Dieser Abschnitt behandelt die Arbeiten, die andere Studien zusammenfassen: quantitative Zusammenführungen (Metaanalysen und gepoolte Prävalenzen), systematische Übersichten ohne Zusammenführung, Cochrane-Übersichten und die erzählenden (narrativen) Übersichten. Alle Zahlen stammen aus den Zusammenfassungen (Abstracts) der Arbeiten, in einem Fall (Sewaralthahab et al.) zusätzlich aus dem frei zugänglichen Volltext, den ich selbst abgerufen habe. Wo ein Konfidenzintervall, ein Heterogenitätsmaß oder eine Gruppengröße im Abstract fehlt, steht das ausdrücklich da; es wird nichts ergänzt.
Vorab die wichtigste Feststellung zur Belegbasis: Es gibt für die Frage "Eisenüberladung, Anämie, Thalassämie, Sichelzellkrankheit und männliche Fertilität" nur vier quantitative Zusammenführungen, und keine davon beantwortet die Kernfrage in ihrer ganzen Breite. Eine bezieht sich auf die gesamte Gruppe der Eisenüberladungserkrankungen und poolt Prävalenzen [s05]. Zwei untersuchen Eisen bei Männern ohne Hämoglobinopathie, nämlich im Samen und Serum infertiler Männer [s10] und im Samen im Vergleich mit acht weiteren Elementen [s16]. Die vierte untersucht eine Behandlung, nämlich Hydroxyurea bei Sichelzellkrankheit, und nicht die Krankheit selbst [s50]. Eine Metaanalyse zu Spermienparametern bei Thalassämie, bei hereditärer Hämochromatose oder bei Eisenmangelanämie existiert nach der durchgeführten Recherche nicht. Die beiden Cochrane-Übersichten zu Hydroxyurea schließen die Frage der männlichen Fertilität ausdrücklich als unbeantwortet ab [s126, s76].
Quantitative Zusammenführungen
Carlomagno et al. 2026 (Human Reproduction Update) [s05]. Design: systematische Übersichtsarbeit mit quantitativer Zusammenführung, die ausdrücklich als erste umfassende, von Fachleuten getragene Synthese zum Thema angelegt ist. Land und Herkunft der Autorengruppe nennt der Abstract nicht. Population: Erwachsene mit Eisenüberladungserkrankungen, nämlich Thalassämien, hereditäre Hämochromatose und transfusionsabhängige Anämien. Methodik: Suche in PubMed, Scopus und Web of Science bis Mai 2025 mit Begriffen wie Eisenüberladung, Thalassämie, Hämochromatose, Hypogonadismus, Fertilität und Spermatogenese. Gepoolt wurden die Prävalenzen von Hypogonadismus, Samenanomalien, primärer und sekundärer Amenorrhoe, Menarchealter und Schwangerschaftsausgängen. Ergebnisse für Männer: In die Auswertung gingen 1201 Männer ein (daneben 2134 Frauen, deren Befunde hier nicht Gegenstand sind). Ein Hypogonadismus, also eine eingeschränkte endokrine Funktion der Hoden, lag bei 47,0 Prozent der Männer vor. Unter den Männern, bei denen die Spermatogenese gezielt untersucht worden war, hatte mehr als die Hälfte eine Azoospermie (17,6 Prozent) oder andere Samenanomalien (37,5 Prozent). Als Mechanismen nennen die Autoren Eisenablagerung in der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse und oxidative Schädigung von Leydig- und Sertoli-Zellen mit gestörter Testosteronsynthese und Spermatogenese; sexuelle Funktionsstörung, vor allem erektile Dysfunktion, begleite den Hypogonadismus häufig. Zur Umkehrbarkeit halten sie fest, eine wirksame Eisenkontrolle verhindere endokrine Komplikationen, wenn sie früh beginne, die Belege für eine Rückbildung bereits eingetretener Fortpflanzungsstörungen seien aber begrenzt. Stärken: breite Datenbasis aus drei Datenbanken, getrennte Auswertung nach Geschlecht, Benennung der Forschungslücken (standardisierte Gonadenuntersuchung, prospektive Studien mit klar definierten Fertilitätsendpunkten). Schwächen: Im Abstract stehen weder Konfidenzintervalle noch Heterogenitätsmaße noch die Zahl der eingeschlossenen Studien. Die zusammengeführten Primärstudien sind nach dem übrigen Befund der Literatur überwiegend Querschnittsstudien und Fallserien aus Spezialzentren, die Definitionen von Hypogonadismus und Samenanomalie dürften zwischen den Studien schwanken, und der Pool mischt verschiedene Grunderkrankungen (Thalassämie, Hämochromatose, andere transfundierte Anämien). Die 47,0 Prozent sind deshalb eine grobe Näherung an Prävalenzen, die in spezialisierten Zentren gemessen wurden, keine Häufigkeit für Männer mit Eisenüberladung im Allgemeinen. Einordnung: Das ist die einzige Arbeit, die Hypogonadismus und Samenbefund über mehrere Eisenüberladungserkrankungen hinweg quantifiziert; ihre Kernzahlen liegen in der Mitte der Spannweite der Einzelstudien (siehe den Abschnitt zu den Beobachtungsstudien) und stützen sie, ersetzen aber keine Metaanalyse mit Heterogenitätsangabe.
Jiao et al. 2026 (The Aging Male) [s10]. Design: systematische Übersicht mit Metaanalyse. Population: Männer in zehn Studien, insgesamt 985 Teilnehmer, infertile Männer gegenüber fertilen Kontrollen. Die Herkunftsländer der Primärstudien nennt der Abstract nicht. Exposition: Eisenkonzentration im Samen und im Serum, also Eisen als Biomarker, nicht Eisenüberladung als Krankheit. Methodik: Suche in PubMed, CBM, CNKI (chinesische Datenbanken) und der Cochrane Library bis April 2025; Modelle mit zufälligen Effekten; Auswertung mit RevMan, Stata und R; Forest- und Funnel-Plots. Ergebnisse: Infertile Männer hatten höhere Eisenkonzentrationen im Samen (standardisierte mittlere Differenz, SMD, 0,44; 95-%-Konfidenzintervall 0,12 bis 0,76; p < 0,05) und im Serum (SMD 3,77; 95-%-Konfidenzintervall 1,68 bis 5,87; p < 0,05) als fertile Kontrollen. Die Autoren schließen auf einen möglichen Zusammenhang erhöhter Eisenwerte mit dem Infertilitätsrisiko. Stärken: Einbezug chinesischer Datenbanken, die in englischsprachigen Übersichten oft fehlen; Funnel-Plots wurden erstellt (das Ergebnis steht nicht im Abstract). Schwächen: nur zehn Studien; ein SMD von 3,77 für einen Serumwert ist ungewöhnlich groß, und das sehr breite Konfidenzintervall (1,68 bis 5,87) deutet auf erhebliche Heterogenität oder unterschiedliche Messverfahren hin; ein Heterogenitätsmaß (I²) nennt der Abstract nicht. Die Primärstudien sind Querschnitts- und Fall-Kontroll-Vergleiche, daher ist die Richtung der Ursache offen: Eisen könnte Infertilität begünstigen, oder die Ursache der Infertilität könnte das Eisen im Samen verändern. Der Samen-Effekt (SMD 0,44) ist im unteren Bereich des Konfidenzintervalls nur knapp von null getrennt (Untergrenze 0,12). Einordnung: Die Arbeit liegt in der Richtung auf einer Linie mit der Mendelschen Randomisierung [s08], steht aber im Widerspruch zur nächsten Metaanalyse [s16] und zu einer ICSI-Studie [s32], die für Eisen im Samen die Gegenrichtung fand. Sie betrifft Männer ohne Hämoglobinopathie und überträgt sich nicht ohne Weiteres auf Thalassämie oder Hämochromatose.
Chen et al. 2025 (Samenelemente, Metaanalyse) [s16]. Design: systematische Übersicht mit Metaanalyse (Modelle mit zufälligen Effekten). Population: 38 Studien mit 5070 Männern, davon 3061 infertil und 2009 gesunde Kontrollen. Exposition: fünf essenzielle Elemente (Zink, Eisen, Mangan, Selen, Kupfer) und vier nicht essenzielle (Kalzium, Magnesium, Blei, Cadmium) im Samen. Methodik: Suche in acht Datenbanken (Embase, Cochrane, PubMed, MedLine, Web of Science, CNKI, China Science and Technology Journal Database, Wanfang) bis November 2024. Ergebnisse: Kupfer (SMD 0,505; 95-%-Konfidenzintervall 0,246 bis 0,764) und Cadmium (SMD 0,725; 95-%-Konfidenzintervall 0,534 bis 0,916) waren bei infertilen Männern höher. Für Zink, Eisen, Mangan, Selen, Kalzium, Magnesium und Blei fand sich kein signifikanter Unterschied. Zahlenwerte für das Eisen selbst nennt der Abstract nicht. Stärken: mit 38 Studien deutlich größere Datenbasis als [s10]; acht Datenbanken, darunter chinesische. Schwächen: Eisen ist nur eines von neun Elementen, Heterogenitätsmaße und Messmethoden stehen nicht im Abstract; die Primärdaten sind querschnittlich. Dass die Autoren die Studienqualität und die Heterogenität als Interpretationsproblem benennen, spricht dafür, dass die Elementwerte im Samen schwer vergleichbar sind. Dazu passt die explorative japanische Clusterstudie [s52], die zeigt, dass Elementkonzentrationen im Samen stark von der untersuchten Ejakulatfraktion abhängen. Einordnung: Für das Eisen im Samen stehen zwei Metaanalysen gegeneinander (SMD 0,44 mit Konfidenzintervall oberhalb von null in [s10], kein signifikanter Unterschied in [s16]). Aus den Abstracts lässt sich nicht klären, ob andere Studienauswahl, andere Vergleichsgruppen oder Messverfahren den Unterschied erklären. Der Gesamtbefund zum Eisen im Samen ist daher nicht konsistent.
Sewaralthahab et al. 2024 (PLoS One) [s50]. Design: systematische Übersicht mit Metaanalyse; die Autorengruppe arbeitet in Saudi-Arabien. Population: Kinder ab 6 Jahren und Erwachsene mit Sichelzellkrankheit (Genotyp HbSS) unter Hydroxyurea. Von 160 möglicherweise relevanten Artikeln gingen vier Kohortenstudien zu Spermienparametern bei Männern (nach Volltext 205 Patienten; es handelt sich um die Studien Berthaut 2008, Berthaut 2017, Joseph 2021 und Sahoo 2017) und vier Studien zum Anti-Müller-Hormon bei Frauen in die Auswertung ein. Methodik: Suche in PubMed und EMBASE bis Juli 2023; als Maß dienten Unterschiede gegenüber dem jeweiligen Ausgangswert; Heterogenität über Cochrane-Q und I²; feste Effekte bei fehlender, zufällige Effekte (DerSimonian-Laird) bei vorhandener Heterogenität; Qualitätsbewertung mit der Newcastle-Ottawa-Skala. Nach dem Volltext erreichten drei der vier Männerstudien mindestens sieben von neun Punkten, eine wurde wegen fehlender Nachbeobachtung als mäßig eingestuft. Ergebnisse bei Männern (mittlere Differenz, MD, gegenüber dem Ausgangswert): Spermienkonzentration unter Hydroxyurea MD -15,48 Millionen/ml (95-%-Konfidenzintervall -20,69 bis -10,26; p < 0,001) und nach Absetzen MD -20,09 Millionen/ml (-38,78 bis -1,40; p = 0,04). Gesamtspermienzahl unter Behandlung MD -105,87 Millionen (-140,61 bis -71,13; p < 0,001) und nach Absetzen MD -53,05 Millionen (-104,96 bis -1,14; p = 0,05). Ejakulatvolumen unverändert (MD +0,07 ml, -0,29 bis 0,43, p = 0,71; nach Absetzen MD -0,09 ml, -1,35 bis 1,17, p = 0,89). Die Vorwärtsbeweglichkeit änderte sich nicht signifikant (unter Behandlung -7,86 Prozentpunkte, -23,63 bis 7,91; p = 0,33) bei hoher Heterogenität (I² = 83 Prozent; p = 0,002); die normale Morphologie ebenfalls nicht (+0,73 Prozentpunkte, -21,37 bis 22,83; p = 0,95 unter Behandlung; -2,76, -9,63 bis 4,11; p = 0,43 nach Absetzen) bei I² = 91 Prozent (p = 0,001). Bei den Frauen sank das Anti-Müller-Hormon; das ist hier nicht Thema. Stärken: bisher einzige Metaanalyse zu männlicher Fertilität bei Sichelzellkrankheit; getrennte Auswertung unter und nach Behandlung; Qualitätsbewertung. Schwächen: nur vier Studien mit insgesamt kleiner Fallzahl; Vergleich gegen den Ausgangswert statt gegen unbehandelte Kontrollen, wobei der Ausgangswert bei Sichelzellkrankheit schon krankheitsbedingt häufig abnorm ist (siehe die Beobachtungsstudien [s27, s170]); sehr weite Konfidenzintervalle nach dem Absetzen, die die Null nur knapp ausschließen; die "Nach-Absetzen"-Daten stammen aus noch weniger Studien. Der Abstract ist an einer Stelle unscharf: Für die Gesamtspermienzahl nach Absetzen steht p = 0,05 bei einem Konfidenzintervall, das die Null knapp nicht einschließt. Im Volltext steht für die Vorwärtsbeweglichkeit nach Absetzen ein Konfidenzintervall (-38,78 bis -1,40), das den Punktschätzer (0,80) nicht enthält und offenkundig aus der Spermienkonzentration übernommen wurde; diesen Wert verwende ich nicht. Einordnung: Die Metaanalyse beschreibt die Wirkung der Behandlung, nicht die Wirkung der Krankheit; sie ist die stärkste verfügbare quantitative Stütze dafür, dass Hydroxyurea Konzentration und Gesamtzahl der Spermien senkt, und sie zeigt, dass die Erholung nach Absetzen in diesen vier Studien unvollständig war. Eine randomisierte Studie [s25], die Erholung nach drei Monaten berichtet, und die Übersicht [s40] sehen die Reversibilität teilweise anders; siehe unten.
Cochrane-Übersichten zu Hydroxyurea bei Sichelzellkrankheit: Nevitt et al. 2017 [s126] und Rankine-Mullings und Nevitt 2022 [s76] (Cochrane Database of Systematic Reviews). Design: zwei Fassungen derselben systematischen Cochrane-Übersicht randomisierter Studien. Population: 2017 acht Studien mit 899 Erwachsenen und Kindern, 2022 neun Studien mit 1104 Teilnehmern; Studiendauer 6 bis 30 Monate. Beide Fassungen kommen zum Schluss, dass die Evidenz zu langfristigen Risiken von Hydroxyurea, einschließlich der Wirkungen auf Fertilität und Fortpflanzung, weiterhin unzureichend ist. Stärke: höchste methodische Evidenzklasse und unabhängige Begutachtung. Schwäche für unsere Frage: Die eingeschlossenen Studien waren zu kurz und zu klein und hatten keine Fertilitätsendpunkte, sodass die Übersichten zur männlichen Fertilität schlicht keine Antwort liefern. Einordnung: Die Aussagen zu Spermienparametern unter Hydroxyurea beruhen auf Beobachtungsstudien (siehe den Abschnitt zu den Beobachtungsstudien) und der oben beschriebenen Metaanalyse [s50], nicht auf randomisierter Evidenz mit Fertilitätsendpunkt. Eine auf die vier Krankheitsgruppen und männliche Fertilität zugeschnittene Cochrane-Übersicht wurde nicht gefunden.
Systematische Übersichten ohne Zusammenführung
Leblanc et al. 2026 (Asian Journal of Andrology) [s11]. Design: systematische Übersicht nach PRISMA zu reproduktiven Funktionen und Spermienparametern bei Männern mit Sichelzellkrankheit und zu den verfügbaren Optionen. Zahl der Studien, Teilnehmer und Zahlenangaben nennt der Abstract nicht. Aussagen: Die meisten Studien fanden häufig beeinträchtigte Spermienparameter bei Männern mit Sichelzellkrankheit; Hydroxyurea, das Gefäßverschlusskrisen mindern soll, beeinflusse die männliche Fortpflanzungsfunktion, die Umkehrbarkeit der Folgen auf die Spermienparameter sei hypothetisch; die Stammzelltransplantation sei derzeit die einzige kurative Behandlung, ihre Konditionierung aber hochgradig gonadotoxisch und könne die Spermatogenese dauerhaft verändern; junge Männer sollten früh über Fertilität informiert werden, und bei Jungen vor der Pubertät sei das Einfrieren unreifen Hodengewebes noch experimentell. Die Autoren halten selbst fest, dass die Literatur begrenzt ist und keine belastbare Evidenz bietet. Stärken: Methodik nach anerkanntem Berichtsstandard, thematisch genau auf die Frage zugeschnitten. Schwächen: keine Effektgrößen im Abstract, keine Angabe zur Qualitätsbewertung der Studien. Die Erstautorin ist dieselbe wie bei der Beobachtungsstudie [s27], was die Übersicht und die Primärdaten eng verknüpft. Einordnung: Sie bestätigt qualitativ den Befund häufig auffälliger Spermienparameter, ohne ihn zu beziffern.
Cilio et al. 2024 (World Journal of Men's Health) [s40]. Design: systematische Übersicht (PubMed, EMBASE, Cochrane bis 15. November 2022) zu Hydroxyurea bei Sichelzellkrankheit, essenzieller Thrombozythämie und Polycythaemia vera, ergänzt um zwei eigene Fallberichte (je ein Patient mit Polycythaemia vera und mit essenzieller Thrombozythämie). Von 48 Artikeln erfüllten 8 Studien mit 161 Patienten die Einschlusskriterien. Ergebnisse: Bei Sichelzellkrankheit war die Zahl der Spermatogonien pro Hodenkanälchenquerschnitt gegenüber Gesunden vermindert; die Hydroxyurea-Behandlung war "immer" mit einer Verschlechterung der Samenparameter bis hin zur Azoospermie verbunden; nach Absetzen besserten sich die Samenwerte bei Polycythaemia vera und essenzieller Thrombozythämie fast durchgängig bis zur Tendenz zur Normalisierung, bei Sichelzellkrankheit war die Besserung weniger klar. In beiden eigenen Fällen folgte auf das Absetzen eine deutliche Besserung mit spontaner Schwangerschaft. Stärken: Gegenüberstellung dreier Krankheiten mit derselben Substanz, die zeigt, dass die Erholung vom Grundleiden abhängen kann. Schwächen: nur acht kleine Studien, heterogene Krankheiten und Altersgruppen, keine Zusammenführung, keine Effektgrößen im Abstract, Fallberichte tragen als Evidenz kaum. Einordnung: Die Aussage "Erholung bei Sichelzellkrankheit weniger klar" ist konsistent mit der Metaanalyse [s50] und gegenläufig zur raschen Erholung in der randomisierten Machbarkeitsstudie [s25]; die Frage der Reversibilität ist damit bei Sichelzellkrankheit uneinheitlich belegt.
Kong et al. 2019 (systematische Übersicht zu Hämojuvelin-Mutationen) [s104]. Design: systematische Übersicht mit Suche in PubMed; ausgewertet wurden 132 Fälle juveniler Hämochromatose (HJV-Hämochromatose) aus 57 Originalarbeiten (117 biallelische Fälle, 15 Heterozygote), Fälle verschiedener Ethnien. Ergebnisse: Hepatische Eisenablagerung und Hypogonadismus waren die am häufigsten berichteten Komplikationen. Bei Ostasiaten waren Männer häufiger betroffen (p = 0,0172), bei Kaukasiern Männer und Frauen gleich häufig. Hypogonadismus und Arthropathie waren bei Kaukasiern häufiger als bei Ostasiaten (p = 0,0093 beziehungsweise 0,0169). Hypogonadismus trat bei Homozygoten mit Missense-Mutationen häufiger auf (72,55 Prozent) als bei solchen mit Nonsense-Mutationen (35,71 Prozent; p = 0,0243). Bei chinesischen Patienten dominierte die Variante Q6H;C321* (6 nicht verwandte Fälle). Stärken: systematische Bündelung einer sehr seltenen Erkrankung mit Genotyp-Phänotyp-Analyse. Schwächen: Publikationsverzerrung (Fallberichte bevorzugen auffällige Verläufe), nur eine Datenbank, uneinheitliche Berichtsqualität, Hypogonadismus ohne einheitliche Definition, keine Spermiogramme, Hypogonadismus nicht nach Geschlecht aufgeschlüsselt. Einordnung: Der Befund stützt, dass Hypogonadismus bei der früh beginnenden Hämochromatose eine Leitkomplikation ist; mit Fertilität im engeren Sinn hat er nur mittelbar zu tun.
El Osta et al. 2017 (Basic and Clinical Andrology) [s121]. Design: Übersicht auf Grundlage einer Literatursuche in englischer, französischer und deutscher Sprache in PubMed/Medline bis 23. September 2016; 34 Arbeiten erfüllten die Einschlusskriterien. Aussagen: Der hypogonadotrope Hypogonadismus sei eine klassische Komplikation der Hämochromatose, seine Häufigkeit nehme wahrscheinlich durch frühere Diagnose ab; Libidoverlust, erektile Dysfunktion und Ejakulationsstörung beeinträchtigten Sexualität und Fortpflanzungsfähigkeit. Stärken: ausdrücklich dreisprachige Suche, damit eine der wenigen Arbeiten, die auch nicht englische Literatur einbezieht. Schwächen: überwiegend narrative Zusammenfassung von Fallberichten und kleinen Serien, im Abstract keine Zahlen, keine Qualitätsbewertung. Einordnung: Sie ist die umfassendste Übersicht speziell zur Hämochromatose; ihre Evidenzbasis ist aber die in den Beobachtungsstudien unten einzeln besprochene Literatur.
Al-Jubouri et al. 2024 (International Journal of Hematology) [s38]. Design: Scoping Review mit Suche in Google Scholar am 12. Juli 2023; Autoren aus Katar. Aussagen: Sichelzellkrankheit und Thalassaemia major führten über Gewebehypoxie zu einer Störung der Spermatogenese, Transfusionen könnten sie mildern; die Aussage zur Transfusion stützt sich auf zwei veröffentlichte Arbeiten, die Spermiogramme vor und nach Transfusion vergleichen. Die Thalassämie-Arbeit wird mit Zahlen wiedergegeben (Spermienzahl von 57,8 auf 166 Millionen/ml, Beweglichkeit von 20,6 auf 79,7 Prozent, Hämoglobin von 8,7 auf 11,1 g/dl, Testosteron von 16,5 auf 20 nmol/l), die der Originalarbeit [s150] entsprechen. Die Autoren räumen selbst ein, dass die Auswahlkriterien unklar sind und keine Zeitbegrenzung gesetzt wurde, wodurch teilweise veraltete Arbeiten eingingen. Schwächen: Suche nur in einer Quelle, ausdrücklich kein systematischer Review, keine Effektgrößen. Einordnung: Ein Hypoxie-Pfad ist in dieser Übersicht eine Deutung, die auf zwei kleinen Vorher-Nachher-Studien ruht.
Narrative Übersichten zu den Hauptthemen
Die folgenden Arbeiten fassen die Literatur erzählend zusammen. Sie enthalten fast keine eigenen Zahlen. Ihr Wert liegt in der Einordnung; ihr methodisches Gewicht ist gering, und sie zitieren überwiegend dieselben kleinen Primärstudien. Eine unabhängige Bestätigung entsteht dadurch nicht.
Thalassämie. Roidos et al. 2024 (Diagnostics) [s49] ist eine nicht systematische Übersicht (PubMed, Cochrane, Medscape; 71 Artikel nach Entfernung von Doppelungen) zu Beta-Thalassämie, oxidativem Stress und männlicher Unfruchtbarkeit. Kernaussage: Oxidativer Stress, verstärkt durch transfusionsbedingte Eisenüberladung, gehe mit schlechterer Samenqualität einher, Antioxidanzien erschienen vielversprechend, es fehlten aber belastbare klinische Studien; Effektgrößen enthält der Abstract nicht. De Sanctis et al. 2017 (Expert Review of Hematology) [s120] nennen Hypogonadismus als die am häufigsten berichtete endokrine Komplikation bei Thalassaemia major, 40 bis 80 Prozent der Patienten betreffend; Häufigkeit und Schwere hingen von Alter, Genotyp, Transfusionshäufigkeit sowie Beginn und Wirksamkeit der Chelattherapie ab. Bei Patienten mit Gonadotropinmangel lasse sich die Spermatogenese mit exogenen Gonadotropinen in einigen Fällen auslösen oder wiederherstellen. De Sanctis et al. 2018 (Acta Biomedica) [s109] führen Pubertätsversagen, Unfruchtbarkeit und sexuelle Funktionsstörung bei transfusionsabhängiger Beta-Thalassämie auf chronische Anämie und Eisenablagerung in Hypophyse und Hoden zurück. Skordis et al. 2004 (Pediatric Endocrinology Reviews) [s187] stellen fest, dass hypogonadotroper Hypogonadismus durch Hämosiderose weiterhin bei einem erheblichen Teil der Patienten vorhanden sei; die berichteten 358 erfolgreichen Schwangerschaften betreffen überwiegend Frauen. Alle vier sind Expertenbeiträge derselben Arbeitsgruppen und Netzwerke (ICET-A, Ferrara) ohne systematische Methodik.
Sichelzellkrankheit. Naelitz et al. 2024 (Nature Reviews Urology) [s47] fassen aus urologischer Sicht zusammen: Hereditäre Hämoglobinopathien und Knochenmarkversagen seien mit Funktionsstörungen der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse, Hypogonadismus und auffälligen Samenparametern verknüpft; hereditäre Eisenüberladung könne zu Gewebeeisen mit Hypogonadismus und gestörter Spermatogenese führen, schwerer Eisenmangel zu Anämien mit verminderter Gonadotropinfreisetzung und Spermienzahl. Roidos et al. 2026 (Pathomechanismen, Priapismus und Fertilitätserhalt) [s12], Bedrick et al. 2022 [s66] (Fertilitätserhalt bei Hämoglobinopathien im Kindesalter; Sichelzellkrankheit schädige die männliche Fertilität vor allem durch Hodenversagen, Beta-Thalassaemia major durch Eisenablagerung nach chronischen Transfusionen; Spermienbanking bei pubertären, Einfrieren von Hodengewebe bei präpubertären Jungen), Nickel und Mitarbeiter 2022 [s75] (Fertilität nach kurativer Therapie), Smith-Whitley 2014 [s140], DeBaun 2014 [s138] (Hydroxyurea trägt zur Infertilität erwachsener Männer bei), Huang und Muneyyirci-Delale 2017 [s122] (reproduktive endokrine Fragen bei Männern mit Sichelzellanämie) und Soliman et al. 2021 [s90] (Wirkung von Transfusion, Chelation und Hydroxyurea auf Pubertät, Wachstum und Spermatogenese; Spermienauffälligkeiten seien häufig, beteiligt seien schwere Anämie, vaso-okklusive Ischämie von Hypophyse und Hoden sowie Ernährungsfaktoren) enthalten im Abstract keine Zahlen zum Kernbefund. Musicki und Burnett 2022 [s74] nennen für den Testosteronmangel bei Sichelzellkrankheit einen Hypogonadismus von bis zu 25 Prozent; als Hauptursache gelte primäres Hodenversagen, im Mausmodell erklärt durch erhöhten NADPH-Oxidase-abhängigen oxidativen Stress, der in Leydig-Zellen das Steroidogenese-Eiweiß StAR vermindere. Das steht im Gegensatz zu Beobachtungsstudien, die zentrale oder periphere Ursachen finden (siehe unten). Zum Priapismus, der die erektile Funktion und nicht die Spermatogenese betrifft: Akakpo und Burnett 2026 [s01] geben für den ischämischen Priapismus bei Sichelzellkrankheit eine Prävalenz von 30 bis 40 Prozent an und nennen Stickstoffmonoxid, Phosphodiesterase 5, Opiorphin, Adenosin, Testosteron und RhoA/ROCK als beteiligte Wege; Shigehara und Namiki 2016 [s131] beschreiben ischämischen, nicht ischämischen und stotternden Priapismus (Letzterer häufig bei Sichelzellkrankheit); Benavides und Mitarbeiter 2013 [s143] (kolumbianische Übersicht) nennen Priapismus als häufigste hämatologisch verursachte Form mit bis zu 40 Prozent, Erektionsstörung als wichtigste Folge und keinen Konsens über die Behandlung. Zum Fertilitätserhalt vor der Pubertät: Sauvat und Mitarbeiter 2010 [s161] (französisch; Sichelzellanämie als Indikation für Stammzelltransplantation) und Tada 2024 [s57] (japanisch; Fertilitätserhalt bei hämatologischen Patienten, Schwerpunkt Frauen mit chronischer myeloischer Leukämie, zu Hämoglobinopathien enthält der Abstract nichts).
Eisenüberladung, Eisen im Hoden und Wachstum. Gabrielsen et al. 2018 (Current Urology Reports) [s112]: Eisenüberladungserkrankungen (hereditäre Hämochromatose, Beta-Thalassämie) seien mit hypogonadotropem Hypogonadismus, Unfruchtbarkeit und sexueller Funktionsstörung assoziiert, wenn überschüssiges Eisen nicht entfernt wird; das männliche Fortpflanzungssystem sei besonders empfindlich; ob in der Allgemeinbevölkerung mit durchschnittlich hoher Eisenzufuhr die Eisenbeladung die Fortpflanzung beeinträchtige, sei unklar. Harrer et al. 2025 (Andrology) [s23]: Keimzellen benötigten Eisen für Zellteilungen, Leydig- und Sertoli-Zellen für Testosteronsynthese und Spermienentwicklung; sowohl Überladung (Ferroptose, oxidativer Stress) als auch Mangel beeinträchtigten die Hodenfunktion. Yang et al. 2022 (Nutrients) [s80]: Ein mäßiger Eisengehalt sei nötig, Überladung könne Funktionsstörung auslösen, die alleinige Hemmung der Ferroptose kehre die Störung möglicherweise nicht vollständig um. Jiao et al. 2022 (chinesischsprachige Zeitschrift) [s71] beschreiben Ferroptose als beteiligt an Spermatogenesestörungen. Die große toxikologische Ferroptose-Literatur (Umweltgifte, Zytostatika, Hitze) ist nicht erfasst; sie belegt einen Mechanismus, keine Wirkung der vier Krankheitsgruppen. Tenuta et al. 2024 (Pediatric Blood and Cancer) [s53] besprechen Wachstums- und Pubertätsstörungen bei Eisenüberladung in Kindheit und Jugend und weisen auf Literaturlücken hin. Vantyghem et al. 2012 (Orphanet Journal of Rare Diseases) [s152]: Der hypogonadotrope Hypogonadismus sei bei Hämochromatose häufig, oft mit Diabetes. Fan und Huang 2025 (Zhongguo Dang Dai Er Ke Za Zhi, chinesischsprachig) [s20] zählen Störungen der Wachstumshormon-Achse, Hypothyreose, Hypoparathyreoidismus, Hypogonadismus, Nebenniereninsuffizienz und verringerte Knochendichte als Folgen der Eisenüberladung bei Kindern mit transfusionsabhängiger Thalassämie auf, ohne Zahlen. Aus dem russischsprachigen Raum liegt eine Literaturübersicht zur posttransfusionellen Eisenüberladung bei Kindern vor, in der Hypogonadismus, Hypothyreoidismus und Diabetes als Folgezustände geführt werden (Batmanova et al. 2020) [s101]; weiter eine Übersicht mit Fallschilderung zur Sichelzellkrankheit, die einen Hypogonadismus mit Infantilismus und Unterentwicklung der Geschlechtsorgane beschreibt (Kuzmin et al. 2005) [s184], sowie ein Fallbericht mit Übersicht, der bei Sichelzellkrankheit Priapismus, hohen Wuchs mit Eunuchoidismus und Hypogonadismus erwähnt (Shapchenko et al. 2013) [s148]. Diese russischsprachigen Texte sind lehrbuchartig, enthalten keine Prävalenzen und keine Spermiogramme.
Zusammenschau der Übersichten
Erstens: Die narrativen Übersichten stimmen qualitativ überein, dass Hypogonadismus, auffällige Samenparameter und sexuelle Funktionsstörung bei Thalassämie, bei Hämochromatose und bei Sichelzellkrankheit häufig vorkommen. Zweitens: Die einzige quantitative Zahl für Männer mit Eisenüberladung (Hypogonadismus 47,0 Prozent; Azoospermie 17,6 Prozent, andere Samenanomalien 37,5 Prozent unter den auf Spermatogenese Untersuchten) kommt aus einem Pool ohne berichtete Heterogenität [s05]. Drittens: Für Hydroxyurea ist die Konzentrationsminderung quantifiziert (MD -15,48 Millionen/ml), die Reversibilität aber uneinheitlich [s50, s40, s11]. Viertens: Für Eisen im Samen widersprechen sich zwei Metaanalysen [s10, s16]. Fünftens: Alle Übersichten mit Fertilitätsbezug warnen selbst, die zugrunde liegende Literatur sei klein, heterogen und überwiegend querschnittlich oder retrospektiv [s05, s11, s40, s49]. Sechstens: Die Cochrane-Ebene schweigt zur Fertilität [s126, s76]. Siebtens: Weil die Übersichten dieselben Primärstudien zitieren, darf aus der Zahl der Übersichten nicht auf eine breite Evidenzbasis geschlossen werden. Eine Abgrenzung zu Leitlinien (zum Beispiel [s07, s39, s21]) ist Gegenstand eines anderen Kapitels.