Fluorid, Trinkwasser, Nanopartikel und Metalle · Kapitel 19 von 22

Praktische Einordnung

Dieser Abschnitt ordnet die Evidenz ein. Er enthält keine Therapieempfehlung, keine Handlungsanweisung zur Wasseraufbereitung oder Ernährung und ersetzt weder eine ärztliche Untersuchung noch eine Samenanalyse.

Was die Literatur trägt. Für alle vier Stoffgruppen gilt, dass Befunde an Zellen und Tieren zahlreich sind und beim Menschen überwiegend Zusammenhänge in Querschnittsstudien beschrieben werden. Bei Fluorid zeigen mehrere Studien aus Gebieten mit hohem Fluoridgehalt im Trinkwasser veränderte Hormonwerte, vor allem niedrigeres Testosteron; ob sich daraus Veränderungen der Samenqualität ergeben, ist beim Menschen kaum untersucht, und die einzige Samenanalyse bei hoch exponierten Männern fand unauffällige Spermaparameter [s260, s187, s63]. Bei Mangan, Aluminium und Kupfer weisen Studien an Blut, Urin und Seminalplasma teils auf ungünstigere Samenparameter bei höheren Konzentrationen hin, teils auf keinen Zusammenhang; für Kupfer widersprechen sich die Metaanalysen [s20, s182]. Bei Nanopartikeln beschreiben Tierversuche Schäden bei sehr unterschiedlichen Dosen, eine systematische Übersicht hält die Wirkung auf die Spermatogenese des Erwachsenen für generell schwach und reversibel [s104]. Zu Desinfektionsnebenprodukten im Trinkwasser sind die Ergebnisse gemischt [s249, s218, s212].

Was die Literatur nicht trägt. Aus den ausgewerteten Quellen lässt sich nicht ableiten, ab welcher Konzentration eines Stoffes im Trinkwasser ein Effekt auf die Spermienqualität eines einzelnen Mannes zu erwarten wäre. Es gibt keine Studie, die die Trinkwasserkonzentration von Fluorid, Aluminium, Mangan oder Kupfer direkt mit Spermienparametern verknüpft. Die Hormon- und Samenbefunde sind Gruppenunterschiede mit großer Streuung und sagen über den Einzelfall wenig. Dass ein Stoff in einer Studie mit hoher Dosis Schäden verursacht, belegt keinen Schaden bei der Konzentration im Haushaltswasser. Umgekehrt belegt das Fehlen von Humanstudien keine Unbedenklichkeit. Die Evidenzlage ist für alle Teilfragen dünn bis sehr dünn; auch auf der Ebene der Übersichten ist die Evidenz zu Risikofaktoren männlicher Fertilität insgesamt schwach: Im Umbrella-Review wurden 54,6 Prozent der Effektgrößen mit sehr niedriger Evidenz eingestuft [s13].

Wie die Zahlen zu lesen sind. Odds Ratios mit sehr breiten Konfidenzintervallen (zum Beispiel 14,4 mit 1,6 bis 132 [s244]) zeigen vor allem Unsicherheit. Effekte pro 10 Prozent Änderung eines Biomarkers im Urin (wenige Prozent bei Testosteron [s63]) sind keine Aussagen über klinisch bedeutsame Hormonmangelzustände. Tierdosen in mg/kg sind nicht in Wasserwerte umrechenbar, solange Trinkmenge und Körpergewicht des Tieres nicht berücksichtigt sind; die Autoren einer Aluminiumstudie schreiben selbst, ihre Dosis liege deutlich über der üblichen Aufnahme des Menschen [s23].

Andere Einflüsse. Die Studien selbst verweisen auf eine Vielzahl weiterer Faktoren, die die Samenqualität beeinflussen oder die Befunde verzerren können, etwa Rauchen, Alkohol, Alter, Abstinenzzeit, Jahreszeit und Wohnort [s224], Adipositas [s167], Varikozele [s228], berufliche Exposition gegenüber Hitze, Lösungsmitteln und anderen Metallen [s190, s239] sowie bei den Schadstoffen im Umbrella-Review Schwefelkohlenstoff, Organophosphate und Blei [s13]. Blei in Wasserquellen wird in der AUA/ASRM-Leitlinie als besonderes Anliegen genannt; Fluorid, Aluminium, Mangan, Kupfer und Nanopartikel werden dort im abgerufenen Text nicht behandelt [s47]. Die EAU-Leitlinie sieht vor, dass die Anamnese die Exposition gegenüber Umweltgiften erfasst [s51]. Eine Gewichtung, welcher dieser Faktoren für den Einzelnen am bedeutsamsten ist, leisten die Studien zu den hier untersuchten Stoffen nicht.

Einordnung von Meldungen. Meldungen, die aus einer einzelnen Tierstudie oder einer Querschnittsstudie auf eine Gefahr durch Leitungswasser schließen, überschreiten, was die Datenlage hergibt. Das gilt ebenso für Meldungen, die aus dem Fehlen von Metaanalysen auf Unbedenklichkeit schließen. Besondere Vorsicht ist bei Studien geboten, die Schutzstoffe oder pflanzliche Präparate als „Gegenmittel" prüfen: Sie beruhen auf Tierversuchen mit hohen Giftdosen und sind keine Wirksamkeitsbelege beim Menschen. Auch Mechanismusarbeiten, die auf Zelltodwege abzielen, sagen nichts über Häufigkeit oder Relevanz beim Menschen, und eine zurückgezogene Arbeit [s49] darf nicht als Beleg herangezogen werden.

Ärztliche Abklärung. Wer einen unerfüllten Kinderwunsch hat oder wegen eines auffälligen Spermiogramms beunruhigt ist, braucht eine individuelle Abklärung durch eine Ärztin oder einen Arzt, zum Beispiel in der Andrologie oder Urologie. Dort werden Anamnese, körperliche Untersuchung, wiederholte Samenanalysen und gegebenenfalls Hormonwerte beurteilt; die in dieser Studie besprochenen Mess- und Gruppenwerte sind dafür nicht geeignet und kein Diagnoseersatz. Ob und welche Messung von Metallen im Blut, Urin oder Trinkwasser im Einzelfall sinnvoll ist, ist eine ärztliche beziehungsweise fachliche Frage; die ausgewerteten Studien liefern dazu keine Handlungsgrundlage.

Alle Kapitel und Anhänge (26)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Studienlage: Metaanalysen und Übersichten
  5. Überblick und Lesart bis Mangan beim Menschen
  6. Kupfer beim Menschen
  7. Metallgemische und Mehrelementstudien
  8. Berufsgruppen und belastete Wohnregionen bis Gesamtbewertung der Beobachtungsstudien
  9. Wie die Evidenz hier gelesen wird bis Aluminium: Studien am Menschen und In-vitro-Versuche
  10. Aluminium: Tierversuche bis Kupfer: Tierversuche und Zellversuche
  11. Mehrelement-Studien mit Aluminium, Mangan und Kupfer bis Nanopartikel: Tierversuche
  12. Mechanismen und biologische Plausibilität
  13. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  14. Englisch bis Koreanisch
  15. Russisch bis Türkisch
  16. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  17. Limitationen der Evidenz
  18. Offene Forschungsfragen
  19. Praktische Einordnung
  20. Glossar
  21. Quellenverzeichnis (Teil 1 von 2)
  22. Quellenverzeichnis (Teil 2 von 2)
  23. Diagramme
  24. Quellen s01–s139
  25. Quellen s140–s280
  26. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle