Nächtliches Licht, Lärm und Wohnumfeld · Kapitel 1 von 20

Das Wichtigste in Kürze

Die Einstufungen unter jedem Punkt sind eigene, qualitative Urteile auf Grundlage der gelesenen Abstracts, kein förmliches GRADE-Verfahren. „Evidenzstärke“ beschreibt Menge, Art und Übereinstimmung der Studien. „Gewissheit“ beschreibt, wie sicher sich daraus ein ursächlicher Schluss für Männer im Alltag ziehen ließe. Das Verfahren steht im Abschnitt zur Methodik.

  1. Grünflächen am Wohnort hängen in Ostasien mit etwas besseren Samenwerten zusammen. Spenderkollektive und Kliniken in China zeigen übereinstimmend kleine positive Zusammenhänge: bei 9.142 Spendern 0,32 Prozent mehr normal geformte Spermien je Interquartilsabstand Grün [s113], bei 33.184 Spendern höhere Spermienzahl und Beweglichkeit [s49], bei 28.089 Klinikpatienten 1,68 Prozent höhere Konzentration [s50], dazu [s48, s43, s04, s05]. Die koreanische Studie mit 5.886 Männern findet fast nur Nullbefunde [s104]. Evidenzstärke: mäßig. Gewissheit: niedrig, denn die Effekte sind klein, mehrere Datenquellen überlappen, und der Vegetationsindex steht auch für Luftqualität, Stadtlage und Sozialstatus.
  1. Grün scheint die Wirkung von Luftschadstoffen abzumildern, ist aber kein eigener Haupteffekt. Bei 26.997 Spendern hing Ozon mit abnormen Samenwerten zusammen (Odds Ratio 1,716 für abnorme Gesamtzahl je Interquartilsabstand), in grünen Gebieten schwächer [s23]. Ähnliche Muster berichten [s04, s05, s49]. Evidenzstärke: schwach bis mäßig. Gewissheit: niedrig.
  1. Zu Licht in der Nacht am Wohnort existiert genau eine Spermienstudie am Menschen. Bei 1.991 Samenspender-Kandidaten sank die Gesamtbeweglichkeit um 4,74 Prozentpunkte (95-%-Konfidenzintervall 0,63 bis 8,85) je 100 Einheiten Außenlicht aus Satellitendaten [s58]. Die Paarstudie mit 14.239.365 Paaren findet eine um 3,4 Prozent längere Zeit bis zur Schwangerschaft je Interquartilsabstand Nachtlicht, ohne den männlichen Anteil abzugrenzen [s31]. Evidenzstärke: sehr schwach. Gewissheit: sehr niedrig.
  1. Bildschirmlicht wurde als Licht nie sauber untersucht. Es gibt Fragebogenkorrelationen bei 116 Männern in Kinderwunschabklärung [s116], Studien zu Fernsehzeit und Sitzen [s156, s38] und Studien zu Funkstrahlung von Mobiltelefonen [s84, s109, s42]. Eine Mendelsche Randomisierung findet keinen ursächlichen Effekt der Nutzungsdauer [s42]. Evidenzstärke: sehr schwach. Gewissheit: sehr niedrig.
  1. Helles Licht am Tag ist kein Schadfaktor. In einer US-Stichprobe mit 2.209 Männern ging mehr helles Licht über 2.000 Lux mit höherem Testosteron einher (15,16 ng/dl je 10 Minuten) [s03]. Licht ist demnach nicht pauschal ungünstig; Zeitpunkt und Intensität zählen. Evidenzstärke: schwach (Querschnitt, kein Samenwert). Gewissheit: sehr niedrig.
  1. Die Tierversuche zu Licht widersprechen sich. Dauerlicht senkte bei Ratten die Dicke des Keimepithels um 26,3 Prozent und das Testosteron um 51,4 Prozent [s99, s82], dynamische Rhythmusstörung und Blaulicht schadeten ebenfalls [s10, s78]. Dagegen erhöhten verlängertes oder dauerndes Licht in anderen Versuchen Spermienzahlen und Hormone [s163, s123, s174]. Evidenzstärke: mäßig in der Menge, uneinheitlich in der Richtung. Gewissheit für den Menschen: sehr niedrig. Die drei russischen Wolgograder Arbeiten beruhen auf demselben Tierversuch [s81, s82, s99].
  1. Schichtarbeit und zirkadiane Störung: gemischtes Bild. Wechselschicht ging in zwei großen chinesischen Datensätzen mit niedrigerer Spermienzahl bzw. Konzentration einher (Odds Ratio 1,26 [s120]; Konzentration minus 10,77 Prozent und Hazard Ratio 0,84 für Schwangerschaft binnen eines Jahres [s18]). Eine Metaanalyse über acht Studien findet keinen statistisch belegten Unterschied [s41], eine Studie aus einem Fertilitätszentrum sogar höhere Konzentrationen [s74]. Schichtarbeit ist zudem kein Lichtmaß. Evidenzstärke: schwach bis mäßig. Gewissheit: niedrig.
  1. Lärm beim Menschen: wenige, uneinheitliche Studien. Nachts mindestens 55 Dezibel hingen in einer koreanischen Versichertenkohorte mit 206.492 Männern mit einer Infertilitätsdiagnose zusammen (Odds Ratio 1,14) [s143]; in einer Seouler Klinikstudie war das höchste Nachtlärmquartil mit 3,5-fach erhöhter Chance für Oligozoospermie verbunden, bei sehr weitem Konfidenzintervall (1,18 bis 10,17) [s114]. In Dänemark war Verkehrslärm bei Männern von 37 bis 45 Jahren mit einer Hazard Ratio von 1,06 verbunden, bei jüngeren Männern lag sie unter 1 (0,93) [s56]. Evidenzstärke: schwach. Gewissheit: sehr niedrig.
  1. Lärm im Tierversuch: überwiegend Hodenschäden bei Pegeln von 90 bis 120 Dezibel. Die Metaanalyse von Nagerstudien findet einen gepoolten Effekt auf das Testosteron von minus 2,41, der nach Korrektur für fehlende Studien auf minus 1,53 sinkt, bei hoher Heterogenität und Publikationsbias [s154]. Ein älterer Versuch an Meerschweinchen zeigte keine Störung [s182]. Derart hohe Pegel kommen in Wohngebieten nicht vor. Evidenzstärke: mäßig in der Menge. Gewissheit für den Menschen: sehr niedrig.
  1. Zu Fluglärm und Spermienqualität wurde keine einzige Studie gefunden. Das gilt für alle drei Teilrecherchen (westeuropäische Sprachen, Ostasien, Russisch/Arabisch/Türkisch). Evidenzstärke: keine. Gewissheit: nicht bewertbar.
  1. Wohnort: regionale Unterschiede sind belegt, Ursachen bleiben offen. Die Samenqualität junger Schweizer ist räumlich nicht zufällig verteilt, der niedrigste Cluster liegt in einer landwirtschaftlich geprägten Region [s34]. Eine US-Studie findet bei Straßennähe einen sauberen Nullbefund [s136], eine andere weniger bewegliche Spermien in sozial benachteiligten Wohngebieten [s14]. Der stärkste Einzelbefund der dänischen Studie betrifft Feinstaub (Hazard Ratio 1,24), nicht Lärm [s56]. Evidenzstärke: schwach. Gewissheit: niedrig.
  1. Die Leitlinien schweigen. Die AUA/ASRM-Leitlinie [s54], das EAU-Kapitel [s183] und die französische CNGOF-Leitlinie [s55] enthalten keine Aussage zu Lärm, Nachtlicht oder Grünflächen. Die Datenlage trägt derzeit keine Leitlinienaussage.
  1. Die Grenzen der Literatur sind überall dieselben. Es dominieren Spenderkollektive und Kinderwunschkliniken, Expositionen aus Satelliten- oder Bezirksdaten, kleine Effekte und Beobachtungsdesigns. Keine Studie modelliert Lärm, Licht und Grün gemeinsam. Nirgends ist ein ursächlicher Zusammenhang belegt.
Alle Kapitel und Anhänge (23)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Studienlage: Metaanalysen und Übersichten
  5. Lärm und Nächtliches Licht und Chronotyp
  6. Schichtarbeit und zirkadiane Störung und Grünflächen
  7. Wohnort, Stadt und Land, Verkehrsnähe, Region bis Zusammenschau der Beobachtungsstudien
  8. Überblick über die Evidenzlage bis Nächtliches Licht und zirkadiane Störung: Übersichten und Hypothesenarbeiten
  9. Nächtliches Licht und Lichtprotokolle: Tierversuche bis Wohnort, Stadt und Land, Verkehrsnähe
  10. Leitlinien und Konsensdokumente und Zusammenfassende Bewertung der Studienlage
  11. Mechanismen und biologische Plausibilität
  12. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  13. Englisch bis Russisch
  14. Arabisch und Türkisch
  15. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  16. Limitationen der Evidenz
  17. Offene Forschungsfragen
  18. Praktische Einordnung
  19. Glossar
  20. Quellenverzeichnis
  21. Diagramme
  22. Quellen
  23. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle