Informationsbasis dieser Auswertung
Die Aussagen dieses Kapitels beruhen auf Abstracts, nicht auf Volltexten. Für alle drei Recherchegruppen gilt, dass Kovariaten, Modellvarianten und Sensitivitätsanalysen oft nur im Volltext stehen; ein fehlender Wert ist deshalb nicht „nicht berichtet“, sondern nur „nicht abrufbar“. Nur die beiden Leitlinien AUA/ASRM und EAU wurden im Volltext bzw. als Kapiteltext durchsucht [s54, s183]. Mehrere Abstracts nennen keine Zahlen, etwa zu Hell-Dunkel-Verschiebung bei Mäusen [s144, s135, s122, s89], zu Innen- und Außenluft [s04], zu PM2,5-Bestandteilen [s19], zu zirkadianer Störung und Spermien-DNA-Schäden [s22], zu Lärm und Kohlenmonoxid [s69] oder zu den Rattenversuchen mit wechselnden Lichtprotokollen [s10]. Vier der japanischen Beiträge sind Kongress- bzw. Symposiumsabstracts, keine begutachteten Vollpublikationen [s144, s135, s122, s89]. Preprints, Leserbriefe und Berichtigungen wurden nicht ausgewertet; für die Zhejiang-Studie [s48] besteht eine Berichtigung (Corrigendum, PMID 40157846), deren Inhalt im abgerufenen Eintrag nicht ausgeführt ist.
Fehler und Unklarheiten in den Abstracts selbst
Mehrere Abstracts enthalten Angaben, die sich nicht ohne Weiteres übernehmen lassen:
- Bei [s58], der einzigen Humanstudie mit Spermienparametern und Außenlicht, sind die Konfidenzintervalle mit vertauschten bzw. fehlenden Vorzeichen gedruckt („0,073, −0,014“). Hier und im Text dieses Kapitels sind die Intervalle unter der Annahme eines Satzfehlers mit negativen Grenzen gelesen (zum Beispiel −8,853 bis −0,628 für die Gesamtbeweglichkeit); das ist eine Annahme und keine Angabe der Autoren.
- Bei [s178] steht für Schweißen eine OR von 4,40 mit einem Konfidenzintervall von 1,11 bis 1,76, das den Punktschätzer nicht einschließt; der Wert wurde nicht ausgewertet.
- Bei [s45] nennt der Abstract für die klinische Schwangerschaft ein OR von 4,67 (3,08 bis 7,09) bei „geringerer Wahrscheinlichkeit“, ohne die Referenzkategorie zu erklären. Eine Deutung ist nur unter Annahme einer umgekehrten Kodierung möglich; sie wurde hier nicht verwendet.
- Bei [s117] weichen Text und Tabelle voneinander ab (abnorme Formen 59,26 gegenüber 59,62; p = 0,0008 im Text gegenüber p < 0,001 im Abstract), die „nicht exponierte“ iOAT-Gruppe zeigt eine auffällig enge Verteilung der Konzentration (11,97 ± 1,25 Mio/ml), und die Lichtstärke wurde nicht gemessen.
- Bei [s141] lassen sich die Prozentangaben im Text nicht eindeutig aus den Tabellenmedianen herleiten (Spermatiden Tag 1: Tabelle 74 gegen 76, Text −7,9 %), und p-Werte werden als „0,00“ berichtet. Bei [s40] widerspricht sich der Abstract bei der Gruppe mit der höchsten DNA-Fragmentierung.
- Bei [s71] bleibt offen, welcher der beiden Mittelwerte zur exponierten Gruppe gehört; die Effektstärken sind sehr klein (Cohen d 0,033 bis 0,181), und eine Korrektur für multiples Testen wird nicht erwähnt.
- Bei [s101] deuten die Autoren Regressionskoeffizienten als „Chance um das 33,35-Fache“, was bei Mittelwertunterschieden nicht zutrifft. Bei [s11] sind die Konfidenzintervalle für die Heterogenität (I² = 72 % bzw. 65 %) auffallend schmal; da nur der Abstract geprüft wurde, ist die Zahl nicht überprüfbar und mit Vorsicht zu lesen. Der Abstract wurde für dieses Kapitel erneut abgerufen; die Zahlen (PM2,5: −5,5 Mio/ml; −6,05 bis −5,11; NO2: −4,3 Prozentpunkte; −4,52 bis −4,11) stehen dort so, ihre Plausibilität bleibt eine Einschätzung.
- Bei mehreren Abstracts fehlt die Einheit der Effektschätzer (etwa [s49], [s98]; in [s43] ist die Bezugsgröße der Prozentwerte nicht genannt). Die Diagramme der Synthese tragen diese Einschränkung in der Achsenbeschriftung.
Studienpopulationen: Spender, Klinikkollektive und geografische Schieflage
Die meisten Samenstudien stammen aus zwei Quellen: Samenspenderbanken (junge, gesunde, selektierte Männer) und Kinderwunsch- bzw. Infertilitätskliniken. Beide Gruppen sind nicht repräsentativ für die Allgemeinbevölkerung. Spender haben ein enges Alters- und Gesundheitsprofil [s58, s113]; Klinikmänner kommen mit einem Kinderwunsch und teils bekannter Infertilität [s114, s104, s50]. Die Evidenz zu Grünflächen stammt fast ausschließlich aus Ostasien, überwiegend aus China; die einzige nichtchinesische Studie mit Samenparametern ist das koreanische Kollektiv [s104]. Der Schwerpunkt Chinas ist in den Rechercheberichten deutlich: In der chinesisch-japanisch-koreanischen Recherche stammten 44 von 58 Quellen aus Festlandchina. Die Schweizer Musterungsstichprobe [s34] ist eine der wenigen Ausnahmen von Spender- und Klinikkollektiven, ihre Fallzahl für Einzelanalysen ist nach den Autoren begrenzt. Dazu kommt eine zeitliche Konzentration: 46 der 183 Quellen des Verzeichnisses stammen aus 2025 und 2026, Langzeitbeobachtung und Replikation sind entsprechend selten.
Expositionsmessung
Die Exposition wird fast nie am Menschen gemessen. Außenlicht wird per Satellit der Wohnadresse zugeordnet [s58, s31], Lärm auf Bezirksebene [s143] oder aus halbjährlichen, interpolierten Messungen [s114], Grün als NDVI in Pufferzonen um die Wohnadresse [s113, s50, s43]. Aufenthaltsorte, Arbeitsplatz, Innenraumlicht, Vorhänge, Schlafzimmerlage, Bildschirmnutzung und Gehörschutz bleiben unberücksichtigt. Der NDVI misst Vegetation von oben, nicht Zugang, Nutzung oder Erholungswert von Grünflächen. In der einzigen Studie mit Nachtlicht und Melatonin war die nächtliche Lichtexposition nicht quantifiziert (keine Lux- oder Zeitangaben) und an Nachtschichtarbeit gekoppelt [s117]. Individuelle Lichtmessung gab es nur bei Kindern, und dort an zwei Nächten [s20], sowie bei den Handgelenksensoren für Tageslicht [s03]. Die Zuordnung zu einem Zeitfenster (0 bis 90 Tage vor der Probe) berücksichtigt zwar die Dauer der Spermatogenese, aber nicht die tatsächlichen Aufenthaltsorte in diesem Zeitraum. Fehlklassifikation der Exposition verschiebt Effekte in nicht vorhersagbarer Richtung, meist in Richtung eines geringeren, kann aber auch Scheinzusammenhänge erzeugen.
Zielgrößen
Viele Studien messen nicht die Samenqualität. Zielgrößen sind Registerdiagnosen der Infertilität [s143, s56], die Zeit bis zur Schwangerschaft des Paares [s31, s142, s79, s126], die Gesamtfruchtbarkeitsrate eines Landes [s108], Serumtestosteron [s03, s146], Pubertätsbeginn [s20, s78] oder ein Biomarker wie die mitochondriale DNA im Samen [s07]. Fekundität ist ein Paarmaß; der männliche Anteil ist nicht abtrennbar. In mehreren dieser Studien sind die untersuchten Personen Frauen bzw. Mütter, nicht Männer [s142, s79, s126]. Auch die Samenparameter selbst schwanken: Nach einer Auswertung von 33.430 Samenproben waren die meisten Parameter zwischen 11:00 und 15:00 Uhr am besten, und jede Stunde früher oder später als 11:00 Uhr war mit einem 1,14-fachen Risiko der Nichteignung verbunden [s87]. Jahreszeit und Temperatur verändern Konzentration und Gesamtzahl [s118, s90, s53]; Region, Alter, Karenzzeit und Jahreszeit sind wichtige Determinanten [s176]. Wer Samenwerte verschiedener Studien vergleicht, vergleicht daher auch Entnahmezeitpunkt, Jahreszeit und Methodik (WHO-Handbuch 2010 bzw. 5. Auflage, SCSA bei DNA-Fragmentierung).
Störgrößen und Mischexposition
Wohnumgebung und Beruf bündeln Belastungen. Lärm, Luftschadstoffe, Licht, Grün, Verkehr und Sozialstatus hängen zusammen [s14, s159]. In einigen Studien wurde für Feinstaub adjustiert [s143, s56] oder die Luftqualität gleichzeitig modelliert [s49, s43], in anderen nicht oder im Abstract nicht erwähnt [s58]. Im Beruf treten Lärm, Vibration, Hitze, Chemikalien und Schichtarbeit gemeinsam auf, so dass kein Studienergebnis Lärm isoliert [s162, s161, s111, s178]. Bei Schichtarbeit sind Licht, Schlafmangel, Stress, Ernährung und Bewegung vermengt [s120, s18]. Verwandte Befunde zeigen dieselbe Schwierigkeit: Schlafstörungen mit niedrigerer Gesamtspermienzahl, Konzentration, progressiver Beweglichkeit und normaler Morphologie [s98], obstruktive Schlafapnoe mit niedrigerer Konzentration und Testosteron bei zugleich höherem BMI [s44]. Die Mendelsche Randomisierung zu Schlafmerkmalen fand dagegen nur für den Chronotyp einen suggestiven Zusammenhang mit bioverfügbarem Testosteron (IVW-OR 1,07; 1,04 bis 1,12) und sonst keinen Hinweis auf einen kausalen Zusammenhang mit männlicher Fertilität [s52]. Eine einfache Kausalkette „Licht, Schlaf, Samenqualität“ ist damit nicht belegt.
Statistik: kleine Effekte, große Stichproben, weite Intervalle
Die Effekte sind klein. Bei Millionen Paaren genügt ein Zeitverhältnis von 1,034 oder 0,988 für statistische Signifikanz [s31]; für Grün liegen die Effekte pro Interquartilsabstand im Bereich von Zehntelprozent bis wenigen Prozent [s113, s50]. Dem steht die natürliche Streuung gegenüber: In einer Stichprobe gesunder chinesischer Männer lag die mediane Konzentration bei 65 × 10⁶/ml (5. bis 95. Perzentil: 20 bis 150) und die Gesamtzahl bei 154 × 10⁶ (29 bis 421) [s176]. Ein Effekt von 4,06 × 10⁶ Spermien insgesamt [s113] ist gegenüber dieser Streuung klein. Umgekehrt haben kleine Studien sehr weite Intervalle: OR 3,5 mit Intervall 1,18 bis 10,17 bei 3,3 % Oligozoospermie [s114], OR 15,9 mit Intervall 2,5 bis 103,3 [s57], Subgruppen von 16 Männern [s117]. Zahlreiche Studien prüfen viele Parameter, Puffer, Zeitfenster und Untergruppen, ohne dass im Abstract ein Umgang mit multiplem Testen erkennbar ist [s43, s104, s71]. Ein p-Trend von 0,05 bzw. 0,06 [s156] und ein p-Wert von 0,06 für den Zwei-Jahres-Effekt [s18] liegen im Grenzbereich. Und: Nicht signifikante Ergebnisse (etwa [s136], [s41]) sind kein Beleg für die Abwesenheit eines Effekts, sondern häufig Ausdruck zu geringer Aussagekraft.
Überlappende Datensätze und Mehrfachverwertung
Mehrere Studien teilen Datenquellen. Die Spendergruppen aus Guangdong, Sichuan, Hubei und die PREBIC-Kohorte in Chongqing werden von mehreren Arbeiten ausgewertet [s113, s43, s50, s05, s18]; die Rechercheberichte weisen ausdrücklich darauf hin, dass dies keine unabhängigen Bestätigungen sind. Die Chongqinger Gruppe zu zirkadianer Störung und Schichtarbeit liefert [s120, s108, s18, s07]. Die drei Wolgograder Arbeiten zu Dauerlicht [s99, s82, s81] beruhen auf demselben Tierversuch. Die iranische Gruppe aus Ahwas zu Lärm [s168, s164, s167, s165, s166] benutzt einen eng verwandten Versuchsaufbau, und die Beschriftung der Gruppen stimmt zwischen zwei Veröffentlichungen nicht überein, was auf Mehrfachverwertung desselben oder eines ähnlichen Experiments hindeutet (Anmerkung der Recherche). Wo „zehn Studien“ gezählt werden, sind es also oft weniger unabhängige Datensätze.
Tierversuche
Die Tierversuche arbeiten mit starken Reizen: Schallpegel von 90 bis 130 dB, teils zwölf Stunden täglich [s168, s147, s88]; Dauerlicht mit 300 lx über 30 Tage [s99]; Umkehr des Lichtzyklus alle zwei Tage oder wöchentlich [s144, s22]. Die Gruppen sind klein (je 5 Tiere bei [s88], je 6 bei [s78], acht Mäuse je Gruppe bei [s101]). Die Metaanalyse der Nagerstudien zu Lärm zeigt Heterogenität (I² = 82 %) und Publikationsbias [s154]. Tierarten, Stämme, Expositionsdauern und Zielgrößen sind nicht vereinheitlicht. Die Mechanismen (Zirbeldrüse und Melatonin, Leydig-Zell-Funktion, oxidativer Stress, Apoptose, Uhrengene, Spermien-DNA-Reparatur) sind in Tiermodellen und Zellversuchen beschrieben [s10, s22, s170, s68], aber nicht am Menschen belegt. Schutzstoffe in Tierversuchen (zum Beispiel Betanin, Pterostilben, Melatonin, Genipin, Sericin) werden hier nur als experimentelle Befunde berichtet [s47, s69, s82, s127, s85].
Grenzen der Literatursuche
Die Recherche war von technischen Zugangsgrenzen betroffen. Nicht durchsucht werden konnten Cairn, SciELO und LILACS (Zugriffssperren), CNKI, Wanfang, KCI, KoreaMed und DBpia (nicht erreichbar oder nicht abfragbar), eLIBRARY.ru und Mandumah (kein Zugang). Die portugiesischsprachige Literatur ist daher nur über die PubMed-Indexierung erfasst, die chinesische, japanische und koreanische Fachliteratur außerhalb von PubMed gar nicht systematisch. Die Trefferlisten aus Europe PMC und CyberLeninka wurden nach Stichwörtern gefiltert, nicht jedes Ergebnis wurde gelesen. Die Aussage, es gebe keine Leitlinie zu Lärm, Licht oder Grün, ist für ESHRE, AWMF und die Società Italiana di Andrologia nicht bewiesen, sondern beruht darauf, dass kein Leitlinientext auffindbar war. Eine PubMed-Suche nach Cochrane-Übersichten lieferte keine zum Thema. Das Fehlen einer Studie in dieser Auswertung ist deshalb kein Beweis, dass sie nicht existiert.
Leitlinien, Übersichten und die Bewertung der Evidenz
Keine der erreichbaren Leitlinien behandelt die Faktoren. Die AUA/ASRM-Leitlinie bezeichnet Lebensstilfaktoren als „sehr schwer zu untersuchen“, nennt zu Schlaf, Sport, Hitze und weiteren Faktoren „no systematic reviews met inclusion criteria“ und führt Außenluftverschmutzung mit „Evidence inconclusive“; Lärm, Licht in der Nacht, Bildschirmlicht, Grünflächen und Wohnort kommen als Faktoren nicht vor [s54]. Das EAU-Kapitel zur männlichen Infertilität erwähnt Umwelttoxine, oxidativen Stress und die Anamnese von Lebensstil und Umweltexposition, enthält aber keine Aussage zu Lärm, Licht, Grün, Wohnort oder Schichtarbeit [s183]. Die französische CNGOF-Leitlinie nennt in ihrem Abstract nichts zu den Faktoren [s55]. Der Umbrella-Review über 43 Studien und 67 Risikofaktoren stufte nach GRADE 136 von 249 Effektgrößen (54,6 %) als „sehr niedrig“, 59 (23,7 %) als „niedrig“ und 54 (21,7 %) als „moderat“ ein; Lärm, Licht und Grünflächen kommen im Abstract nicht vor [s17]. Für Lärm und Gesundheit insgesamt bewertet die britische Übersicht die meiste Evidenz als niedrige Qualität, wobei Spermienqualität im Abstract nicht genannt wird [s115]. Zu Schichtarbeit beschreibt die Übersicht von Deng und Kollegen, dass die Maßnahmen gegen Schläfrigkeit nur begrenzte Evidenz haben [s133]; die Übersicht zu Schlaf und Fertilität spricht von „kaum vergleichbaren“ Ergebnissen wegen heterogener Methoden [s103].