Die folgenden Fragen ergeben sich aus den Lücken und Widersprüchen der Literatur; sie sind keine Empfehlungen zur Anwendung von Produkten.
- Haarfärbemittel und Spermienqualität beim Menschen. Es gibt keine einzige epidemiologische Studie mit Spermaendpunkten. Offen ist, ob die In-vitro-Befunde zu PPD [s42] und die gegensätzlichen Tierbefunde [s133, s141] unter Anwendungsbedingungen (Kopfhautaufnahme, Einwirkzeit, Häufigkeit, Berufsexposition von Friseuren) eine Entsprechung haben. Für männliche Friseure liegen in den gesichteten Abstracts keine Spermadaten vor [s126, s142].
- Tätowierungen bei höherer Exposition. Die einzige Studie umfasst überwiegend schwarze, wenige und junge Tätowierungen [s18]. Offen ist die Rolle von Tintenmenge, Hautfläche, Farbstoffklasse und Alter der Tätowierung; die Übersichten betonen fehlende Zusammensetzungsgrenzen und Wissenslücken [s70, s44, s07].
- Organische UV-Filter jenseits der Benzophenone. Für Octocrylen, Homosalat, 4-Methylbenzylidencampher und Octinoxat wurde keine Studie mit menschlichen Spermaparametern gefunden. Auch die Wirkung von Benzophenon-3 auf Spermien beim Menschen ist unklar; die Mausbefunde [s21, s29] und die Daten zur Hautaufnahme [s68] müssten durch Humanstudien mit Expositionsmessung und Spermienendpunkten ergänzt werden. Ob die Hautbarriere (Filaggrin-Genotyp) den Zusammenhang verändert [s106], ist nicht gesichert.
- Triclosan mit besserer Expositionsmessung. Nötig sind prospektive Studien mit wiederholten Urin- und Samenplasmaproben über die Dauer der Spermatogenese, vorab festgelegten Hauptendpunkten und Mehrfachtestkorrektur. Offen ist, ob die nichtmonotone Beziehung in Shanghai [s123] replizierbar ist, wie sich die Veränderung der Exposition seit 2013 [s97] auswirkt und ob die Befunde in der Samenflüssigkeit [s101, s90] in unabhängigen Stichproben wiederkehren.
- Triclosan-Metaanalyse mit internen Kontrollen. Eine Neuberechnung mit Einzeldaten oder mit internen Vergleichsgruppen statt WHO-Referenzwerten und mit Meta-Regression zur Erklärung der Heterogenität steht aus [s38].
- Quartäre Ammoniumverbindungen beim Menschen. Trotz stark gestiegener Verwendung [s40] liegt keine Humanstudie mit Spermaparametern und Expositionsmessung für Reinigungs- und Desinfektionsmittel vor. Offen ist, ob die Mausbefunde [s128, s122, s32, s26] mit umweltrelevanten Dosen und Gabewegen auf den Menschen übertragbar sind und welche Biomarker für die Messung geeignet wären.
- Duftstoffe einzeln statt aggregiert. Die aggregierte Produktnutzung [s89] verdeckt Unterschiede zwischen Stoffen mit sehr unterschiedlicher Aufnahme. Für synthetische Moschusverbindungen wie Galaxolid [s60, s61] fehlen Humanstudien; die Spezies-Unterschiede des Metabolismus (Cyclamenaldehyd [s80]) zeigen, dass Tierbefunde stoffspezifisch geprüft werden müssen.
- Mischungen und Wechselwirkungen. Triclosan, Parabene, Benzophenone, Phthalate und Bisphenole kommen gemeinsam vor. Mischungsmodelle [s22, s43, s52, s34] liefern abhängig vom Modell unterschiedliche Aussagen; ob Wechselwirkungen (etwa Triclosan und Butylparaben [s22]) real sind, ist offen. Die im Tierversuch berichtete gemeinsame Wirkung von Butylparaben und Triclosan [s110] müsste mit Humandaten verglichen werden.
- Pränatale und frühe Exposition. Studien mit Messungen in der Schwangerschaft finden teils Hormonbefunde, aber keine Spermabefunde [s67, s09]; ob eine Exposition in Entwicklungsfenstern spätere Spermienqualität beeinflusst, bleibt offen. Tierdaten sprechen bei quartären Ammoniumverbindungen für mehrgenerationale, nicht aber transgenerationale Effekte [s32].
- Klinisch nähere Endpunkte. Fekundabilität, Schwangerschaftsraten und Lebendgeburten werden selten untersucht [s74, s95]; Spermaparameter sind nur ein Surrogat. Ob kleine Änderungen (etwa 1 Prozentpunkt normale Formen [s97]) klinisch relevant sind, ist nicht geklärt.
- Messmethodik und Standardisierung. Einheitliche Nachweisgrenzen, Kontaminationskontrollen, Kreatininkorrektur und Spermaanalysen nach dem WHO-Handbuch würden Vergleiche erleichtern; die russischen Arbeiten schlagen Schwellenwerte für die Klinik vor [s102], die ohne unabhängige Validierung nicht tragfähig sind.
- Regional und sprachlich unterrepräsentierte Räume. Humandaten fehlen für viele Länder mit anderem Produktgebrauch. Für PPD wird in einer Arbeit berichtet, der Zusatz sei in Industrieländern auf 2 Prozent begrenzt, könne in manchen anderen Ländern aber 2 bis 90 Prozent betragen [s42]; ob dies Expositionsunterschiede in Populationen erzeugt, ist ungeprüft. Auch deutschsprachige Originalstudien und Leitlinien fehlen.
- Rolle der Hautbarriere und Aufnahmewege. Dermale, orale und inhalative Aufnahme sind in den Studien selten getrennt; die Verteilung im männlichen Genitaltrakt wurde für Parabene [s81, s56] und Triclosan beim Tier [s127] beschrieben, aber nicht in Bezug zu Spermienendpunkten beim Menschen gesetzt.