Epigenetik und Spermien-RNA: Vererbung über den Vater · Kapitel 14 von 24

Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität

Formale Dosis-Wirkungs-Analysen zur Spermienepigenetik sind selten. Beim Menschen liegen überwiegend Vergleiche von Expositionsgruppen oder Korrelationen mit gemessenen Biomarkern vor; in Tierversuchen werden meist ein bis drei Dosisstufen geprüft, die sich nicht auf menschliche Expositionen umrechnen lassen. Kein Abschnitt dieses Kapitels leitet eine sichere Schwelle, Grenzwert oder Handlungsempfehlung ab.

Dosis-Wirkung beim Menschen

Die Tabelle fasst alle erfassten Humanstudien zusammen, in denen eine Expositionsabstufung, ein kontinuierlicher Biomarker oder mehrere Gruppen mit steigender Exposition ausgewertet wurden.

ExpositionStudie (Design, n)AbstufungBefund
Hitze (Feuchtkugeltemperatur)Nobles 2026 [s20]; Kohorte, 1220 Männerje 10 % mehr Zeit über dem 90. (16,1 °C), 95. (17,2 °C), 98. Perzentil (17,8 °C)Spermien-Epigenetik-Alter beschleunigt um 0,063 (−0,001 bis 0,128), 0,121 (0,022 bis 0,220), 0,173 Jahre (0,030 bis 0,316); Fenster der Meiose I und II am stärksten (0,146 Jahre [0,028 bis 0,264] beim 98. Perzentil)
Luftschadstoffe (väterlich)Cheng 2024 [s94]; Geburtskohorte, 1607 Männerhohe gegenüber niedriger Exposition; Fenster 15 bis 69 Tage vor der BefruchtungGeburtsgewicht: PM2,5 β −211,31 (−386,37 bis −36,24); PM10 −178,20 (−277,13 bis −79,27); NO2 −84,22 (−165,86 bis −2,57); sechs Schadstoffe gemeinsam −51,91 (−92,72 bis −11,10); 10.328 DMR; Einheit der β-Werte nicht berichtet
PhthalateWu 2017 [s328]; 48 Männer; Nowak 2024 [s111]; 697 MännerMetabolitkonzentration im Urin (Spot-Probe)DMR je Metabolit: MEHP 83, MEOHP 16, MBP 22, MCOCH 7 [s328]; Metaanalyse: MBzP 946, MiBP 27, MEHP 1 DMR, überwiegend positive Assoziation [s111]; Dosis-Wirkungs-Kurve nicht berichtet
QuecksilberLu 2018 [s308]; 616 Männer (H19 bei 242)Urin-Quecksilber median 9,14 µg/l (IQR 5,56 bis 12,52); 42,7 % über 10 µg/lH19-Methylierung negativ korreliert (rs = −0,346; p < 0,05); Peg3 und Meg3 nicht
ArsenLu 2023 [s156]; 352 MännerUrin-Arsen kontinuierlichMeg3-Methylierung positiv (β = +0,125; p < 0,001), an acht CpG-Stellen β +0,094 bis +0,143
Polyzyklische aromatische KohlenwasserstoffeYang 2020 [s261]; 302 Männer, 157 NeugeboreneGesamt-OH-PAK im UrinGeburtsgewicht β = −0,081 (p = 0,020); je Prozentpunkt höherer H19-Methylierung −0,135 g Geburtsgewicht (angegebenes KI 0,781 bis 0,978 nur wörtlich wiedergegeben)
BleiZhang 2026 [s34]; je drei MännerBlut-Blei 0 bis 2,5 gegenüber 5 bis 10 µg/dlsieben von elf klonierten Promotoren unterschieden sich in der Promotoraktivität nach Methylierungszustand
Zigaretten und WasserpfeifeLaqqan 2023 [s152]; 900 Proben, je 300Nichtraucher, starke Zigarettenraucher, Wasserpfeifeglobale Methylierung 4,7 ± 0,6, 7,1 ± 0,6, 8,6 ± 0,6 ng/µl (p < 0,001); Protamindefizit 15,3 ± 5,9, 51,7 ± 19,2, 72,8 ± 15,3 %; DNA-Fragmentierung 9,3 ± 4,3, 50,5 ± 18,9, 73,4 ± 13,4 %; ungewöhnlich große Effekte
Rauchen (Cotinin)Hamad 2014 [s371]; 35 Raucher, 19 NichtraucherSeminalplasma-Cotinin 60,44 ± 31,32 gegenüber 2,01 ± 2,84 ng/mlH2B 292,27 ± 58,24 gegenüber 109,1 ± 43,70 ng/10⁶ Spermien (p = 0,001); P1/P2 1,71 gegenüber 1,05
Rauchen (Array)Jenkins 2017 [s321]; Alkhaled 2018 [s291]; Al Khaled 2018 [s290]Raucher gegenüber Nichtrauchern141, 11 und 7 signifikante CpG-Stellen; kein einheitliches Muster
Nikotin und AlkoholZhang 2019 [s282]; Guizhou, 143 MännerNikotin, Alkohol, beidesBeweglichkeit niedriger bei Nikotin (P = 0,0064) und bei beidem (P = 0,0008); LINE-1-Hypermethylierung in allen drei Gruppen
Dioxin (TCDD)Pilsner 2018 [s309]; je 4 Männerhöchste gegenüber niedrigster peripubertärer Gruppe52 DMR; n = 4 je Gruppe
Väterliches AlterCao 2020 [s246]; 94 Männer; Mohammed 2023 [s160]; 230 Proben; Lahimer 2023 [s150]; 671 Männer18 bis 38 gegenüber 46 bis 71 Jahre; unter 30, 30 bis 40, über 40; über gegenüber unter 40über 150.000 CpG-Stellen altersassoziiert (798 DMR); höhere globale Methylierung bei über 40 Jahren [s160], niedrigere (2 % gegenüber 6 %; p = 0,03) und mehr Fragmentierung (15 % gegenüber 9 %) [s150]
Body-Mass-IndexSalas-Huetos 2020 [s256]; 96 Männernormal gegenüber hoch/adipösim Mittel etwa 1,4 Jahre ältere Vorhersage bei hohem BMI, nicht signifikant
DiabetesSu 2025 [s76]; 40 MännerTyp-2-Diabetes, Prädiabetes, Normoglykämie655 von 745.804 CpG-Stellen; 96,5 % höher methyliert (β-Differenz 0,16 ± 0,004); 24 % Überlappung mit HbA1c-Sonden
Kindheitsbelastung, StressTuulari 2025 [s81]; Mínguez-Alarcón 2026 [s18]TADS ≥ 39 gegenüber ≤ 10; PSS-4 (Median 4)drei Regionen und 68 kleine RNA [s81]; 811 CpG-Stellen, nach Mehrfachtestkorrektur nicht signifikant [s18]
Variabilität der MethylierungNowak 2026 [s21]; 372 PaareQuartile von EVOSvorhergesagte 12-Monats-Konzeptionswahrscheinlichkeit 66 % (53 bis 75) im obersten, 81 % (73 bis 87) in Q2 und Q3, 86 % (76 bis 91) im untersten Quartil; FOR 0,79 (0,67 bis 0,94)
H3K9me3/H3Holleman 2025 [s53]; 99 MännerQuartileunterstes gegenüber drittem Quartil: biochemische Schwangerschaft OR 0,30 (0,09 bis 0,97); nichtlinear, möglicherweise optimaler Bereich
CadmiumHassan 2024 [s100]; 33 gegenüber 33 MännerCadmium in Blut und SamenMT1A-Methylierung korreliert invers mit der Spermienzahl, stärkster Prädiktor; Werte nicht berichtet

Aus der Tabelle lassen sich drei Aussagen ableiten. Erstens zeigt nur die Hitzestudie [s20] eine über drei Schwellen hinweg ansteigende Abstufung (0,063; 0,121; 0,173 Jahre) mit Konfidenzintervallen, wobei das erste Intervall die Null einschließt; die Effekte sind klein. Zweitens sind die großen Effekte in den Gaza-Studien [s152] ungewöhnlich groß, was auf Selektions- oder Methodeneffekte hindeuten könnte und nur mit Volltext und Rohdaten prüfbar wäre. Drittens liefern die Studien keine Schwellenwerte; Konzentrationsangaben wie 10 µg/l Quecksilber im Urin dienen nur der Beschreibung der Stichprobe [s308]. Kontrastierend ist die Phthalatstudie: Die Diskrepanz zwischen kohortenspezifischen und metaanalytischen DMR [s111] zeigt, dass Befunde aus Einzelkohorten oft nicht repliziert werden.

Dosis-Wirkung im Tierversuch

Die folgenden Dosen stammen aus Abstracts. Sie beziehen sich auf Tiere, die Applikationswege weichen vom Menschen ab, und eine Umrechnung auf menschliche Exposition ist nicht möglich.

Stoff oder BehandlungTierDosis und DauerBefundQuelle
Bisphenol A, Bisphenol AFMaus10 ppm im Trinkwasser, 4 bis 12 WochenH4K8-Acetylierung in Spermatiden im Schritt 13; Methylierungsänderungen in Genen der Beweglichkeit (BPA) und des Androgensignals (BPAF)[s366]
KoffeinRatte15 bis 60 mg/kg/Tag, 8 Wochen (vor der Zeugung)Steatohepatitis der Nachkommen, transgenerational; miR-142-3p-Promotor hypermethyliert über Kortikosteron[s126]
DEHPRatte5, 250 und 500 mg/kg/Tag, 35 TageSpermienqualität und Hormone bei F1 und F2 beeinträchtigt; H3K27me3 im Hoden erhöht[s85]
DEHP (Dual-Parent)Ratte300 mg/kg (F1-Väter)Angst, Gedächtnisstörung, veränderte Gehirnmethylierung bei F1 und F2[s58]
Benzo[a]pyrenMaus1,0 oder 2,5 mg/kg, 2-mal pro Woche, 12 WochenH19 und Meg3 niedriger, Peg1 und Peg3 höher methyliert in F0-Spermien; F1–F2 ähnlich, abgeschwächt[s283]
Benzo[a]pyrenRatte0,1 mg/kg/Tag, 60 Tage828 hochregulierte Gene in der Spermien-DNA (MeDIP-seq)[s277]
DoxorubicinMaus0,2 beziehungsweise 0,02 mg/kg, 2-mal pro Woche, 5 WochenSpermien-DNA-Methylierung nahm dosisabhängig genomweit ab; Dnmt3a/3b im Hoden gesunken[s288]
ValproinsäureMaus200 mg/kg/Tag, 4 Wochenvorübergehende Histon-Hyperacetylierung; Methylierungsänderungen in Spermien; Verhalten der Nachkommen verändert[s165]
ValproinsäureMaus100 mg/kg/Tag, 2 WochenHistonacetylierung erhöht; veränderte Methylierung (RRBS)[s354]
DexamethasonMeerschwein3 mg/kg, jeden zweiten Tag, 48 Tage, n = 6 je Gruppe1 miRNA im Nebenhodenkopf, 31 miRNA in der Cauda verändert[s141]
ClothianidinMaus50 mg/kg/Tag, 6 Wochenverminderte Spontanaktivität männlicher Nachkommen; miR-149-5p und miR-295-3p hochreguliert[s11]
BleiacetatRatte60 mg/kg Blei im Trinkwasser, 7 WochenVerhalten bei F1 und F2 verändert; DNA-Schäden im Gehirn, nicht in Spermien[s317]
CadmiumchloridRatte3 mg/kg/Tag, 28 Tage (12 Ratten)272 piRNA hoch, 402 herunterreguliert[s181]
PCB153, Cadmium, 5-Aza-CdRRatte (neugeboren)PCB153 0,025/0,250/2,500; Cadmium 1/2/4; 5-Aza-CdR 0,025/0,250 mg/kg, 5 Tagetägliche Spermienproduktion in jeder Gruppe vermindert; globale Methylierung nur durch Cadmium und 5-Aza-CdR gesenkt[s408]
LeptinRatte60 µg/kg, 42 TageHiston-zu-Protamin-Verhältnis erhöht; durch Melatonin aufgehoben (6 je Gruppe)[s292]
Win55,212-2 (Cannabinoid)Ratte1,2 mg/kg in der Adoleszenz der Väterstärkeres Angstverhalten der Nachkommen; erhöhte globale Methylierung[s266]
BDE-47 (perinatal, Muttertiere)Ratte0,2 mg/kgMethylierung an Tag 65 erhöht, an Tag 120 erniedrigt; 21 und 9 DMR[s311]
Fettreiche KostMaus42 % kcal Fett, 10 Wochen5'tsRNA-Gly-GCC erhöht; F1-Leber: PEPCK und G6Pase erhöht[s205]
MethylphenidatMaus28 Tage5245 sncRNA-Änderungen, Gesamtmethylierung unverändert[s90]
Hodenerwärmung, EGMECynomolgus-Affe43 °C, 30 Minuten, 5 Tage; EGME 300 mg/kg, 4 TagemiR-34/449-Familie im Hoden vermindert; im Blut stieg keine miRNA an[s318]
EGMERatte2000 mg/kg einmalig; 100 mg/kg/Tag über 1, 7 und 14 Tagezeitabhängig unterschiedliche miRNA-Änderungen (nach 6 und 24 Stunden bei der Einzeldosis); ab Tag 7 bei Wiederholung[s287]
GanzkörperbestrahlungMaus6,4 GyFertilität verloren, nach 10 bis 11 Wochen zurück; Nachkommen unauffällig[s105]
1-Brompropan, 2-BrompropanRatte2 WochenSpermienzahl gesenkt; 2-BP senkte DNMT-mRNA[s390]

Lesehinweise: In keiner dieser Arbeiten wird, soweit die Abstracts es zeigen, eine statistische Dosis-Wirkungs-Beziehung modelliert. Ausdrücklich dosisabhängig beschreibt nur die Doxorubicin-Studie ihren Befund: Die Spermienmethylierung nahm mit der Dosis genomweit ab [s288]. Ein abgestufter Verlauf zeigt sich außerdem beim Alter: Es steigen die Zahlen differenziell exprimierter Spermien-miRNA mit dem Altersabstand (zwei Unterschiede zwischen 3 und 12 Monaten, 26 zwischen 3 und 20 Monaten, 34 zwischen 12 und 20 Monaten [s159]). Bei Hodenerwärmung und Kryptorchismus sind temperaturbezogene Veränderungen beschrieben [s59, s318]. Wo mehrere Dosisstufen genannt sind (DEHP, PCB153, Cadmium, Benzo[a]pyren), nennt das Abstract keine einheitlich gerichtete Dosis-Wirkung [s85, s408, s283].

Subgruppen

SubgruppeBefundQuelle
Geschlecht der Nachkommen (Mensch)Geburtsgewichtseffekt väterlicher Luftschadstoffe vor allem bei Jungen; Rauchbeginn des Vaters vor dem 11. Lebensjahr: ALSPAC höherer BMI bei Söhnen, HUNT-Replikation nicht bestätigt (Töchter 0,97 kg/m² [0,06 bis 1,87]); Großvater väterlicherseits und Enkelsöhne (Uppsala), Großmutter väterlicherseits und Enkeltöchter (Överkalix); Rauchen der Großmutter väterlicherseits: Enkeltöchter OR 1,42[s94, s421, s334, s313, s369, s184]
Geschlecht der Nachkommen (Tier)weibliche, nicht männliche Nachkommen glukoseintolerant (Ratte); Hyperglykämie bei weiblichen Nachkommen; geschlechtsabhängige miRNA und Verhalten; Plazenta-Transporter nur bei weiblichen Feten vermindert; kardiale Effekte geschlechtsabhängig[s339, s234, s347, s247, s28]
Alter des MannesMethylom, Fragmentierung, RNA-Profil altersabhängig; Richtung der Methylierung uneinheitlich; kein validierter Schwellenwert für „höheres“ väterliches Alter[s246, s160, s150, s167, s136, s399, s361]
BMI, Diabetes, Adipositasschlanke gegenüber adipöse Männer: wenige Unterschiede im Spermienmethylom [s244] bei großer Veränderung nach bariatrischer Operation [s340]; Typ-2-Diabetes: 655 CpG-Stellen [s76]; BMI und Altersbeschleunigung 1,4 Jahre, nicht signifikant [s256][s244, s340, s76, s256]
FertilitätsstatusAbnorme Methylierung geprägter Regionen bei infertilen Männern häufiger, besonders bei Oligozoospermie (14,4 % väterlich, 20,6 % mütterlich bei 97 Männern); H19 niedriger, MEST und SNRPN höher in der Metaanalyse; H19 in Einzelstudien uneinheitlich; normozoosperme infertile Männer mit CEP41[s416, s325, s269, s249, s385, s112]
Morphologische oder FunktionsgruppeTeratozoospermie: miR-34b und miR-34c bei Lebendgeburt höher (ΔCt 8,630 und 7,883); neun miRNA niedriger bei Teratozoospermie; Asthenozoospermie: piRNA, lncRNA[s206, s203, s186, s46]
BehandlungsformIUI-Schwangerschaft 19,4 % gegenüber 51,7 % je nach Methylierungsvariabilität; bei IVF (überwiegend ICSI) kein signifikanter Unterschied bei der Lebendgeburt[s158]
Nur NormozoospermeEVOS und Fecundability: FOR 0,82 (0,68 bis 0,99; n = 285)[s21]
RauchtypZigarette gegenüber Wasserpfeife, deutlich höhere Werte bei Wasserpfeife[s152, s151]
ErkrankungHodentumor: doppelt so viele differenzielle Stellen wie Hodgkin-Lymphom; Kallmann-Syndrom 4749 DMR (behandelt)[s142, s82]
Genetischer Hintergrund (Tier)Linien B6/D2 und Dnmt2−/− resistent gegen die fettreiche Diät, aber RNA übertrug den Phänotyp auf empfängliche Linien; Arsenmodell C3H/HeN gegenüber C57BL/6[s199, s67]
ExpositionsfensterMeiose I und II am stärksten (Hitze); 15 bis 69 Tage vor Befruchtung (Luftschadstoffe); Präkonzeptions- statt Schwangerschaftsexposition beim Rauchen (Hinweis); Nebenhoden- statt Hodenwirkung (Dexamethason, Caput gegenüber Cauda)[s20, s94, s78, s141, s299]
Population und RegionUnterschiedliche Altersrichtung in Gaza, Frankreich (Tunesien-Autorenschaft) und Ägypten; Guizhou mit Minderheitenbevölkerung; Männer mit natürlichem Kinderwunsch gegenüber Kinderwunschklinik[s160, s150, s255, s282, s21, s18]

Aus der Tabelle folgt: Geschlechtsspezifische Muster treten in Mensch und Tier regelmäßig auf, sind aber richtungsmäßig widersprüchlich (Söhne gegenüber Töchter in ALSPAC, HUNT, Överkalix, Uppsala) und wurden teilweise nicht repliziert [s334, s313]. Die Altersrichtung der Methylierung ist von Population und Methode abhängig [s136]. Nach Behandlungsform unterscheidet sich der Effekt: Bei ICSI scheint epigenetische Instabilität nach Interpretation der Autoren überwunden zu werden [s158]. Bei Kindern nach ART ist die Prägungsstörungs-Quote erhöht (Odds Ratios 2,2 bis 11,3 je Syndrom, kombiniert 3,67), nicht aber die gemessene Methylierung an sieben geprägten Genen [s300, s375].

Reversibilität und Rückbildung

BefundZeitraumErgebnisQuelle
Bariatrische Operation (Mensch)vor und nach Gewichtsverlust„dramatic remodeling“ der Spermienmethylierung, vor allem an Appetitregulationsgenen; Stichprobengrößen nicht berichtet[s340]
Ausdauertraining (Mensch)6 Wochen Training, 3 Monate Pause330 DMR nach dem Training, 303 nach der Pause, acht PIWI-interagierende RNA; ob der Ausgangszustand wiederhergestellt wurde, ist dem Abstract nicht zu entnehmen[s305]
Zuckerreiche Kost (Mensch)eine WochetsRNA hochreguliert; zwei Wochen Diät, Beweglichkeit stieg und blieb hoch[s271]
Diabetes (Mensch)Wiederholung nach 3 MonatenMethylierung stabil[s76]
Chemotherapie (Mensch)2 bis 3 Jahre danachbei einigen Patienten Methylierungsveränderungen nachweisbar; geprägte Gene unverändert[s142]
Nikotin (Maus)nach BeendigungEffekte auf Spermienqualität, Histon-Protamin-Übergang und Methylierung teilweise zurückgegangen; Autoren verweisen auf Rückbildung nach kurzfristigem Rauchstopp (Mensch)[s44]
Methylphenidat (Maus)28 Tage Gabe, 40 Tage Pause5245 sncRNA-Änderungen, danach 712 ohne auffällige miRNA; Verhalten der F1 unauffällig[s90]
Valproinsäure (Maus)nächste GenerationSpermienmethylierungsänderungen verschwunden[s165]
Arsen (Maus)F2Merkmale in Leber und Hoden, nicht in F2-Spermien wiederhergestellt[s79]
HFD-Väter (Maus)F1, F2, F3Weitergabe bis F2, in F3 weitgehend abgeschwächt[s337]
Unterernährung in utero (Maus)F2Methylierungsunterschiede in Geweben nicht erhalten, Expression einzelner Loci gestört[s377]
Cannabisextrakt (Ratte)28 Tage Exposition und 56 Tage Auswaschphase3321 nominell signifikante CpG-Stellen im F0-Sperma; Veränderung auch im F1-Sperma[s200]
Ganzkörperbestrahlung (Maus)10 bis 11 Wochenväterliche Fertilität kehrte zurück; Nachkommen unauffällig[s105]
Inaktivität (Ratte)8 WochenSpermienbeweglichkeit durch freiwilliges Laufen wiederhergestellt; Geschlechterverhältnis der Nachkommen inaktiver Väter 39 : 16 gegenüber 24 : 28 bei Kontrollen, Wirkung des Laufens darauf nicht berichtet[s33]
Folsäure (Tiermodelle)Gabe vor oder währendKoffeineffekte, Homocysteineffekte, POP-bedingte miRNA-Störung verhindert oder vermindert; beim Huhn überhöhte Zufuhr mit mehr Leberlipogenese[s17, s107, s265, s99, s75]
Scriptaid, STM2457, 3-Deazaneplanocin AHemmerbehandlungStoffwechselstörung oder Spermienzahl im Modell wiederhergestellt[s31, s122, s74]
Antioxidanzgabe (Maus)oraloxidative DNA-Schäden korrigiert[s298]

Die Befunde zur Reversibilität sind uneinheitlich. Kurzfristige Veränderungen (RNA-Profile, Beweglichkeit, einzelne Methylierungsmarken) sind in Tierversuchen und in einzelnen kleinen Humanstudien rückbildungsfähig [s90, s271, s44, s33]. Dagegen blieben Veränderungen nach Chemotherapie bei einigen Männern 2 bis 3 Jahre nachweisbar [s142]. Die Methylierung bei Diabetes war über drei Monate stabil [s76]. Für die Nachkommengeneration gilt: Mehrere Arbeiten zeigen, dass die Veränderungen in F2 oder F3 verschwinden oder abgeschwächt sind [s165, s79, s337, s377], andere berichten Fortbestand [s237, s148, s17, s33]. Ob ein Wechsel von Exposition oder Lebensstil beim Mann die Spermienepigenetik dauerhaft verändert und Folgen für Kinder hat, ist durch keine randomisierte Studie belegt; die beiden Cochrane-Reviews ohne epigenetischen Endpunkt zeigen für Lebensstilberatung kaum einen Unterschied bei der Lebendgeburt (RR 0,93; 95-%-KI 0,79 bis 1,10 [s213]) und für Antioxidantien möglicherweise höhere Lebendgeburtenraten bei sehr niedriger Vertrauenswürdigkeit (OR 1,43; 1,07 bis 1,91 [s182]).

Gesamtbild und Grenzen

Die erfassten Arbeiten zeigen, dass das Spermienepigenom in Tier und Mensch auf Alter, Ernährung, Bewegung, Rauchen, Stress und eine Reihe von Umweltstoffen reagiert, dass im Mausmodell Spermien-RNA und einzelne Chromatinmarken Merkmale der Nachkommen bestimmen können, und dass beim Menschen Spermienmethylierung und -RNA mit Fertilität, Fragmentierung, Embryoqualität und Schwangerschaftsverlust assoziiert sind. Sie zeigen nicht, bei welcher Dosis eine Veränderung auftritt, ob sie beim Menschen zu einem Kindmerkmal führt, ob sie bei Änderung der Exposition verschwindet und ob ein Test klinisch nützt. Keine Leitlinie empfiehlt die Messung von Spermien-Methylierung, -RNA oder Histonmodifikationen [s115, s05, s146]. Aus dieser Literatur lässt sich keine Therapie- oder Handlungsempfehlung ableiten; sie wird hier nicht ausgesprochen.

Alle Kapitel und Anhänge (29)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Metaanalysen mit gepoolten Effektschätzern bis Leitlinien
  5. Erzählende Übersichten
  6. Methylierung geprägter Gene und männliche Infertilität bis Alter des Vaters
  7. Adipositas, Diabetes, Bewegung und Ernährung bis Autismus-Spektrum-Störung und väterliche Spermienmethylierung
  8. Spermien-RNA, Samenplasma und Hodengewebe beim Menschen bis Gesamteinordnung der Beobachtungsstudien
  9. Lesehinweis und Evidenzrahmen bis Systematische Übersichten und Metaanalysen
  10. Humanstudien zur Spermien-DNA-Methylierung
  11. Humanstudien zu Spermien-RNA bis Humanstudien zu Nachkommen und Mehrgenerationenmustern
  12. Tierversuche und Reichweite und Lücken der Studienlage
  13. Mechanismen und biologische Plausibilität
  14. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  15. Englisch bis Koreanisch
  16. Russisch bis Türkisch
  17. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  18. Limitationen der Evidenz
  19. Offene Forschungsfragen
  20. Praktische Einordnung
  21. Glossar
  22. Quellenverzeichnis (Teil 1 von 3)
  23. Quellenverzeichnis (Teil 2 von 3)
  24. Quellenverzeichnis (Teil 3 von 3)
  25. Diagramme
  26. Quellen s01–s142
  27. Quellen s143–s285
  28. Quellen s286–s430
  29. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle