Biologie: Hoden, Hormone und der Tag-Nacht-Rhythmus
Ein Zeitfenster von Wochen. Die Bildung reifer Spermien dauert Wochen bis Monate. Die Studien rechnen mit einem Fenster von 74 Tagen für die Spermatogenese des Menschen (so in einer 2026 erschienenen Studie zu Luftschadstoffen und Insemination in Paediatric and Perinatal Epidemiology, PMID 42551848, die als Hintergrundquelle abgerufen wurde); die ostasiatischen Spenderstudien mitteln ihre Exposition über 0 bis 90 Tage vor der Probe und unterteilen dieses Fenster teils in Abschnitte, etwa 0 bis 37 und 34 bis 77 Tage [s49] oder 70 bis 90 Tage als Phase der Spermienentwicklung [s23, s43]. Für Tiere gelten kürzere Zyklen: beim Meerschweinchen rund 40 Tage [s182], bei der Maus rund 35 Tage [s135]. Das hat eine praktische Folge für jede Studie. Eine Samenprobe von heute spiegelt Einflüsse der letzten Monate, und ein veränderter Hell-Dunkel-Rhythmus zeigt sich im Experiment erst nach Wochen: In Mäuseversuchen mit wiederholter Umkehr des Lichtzyklus war die Spermienzahl ab etwa der sechsten Woche signifikant niedriger [s144].
Zwei Aufgaben des Hodens. Der Hoden bildet Spermien und das männliche Geschlechtshormon Testosteron. Die Spermienbildung findet in den Hodenkanälchen statt, im sogenannten Keimepithel, mit den Vorstufen Spermatogonien und Spermatiden und den stützenden Sertoli-Zellen; das Testosteron entsteht in den Leydig-Zellen des Zwischengewebes (Interstitium). Gesteuert wird beides über die Achse aus Hypothalamus, Hirnanhangsdrüse und Hoden, in die auch die Nebennierenachse eingreift [s27]. Die hormonellen Signale heißen GnRH, LH und FSH [s21, s81]; für die Testosteronbildung werden in Tierstudien die Eiweiße StAR und CYP11A1 gemessen [s127, s135]. Eine Barriere zwischen Blut und Keimzellen, die Blut-Hoden-Schranke, schützt die Spermienentwicklung und kann in Tiermodellen durch Stressoren geschädigt werden [s28]. Diese Begriffe tauchen in den Einzelstudien immer wieder auf, ohne dass die Studien sie erklären.
Die innere Uhr. Nahezu alle Körperfunktionen folgen einem Tagesrhythmus, den ein Netz von Uhrengenen erzeugt und das Licht-Dunkel-Muster als wichtigster äußerer Zeitgeber einstellt [s29]. Das männliche Fortpflanzungssystem hat eigene Uhren. Übersichtsarbeiten beschreiben rhythmische Schwankungen von Samenwerten und Vorgängen der Spermatogenese und berichten, dass gestörte Uhrengene die Samenbildung in Versuchen merklich schädigen; die Mechanismen gelten als weitgehend unklar, diskutiert werden Gonadenhormone, Retinsäure-Signale, homologe Rekombination und der Chromatoid-Körper [s68, s27, s33]. Selbst die Probenentnahme folgt einem Rhythmus: In 33.430 Spermabankproben lagen die meisten Parameter zwischen 11 und 15 Uhr im Optimum, und jede Stunde früher oder später als 11 Uhr war mit einem 1,14-fachen Risiko der Nichteignung verbunden [s87]. Das Testosteron folgt bei Männern weitgehend dem Schlaf-Wach-Rhythmus, nicht der Zahl der Nachtschichten [s148]; die EAU-Leitlinie verlangt deshalb Blutentnahmen am Morgen und weist darauf hin, dass dies für Nachtschichtarbeiter nicht passen könnte [s183].
Vom Licht zum Hormon. Der Weg des Lichts zur inneren Uhr führt nicht über das Sehen, sondern über besondere Netzhautzellen mit dem Pigment Melanopsin, die an die zentrale Uhr im Gehirn melden; kurzwelliges („blaues“) Licht, wie es Leuchtdioden-Bildschirme reich enthalten, regt diese Zellen besonders an (so in einem 2026 in Cureus erschienenen Überblick zum Abendlicht von Bildschirmen, PMID 42524168, als Hintergrundquelle abgerufen). Das Hormon Melatonin der Zirbeldrüse (Epiphyse) markiert die Nacht und wird durch Licht unterdrückt. Eine Übersichtsarbeit argumentiert, dass Stoffwechsel und innere Uhr, mit denen das Fortpflanzungssystem eng verknüpft sei, schon durch geringe Lichtmengen gestört werden können; menschliche Studien hätten die für die Melatoninunterdrückung zuständigen Photorezeptoren inzwischen benannt [s51]. Dass die Zirbeldrüse in der Hodenphysiologie eine Rolle spielt, zeigen Tierversuche: Nach Entfernung der Epiphyse verloren die Tagesrhythmen der Spermatogenese bei Ratten ihre Bindung an den Licht-Dunkel-Zyklus [s170], und Ratten ohne Zirbeldrüse hatten geringere Beweglichkeit und Dichte der Spermien [s40]. Beim Menschen sind die Daten dünn: Eine kleine ägyptische Studie fand bei Männern mit idiopathischer Oligoasthenoteratozoospermie niedrigeres Melatonin im Blut und im Seminalplasma als bei fertilen Kontrollen, am niedrigsten bei Nachtlichtexposition [s117].
Vorgeschlagene Mechanismen. Die Studien nennen vor allem drei Wege, die Hypothesen bleiben: oxidativer Stress und Zelltod im Hodengewebe [s10, s01], Schäden am Erbgut der Spermien, etwa über das Eiweiß CREB1 und die Reparatur durch homologe Rekombination [s22], sowie veränderte Mitochondrien-DNA [s07]. Bei Mäusen konnten Dauerlicht der Väter und eine veränderte Ausstattung der Spermien mit kleinen Ribonukleinsäuren (microRNAs) sogar Gedächtnisstörungen bei männlichen Nachkommen auslösen [s24]. Für Lärm werden Stresshormone angeführt: In einem Rattenversuch stiegen bei 115 Dezibel ACTH und Cortisol, das Testosteron fiel [s147]; in anderen Versuchen war eine Anregung der Zirbeldrüse der vermutete Weg [s137]. Bei Grünflächen werden indirekte Wege diskutiert, etwa über die Luftqualität: In einer Studie vermittelten Stickstoffdioxid und Kohlenmonoxid einen Teil des Zusammenhangs [s48]; für die Fekundität erklärten Stress, Depression und Aktivität höchstens fünf Prozent [s79]. Alle diese Mechanismen stammen überwiegend aus Zell- und Tierversuchen, meist mit starken Reizen wie 12-stündiger Umkehr des Lichtzyklus oder Dauerlicht. Sie zeigen, was biologisch möglich ist, nicht, was im Alltag geschieht.
Definitionen und Messgrößen der Exposition
Licht in der Nacht. Der Fachbegriff lautet „artificial light at night“ (ALAN), kurz Lichtverschmutzung. Die Studien messen ihn auf sehr verschiedene Weise, und das erschwert jeden Vergleich. Außenlicht am Wohnort wird aus Satellitendaten abgeleitet, entweder als Strahldichte in Nanowatt je Quadratzentimeter und Steradiant, wobei die Nachtlichtstudie mit Werten von 0 bis 100 arbeitet [s58], oder als Nachtlichtindex des Satelliteninstruments „Visible and Infrared Imaging Suite Day Night Band“ [s31]. Innenraumlicht wird nur selten gemessen: Bei Kindern erfasste ein tragbarer Lichtmesser das Schlafzimmerlicht im Minutenabstand an zwei Nächten, ausgewertet wurde die Dauer ab 3 Lux [s20]. Helles Licht am Tag wurde mit Handgelenk-Sensoren als Zeit über 2.000 Lux bestimmt [s03]. In Tierversuchen liegen die Reize weit auseinander: Dauerlicht mit 300 Lux [s99], zusätzliches Nachtlicht mit 350 bis 500 Lux [s141], Blaulicht mit 450 bis 470 Nanometern bei 0,03 Mikrowatt je Quadratzentimeter [s78] oder eine alle zwei Tage wiederholte Umkehr des Zyklus [s144]. In einem Rattenversuch zu „schwachem Nachtlicht“ (dLAN) nennt der Abstract die Stärke nicht [s21].
Bildschirmlicht. Gemeint ist das Licht von Smartphones, Tablets, Fernsehern und Computern am Abend und in der Nacht. Es ist kurzwellig reich, regt aber nur dann die innere Uhr an, wenn es tatsächlich die Netzhaut erreicht; die Übersichtsarbeit zu Bildschirmen weist selbst darauf hin, dass Bildschirmzeit nicht der Lichtdosis an der Netzhaut entspricht und dass Zusammenhänge mit schlechtem Schlaf auch spätes Zubettgehen, geistige Erregung und Inhalte widerspiegeln können (Cureus 2026, PMID 42524168). In den Spermienstudien ist Bildschirmlicht nie gemessen. Statt Licht erfassen sie Fragebogenangaben zu Nutzungsstunden [s116, s84], Fernsehzeit als Maß für Sitzen [s156, s38] oder genetisch vorhergesagte Nutzungsdauer [s42]. Dabei vermischen sich Licht, Funkstrahlung, Wärme am Körper, Bewegungsmangel und Schlafmangel; bei der Studie aus Jamaika stehen Laptops nach Einschätzung der Teilrecherche für Wärme und drahtlose Geräte, nicht für Licht [s57].
Schichtarbeit als Stellvertreter. Schichtarbeit, Chronotyp („Abendtyp“, „Morgentyp“), Schlafqualität und der „Social Jetlag“ (Abweichung zwischen Schlafzeiten an Arbeits- und freien Tagen, im Fragebogen erfasst [s120, s07]) werden oft als Maße zirkadianer Störung oder nächtlichen Lichts benutzt. Sie trennen Licht aber nicht von Schlafmangel, Stress, Ernährung und Bewegung. In dieser Studie werden sie deshalb getrennt dargestellt und als Näherung gekennzeichnet.
Lärm. Der Schalldruckpegel wird in Dezibel gemessen. Die Studien verwenden verschiedene Bewertungen und Mittelungen: dB(A) und dB(C) als verschiedene Frequenzbewertungen des Pegels (ein älterer japanischer Rattenversuch arbeitet mit 100 dB(C) [s181]), den äquivalenten Dauerschallpegel Leq für Nachtmessungen [s114] und den Pegel Lden, das in Europa gebräuchliche Maß für die Belastung über den ganzen Tag; die dänische Studie bezieht ihn auf die am stärksten betroffene Fassade der Wohnung [s56]. Wegen der unterschiedlichen Skalen lassen sich Werte aus Korea (Nachtlärm, mittlere Belastung 58,3 Leq [s114]) und Dänemark (Lden) nicht unmittelbar vergleichen. Straßen-, Schienen- und Fluglärm haben unterschiedliche Pegelverläufe; für Fluglärm gibt es zur Spermienqualität keine Studie. Die WHO-Lärmleitlinien für Europa von 2018 wurden nach dem Auftrag der Parma-Erklärung von 2010 mit dem GRADE-Verfahren erarbeitet (Int J Environ Res Public Health 2018, PMID 29677170). Laut einer Zusammenfassung in Noise and Health 2026 (PMID 42446322) empfehlen sie höchstens 53 Dezibel Lden für Straßenverkehrslärm, 54 für Schienenlärm und 45 für Fluglärm, vor allem begründet mit der Belästigung; die EU-Umgebungslärmrichtlinie nennt 55 Dezibel Lden aus Verkehrsquellen als Schwelle erheblicher Gesundheitsrisiken, um Lärmaktionsplanung zu priorisieren. Für die Spermienqualität sind das keine Grenzwerte, denn die Leitlinien stützen sich auf andere Gesundheitsfolgen. Einen vergleichbaren WHO-Richtwert für nächtliches Licht oder für Grünflächen haben wir in den abgerufenen Quellen nicht gefunden.
Grünflächen. Fast alle Studien messen Grün mit dem Normalisierten Differenz-Vegetationsindex (NDVI), einer aus Satellitenbildern berechneten Kennzahl der Pflanzendichte, gemittelt in Pufferzonen um die Wohnadresse (Radien von 250 bis 2.000 Meter [s43, s50]); eine Studie verwendet zusätzlich einen bodenangepassten Index (SAVI) [s48], eine andere Gehzeitzonen von 15 Minuten [s04]. Effekte werden meist je Interquartilsabstand angegeben, also je Anstieg von der unteren zur oberen Viertelgrenze der Verteilung. NDVI misst, wie viel Pflanzen von oben sichtbar sind, nicht, ob jemand Zugang zu Grünflächen hat, sie nutzt oder sich dort erholt.
Wohnort und Sozialraum. „Wohnort“ erscheint als Stadt gegen Land [s159, s93], als Region [s34, s176, s173], als Abstand zu Hauptstraßen [s136] oder als Index der Benachteiligung eines Wohngebiets (Area Deprivation Index, ADI) [s14]. Ein Wohnort vereint Luft, Lärm, Licht, Grün, Verkehr und die soziale Lage der Nachbarschaft.
Paar- und Fruchtbarkeitsmaße. Einige Studien messen nicht den Samen, sondern die Zeit bis zur Schwangerschaft. Die Fekundabilität ist die Wahrscheinlichkeit einer Empfängnis je Zyklus und wird als Verhältnis (Fekundabilitätsverhältnis über 1 bedeutet höhere Wahrscheinlichkeit) oder als Zeitverhältnis (über 1 bedeutet längere Zeit) berichtet [s79, s31]. Solche Maße enthalten immer auch den Anteil der Frau [s142, s31, s79, s126]. Gemeinsam mit Registerdiagnosen („Infertilität“) sind sie grobe Endpunkte. Wichtig für das Lesen der Zahlen: Odds Ratio (Chancenverhältnis) und Hazard Ratio (Ereignisratenverhältnis) von 1 bedeuten keinen Unterschied; Werte wie 1,14 oder 0,84 beschreiben kleine Verschiebungen.
Spermienqualität und die WHO-Referenzwerte von 2021
Die Qualität des Samens wird im Labor nach dem WHO-Handbuch untersucht. Das erste Handbuch erschien 1980; die sechste Ausgabe kam im Juli 2021 heraus (Life 2021, PMID 34947899). Gemessen werden das Volumen des Ejakulats, die Spermienkonzentration (Millionen je Milliliter), die Gesamtzahl je Ejakulat, die Beweglichkeit (gesamt, progressiv, nicht progressiv, unbeweglich), die Vitalität (Anteil lebender Spermien) und die Form (Morphologie, der Anteil normal geformter Spermien; beurteilt werden Defekte in allen Teilen der Spermien, vom Kopf bis zum Flagellum). Computergestützte Bewegungsanalysen (CASA) liefern Geschwindigkeits- und Bahnmaße wie VCL, VAP, VSL, LIN, STR, WOB, ALH und BCF [s58, s43]. Die Kombination aus Beweglichkeit und Zahl ergibt die gesamte bewegliche Spermienzahl (TMSC) [s14, s114, s57]. Die DNA-Fragmentierung, in russischen Studien mit der SCSA-Methode gemessen [s110], zählt zu den erweiterten Untersuchungen. Gebräuchliche Befundbezeichnungen sind Oligozoospermie (niedrige Konzentration), Asthenozoospermie (verminderte Beweglichkeit) und Teratozoospermie (hoher Anteil abnormer Formen).
Die Referenzwerte der sechsten Ausgabe beruhen auf der 5. Perzentile der Samenwerte von Männern, deren Partnerinnen innerhalb von zwölf Monaten auf natürlichem Weg schwanger wurden. Die folgende Tabelle gibt die Werte nach der Zusammenstellung von Boitrelle et al. 2021 in Life (PMID 34947899) wieder; die Konzentration steht dort in der abgerufenen Tabelle nicht und wird aus der Zusammenstellung von Campbell et al. 2021 in Andrology (PMID 33528873) übernommen.
| Parameter | WHO 2010 (5. Ausgabe) | WHO 2021 (6. Ausgabe) |
|---|---|---|
| Volumen (ml) | 1,5 (1,4 bis 1,7) | 1,4 (1,3 bis 1,5) |
| Konzentration (Mio./ml) | in der abgerufenen Tabelle nicht enthalten | 16 |
| Gesamtzahl (Mio. je Ejakulat) | 39 (33 bis 46) | 39 (35 bis 40) |
| Gesamtbeweglichkeit (%) | 40 (38 bis 42) | 42 (40 bis 43) |
| Progressive Beweglichkeit (%) | 32 (31 bis 34) | 30 (29 bis 31) |
| Vitalität (%) | 58 (55 bis 63) | 54 (50 bis 56) |
| Normale Formen (%) | 4 (3 bis 4) | 4 (3,9 bis 4) |
In Klammern das 95-%-Konfidenzintervall der Perzentile. Quellen: Boitrelle et al. 2021 (Tabelle 2), Campbell et al. 2021.
Drei Einschränkungen gehören zu diesen Zahlen. Erstens sind es keine Grenzen zwischen fruchtbar und unfruchtbar. Die sechste Ausgabe rückt ausdrücklich von starren Referenzgrenzen ab und spricht von „decision limits“ (Entscheidungsgrenzen), für die sie aber weder für die Basis- noch für die erweiterten Parameter Werte vorschlägt; die 5. Perzentile reichten allein nicht aus, um männliche Infertilität zu diagnostizieren (Life 2021, PMID 34947899). Auch ein Übersichtsartikel in Reproductive BioMedicine Online hält fest, dass die Bereiche und Grenzen missverstanden wurden, als seien sie scharfe Trennlinien zwischen Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit (PMID 35989166). Zweitens ist die Bezugsgruppe klein und uneinheitlich: Sie umfasst 3.589 fruchtbare Männer (1.800 aus der fünften Ausgabe und 1.789 neue), die Zahl der Herkunftsländer wird mit zwölf (Campbell, fünf Kontinente) beziehungsweise 13 (Boitrelle, sechs Kontinente) angegeben, und eine statistische Neubewertung kommt zu dem Schluss, dass die zusammengeführten Daten nicht aus derselben Bevölkerung stammen und die Voraussetzungen für gemeinsame Referenzbereiche nicht erfüllt seien (Human Reproduction 2022, PMID 35849333). Drittens unterscheiden sich die 5. Perzentile der sechsten Ausgabe laut Boitrelle nicht wesentlich von denen von 2010; wer ältere Studien liest, begegnet deshalb denselben Größenordnungen. In dieser Studie dienen die Tabellenwerte nur als Orientierung für das Lesen von Befunden; wo Studien eigene Schwellen verwenden (zum Beispiel weniger als 120 Millionen Spermien je Ejakulat als „niedrige Spermienzahl“ in einer chinesischen Studie [s120]), wird das genannt.
Weitere Einflüsse auf Samenwerte. Samenwerte schwanken ohnehin. Region, Alter, Karenzzeit und Jahreszeit gelten als wichtige Bestimmungsgrößen [s176]; jahreszeitliche Muster wurden mehrfach berichtet, so niedrigere Konzentrationen im Juli und August [s118], ein negativer Zusammenhang mit der Lufttemperatur [s90] und abweichende Muster bei Volumen, Beweglichkeit und Form [s53]; die Tageszeit der Probe verändert die Befunde [s87]. Jeder dieser Faktoren kann in einer Studie, die ihn nicht berücksichtigt, einen Zusammenhang mit Lärm, Licht oder Grün vortäuschen oder verdecken. Etwa jedes achte Paar im Fortpflanzungsalter ist von Infertilität betroffen, in rund 20 Prozent der Fälle allein durch männliche Ursachen, in weiteren 30 Prozent mitverursacht (Life 2021, PMID 34947899); die WHO beziffert die Prävalenz im Westpazifik mit 23,2 und weltweit mit 17,5 Prozent [s37].
Geschichte der Forschungsfrage
Frühe Arbeiten: Betrieb und Tierversuch. Die Frage, ob Lärm die männliche Fruchtbarkeit stört, ist alt und begann in der Arbeitsmedizin und im Tierversuch. Der deutschsprachige Beitrag von 1976 setzte 21 Meerschweinchen täglich drei bis fünf Stunden 110 Dezibel aus und fand histologisch keine Störung der Spermatogenese; der Autor führte das auf Mängel des Versuchsaufbaus zurück und zitierte ältere Befunde zu Industriearbeitern mit geringerer Kinderzahl [s182]. Ein japanischer Rattenversuch von 1982 mit 100 dB(C) fand weniger Geburten bei exponierten Weibchen, beschrieb aber keine getrennte Wirkung auf die Männchen oder ihre Spermien [s181]. Eine kurze Übersicht von 1989 stellte Lärm und elektromagnetische Felder nebeneinander und formulierte vor allem Forschungsfragen [s180], und eine französische Übersicht von 1998 behandelte chemische, physikalische und Lebensstilfaktoren sowie regionale Unterschiede der Spermatogenese [s179]. 2002 fand eine Klinikstudie mit 202 Patienten für Lärm eine Odds Ratio von 3,84 (1,63 bis 9,14); im Mehrfaktorenmodell blieben aber nur Industrie- und Bauberufe und kognitive Erschöpfung unabhängige Risikofaktoren [s178].
2007 bis 2016: Tierserien, Regionen und erste Metaanalysen. Ab 2007 nahmen die Tierstudien zu, zunächst mit Ratten bei 100 Dezibel [s177], dann in einer Serie aus dem Iran mit Lärm von 90 bis 120 Dezibel über 50 Tage [s168, s164, s165, s166, s167]. Parallel zeigte eine Stichprobe von 1.191 gesunden Chinesen aus sechs Provinzen, dass Region, Alter, Karenzzeit und Jahreszeit die Samenwerte bestimmen [s176], und ein Vergleich zweier südamerikanischer Städte fand regionale Unterschiede [s173]. Zu Licht erschienen Tierversuche mit Dauerlicht (die Spermatogenese wurde dabei sogar stimuliert [s163]) und Untersuchungen zur Rolle der Zirbeldrüse [s170]. 2014 bündelte eine systematische Übersicht 14 berufsbezogene und neun umweltbezogene Lärmstudien und betraf überwiegend Schwangerschaftsausgänge wie Geburtsgewicht und Frühgeburt, nicht Spermien [s158]. Ein Stadt-Land-Vergleich in Chongqing führte die schlechtere Samenqualität in der Stadt auf Luftschadstoffe zurück [s159]. 2015 fasste die Metaanalyse von Nagerstudien den Lärmeffekt auf das Testosteron zusammen [s154], während eine US-Studie mit 189 jungen Männern den Fernsehkonsum als Gegenstück zur körperlichen Aktivität untersuchte [s156]. 2016 wertete eine Studie die NHANES-Daten zu Arbeitslärm und Testosteron aus [s146].
2017 bis 2020: Register, Kliniken, zirkadiane Störung. 2017 erschienen die koreanische Versichertenstudie [s143] und die dänische Auswertung zur Zeit bis zur Schwangerschaft [s142], 2018 die Studie zum Abstand von Hauptstraßen [s136]. 2019 berichtete ein Cross-over-Versuch mit 17 jungen Männern, dass blau angereichertes Tageslicht Hormonveränderungen nach Schlafrestriktion weitgehend wiederherstellte [s129]. 2020 brachte mehrere Studien zugleich: die Seouler Nachtlärmstudie [s114], die Hybridstudie zur zirkadianen Desynchronisation bei Mensch und Maus [s120], die Fragebogenstudie zu abendlichen Medienbildschirmen [s116] und die ägyptische Melatoninstudie mit Nachtlicht [s117]. Der britische GRADE-Bericht zu Umgebungslärm und Gesundheit stufte die meiste Evidenz als niedrige Qualität ein und nennt männliche Spermienqualität im Abstract nicht [s115].
2021 bis 2026: Wohnumwelt und Satellitendaten. Seit 2021 verschiebt sich der Schwerpunkt von Betrieb und Tierversuch zur Wohnumwelt. Eine Studie aus Guangdong mit 9.142 Spendern eröffnete die Reihe der Grünflächenstudien [s113]; es folgten fünf weitere chinesische Auswertungen bis 2026 [s49, s50, s48, s43, s04]. Die Frage nach Licht erhielt Daten, als 2024 die Nachtlichtstudie mit Satellitenwerten erschien [s58], im selben Jahr die dänische Registerstudie zu Lärm und Feinstaub [s56] und ein Meinungsbeitrag, der Lichtverschmutzung als übersehenen Hodenfaktor beschrieb [s51]. 2025 folgte die Paarstudie mit 14.239.365 Paaren [s31], 2026 die prospektive Kohorte zur Wechselschicht [s18], eine Studie zu Schlafzimmerlicht und Pubertätsbeginn bei 886 Kindern [s20] und die Hypothese einer „zirkadianen Lichthygiene“ als Einflussgröße auf Fruchtbarkeits- und Geburtentrends [s06]. Die Autoren dieser Hypothese räumen selbst ein, dass direkte Belege für ursächliche Wirkungen beim Menschen für mehrere Endpunkte begrenzt bleiben.
Die Leitlinien. Die Leitlinien spiegeln diese Entwicklung bisher nicht. Die AUA/ASRM-Leitlinie (2020, geändert 2024) stellt fest, dass Lebensstilfaktoren sehr schwer zu untersuchen seien, und hält fest, dass für Schlaf, Sport, Hitze und weitere Faktoren keine systematische Übersicht die Einschlusskriterien erfüllte; Lärm, Nachtlicht, Bildschirmlicht, Grünflächen und Wohnort kommen als Faktoren nicht vor [s54]. Das EAU-Kapitel nennt Umweltverschmutzung, oxidativen Stress und Lebensstil allgemein, aber weder Lärm noch Licht noch Grün [s183]. Die französische Leitlinie behandelt die „Prävention von Umweltexpositionen“ als eines von fünf Themen; ihr Abstract nennt Ernährung, Bewegung, Rauchverzicht und Alkohol, jedoch weder Lärm noch Licht [s55]. Für ESHRE, AWMF und die italienische Gesellschaft für Andrologie war kein durchsuchbarer Leitlinientext erreichbar; die Aussage „es gibt keine“ ist für diese drei nicht bewiesen.
Warum Lärm, Licht, Grün und Wohnort zusammen betrachtet werden
Die vier Themen werden in einer Studie behandelt, weil sie am selben Ort wirken und in Beobachtungsstudien kaum zu trennen sind. Ein städtisches Wohnviertel kann mehr Außenbeleuchtung, mehr Verkehrslärm, mehr Luftschadstoffe, weniger Vegetation und oft eine andere soziale Lage haben als ein ländliches. Die Studien liefern dafür Anhaltspunkte, aber keine saubere Zerlegung. In der Studie mit 14 Millionen Paaren waren die Zusammenhänge von Grün und Nachtlicht in städtischen Regionen und bei schlechteren Umweltbedingungen stärker [s31]. In Chongqing hatte das Stadtgebiet höhere Luftbelastung und die schlechtere Samenqualität [s159]. In Georgia hing die Benachteiligung eines Wohngebiets mit weniger beweglichen Spermien zusammen, und die Teilrecherche weist darauf hin, dass Lärm-, Licht- und Grünwirkungen mit dem Sozialstatus vermengt sein können [s14]. In der Schweiz lag der niedrigste Cluster nicht in der Stadt, sondern in einer landwirtschaftlich geprägten Gegend mit weniger Bebauung [s34]; das ist kein einfaches Muster von „Stadt schlecht, Land gut“. In Subsahara-Afrika hatten Männer, die in die Stadt zogen, weniger Kinder als ländliche Nichtmigranten, doch das ist Bevölkerungsdemografie, nicht Samenqualität [s72].
Nur wenige Studien rechnen mehrere Einflüsse gleichzeitig. Die dänische Studie bereinigt den Feinstaubeffekt um Lärm [s56], die koreanische Versichertenstudie den Lärmeffekt um Feinstaub [s143], und mehrere chinesische Grünstudien prüfen Wechselwirkungen mit Luftschadstoffen [s49, s04, s23, s05]. Eine Studie, die Lärm, Licht und Grün gemeinsam modelliert, wurde in keinem der durchsuchten Sprachräume gefunden. Die weiteren Kapitel der Gesamtstudie behandeln deshalb jede Exposition einzeln und beschreiben jeweils, welche Störfaktoren die Studien berücksichtigen.
Nachweise der Hintergrundquellen
Die folgenden Arbeiten wurden gezielt über Europe PMC abgerufen, um Hintergrundangaben dieses Kapitels zu belegen. Sie sind nicht Teil der 183 nummerierten Quellen der Studie.
- Boitrelle et al. 2021: The Sixth Edition of the WHO Manual for Human Semen Analysis: A Critical Review and SWOT Analysis. Life (Basel), PMID 34947899 (Volltext PMC8706130, Tabelle 2 und Text zur Referenzpopulation).
- Campbell et al. 2021: Distribution of semen examination results 2020 – A follow up of data collated for the WHO semen analysis manual 2010. Andrology, PMID 33528873 (Konzentration 16 Millionen je Milliliter).
- Paffoni et al. 2022: The statistical foundation of the reference population for semen analysis included in the sixth edition of the WHO manual: a critical reappraisal of the evidence. Human Reproduction 2022, PMID 35849333.
- Björndahl 2022: A paradigmatic shift in the care of male factor infertility: how can the recommendations for basic semen examination in the sixth edition of the WHO manual and the ISO 23162:2021 standard help? Reproductive BioMedicine Online 2022, PMID 35989166.
- Development of the WHO Environmental Noise Guidelines for the European Region: An Introduction. Int J Environ Res Public Health 2018, PMID 29677170.
- Tranquillity as a Determinant of Health: A Synthesis of Exposure Surrogates and Operationalization for Environmental Epidemiology. Noise Health 2026, PMID 42446322 (Volltext PMC13399564; Lden-Werte der WHO-Lärmleitlinien 2018 und der EU-Richtlinie).
- Critical Windows of Air Pollution Exposure During Spermatogenesis and Intrauterine Insemination Outcomes. Paediatr Perinat Epidemiol 2026, PMID 42551848 (74-Tage-Fenster).
- Evening Light-Emitting Diode Screen Exposure, Melanopsin-Mediated Circadian Disruption, and Optical Filtration for Sleep Hygiene: A Narrative Review in the Indian Context. Cureus 2026, PMID 42524168 (Lichtweg über Melanopsin-Zellen).