Leitlinien und Konsensdokumente
AUA/ASRM-Leitlinie Diagnosis and Treatment of Infertility in Men (2020, geändert 2024) [s54]. Das Volltext-PDF wurde durchsucht. Das Kapitel zum Lebensstil stellt fest, dass Lebensstilfaktoren sehr schwer zu untersuchen seien (fehlende Kontrollen, Erinnerungsverzerrung) und nur wenige ein signifikantes Risiko darstellten. Genannt werden Ernährung (niedrige Evidenzqualität für einen geringen Zusammenhang), Rauchen (niedrige Qualität, kleine Wirkung auf Konzentration, Beweglichkeit und Morphologie), Stress (niedrige Qualität, kleine Abnahme der progressiven Beweglichkeit), Mobiltelefone (niedrige Qualität, kein Effekt), anabole Steroide, Koffein, Alkohol und Bewegung. Wörtlich: "No systematic reviews met inclusion criteria for the following risk factors: recreational drug use, sleep, sports/exercise, heat exposure, type of underwear, or anatomic abnormalities of genitalia." Lärm, Licht in der Nacht, Bildschirmlicht, Grünflächen und Wohnort kommen im Text nicht als Faktoren vor; die Volltextsuche nach noise, night, circadian, laptop, screen, television und rural ergab keine Treffer. Das Wort shift erscheint nur in der Literaturangabe zur Übersicht von Deng et al. 2018 zur Schichtarbeit [s133]. Zur Außenluftverschmutzung enthält die Zusammenfassungstabelle den Eintrag Evidence inconclusive; im Text heißt es, für Benzophenone, Bisphenol A, chlorierte antimikrobielle Stoffe, Parabene und Luftverschmutzung sei die Evidenz nicht aussagekräftig. Die Leitlinie enthält keine Empfehlung zu Lärm, Licht, Grünflächen oder Wohnort.
EAU Guidelines on Sexual and Reproductive Health, Kapitel Male Infertility [s183]. Die Webfassung wurde am 4. Oktober 2026 abgerufen. Der Text führt idiopathische männliche Infertilität auf mehrere bisher nicht identifizierte pathologische Faktoren zurück, darunter endokrine Störungen durch Umweltverschmutzung, oxidativen Stress und DNA-Schäden sowie genetische und epigenetische Abweichungen; oxidativer Stress sei häufig mit schlechtem Lebensstil und Umweltexposition verbunden. In der Anamnese sollen Lebensstil und die Exposition gegenüber Umwelttoxinen erfragt werden. Zu Lärm, Licht, Grünflächen, Wohnort oder Schichtarbeit enthält das Kapitel keine Aussage (Textsuche ohne Treffer für noise, night, shift, green, circadian, sleep). Im Kapitel zum Hypogonadismus der Gesamtleitlinie steht, dass die Testosteronmessung am Morgen (07:00 bis 10:00 Uhr, nüchtern) erfolgen soll; dieses Zeitlimit sei für Nachtschichtarbeiter eventuell nicht geeignet, da der Tagesrhythmus der Testosteronsekretion vor allem vom Schlafmuster bestimmt werde. Das ist eine Messanweisung, kein Fertilitätsbefund.
CNGOF 2022 (Collège National des Gynécologues et Obstétriciens Français), Erstmaßnahmen bei infertilem Paar, publiziert 2024 [s55]. Leitlinie nach GRADE mit 28 PICO-Fragen, darunter ein Thema zur Prävention von Umweltexpositionen. Im Abstract genannt sind Spermiogramm, Spermazytogramm und Spermakultur als Ersttests beim Mann sowie mediterrane Ernährung, körperliche Aktivität, Verzicht auf Rauchen und Cannabis und Alkohol unter fünf Gläsern pro Woche. Zu Lärm, Licht, Grün oder Wohnort enthält der Abstract nichts.
Nicht auffindbare Leitlinientexte. ESHRE, die AWMF (Deutschland) und die Società Italiana di Andrologia waren zwar erreichbar, lieferten aber nur Verzeichnisse oder Suchmasken ohne durchsuchbaren Leitlinientext zu diesem Thema. Die Aussage, es gebe dort keine Empfehlung zu Lärm, Licht oder Grünflächen, ist damit nicht bewiesen, sondern beruht auf der fehlenden Auffindbarkeit. Auch eine PubMed-Suche nach Cochrane-Übersichten zu männlicher Infertilität und Lärm, Licht, Schichtarbeit, Grünflächen, Umwelt oder Lebensstil lieferte keine einschlägige Übersicht.
Zusammenfassende Bewertung der Studienlage
Humanstudien sind selten, überwiegend retrospektiv und beobachtend. Für Lärm weisen zwei koreanische Studien um 55 dB Nachtlärm in dieselbe Richtung [s114, s143], die dänische Registerstudie bei Männern nicht einheitlich [s56]. Für nächtliches Außenlicht gibt es eine einzige Spermienstudie [s58]. Grünflächen zeigen in China übereinstimmend kleine positive Zusammenhänge, außerhalb Chinas ist die Datenlage weitgehend neutral [s104]. Für Schichtarbeit sind die Ergebnisse widersprüchlich [s18, s41, s74]. Keine der in Leitlinien oder Konsensdokumenten gefundenen Quellen gibt Empfehlungen zu diesen Expositionen [s54, s183, s55].