [s23] und schließlich die PREBIC-Kohorte mit 3425 Männern [s09]. Ein zweiter Strang sind Methodenfragen: Eine japanische Studie von 2026 beschreibt, dass von rund 2000 eingeladenen Beschäftigten nur 6 das Protokoll einer betrieblichen Samenanalyse abschlossen, und nennt als Gründe unter anderem Verlegenheit, Sorge vor ungünstigen Ergebnissen und Sorge um die Privatsphäre [s07]; ein Protokoll zur Verbindung von Spermienmikroskopie, Umweltexposition und Lebensstil rekrutierte 124 Personen und erwartet Ergebnisse bis März 2028 [s08].

Leitlinien. Die AUA/ASRM-Leitlinie hält in Statement 8 als Conditional Recommendation (Evidenzgrad C) fest, dass Ärzte Risikofaktoren einschließlich beruflicher Expositionen besprechen dürfen („may discuss“) und dabei darauf hinweisen, dass die Daten zu den meisten Risikofaktoren begrenzt sind; für Hitzeexposition, Schlaf und Sport erfüllte keine systematische Übersicht die Einschlusskriterien [s27]. Das EAU-Kapitel nennt Umweltgifte und die Exposition gegenüber Strahlung oder zytotoxischen Stoffen in der Anamnese und hält fest, dass Umwelt- und Lebensstilfaktoren auf einem anfälligen genetischen Hintergrund additiv wirken könnten; eine eigene Empfehlung zu Berufsgruppen enthält es nach der Durchsicht nicht [s216]. Ein Vergleich der WHO-Leitlinie von 2025 mit AUA/ASRM, EAU, ESHRE und NICE beschreibt die WHO-Perspektive als Prävention auf der Ebene der öffentlichen Gesundheit [s01]. Die australische Leitlinie von 2025 empfiehlt, Männer über potenziell veränderbare Risikofaktoren zu beraten [s18].

Der Bezug zur Bevölkerungsdebatte. Seit der Auswertung von Carlsen und Kollegen (1992), die für Männer ohne Infertilitätsvorgeschichte einen Rückgang der mittleren Spermiendichte von 113 × 10^6/ml im Jahr 1940 auf 66 × 10^6/ml im Jahr 1990 beschrieb (61 Arbeiten, 14947 Männer), wird diskutiert, ob Umwelt- und Arbeitsbedingungen eine Rolle spielen. Neuere Metaregressionen sehen für Männer ohne Auswahl nach Fruchtbarkeit in Nordamerika, Europa, Australien und Neuseeland einen Rückgang der Konzentration um 52.4 % zwischen 1973 und 2011 (Levine und Kollegen 2017) und über alle Kontinente um 51.6 % zwischen 1973 und 2018 (Levine und Kollegen 2023); die Frage bleibt umstritten, wie die Autoren selbst im Abstract von 2017 festhalten. Für die hier untersuchte Frage ist wichtig: Bonde und Storgaard halten berufliche Gefahren für zu selten, um den Rückgang in der Allgemeinbevölkerung zu erklären [s172]; eine französische Übersicht schreibt, die Spermienqualität verschlechtere sich seit 40 Jahren und Umwelteinflüsse wirkten vor allem über epigenetische und hormonelle Veränderungen, ohne Berufsgruppen zu nennen [s81].

Zusätzlich abgerufene Hintergrundquellen

Die folgenden sechs Arbeiten stehen nicht im Quellenverzeichnis der Studie (s01 bis s216). Ihre Abstracts wurden am 5. Oktober 2026 über Europe PMC abgerufen, für Boitrelle und Kollegen zusätzlich der frei zugängliche Volltext. Im Hintergrundkapitel stehen sie als Autor und Jahr, nicht mit einer s-Kennung; sie sollten bei der Zusammenführung in das Verzeichnis aufgenommen werden.

  • Carlsen E, Giwercman A, Keiding N, Skakkebaek NE. Evidence for decreasing quality of semen during past 50 years. BMJ 1992 (PMID 1393072; DOI 10.1136/bmj.305.6854.609).
  • Levine H, Jørgensen N, Martino-Andrade A, Mendiola J, Weksler-Derri D, Mindlis I, Pinotti R, Swan SH. Temporal trends in sperm count: a systematic review and meta-regression analysis. Human Reproduction Update 2017 (PMID 28981654; DOI 10.1093/humupd/dmx022).
  • Levine H, Jørgensen N, Martino-Andrade A, Mendiola J, Weksler-Derri D, Jolles M, Pinotti R, Swan SH. Temporal trends in sperm count: a systematic review and meta-regression analysis of samples collected globally in the 20th and 21st centuries. Human Reproduction Update 2023 (PMID 36377604; DOI 10.1093/humupd/dmac035).
  • Campbell MJ, Lotti F, Baldi E, Schlatt S, Festin MPR, Björndahl L, Toskin I, Barratt CLR. Distribution of semen examination results 2020 - A follow up of data collated for the WHO semen analysis manual 2010. Andrology 2021 (PMID 33528873; DOI 10.1111/andr.12983).
  • Boitrelle F, Shah R, Saleh R, Henkel R, Kandil H, Chung E, Vogiatzi P, Zini A, Arafa M, Agarwal A. The Sixth Edition of the WHO Manual for Human Semen Analysis: A Critical Review and SWOT Analysis. Life 2021 (PMID 34947899; DOI 10.3390/life11121368).
  • Paffoni A, Somigliana E, Boeri L, Viganò P. The statistical foundation of the reference population for semen analysis included in the sixth edition of the WHO manual: a critical reappraisal of the evidence. Human Reproduction 2022 (PMID 35849333; DOI 10.1093/humrep/deac161).

Kapitel 02: Studienlage zu weiteren Berufsgruppen und Arbeitsplatzexpositionen

Vorbemerkung zu Umfang, Zitierweise und Grenzen

Dieses Kapitel stellt die einschlägigen Arbeiten zu Berufsgruppen und Arbeitsplatzexpositionen im Zusammenhang mit der Spermienqualität einzeln vor. Ausgenommen sind, wie in der Aufgabenstellung festgelegt, Feuerwehr, Piloten, Militär, Schweißer, Friseure, Maler und Lackierer sowie Landwirte; diese Gruppen werden in anderen Kapiteln behandelt. Arbeiten, in denen sie nur als Untergruppe oder als Vergleichsgruppe vorkommen, werden hier nur so weit erwähnt, wie es zum Verständnis nötig ist; eine kurze Abgrenzung steht am Ende des Kapitels. Die Quellen sind ausschließlich mit den Kennungen der Quellenliste in eckigen Klammern zitiert, etwa [s05] oder [s05, s12].

Zwei Hinweise zur Belastbarkeit gelten für das ganze Kapitel. Erstens beruhen die Zahlen fast durchweg auf den abgerufenen Zusammenfassungen (Abstracts) der Arbeiten; Volltexte wurden nur für einzelne Arbeiten und die Online-Fassungen zweier Leitlinien ausgewertet. Wo ein Abstract keine Angabe zu Störgrößen, Gruppengrößen oder Konfidenzintervallen enthält, bedeutet das nicht, dass die Arbeit sie nicht enthält. Zweitens sind fast alle Arbeiten Beobachtungsstudien. Sie können Zusammenhänge beschreiben, aber keine Ursache belegen. Dieses Kapitel enthält keine Handlungs- oder Therapieempfehlung; es gibt Befunde wieder und ordnet sie ein.

Zahlen werden mit Dezimalkomma wiedergegeben; Einheiten und Schreibweisen folgen der jeweiligen Quelle (etwa „Mio./ml“ oder „× 10⁶/ml“). Konfidenzintervalle stehen als „95 %-KI a bis b“. Wo ein Abstract erkennbare Unstimmigkeiten enthält (widersprüchliche p-Werte, identische Gruppenwerte), ist das beim jeweiligen Eintrag benannt und am Kapitelende gesammelt. Arbeiten, die in zwei Fassungen vorliegen (zum Beispiel eine Zeitschriftenfassung und eine Masterarbeit oder eine chinesische und eine englische Fassung), werden gemeinsam besprochen.

Alle Kapitel und Anhänge (26)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Studienlage: Metaanalysen und Übersichten
  5. Berufsklassen, Berufsvergleiche und Arbeitsplatzfragebögen bis Schicht-, Nacht- und Wechselschichtarbeit
  6. Sitzende Tätigkeit, Hitze und Hodentemperatur bis Pestizid-Herstellung und Bromverbindungen
  7. Blei und Batterieherstellung bis Zement und Kernbohrung (Türkei)
  8. Weitere Beobachtungsstudien bis Einordnung der Evidenz im Überblick
  9. Vorbemerkung: Was „klinische Studie“ in diesem Feld bedeutet bis Systematische Übersichten und Metaanalysen
  10. Fahrer und Verkehrsberufe bis Strahlung, elektromagnetische Felder, Luftschadstoffe
  11. Metallurgie und Bergbau (russischsprachiger Raum) bis Fragebogenstudien zur Fruchtbarkeit ohne Samenanalyse
  12. Tierversuche und Experimente an Zellen und Was in der Literatur fehlt
  13. Mechanismen und biologische Plausibilität
  14. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  15. Englisch bis Japanisch
  16. Koreanisch bis Türkisch
  17. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  18. Limitationen der Evidenz
  19. Offene Forschungsfragen
  20. Praktische Einordnung
  21. Glossar
  22. Quellenverzeichnis
  23. Diagramme
  24. Quellen s01–s104
  25. Quellen s105–s216
  26. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle