Die Literatur lässt eine Reihe von Fragen offen, die sich aus den beschriebenen Lücken ergeben. Es handelt sich um Fragen an die Forschung, nicht um Empfehlungen.
1. Fluglärm. Keine einzige gefundene Studie untersucht Fluglärm als Exposition und Spermienqualität oder männliche Fertilität als Ergebnis, weder in den englisch-, deutsch-, französisch-, italienisch-, portugiesisch- und spanischsprachigen Suchen noch in den ostasiatischen, russischen, arabischen und türkischen. Fluglärm kommt nur als eine von mehreren Lärmquellen bei Krebsendpunkten vor [s115]. Offen ist, ob Fluglärm sich von Straßenverkehrslärm unterscheidet, etwa durch Spitzenpegel, Nachtflugzeiten oder Tonhöhe, und ob Flughafenumgebungen mit Registerdaten untersuchbar wären.
2. Lärm im Schlafzimmer statt im Bezirk. Die vorhandenen Humanstudien ordnen Lärm Bezirken oder Adressen zu [s143, s114, s56]. Unbekannt ist, ob Innenraumpegel, Schlafzimmerlage oder Schallschutz die Zusammenhänge verändern. Auch die Frage nach nichtlinearen Schwellen (ab etwa 55 dB nachts in zwei koreanischen Studien) wartet auf Bestätigung außerhalb Koreas [s143, s114].
3. Persönlich gemessenes Licht bei erwachsenen Männern mit Samenparametern. Für Erwachsene gibt es eine Studie zu Außenlicht per Satellit mit Spermienparametern [s58] und eine Studie ohne gemessene Lichtstärke [s117]. Persönliche Messungen von Schlafzimmerlicht liegen nur bei Kindern in Bezug auf die Pubertät vor [s20]; Handgelenksensoren wurden nur für Tageslicht und Testosteron genutzt [s03]. Ob Licht im Schlafzimmer, Licht beim Einschlafen oder Außenlicht den relevanten Teil der Exposition ausmacht, ist offen. Dazu gehört die Frage nach Spektrum und Intensität; Hinweise auf Farbabhängigkeit stammen nur aus Rattenversuchen [s25, s63, s78].
4. Bildschirmlicht getrennt von Hochfrequenzfeldern, Wärme und Sitzen. Die Studien zu Geräten messen Nutzungsdauer. Offen ist, ob das abendliche Licht selbst eine Rolle spielt. Die einzige Studie mit gezielter Frage nach Abend- und Nachtlicht von Geräten ist eine Korrelationsstudie mit 116 Männern ohne erkennbare Adjustierung im Abstract [s116].
5. Gemeinsame Modellierung von Licht, Lärm, Grün, Luft und Sozialstatus. In den gefundenen Studien wurden Lärm, Licht und Grün nie gemeinsam modelliert; die koreanische Landnutzungsstudie [s104] kommt dem am nächsten, betrachtet aber Abstand zu Wasser, Küste, Straße und NDVI statt Lärm und Licht. Ob Lärm und Licht einen Teil des Grüneffekts erklären, oder ob Grün Lärm und Licht abschwächt, ist offen. Ebenso offen ist, ob die in mehreren Studien beobachtete Wirkungsmodifikation von Grün bei Feinstaub und Ozon [s49, s23, s05] ein stabiler Befund ist.
6. Grün außerhalb Ostasiens und jenseits des NDVI. Es fehlen Studien mit Samenparametern in Europa, Nord- und Südamerika, Afrika und Südasien, mit Ausnahme der koreanischen Studie [s104]. Offen ist außerdem, ob Zugang zu Grünflächen, Nutzung, Aufenthaltsdauer oder bloße Sichtbarkeit der Vegetation zählt. Als Vermittler sind in den Abstracts Luftschadstoffe genannt [s48, s04]; körperliche Aktivität wurde nur in einer Hormonstudie als Teilvermittler gemessen [s112]. Ob Grün tatsächlich Feinstaub abmildert, ist damit weder belegt noch widerlegt.
7. Entwicklungsfenster. Die Befunde zu früherer Pubertät unter Licht [s20, s78, s21] und zu gestörter Reifung der Leydig-Zellen in peripubertären Ratten [s39] werfen die Frage auf, ob Licht in Kindheit und Jugend später die Samenqualität verändert. Prospektive Studien mit Folgeuntersuchung bis ins Erwachsenenalter fehlen. Gleiches gilt für die Frage nach sensiblen Fenstern in der Schwangerschaft, wofür nur Tiermodelle vorliegen [s75].
8. Weitergabe an die Nachkommen. In Mäusen führte väterliches Dauerlicht bei männlichen Nachkommen zu Gedächtnisstörungen; in menschlichen Spermien wurde eine Hochregulierung von miR-92a-3p gefunden und validiert, ohne dass der Abstract nennt, wie die menschlichen Proben gewonnen wurden [s24]. Ob dies am Menschen eine Bedeutung hat, ist offen.
9. Melatonin als Vermittler. Die Hypothese, dass Nachtlicht über niedrigeres Melatonin in Blut und Seminalplasma wirkt, stützt sich beim Menschen auf eine einzige kleine Studie mit 100 Männern [s117], die nur Korrelationen zeigt; nach Einschätzung der Recherche geht die Schlussfolgerung der Autoren über die Korrelationsdaten hinaus. Ob Melatoninwerte im Seminalplasma ein sinnvoller Marker wären, ist ungeklärt. Das Gleiche gilt für das Zusammenspiel von Melatonin, Cortisol und Testosteron bei Schichtarbeit, wo etwa der Testosteronrhythmus nach Nachtschichten vollständig dem Schlaf-Wach-Rhythmus folgte [s148].
10. Trennung von Licht, Schlaf und Arbeitszeit. Schichtarbeit, Social Jetlag, Chronotyp und Schlafqualität werden als Stellvertreter für Nachtlicht benutzt [s120, s18, s07, s67, s105]. Offen ist, welcher Anteil auf Licht, Schlafmangel, Stress, Ernährung oder Arbeitszeitpunkt zurückgeht. Der Rhythmus der Samenqualität im Tagesverlauf [s87] legt außerdem nahe, dass Zeitpunkt der Probe und Chronotyp in Studien zu Schichtarbeit besser erfasst werden müssten.
11. Unabhängige Bestätigung und Replikation. Für nächtliches Außenlicht [s58], die Melatoninstudie [s117], die koreanische Nachtlärmstudie mit Samenparametern [s114] und das Schweizer Muster [s34] gibt es keine unabhängige Wiederholung. Für Grün und Schichtarbeit sind viele Arbeiten datenabhängig. Gebraucht würden Replikationen mit anderen Datenquellen, vorab festgelegten Hypothesen und Zielgrößen und, wo möglich, nichtklinische Populationen. Die Kohorte N-SEED in Japan, deren Protokoll veröffentlicht ist, erhebt Lebensstil, Ernährung und Schlaf bei gesunden Freiwilligen; Licht, Lärm und Grün werden im Abstract nicht als Expositionen genannt, die Ergebnisse werden bis März 2028 erwartet [s13].
12. Kausalität. Keine der Humanstudien erlaubt einen Kausalschluss. Methoden wie Mendelsche Randomisierung [s52, s42], natürliche Experimente (etwa Veränderungen einer Lichtumgebung, Flughafeninbetriebnahmen) oder Studien, die denselben Mann vor und nach einer Änderung der Wohnumgebung betrachten, wären Wege, über Korrelationen hinauszukommen. Ein Hinweis in dieser Richtung ist, dass bei Männern, die ihre zirkadiane Desynchronisation von 2013 auf 2014 verringerten, die Spermienzahl stieg [s120]; er stammt aus einer Beobachtungsstudie.
13. Leitlinien und Anamnese. Offen ist, ob und wann eine Aufnahme von Lärm-, Licht- oder Grünexposition in die andrologische Anamnese sinnvoll wäre. Die deutschsprachigen Übersichten betonen, dass Expositionsrisiken in der Anamnese erfasst werden sollen [s149, s92], ohne Lärm oder Licht im Abstract zu nennen. Eine Entscheidung darüber setzt belastbarere Evidenz voraus, als sie derzeit vorliegt.