Haarfärbemittel, Tattoos, UV-Filter und Haushaltschemikalien · Kapitel 15 von 18

Offene Forschungsfragen

Die folgenden Fragen ergeben sich aus den Lücken und Widersprüchen der Literatur; sie sind keine Empfehlungen zur Anwendung von Produkten.

  1. Haarfärbemittel und Spermienqualität beim Menschen. Es gibt keine einzige epidemiologische Studie mit Spermaendpunkten. Offen ist, ob die In-vitro-Befunde zu PPD [s42] und die gegensätzlichen Tierbefunde [s133, s141] unter Anwendungsbedingungen (Kopfhautaufnahme, Einwirkzeit, Häufigkeit, Berufsexposition von Friseuren) eine Entsprechung haben. Für männliche Friseure liegen in den gesichteten Abstracts keine Spermadaten vor [s126, s142].
  2. Tätowierungen bei höherer Exposition. Die einzige Studie umfasst überwiegend schwarze, wenige und junge Tätowierungen [s18]. Offen ist die Rolle von Tintenmenge, Hautfläche, Farbstoffklasse und Alter der Tätowierung; die Übersichten betonen fehlende Zusammensetzungsgrenzen und Wissenslücken [s70, s44, s07].
  3. Organische UV-Filter jenseits der Benzophenone. Für Octocrylen, Homosalat, 4-Methylbenzylidencampher und Octinoxat wurde keine Studie mit menschlichen Spermaparametern gefunden. Auch die Wirkung von Benzophenon-3 auf Spermien beim Menschen ist unklar; die Mausbefunde [s21, s29] und die Daten zur Hautaufnahme [s68] müssten durch Humanstudien mit Expositionsmessung und Spermienendpunkten ergänzt werden. Ob die Hautbarriere (Filaggrin-Genotyp) den Zusammenhang verändert [s106], ist nicht gesichert.
  4. Triclosan mit besserer Expositionsmessung. Nötig sind prospektive Studien mit wiederholten Urin- und Samenplasmaproben über die Dauer der Spermatogenese, vorab festgelegten Hauptendpunkten und Mehrfachtestkorrektur. Offen ist, ob die nichtmonotone Beziehung in Shanghai [s123] replizierbar ist, wie sich die Veränderung der Exposition seit 2013 [s97] auswirkt und ob die Befunde in der Samenflüssigkeit [s101, s90] in unabhängigen Stichproben wiederkehren.
  5. Triclosan-Metaanalyse mit internen Kontrollen. Eine Neuberechnung mit Einzeldaten oder mit internen Vergleichsgruppen statt WHO-Referenzwerten und mit Meta-Regression zur Erklärung der Heterogenität steht aus [s38].
  6. Quartäre Ammoniumverbindungen beim Menschen. Trotz stark gestiegener Verwendung [s40] liegt keine Humanstudie mit Spermaparametern und Expositionsmessung für Reinigungs- und Desinfektionsmittel vor. Offen ist, ob die Mausbefunde [s128, s122, s32, s26] mit umweltrelevanten Dosen und Gabewegen auf den Menschen übertragbar sind und welche Biomarker für die Messung geeignet wären.
  7. Duftstoffe einzeln statt aggregiert. Die aggregierte Produktnutzung [s89] verdeckt Unterschiede zwischen Stoffen mit sehr unterschiedlicher Aufnahme. Für synthetische Moschusverbindungen wie Galaxolid [s60, s61] fehlen Humanstudien; die Spezies-Unterschiede des Metabolismus (Cyclamenaldehyd [s80]) zeigen, dass Tierbefunde stoffspezifisch geprüft werden müssen.
  8. Mischungen und Wechselwirkungen. Triclosan, Parabene, Benzophenone, Phthalate und Bisphenole kommen gemeinsam vor. Mischungsmodelle [s22, s43, s52, s34] liefern abhängig vom Modell unterschiedliche Aussagen; ob Wechselwirkungen (etwa Triclosan und Butylparaben [s22]) real sind, ist offen. Die im Tierversuch berichtete gemeinsame Wirkung von Butylparaben und Triclosan [s110] müsste mit Humandaten verglichen werden.
  9. Pränatale und frühe Exposition. Studien mit Messungen in der Schwangerschaft finden teils Hormonbefunde, aber keine Spermabefunde [s67, s09]; ob eine Exposition in Entwicklungsfenstern spätere Spermienqualität beeinflusst, bleibt offen. Tierdaten sprechen bei quartären Ammoniumverbindungen für mehrgenerationale, nicht aber transgenerationale Effekte [s32].
  10. Klinisch nähere Endpunkte. Fekundabilität, Schwangerschaftsraten und Lebendgeburten werden selten untersucht [s74, s95]; Spermaparameter sind nur ein Surrogat. Ob kleine Änderungen (etwa 1 Prozentpunkt normale Formen [s97]) klinisch relevant sind, ist nicht geklärt.
  11. Messmethodik und Standardisierung. Einheitliche Nachweisgrenzen, Kontaminationskontrollen, Kreatininkorrektur und Spermaanalysen nach dem WHO-Handbuch würden Vergleiche erleichtern; die russischen Arbeiten schlagen Schwellenwerte für die Klinik vor [s102], die ohne unabhängige Validierung nicht tragfähig sind.
  12. Regional und sprachlich unterrepräsentierte Räume. Humandaten fehlen für viele Länder mit anderem Produktgebrauch. Für PPD wird in einer Arbeit berichtet, der Zusatz sei in Industrieländern auf 2 Prozent begrenzt, könne in manchen anderen Ländern aber 2 bis 90 Prozent betragen [s42]; ob dies Expositionsunterschiede in Populationen erzeugt, ist ungeprüft. Auch deutschsprachige Originalstudien und Leitlinien fehlen.
  13. Rolle der Hautbarriere und Aufnahmewege. Dermale, orale und inhalative Aufnahme sind in den Studien selten getrennt; die Verteilung im männlichen Genitaltrakt wurde für Parabene [s81, s56] und Triclosan beim Tier [s127] beschrieben, aber nicht in Bezug zu Spermienendpunkten beim Menschen gesetzt.
Alle Kapitel und Anhänge (21)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Studienlage: Metaanalysen und Übersichten
  5. Vorbemerkung zu Design und typischen Grenzen bis UV-Filter: Studien mit Benzophenon-Biomarkern
  6. Parabene und Phthalate als Begleitstoffe in Körperpflegeprodukten bis Zusammenschau der Beobachtungsstudien
  7. Lesehilfe und Evidenzbasis bis UV-Filter: Humanstudien
  8. UV-Filter: Tierversuche und Zellversuche bis Zusammenschau der Studienlage
  9. Mechanismen und biologische Plausibilität
  10. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  11. Englisch bis Chinesisch
  12. Japanisch bis Türkisch
  13. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  14. Limitationen der Evidenz
  15. Offene Forschungsfragen
  16. Praktische Einordnung
  17. Glossar
  18. Quellenverzeichnis
  19. Diagramme
  20. Quellen
  21. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle