Sichelzellkrankheit: Samenqualität und Hydroxyurea bei Erwachsenen
Leblanc et al. 2025 (Andrology, Paris) [s27]. Retrospektive Studie am Fertilitätszentrum Tenon, 2012 bis 2023: 121 Männer mit Sichelzellkrankheit, davon 117 mit erfolgreicher Samenabgabe, verglichen mit 107 gesunden Samenspendern; Einteilung nach Hydroxyurea in ohne (WHU), laufend (OHU) und früher (PHU). Alle Samenparameter (Volumen, Konzentration, Gesamtzahl, Beweglichkeit, Vitalität, Morphologie) waren bei Patienten ohne Hydroxyurea gegenüber Spendern signifikant vermindert. 9 Männer hatten Azoospermie und 45 Oligozoospermie, gegenüber 11 Spendern mit Oligozoospermie (p < 0,05). Ein Hydroxyurea-Effekt war wegen kleiner Gruppen nicht nachweisbar. Fertilitätserhalt: im Mittel 1,96 Gewinnungen je Patient mit im Mittel 8,7 Strohhalmen, meist mit späterer ICSI-Notwendigkeit; 7 Patienten nutzten ihre kryokonservierten Spermien, daraus 2 Geburten. Stärken: größte Serie dieser Art nach Angabe der Autoren, Spenderkontrolle, standardisierte WHO-Methodik. Schwächen: Überweisungsselektion, Spender statt gleichaltriger Männer als Kontrolle, kleine Hydroxyurea-Gruppen. Einordnung: Die Studie zeigt, dass Spermienparameter bei Sichelzellkrankheit schon ohne Hydroxyurea häufig vermindert sind; das relativiert Vergleiche gegen den Ausgangswert wie in der Metaanalyse [s50].
Berthaut et al. 2008 (Haematologica) [s170]. Retrospektive Mehrzentrenstudie mit 44 Patienten und 108 Samenproben (76 vor Behandlung). Bei 91 Prozent bestand vor der Behandlung mindestens ein auffälliger Spermienparameter; unter Hydroxyurea schienen alle Parameter innerhalb von weniger als 6 Monaten betroffen, dann folgte ein Plateau. Nach Absetzen bestand bei 30 Patienten global kein statistischer Unterschied zwischen vor und nach Behandlung; bei vier Personen blieb eine rasche Erholung aus, und bei etwa der Hälfte lag die Gesamtspermienzahl pro Ejakulat unter dem Normbereich. Schwächen: retrospektiv, uneinheitliche Probenzahl je Patient, keine Konfidenzintervalle im Abstract. Einordnung: Die Arbeit ist eine der Grundlagen der Metaanalyse [s50].
Sahoo et al. 2017 (Journal of the Association of Physicians of India) [s127]. Prospektive Studie in einem indischen Zentrum (September 2011 bis Oktober 2013) mit 100 männlichen Patienten (15 bis 45 Jahre). Ohne Hydroxyurea entwickelten 18 Prozent eine Oligospermie und 4 Prozent eine Azoospermie; mit Hydroxyurea (10 mg/kg/Tag) 20 Prozent Oligospermie und 10 Prozent Azoospermie. Nach 3 Monaten ohne Hydroxyurea normalisierten sich die Werte bei 73 Prozent. Schwächen: Hydroxyurea nur bei Patienten mit vorher normalem Samenbefund und häufigen Krisen, also nicht randomisiert; Gruppengrößen im Abstract nicht genannt.
Lukusa et al. 2009 (Pediatric Hematology and Oncology) [s168]. Fallserie mit 10 Männern mit Sichelzellanämie (18 bis 34 Jahre): 4 mit Hydroxyurea, 6 nach Stammzelltransplantation (Nachbeobachtung median 10,5 beziehungsweise 15,5 Jahre). Azoospermie bei 3 von 6 nach Transplantation und 2 von 4 unter Hydroxyurea; ein transplantierter Mann hatte normale Samen- und Hormonbefunde. Die Autoren sehen die Beeinträchtigung unter Hydroxyurea von der Behandlungsdauer abhängig. Schwäche: n = 10.
Grigg 2007 (Internal Medicine Journal) [s177]. Retrospektive Fallserie von vier erwachsenen Männern mit Sichelzellkrankheit oder myeloproliferativer Erkrankung unter Hydroxyurea: Spermienzahl und Beweglichkeit gesenkt, Morphologie auffällig; nach Absetzen erholte sich bei einem Mann mit Azoospermie die Spermatogenese, in zwei von drei Fällen blieben Morphologie und Beweglichkeit beeinträchtigt. n = 4.
Masood et al. 2007 (International Urology and Nephrology) [s178]. Fallbericht (kein Sichelzellfall): 35-jähriger Mann mit essenzieller Thrombozythämie, Hydroxyurea 2 g täglich; nach 3 Jahren Azoospermie, Rückkehr der Spermatogenese innerhalb von etwa 6 Monaten nach Absetzen, die Ehefrau konzipierte innerhalb von 4 Monaten. Nur als Einzelbeleg für Reversibilität bei einer anderen Erkrankung zu lesen.
Joseph et al. 2021 (Blood) [s85]. Vergleichende Kohortenstudie: 26 Samenproben von 15 Patienten (median 17 Jahre), die in der Kindheit Hydroxyurea erhielten (Beginn median 6 Jahre, Dauer median 4 Jahre, mittlere Dosis 22,4 ± 3,7 mg/kg/Tag), gegenüber 46 Proben von 23 Hydroxyurea-naiven Patienten (20 Jahre). Alle Patienten wiesen deutliche quantitative und qualitative Samenauffälligkeiten auf; es gab keine signifikanten Unterschiede in Volumen, Konzentration, Gesamtzahl, Beweglichkeit, Morphologie und Vitalität zwischen den Gruppen. Zum Zeitpunkt der Analyse erhielten 100 Prozent der Hydroxyurea-Gruppe und 52 Prozent der naiven Gruppe Transfusionen; die Autoren lassen offen, ob Transfusion die Toxizität umkehren könnte. Schwächen: Transfusionsstatus als Störgröße, kleine Zahlen, mehrere Proben je Patient.
Singh et al. 2022 (International Journal of Clinical and Experimental Pathology, Indien) [s77]. Altersgematchte Fall-Kontroll-Studie mit 58 Männern je Gruppe (18 bis 45 Jahre, Chhattisgarh). Der Abstract ist widersprüchlich: Er nennt unterschiedliche pH, Spermienzahl, Gesamtbeweglichkeit und normale Morphologie (p < 0,001) und zugleich keinen Unterschied in der Beweglichkeit (p > 0,05); die Schlussfolgerung lautet dennoch, Männer mit Sichelzellkrankheit in Chhattisgarh hätten keine reproduktiven Störungen wie niedriges Testosteron, schlechte Samenqualität oder Hypogonadismus. Dies steht gegen praktisch alle anderen Quellen und ist wegen der internen Widersprüche mit großer Vorsicht zu lesen; ich werte die Arbeit nicht als Gegenbeleg.
Koras et al. 2022 (Andrologia, Antakya, Türkei) [s72]. Prospektive Vergleichsstudie: 50 Männer mit Sichelzellanämie und 88 Kontrollen, Scherwellen-Elastographie der Hoden. 28 Prozent der Patienten hatten beeinträchtigte Spermienparameter. Hodenvolumen rechts 14,76 (Interquartilbereich 12,77 bis 18,12) gegenüber 19,68 (15,12 bis 24,18; p < 0,001), links 14,11 (11,06 bis 17,32) gegenüber 16,59 (13,38 bis 20,13; p = 0,015) (Einheit im Abstract nicht angegeben). Die Steifigkeit war links zentral (p < 0,001) und links unten (p = 0,014) höher. Alter und Hydroxyurea-Gebrauch verschlechterten die Spermienparameter (Koeffizienten -0,161 und -1,914; p = 0,024 und 0,038); die Quelle bezeichnet sie als "odds ratio", angegeben sind aber negative Werte mit Standardabweichung, also vermutlich Regressionskoeffizienten. Schwächen: Kontrollgruppe nicht näher beschrieben, Interquartilbereiche sind keine Konfidenzintervalle, Steifigkeit nur links signifikant (Mehrfachvergleiche), Abgrenzung zwischen Krankheits- und Hydroxyurea-Wirkung wegen kleiner Zahl unscharf; eine Prüfung der Elastographie gegen eine Hodenbiopsie ist im Abstract nicht erkennbar.
Modebe und Ezeh 1995 (Fertility and Sterility, Nigeria) [s206]. Vergleichende Querschnittsstudie: 22 erwachsene Männer mit homozygoter Sichelzellkrankheit und 20 gesunde Kontrollen. Body-Mass-Index, Hodenvolumenindex, Testosteron und Samenindizes waren bei Patienten signifikant niedriger; FSH, LH und Prolaktin unterschieden sich nicht. Patienten über 25 Jahre hatten höheres Testosteron, Hodenvolumen und Spermiendichte als Patienten bis 25 Jahre; die Autoren schließen auf eine altersabhängige Besserung des Hypogonadismus. Schwäche: kleine Gruppen, Querschnitt statt echter Verlaufsbeobachtung.
Ezeh und Modebe 1996 (Human Biology) [s203]. Vergleichende Querschnittsstudie bei Männern mit Sichelzellmerkmal (heterozygot) gegenüber Männern mit normalem Genotyp: Testosteron, LH, FSH, Prolaktin, Samenindizes und Hodenvolumen ohne Unterschied. Die Autoren sehen keinen Nachweis einer erhöhten gonadalen Fertilität bei Merkmalsträgern. Bedeutung: ein Negativbefund für das Sichelzellmerkmal; die Gruppengrößen stehen nicht im Abstract.
Sichelzellkrankheit: Hormonstatus, Hodenvolumen und Pubertät
Ribeiro et al. 2021 (Clinical Endocrinology) [s88]. Querschnitt mit 34 Männern mit Sichelzellkrankheit (Alter median 33 Jahre; Genotyp SS bei 73,5 Prozent). Eugonadismus 67,5 Prozent, kompensierter Hypogonadismus 26,4 Prozent (Testosteron ab 300 ng/dl bei LH über 9,4 mIU/ml), sekundärer Hypogonadismus 5,88 Prozent, primärer Hypogonadismus keiner. Bei kompensiertem Hypogonadismus war FSH höher (über 7,8 mIU/ml; p < 0,0001). Schwächen: n = 34; die Definition des kompensierten Hypogonadismus beruht auf einem einzigen Schwellenpaar.
Taddesse et al. 2012 (Acta Haematologica) [s151]. Querschnitt mit 34 Männern: 8 (24 Prozent) hypogonadal nach Testosteron; LH (p = 0,001) und FSH (p = 0,01) waren niedriger als bei normogonadalen Männern, was nach Angabe der Autoren auf eine zentrale Ursache hindeutet; kein Unterschied im Ferritin zwischen hypogonadalen und normogonadalen Männern (p = 0,71). Die Befunde widersprechen [s88] (kein primärer Hypogonadismus) nur teilweise und der Übersicht [s74] (primäres Hodenversagen als Hauptursache) deutlich.
Martins et al. 2019 (Clinical Endocrinology) [s106]. Querschnittsstudie mit Kontrollen an Männern mit homozygoter Sichelzellkrankheit (18 bis 39 Jahre, Median 29,5): Basale LH-, FSH- und Testosteronwerte ähnlich wie bei Kontrollen, PSA niedriger, LH-Antwort 60 Minuten nach GnRH höher. Die Autoren deuten dies als Hinweis auf eine periphere Ursache, wahrscheinlich Androgenresistenz. Schwäche: Die Patientenzahl steht nicht im Abstract.
Mostafa et al. 2020 (Journal of Blood Medicine, Ägypten und Saudi-Arabien) [s96]. Querschnitt mit 80 erwachsenen Männern mit Sichelzellanämie (18 bis 45 Jahre), nach Ferritin in zwei Gruppen zu je 40 geteilt (über 300 gegenüber 20 bis 270 ng/ml); ausgeschlossen waren Transfusion in den letzten 4 Wochen und Hydroxyurea. Testosteron war in Gruppe II höher (5,18 ± 2,85 gegenüber 4,11 ± 1,61 ng/ml; p = 0,018), LH in Gruppe I höher (Median 8,3, Interquartilbereich 2,57 bis 10,50 gegenüber 4,14, 3,50 bis 4,99 mIE/ml; p = 0,019); FSH (p = 0,105) und Prolaktin (p = 0,475) ohne Unterschied. In Gruppe I korrelierte Ferritin mit Testosteron (r = 0,32, positiv), LH (r = -0,30) und Prolaktin (r = 0,56); in Gruppe II keine signifikanten Korrelationen. Das Muster niedrigeres Testosteron bei höherem LH wäre mit einer testikulären Störung vereinbar; die positive Ferritin-Testosteron-Korrelation in Gruppe I läuft dem entgegen. Die Autoren räumen ein, dass die Ergebnisse nicht schlüssig sind. Stärken: Gruppenvergleich nach Eisenstatus, nur Männer, Ausschluss von Hydroxyurea. Schwächen: Querschnitt, Ferritin steigt auch bei Entzündung, keine Spermiogramme.
Garadah et al. 2016 (Journal of Blood Medicine, Bahrain) [s130]. Fall-Kontroll-Querschnitt mit 82 erwachsenen HbSS-Patienten (Alter 21 ± 5,7 Jahre; 51 Männer, 62 Prozent) und alters- und geschlechtsgleichen Kontrollen. Testosteron bei Männern 8,8 gegenüber 14,7 nmol/l (p < 0,001). Hypogonadismus 9,8 Prozent, subklinischer Hypothyreoidismus 7, Nebenniereninsuffizienz 4,8, Vitamin-D-Mangel 61 Prozent. Ferritin war etwa 2,5-fach höher als bei Kontrollen; inverse Beziehung zwischen Ferritin und Testosteron (Regressionskoeffizient -0,49; p < 0,001). 21 von 51 Männern (41 Prozent) berichteten eine um 2 bis 3 Jahre verzögerte Pubertät. Schwächen: ein Zentrum, Pubertätsangaben aus der Anamnese, Ferritin als Eisenmarker.
Okorie et al. 2021 (Journal of Tropical Pediatrics, Uyo, Nigeria) [s86]. Querschnitt mit 95 Kindern mit Sichelzellanämie (1 bis 18 Jahre) und 95 Kontrollen, Hodenvolumen per Ultraschall. Präpubertär hatten HbSS-Kinder größere mediane Hodenvolumina als HbAA (p = 0,001); ab der Pubertät kehrte sich dies um. Prädiktoren waren die Häufigkeit von Hodenschmerzen (p = 0,04), das Gewicht (p = 0,02) und das Schamhaarstadium (p = 0,03). Schwächen: Querschnitt, kein Verlauf.
Pubertät bei Kindern mit Sichelzellkrankheit. Uchendu et al. 2010 (Nigeria) [s162] fanden verzögerte Reifung gegenüber Kontrollen; die Hodenvolumina waren kleiner, im Verhältnis zum Tanner-Stadium aber nicht unterschiedlich. Betoko et al. 2023 (Kamerun, Fall-Kontroll, 64 Kinder von 8 bis 18 Jahren) [s58]: verzögerte Pubertät bei 10 Prozent der Jungen und 27,3 Prozent der Mädchen; das Anti-Müller-Hormon war bei Jungen höher als bei Kontrollen (45,9 gegenüber 17,65 ng/ml; p = 0,018). Ozen et al. 2013 (Türkei, 50 Kinder, englischsprachig) [s145] und Taşdelen et al. 2013 (Türkei, 50 Kinder und Jugendliche, mittleres Alter 13,1 ± 2,9 Jahre; türkischsprachige Fassung) [s147] sind nach Fallzahl und Prozentwerten offenbar dieselbe Erhebung in zwei Sprachfassungen und werden hier nicht doppelt gezählt: hypergonadotroper Hypogonadismus bei 3 Patienten (6 Prozent), zu kleines Hodenvolumen bei 3 Jungen (8,5 Prozent), Vitamin-D-Mangel als häufigste Auffälligkeit (63,2 Prozent mangelhaft, 18,4 Prozent unzureichend), Ferritin, Geschlecht, Krankheitstyp, Transfusions- und Krisenhäufigkeit ohne Zusammenhang mit den endokrinen Befunden. Backeljauw et al. 2026 (REACH-Studie, Subsahara-Afrika; 310 Jungen und 296 Mädchen, prospektiv, offen) [s04]: unter Hydroxyurea in maximal verträglicher Dosis verbesserten sich Gewicht und Größe; die Pubertät war bei 25 bis 30 Prozent der Kinder verzögert, mit allmählichem Fortschritt; das Anti-Müller-Hormon war bei 52 Prozent der Jungen am Ausgangspunkt und bei 28 Prozent im Verlauf niedrig; die Autoren sehen keinen negativen Effekt auf die Pubertät. Schwäche: unkontrollierte Verlaufsbeobachtung ohne unbehandelte Vergleichsgruppe.
Sichelzellkrankheit: Spermatogonien, Fertilitätserhalt, Transplantation und Versorgung
Benninghoven-Frey et al. 2022 (Haematologica) [s67]. Histologische Querschnittsstudie (Volltext) mit Hodengewebe von 29 Jungen (2,8 bis 15,1 Jahre) aus den Fertilitätserhaltprogrammen Androprotect (n = 19) und Nordfertil (n = 10) sowie zwei Erwachsenen. Nach MAGEA4-Färbung lagen bei 17 von 29 die Spermatogonienzahlen pro Hodenkanälchenquerschnitt unter den Referenzwerten gesunder Jungen (Z-Score unter -3); bei vier fehlten Spermatogonien ganz; bei 21 von 29 lagen die Fertilitätsindex-Z-Werte unter dem Referenzwert. Es bestand eine Korrelation zwischen Spermatogonienzahl und dem Alter bei Beginn von Hydroxyurea (p = 0,029; r = 0,476); jüngeres Alter korrelierte mit niedrigerem Z-Wert (p = 0,015; r = 0,492). Ein Alter von 2,4 Jahren bei Hydroxyurea-Beginn identifizierte Proben mit sehr niedrigen Spermatogonienzahlen (Z-Wert unter -7) mit einer Fläche unter der Kurve von 0,84 (95-%-Konfidenzintervall 0,67 bis 1,00), Sensitivität 75 und Spezifität 82 Prozent. Es gab keinen Unterschied zwischen Hydroxyurea-exponierten (n = 21) und nicht exponierten (n = 3) Patienten (p = 0,9999) und keine Korrelation mit Dosis oder Dauer. Die Autoren betonen selbst, die Korrelation beweise nicht, dass früher Hydroxyurea-Beginn die niedrigen Werte verursacht. Stärken: histologische Direktmessung, verblindete Auszählung, Z-Werte. Schwächen: nur drei nicht exponierte Patienten, nur 24 auswertbare Proben, Konfundierung durch Alter und Behandlungsära (jüngere Kinder erhielten Hydroxyurea früher; p < 0,001; r = 0,713), Referenzdaten aus der Literatur.
Masliukaite et al. 2023 (Human Reproduction) [s61]. Multizentrische retrospektive Kohorte mit 101 Jungen unter 14 Jahren (solide Tumoren, ZNS-Tumoren, Leukämie/Lymphom oder nicht maligne hämatologische Erkrankungen) vor gonadotoxischer Behandlung. Reduzierte Spermatogoniendichte bei 48,5 Prozent gegenüber 31,0 Prozent in simulierten gesunden Kontrollen; am höchsten bei ZNS-Tumoren (56,7 Prozent) und hämatologischen Erkrankungen (55,6 Prozent), darunter Sichelzellkrankheit mit Hydroxyurea-Vorbehandlung (58,3 Prozent) und ohne (50 Prozent); am stärksten betroffen waren Jungen unter 7 Jahren. Wesentliche Einschränkung: Die Kontrollen wurden statistisch aus Literaturdaten simuliert; kleine Zahlen je Untergruppe.
Boga et al. 2022 (Experimental and Clinical Transplantation) [s68]. Prospektive Beobachtungsstudie mit 43 von 61 geeigneten Erwachsenen mit Sichelzellkrankheit nach nicht-myeloablativer allogener Transplantation (Alter bei Transplantation median 29 Jahre). Die Transplantation war bei Männern mit signifikantem Azoospermie-Risiko verbunden (Odds Ratio 4,35; 95-%-Konfidenzintervall 1,02 bis 18,45; p = 0,017); mittelschwere bis schwere erektile Dysfunktion bei 2 Männern (10 Prozent); bei Männern ein Kind nach IVF und eine spontane Konzeption. Die Angaben zu Frauen enthalten eine Odds Ratio von 93 mit einem Konfidenzintervall von 4,94 bis 17,50, das den Punktschätzer nicht enthält, ein offensichtlicher Berichtsfehler der Quelle.
Elchuri et al. 2020 (Journal of Pediatric Hematology/Oncology) [s94]. Retrospektive Aktenauswertung mit 40 Personen (24 Frauen) nach Transplantation mit Alkylanzien-Konditionierung (Alter bei Transplantation 9 ± 4,3 Jahre; Zeit seit Transplantation 7,9 ± 5,6 Jahre); 38 Prozent der Jungen hatten zuvor Hydroxyurea erhalten. Bei Männern waren LH und Testosteron altersgerecht normal, bei allen Frauen die Ovarialreserve eingeschränkt. Das heißt: Die Leydig-Funktion war erhalten; eine Aussage zur Spermatogenese enthält der Abstract nicht.
George et al. 2024 (Transplantation and Cellular Therapy) [s42]. Sekundäranalyse von Registerdaten mit 32 pubertären Transplantierten (12 Männer, Alter median 20,8 Jahre). Alle Männer hatten normale Testosteronwerte, 63,6 Prozent ein erhöhtes FSH, was auf eine eingeschränkte Spermatogenese hindeutet. 25 Prozent der Eltern (bei unter 18-Jährigen) und 45 Prozent der Patienten ab 18 Jahren gaben an, nicht über das Infertilitätsrisiko aufgeklärt worden zu sein.
Hmaidan et al. 2025 (Transplantation and Cellular Therapy) [s24]. Einzentrums-Fallserie zum Fertilitätserhalt vor Gentherapie mit 40 Patienten, davon 17 Männer (8 mit Sichelzellkrankheit, 9 mit Thalassämie). Mediane Zahl kryokonservierter Spermienportionen 2 (Spanne 1 bis 2) bei Sichelzellkrankheit gegenüber 6 (1 bis 15) bei Thalassämie; mediane Spermienkonzentration 7,1 Millionen/ml (0 bis 160) gegenüber 80,4 (0,9 bis 421). Zwei Männer zeugten Kinder ohne kryokonservierte Proben. Schwäche: sehr kleine Fallzahl, deskriptiv. Einordnung: Auch ohne Hydroxyurea oder Transplantation unterscheidet sich die Spermienausgangslage der beiden Krankheiten stark, was zur Rolle der Krankheit selbst passt.
Creary et al. 2024 (Pediatric Blood and Cancer) [s41]. Machbarkeitsstudie: Von 33 Jugendlichen, denen nach einem Aufklärungsprogramm eine kostenlose Samenanalyse angeboten wurde, ließen 5 (15 Prozent) testen; alle fünf hatten Auffälligkeiten. Hindernisse waren Zeit, Transport und Unbehagen. Schwäche: n = 5 mit Befund.
Stevenson et al. 2023 (Pediatric Blood and Cancer) [s62]. Querschnitt im Register des Sickle Cell Disease Implementation Consortium: 884 Männer und 1224 Frauen. Selbstberichtete Unfruchtbarkeit bei 16,9 Prozent der Männer und 23,7 Prozent der Frauen (Allgemeinbevölkerung nach Quelle: 12 Prozent der Männer und 11 Prozent der Frauen). Nur 22,8 Prozent dieser Untergruppe suchten eine Fertilitätsberatung auf; 41 Prozent davon erhielten Fertilitätstests. Keine Unterschiede nach Genotyp oder selbstberichteter Hydroxyurea-Anwendung. Schwäche: Selbstauskunft ohne Samenanalyse.
Umeda et al. 2018 (Japan) [s118] und Cho et al. 2004 (Korea) [s186]. Spermienkonservierung bei Bluterkrankungen: In einer japanischen Analyse von 19 Patienten ab 10 Jahren (Median 15) mit geplanter allogener Stammzelltransplantation (8 hämatologische Malignome, 11 nicht maligne Erkrankungen) wurden 10 von 19 über die Möglichkeit aufgeklärt, bei 7 wurde die Konservierung versucht, bei 5 gelang sie; welche nicht malignen Erkrankungen eingeschlossen waren, nennt der Abstract nicht [s118]. Ein koreanischer Fallbericht mit zwei Männern (schwere aplastische Anämie, chronische myeloische Leukämie) beschreibt Schwangerschaften der Partnerinnen per ICSI mit zuvor eingefrorenen Spermien [s186].
Sichelzellkrankheit: Sexuelle Funktion, Priapismus und Hodenzwischenfälle
Der Priapismus betrifft die erektile Funktion, nicht die Spermatogenese; er wird hier wegen der Fertilitätsrelevanz über die Sexualfunktion mitgeführt.
Idris et al. 2020 (Blood Advances, Kano, Nigeria) [s95]. Vergleichende Querschnittsbefragung mit 500 Männern mit und 250 ohne Sichelzellkrankheit (18 bis 40 Jahre). Priapismus-Prävalenz 32,6 gegenüber 2 Prozent (p < 0,001); stotternder Priapismus machte 73,6 Prozent der Episoden aus; fast 50 Prozent suchten nie ärztliche Hilfe; erektile Dysfunktion war mehr als doppelt so häufig bei Sichelzellkrankheit (p = 0,01). Stärke: große Gruppe mit Vergleichsgruppe. Schwäche: Selbstauskunft.
Alsalman et al. 2026 (Medicina, Saudi-Arabien) [s03]. Querschnitt (Februar 2024 bis August 2025) mit 240 Männern mit Sichelzellkrankheit; 33 (13,8 Prozent) berichteten Priapismus in der Vorgeschichte (Alter beim ersten Ereignis median 29 Jahre, Interquartilbereich 21 bis 35). Univariat: Transfusion in der Vorgeschichte Odds Ratio 6,33 (95-%-Konfidenzintervall 1,47 bis 27,27; p = 0,013), Hydroxyurea 3,25 (1,20 bis 8,77; p = 0,020). Multivariat blieb nur die Transfusionsvorgeschichte (adjustierte Odds Ratio 10,36; 1,32 bis 81,14; p = 0,026). Nach Alter getrennt: bei unter 30-Jährigen kein Zusammenhang mit Hydroxyurea (0,77; 0,13 bis 4,47), bei 30-Jährigen und älteren 5,97 (1,71 bis 20,88; p = 0,005). Hydroxyurea-Anwender (n = 159) hatten den ersten Priapismus in jüngerem Alter als Nichtanwender (n = 81; Log-Rank p = 0,012). 45,5 Prozent der Episoden traten im Schlaf auf; Plättchenzahl median 391,5 gegenüber 280,0 × 10⁹/l (p = 0,001). Die Autoren warnen vor Verzerrung durch Alter, Krankheitsschwere und Behandlungsindikation. Stärken: 240 Männer, multivariate Analyse, Altersstratifizierung. Schwächen: Selbstbericht per Fragebogen, sehr weite Konfidenzintervalle, nur 33 Ereignisse, Hydroxyurea und Transfusion hängen mit der Krankheitsschwere zusammen.
Morrison et al. 2015 (International Urology and Nephrology) [s136]. Querschnitt mit 50 Männern mit HbSS (Alter 34,2 ± 8,9 Jahre): Priapismus bei 24 (48 Prozent); Testosteronmangel (Gesamttestosteron unter 12 nmol/l) bei 11 von 50 (22 Prozent) und bei 6 von 24 (25 Prozent) mit Priapismus-Vorgeschichte. Mittleres Gesamttestosteron mit Priapismus 16,7 ± 4,9 gegenüber 15,4 ± 5,9 nmol/l ohne (p = 0,43). Keine Assoziation zwischen Testosteronmangel und Priapismus nachweisbar; mit n = 50 ist die Aussagekraft begrenzt.
De Oliveira et al. 2025 (Cureus, Bahia, Brasilien) [s17]. Querschnittliche Validierungsstudie mit 33 erwachsenen Männern: 33 Prozent mit Priapismus in der Vorgeschichte; mittelschwere bis schwere erektile Dysfunktion nach IIEF-5 bei 15 von 33 (45,5 Prozent); Fläche unter der Kurve gegenüber IIEF-5 0,85 (Erection Hardness Score), 0,82 (Einzelfrage der MMAS) und 0,90 (Erectometer). Schwäche: n = 33.
Gaye et al. 2022 [s70] und Wallois et al. 2012 [s153] (französischsprachig). Gaye et al. (Senegal, Fall-Kontroll-Studie): 191 SS-Patienten (Alter 27,1 ± 7,1 Jahre), Priapismus bei 43,5 Prozent; 77 beantworteten den IIEF-15; die Gruppen ohne und mit intermittierendem Priapismus erreichten bessere Erektions- und Orgasmuswerte als die Gruppe mit akutem Priapismus. Wallois et al. (Martinique, retrospektive Befragung): 68 Patienten, Priapismus bei 37,3 Prozent, gleiches Muster mit längeren und häufigeren Episoden bei niedrigerem Erektionswert. Fall et al. 2010 (Senegal) [s159]: 22 Patienten mit ischämischem Priapismus (Alter 19,5 ± 9,9 Jahre); bei 9 von 13 Patienten über 16 Jahren (69,2 Prozent) bestand später eine erektile Dysfunktion, korreliert mit der Priapismus-Dauer, nicht mit dem Sichelzell-Phänotyp. Schwächen: ein Zentrum, Selbstauskunft, kleine Zahlen.
Adawi et al. 2022 (World Journal of Pediatric Surgery) [s65]. Fall-Kontroll-Studie mit 48 Patienten mit Sichelzellanämie und Hodentorsion und 46 Kontrollen: Hodenerhalt bei 73 Prozent nach Operation; Thrombozytenindizes (MPV, PDW, PCT) waren bei Torsion mit Sichelzellanämie höher. Für den Hodenerhalt sprachen eine Symptomdauer unter 7 Stunden (p ≤ 0,001), MPV ab 11,5 fL (Orchiektomie) und PDW ab 12,7 fL; multivariat waren erhöhtes PDW und Symptomdauer prognostisch. Schwäche: Die Wirkung auf die Fertilität wurde nicht untersucht.
Terzi et al. 2016 (Turkish Journal of Hematology) [s132]. Prospektive Querschnittsstudie mit 44 Patienten mit homozygoter HbS-Mutation (Gruppe A, n = 31, mit Chelattherapie; Gruppe B, n = 13, ohne). Die HFE-Variante p.H63D fand sich bei 10 Patienten in Gruppe A (32,3 Prozent) und bei 1 in Gruppe B (7,7 Prozent). Die Leber-Eisenablagerung war in Gruppe B signifikant höher (p = 0,046); in Gruppe A war sie bei HFE-Mutationsträgern höher als ohne Mutation (p = 0,05). Es geht nicht um Gonaden, sondern um HFE-Varianten als Modifikator der Eisenlast bei Sichelzellkrankheit; der Fertilitätsbezug ist mittelbar. Schwächen: kleine, ungleiche Gruppen, p-Wert am Grenzwert, Gruppeneinteilung nach Chelattherapie nicht randomisiert.
Vorher-Nachher-Beobachtungen ohne Kontrollgruppe (Transfusion, Antioxidanzien)
Diese Arbeiten sind keine Vergleichsstudien, sondern beobachten Patienten über einen kurzen Zeitraum nach einem Ereignis. Sie werden hier nur wegen ihrer Beobachtung aufgeführt; Kausalität lässt sich aus ihnen nicht ableiten, und eine Empfehlung folgt nicht.
Soliman et al. 2012 (Fertility and Sterility, Katar) [s150]. Prospektive Pilotstudie mit 10 jungen Erwachsenen (17 bis 32 Jahre, Tanner 5) mit Thalassaemia major. Sieben Tage nach einer Erythrozytentransfusion stiegen Hämoglobin von 8,7 ± 0,86 auf 11,1 ± 0,82 g/dl, Testosteron von 16,5 ± 8 auf 20 ± 8,8 nmol/l und IGF-1 von 173 ± 46 auf 214 ± 61 ng/ml; die Gesamtspermienzahl stieg von 57,8 ± 38,3 auf 166 ± 132 Millionen/ml, die rasche progressive Beweglichkeit von 20,6 ± 16,6 auf 79,7 ± 67,4 Prozent. Der Mechanismus ist unbekannt. Stärke: intraindividueller Vergleich. Schwächen: n = 10, keine Kontrollgruppe, sehr große Streuungen; der zeitliche Zusammenhang belegt keine Kausalität.
Soliman et al. 2013 (Indian Journal of Endocrinology and Metabolism, Katar) [s146]. Prospektive Vorher-Nachher-Studie mit 18 jungen Erwachsenen (20,7 ± 2,88 Jahre, Tanner 5) mit transfusionsabhängiger Sichelzellkrankheit (10 mit Top-up-Transfusion, 8 mit Austauschtransfusion nach früherem Schlaganfall; ein Patient unter Hydroxyurea). Sieben Tage nach der Transfusion stiegen Hämoglobin von 8,5 ± 1,17 auf 10,5 ± 0,4 g/dl und Testosteron von 12,3 ± 1,24 auf 14,23 ± 1,22 nmol/l; die Gonadotropine stiegen ebenfalls. Gesamtspermienzahl von 87,4 ± 24,6 auf 146,2 ± 51,25 Millionen/ml, progressive Beweglichkeit gesamt von 40,8 ± 11,1 auf 93,4 ± 38,3 Millionen/ml, schnelle progressive Beweglichkeit von 29,26 ± 8,75 auf 67,4 ± 29 Millionen/ml (jeweils signifikant). In der Austauschgruppe waren Gesamtzahl und Beweglichkeit nach der Transfusion besser als in der Top-up-Gruppe. Testosteron korrelierte mit Gesamtzahl, Volumen, gesamter und schneller progressiver Beweglichkeit (r = 0,53; 0,55; 0,42; 0,38; p < 0,01); Hämoglobin mit Spermienzahl, Beweglichkeit und Anteil normal geformter Spermien (r = 0,60; 0,69; 0,66; 0,86; p < 0,001). Die Ausgangs-Testosteronwerte lagen unter dem Laborreferenzbereich (21,4 ± 5,9 nmol/l). Stärken: Spermiogramm nach WHO-Kriterien, verblindetes Laborpersonal. Schwächen: 18 Männer, keine Kontrollen, nur sieben Tage, mögliche Einflüsse der Karenzzeit, keine Konfidenzintervalle; die Autoren nennen den Mechanismus ungeklärt. Zusammen mit [s150] und dem Hämoglobin-Zusammenhang bei [s43] deutet sich ein Anämie-Pfad an, der von der Eisenüberladung getrennt ist.
Elsedfy et al. 2018 (Acta Biomedica, Ain-Shams-Universität, Ägypten) [s111]. Pilotstudie mit 20 vollständig pubertären, fortlaufend eingeschlossenen Männern mit Beta-Thalassaemia major; 10 waren azoosperm, die übrigen 10 wurden weiter untersucht. Azoosperme Männer hatten ein signifikant kleineres Hodenvolumen, nach dem Text auch niedrigeres FSH und Gesamttestosteron (die Tabellenwerte standen im abgerufenen Text nicht), häufigere Transfusionen und niedrigeres Hämoglobin vor der Transfusion. Die DNA-Fragmentierung lag bei allen zehn untersuchten Männern unter 30 Prozent; Ferritin korrelierte nicht mit Parametern des Spermienschadens. Nach sechs Monaten L-Carnitin (2 g/Tag) und N-Acetylcystein (600 mg/Tag) stiegen der Spermiendeformitätsindex von 1,90 ± 0,33 auf 2,46 ± 0,61 und der Teratozoospermie-Index von 1,59 ± 0,22 auf 1,86 ± 0,28 (beide signifikant); die DNA-Fragmentierung änderte sich nicht. Die Autoren deuten dies als möglichen unerwünschten Effekt und betonen die Vorläufigkeit. Schwächen: Pilotstudie ohne Kontrollgruppe oder Placebo, nur 10 Auswertbare, DNA-Fragmentierung bei allen normal, keine Konfidenzintervalle.
Mehta et al. 2018 (Journal of the Association of Physicians of India) [s115] und Soliman et al. 2014 (Indian Journal of Endocrinology and Metabolism) [s141]. Zwei einarmige Beobachtungen bei Eisenmangelanämie. Mehta: 25 eugonadale Männer mit neu diagnostizierter Eisenmangelanämie; nach intravenösem Eisensaccharat stieg das Hämoglobin von 5,66 ± 1,97 auf 11,96 ± 0,87 g/dl (p < 0,001), und FSH, LH, Testosteron und Samenparameter besserten sich signifikant (p < 0,01), besonders bei vorher subnormalen Werten; das Hämoglobin korrelierte positiv mit Hormonen und Samenparametern (p < 0,001). Soliman 2014: 11 eugonadale Erwachsene (40 ± 5 Jahre) mit Eisenmangelanämie, 800 bis 1200 mg intravenöses Eisen: Hämoglobin 8,1 ± 1,17 auf 13,1 ± 0,7 g/dl; Testosteron 12,22 ± 1,4 auf 15,9 ± 0,96 nmol/l (p < 0,001), FSH 2,82 ± 0,87 auf 3,82 ± 1,08 IU/l (p = 0,007), LH 2,27 ± 0,9 auf 3,82 ± 1,5 IU/l (p = 0,0002), Gesamtspermienzahl 72 ± 17,5 auf 158 ± 49 Millionen/ml (p < 0,001). Schwächen beider Studien: Vorher-Nachher ohne Kontrollgruppe, klein, sehr hohe Spannen; Placeboeffekt, Erholung durch Gesamtgesundheit und Messzeitpunkt lassen sich nicht trennen. Einordnung: Das Ergebnis passt zum Befund nach Transfusion bei Thalassämie [s150] und Sichelzellkrankheit [s146], gemeinsam deutet es auf einen Anämie- oder Hypoxie-Pfad.
Hereditäre Hämochromatose: klinische Serien
Die Literatur zur Hämochromatose und männlichen Fertilität besteht überwiegend aus Fallberichten, kleinen Serien aus den 1970er bis 1990er Jahren und genetischen Assoziationsstudien. Eine Metaanalyse oder kontrollierte Studie mit Fertilitätsendpunkt (Samenqualität, Zeit bis zur Schwangerschaft) wurde nicht gefunden.
McDermott und Walsh 2005 (Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism) [s183]. Retrospektive Zentrumsserie über 20 Jahre (vor und nach Einführung von Screening und Entdeckung des HFE-Gens), 141 getestete Männer. Niedriges Testosteron mit niedrigem LH und FSH bei 9 von 141 (6,4 Prozent); 8 von 9 (89 Prozent) hatten Leberzirrhose, 3 von 9 (33 Prozent) Diabetes. Bei Frauen unangemessen niedrige Gonadotropine bei 2 von 38 (5,2 Prozent). Die Autoren nennen dies die größte detaillierte Studie zum Hypogonadismus bei Hämochromatose und führen die niedrigere Prävalenz gegenüber älteren Serien (10 bis 100 Prozent) auf frühere Diagnose zurück; bei geringer hepatischer Siderose sei ein Hypogonadismus unwahrscheinlich. Stärken: größte Serie, Vergleich der Diagnose-Ären. Schwächen: Zentrumsserie, "getestet" heißt nicht unausgelesen, kein Samenbefund, keine Konfidenzintervalle.
Cundy et al. 1989 (Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism) [s213]. Vergleichsstudie mit 30 Männern mit idiopathischer Hämochromatose und einer nach Diabetes und Alter gematchten Kontrollgruppe. Schwere sexuelle Funktionsstörung war bei Hämochromatose signifikant häufiger (p < 0,001); Diabetes war in beiden Gruppen mit sexueller Funktionsstörung assoziiert (p < 0,005), die schwereren Symptome bei Hämochromatose hingen mit Hypoandrogenismus zusammen (p < 0,01). Das mittlere Hodenvolumen korrelierte mit freiem Testosteron (rs = 0,83; p < 0,01) und LH (rs = 0,71; p < 0,001). Zirrhose senkte freies Testosteron (p < 0,02) und Östradiol (p < 0,002) unabhängig und zusätzlich, offenbar über zentrale Mechanismen; SHBG stieg bei Hypoandrogenismus (p < 0,005) und unabhängig durch Zirrhose (p < 0,005). Die Autoren halten freies Testosteron für aussagekräftiger als Gesamttestosteron; sexuelle Beschwerden würden oft übersehen. Stärke: Kontrollgruppe mit Matching auf Diabetes, der selbst die Sexualfunktion stört. Schwäche: kein Samenbefund, keine Konfidenzintervalle.
Kelly et al. 1984 (Annals of Internal Medicine) [s217]. Kohortenstudie mit 64 Personen mit homozygotem Hämochromatose-Allel, darunter 41 Männer: bei 10 Männern verminderte Libido oder Impotenz, bei 6 Hodenatrophie, bei 5 niedriges Testosteron (davon 4 mit niedrigen Gonadotropinen). Von vier erneut untersuchten hypogonadalen Männern normalisierte sich das Testosteron bei zweien (einer mit primärem, einer mit sekundärem Hypogonadismus) nach Aderlass mit Rückkehr der Sexualfunktion. Keine der 23 Frauen hatte Libidoverlust. Schwäche: sehr kleine Teilgruppen, keine Kontrolle.
Bezwoda et al. 1977 [s218], Foscolo et al. 1989 [s214] und Duranteau et al. 1993 [s210]. Bezwoda (Fallserie, 12 Patienten): Bei 9 niedrige basale Gonadotropine und/oder niedrige Antworten auf LHRH, alle mit niedrigem Testosteron und klinischem Hypogonadismus; die Autoren folgern, die geringe Testosteronsekretion sei vor allem durch unzureichende trophische Stimulation bedingt. Foscolo (italienisch, Querschnitt, 16 Männer mit idiopathischer Hämochromatose, 13 unbehandelt, 14 mit Zirrhose): 10 Männer mit Libido- und Potenzverlust hatten gegenüber Kontrollen deutlich niedrigeres Testosteron, niedrigere basale Gonadotropine und geringere hypophysäre Antworten; bei 9 von ihnen Hodenhypotrophie, bei 8 hypogonadotroper Hypogonadismus, bei einem primäres Hodenversagen; von den 6 Männern mit normaler Sexualfunktion zeigten 2 eine LH- und FSH-Überreaktion auf GnRH, was auf ein frühes primäres Hodenversagen hindeute. Duranteau (Interventionsserie, 7 Patienten): Nach 15 bis 30 Tagen pulsatiler GnRH-Therapie (10 bis 12 µg pro Puls) stiegen weder Testosteron noch LH; die Autoren schließen auf eine hypophysäre Läsion. Gemeinsam stützen diese kleinen, unkontrollierten Serien eine zentrale (hypophysäre) Genese des Hypogonadismus bei Hämochromatose, mit gelegentlichem primärem Hodenanteil.
Cundy et al. 1993 (Clinical Endocrinology) [s208]. Prospektive Fallserie mit 6 Männern mit symptomatischem hypogonadotropem Hypogonadismus und genetischer Hämochromatose vor und nach Entleerung der Eisenspeicher. Bei 5 Männern (47 bis 66 Jahre) keine Symptombesserung und keine Veränderung von Gonadotropinen und Testosteron; bei einem 33-Jährigen verschwanden die Symptome vollständig, LH und FSH stiegen, Gesamt- und freies Testosteron stiegen auf das Vierfache, blieben aber subnormal. Die Autoren sehen das Alter bei Diagnose als entscheidend und kennen keine belegten Fälle einer Umkehr bei Männern über 40 Jahren zu Beginn des Aderlasses. Schwäche: n = 6, keine Kontrollen.
Gautier et al. 2011 (European Journal of Endocrinology) [s158]. Sekundärauswertung einer randomisierten Studie bei 50 Männern mit moderater dysmetabolischer Eisenüberladung ohne genetische Hämochromatose, randomisiert zu Aderlass oder Normalbehandlung: niedriges Gesamttestosteron bei 4 (8 Prozent), niedriges bioverfügbares Testosteron bei 13 (26 Prozent). Bei Leber-Eisengehalt über dem Median (90 µmol/l) höheres SHBG (p = 0,028) und niedrigeres LH (p = 0,039); in der multivariaten Analyse blieb der Leber-Eisengehalt positiv mit SHBG und negativ mit LH assoziiert. Eisenentzug durch Aderlass verbesserte keinen Hormonwert signifikant. Einordnung: eine der wenigen Studien mit Interventionsarm; sie betrifft jedoch eine moderate Eisenüberladung, nicht die klassische Hämochromatose.
De Braekeleer 1993 (Annals of Human Biology, Québec) [s209]. Prävalenz- und Fertilitätsstudie in der Region Saguenay-Lac-Saint-Jean: geschätzte Prävalenz der hereditären Hämochromatose 0,014, Heterozygotenfrequenz 0,21; Träger hatten tendenziell mehr Kinder als Nichtträger, ohne statistische Signifikanz. Kein selektiver Vorteil belegbar; genetische Drift nicht auszuschließen.
Barton et al. 2008 (American Journal of Hematology, HEIRS-Screening) [s169]. Unter 7343 Teilnehmenden berichteten 51 eine frühere Hämochromatose oder Eisenüberladung; Fertilitätsprobleme oder Impotenz wurden bei diesen signifikant häufiger angegeben, doch hatten nur 7,8 Prozent eine erhöhte Transferrinsättigung und nur 13,7 Prozent ein erhöhtes Ferritin; die Autoren halten frühere Eigenangaben für wenig verlässlich. Kein valider Beleg für eine Fertilitätsstörung; zur Vollständigkeit aufgeführt.
Hereditäre Hämochromatose: Fallberichte
Fallberichte (n = 1) belegen keine Häufigkeit und unterliegen starker Publikationsverzerrung zugunsten auffälliger oder erfolgreich verlaufener Einzelfälle. Sie sind hier verzeichnet, weil sie die Beschreibung des Krankheitsbildes tragen und, wie die Serien, eine Umkehr bei jüngeren Patienten und fehlende Umkehr bei fortgeschrittener Erkrankung berichten. Es handelt sich um Beschreibungen, nicht um Empfehlungen.
Siemons und Mahler 1987 [s216]. 37-jähriger Mann ohne Spermien im Ejakulat, Hodenbiopsie mit deutlich beeinträchtigter Spermatogenese ohne Eisenablagerung; 16 Monate nach Beginn intensiver Aderlassbehandlung normale Hormone, Potenz und Libido zurück; nach 20 Monaten Vaterschaft, Samenanalyse mit durchschnittlich 65 Millionen Spermien/ml. Hamer et al. 2001 [s191]. 36-jähriger Mann: LH 0,4 IU/l, FSH 0,1 IU/l, Testosteron 0,49 µg/l; nach konsequentem Aderlass normalisierten sich Ferritin, Transferrinsättigung, LH, FSH und Testosteron ohne Androgenersatz, die Potenz kehrte zurück; die Autoren betonen, ein solcher Hypogonadismus gelte allgemein als irreversibel. Ten Kate-Booij et al. 2007 (niederländisch) [s179]. 36-jähriger Mann mit Ejakulationsversagen, Ferritin 5468 µg/l, Transferrinsättigung 102 Prozent, homozygote C282Y-Mutation: Nach Aderlass stiegen LH und FSH nicht auf Normalwerte; mit Gonadotropinen besserten sich Ejakulation und Samenparameter, die Partnerin wurde im dritten IVF-Zyklus schwanger; bei fortgeschrittener Erkrankung stelle der Aderlass Azoospermie und Ejakulationsversagen nicht wieder her. Berent et al. 2000 (Deutsche Medizinische Wochenschrift) [s196]. 24-jähriger Vater von zwei Kindern mit Libidoverlust und Impotenz; Testosteron, FSH und LH deutlich erniedrigt, später Diabetes; Ferritin 4010 µg/l, Transferrinsättigung 85 Prozent, Leber-Eisengehalt 27.900 µg/g Trockengewicht, keine HFE-Mutation (also eine Nicht-HFE-Form); nach Aderlass sank das Ferritin, Libido und Subfertilität besserten sich unter Testosterongabe. Es ist die einzige deutschsprachige Primärpublikation mit Abstract zu Hämochromatose und männlicher Fertilität in diesem Fund. Oehninger et al. 1998 [s201]. 44-jähriger Mann mit idiopathischer Hämochromatose, Hypogonadismus, Impotenz, retrograder Ejakulation und Azoospermie; nach Aderlass und Gonadotropinen besserte sich das Ejakulat; Schwangerschaft nach IVF mit ICSI. Rishaug et al. 1999 (norwegisch) [s199]. 28-jähriger Mann mit zentralem Hypogonadismus (Ferritin 4094 µg/l, Transferrinsättigung 94 Prozent); nach drei Jahren Aderlass normalisierten sich LH und Testosteron. Selvais et al. 1993 (französisch) [s211]. Fallbericht zur Assoziation von genetischer Hämochromatose und gemischter Gonadendysgenesie, Mechanismen des Hypogonadismus diskutiert, keine Zahlen im Abstract. Özmen et al. 1995 (türkisch) [s207]. 29-jähriger Mann mit hypogonadotropem Hypogonadismus bei idiopathischer Hämochromatose; unter Aderlass besserten sich sexuelle Funktionsstörung und Hypogonadismus. Yanmaz et al. 2001 (türkisch) [s195]. 31-jähriger Mann mit Leberzirrhose, Diabetes und hypogonadotropem Hypogonadismus bei erblicher Hämochromatose; nach 32 Aderlass-Sitzungen in sechs Monaten begrenzte Besserung von Hypogonadismus und Leberfunktion bei Fortschreiten des Diabetes. Malaeva et al. 2022 (russisch, Belarus) [s82]. 48-jähriger Mann mit primärer Hämochromatose, diagnostiziert erst nach kardialer Dekompensation und Thorax-MRT; Begleiterkrankungen sekundärer hypogonadotroper Hypogonadismus und Diabetes Typ 2; keine Hormonwerte im abgerufenen Text, keine Spermienuntersuchung. Xie et al. 2024 [s55] (China). 34-jähriger Mann mit juveniler Hämochromatose (neue HJV-Mutation c.863G>A, p.R288Q): Leberfibrose, Diabetes, hypogonadotroper Hypogonadismus, hypophysärer Hypothyreoidismus, Hautpigmentierung; Ferritin 4329 µg/l, Transferrinsättigung 95,4 Prozent; Ferritin 160,5 µg/l nach 72 Wochen intensivem Aderlass mit klinischer Besserung.