Fluorid, Trinkwasser, Nanopartikel und Metalle · Kapitel 1 von 22

Das Wichtigste in Kürze

Die Einstufungen „Evidenzstärke“ und „Gewissheit“ sind eine einfache Skala dieser Studie (sehr niedrig, niedrig, mäßig, hoch; Erläuterung im nächsten Abschnitt) und kein formales GRADE-Urteil. „Evidenzstärke“ beschreibt, wie belastbar die vorhandenen Studien für die jeweilige Aussage sind. „Gewissheit“ beschreibt, wie sicher wir sind, dass die Aussage auch bei vollständiger Kenntnis der Literatur bestehen bleibt.

  1. Trinkwasser und Spermienqualität beim Menschen für die vier Zielmetalle: keine direkte Studie. In keinem der zwölf Sprachräume fand sich eine Humanstudie, die Fluorid, Aluminium, Mangan oder Kupfer im Leitungswasser (im Wasser gemessen) mit Spermienparametern verknüpft. Evidenzstärke: nicht vorhanden. Gewissheit der Aussage „Lücke“: mäßig, weil CNKI, Wanfang, SciELO, LILACS und weitere Datenbanken nicht durchsuchbar waren.
  1. Fluorid beim Menschen: Hormonverschiebungen, kaum Samenbefunde. Mehrere Querschnittsstudien aus fluoridbelasteten Regionen Chinas beschreiben niedrigeres Testosteron und höhere Werte von LH, FSH oder Östradiol [s234, s187, s63, s177]; in einer Stichprobe von 1.008 pubertären Jungen (US-Daten) hing mehr Plasmafluorid mit niedrigerem Testosteron und Östradiol zusammen [s56]. Eine Studie fand das Gegenteil für Gesamttestosteron [s221]. Die Samenanalyse in der mexikanischen Studie fand normale Parameter [s260]; die Fall-Kontroll-Studie mit 560 Männern [s77] verknüpft Samenfluorid mit oxidativem Stress, ist aber in der Richtung unklar. Evidenzstärke: sehr niedrig bis niedrig. Gewissheit: niedrig.
  1. Fluorid im Tierversuch: überwiegend Schäden, aber nicht einheitlich. Die Mehrzahl der Nager- und Mäuseversuche zeigt weniger und weniger bewegliche Spermien, mehr Formveränderungen, gestörte Hormonachse und oxidativen Stress. Drei Studien mit Trinkwasser fanden keine Hodenwirkung [s269, s271, s262], und eine Studie fand nach 52 Tagen Erholung vollständige Rückkehr aller gemessenen Werte [s137]. Evidenzstärke: niedrig (Übertragbarkeit auf den Menschen offen). Gewissheit: mäßig für die Aussage „Schäden bei hohen Dosen“, niedrig für Dosen im Trinkwasserbereich.
  1. Aluminium: Tiere einheitlich nachteilig, Menschen uneinheitlich. Alle gefundenen Tierversuche melden Hoden- und Spermienschäden, meist bei Gabe in die Bauchhöhle oder in hohen Dosen. Beim Menschen fand eine kleine Studie (62 Patienten) höhere Samenwerte bei Oligozoospermie [s206]; drei Studien mit Metallen im Seminalplasma oder Urin fanden ungünstige Zusammenhänge (niedrigere Konzentration, mehr abnorme Spermien, schlechtere Verlaufswerte über drei Jahre) [s65, s15, s55], zwei andere fanden keinen Zusammenhang oder keinen Gruppenunterschied [s131, s101]. Eine Trinkwasserstudie im Mikrogramm-pro-Liter-Bereich über drei Generationen bei Ratten berichtet Schäden [s185]. Evidenzstärke: sehr niedrig (Mensch), niedrig (Tier). Gewissheit: niedrig.
  1. Mangan: die dichteste Humanevidenz der drei Metalle, aber assoziativ. Blutmangan war in einer Klinikstichprobe von 200 Männern mit niedriger Beweglichkeit (OR 5,4; 95-%-Konfidenzintervall 1,6 bis 17,6) und niedriger Konzentration (OR 2,4; 1,2 bis 4,9) verbunden [s251]; in der Bevölkerungsstudie mit 1.179 Männern mit Teratozoospermie (OR 2,27; 1,18 bis 4,37) [s224]. Arbeitsplatzstudien zeigen niedrigeres Testosteron und höheres LH [s162, s268]. Eine Metaanalyse fand keinen Unterschied des Samenmangans [s20]. Evidenzstärke: niedrig. Gewissheit: niedrig.
  1. Kupfer: widersprüchlich. Eine Metaanalyse mit 38 Studien fand höheres Samenkupfer bei Infertilität (standardisierte Mittelwertdifferenz 0,505; 0,246 bis 0,764) [s20], eine ältere mit 9 Studien keinen signifikanten Unterschied (0,42; −0,29 bis 1,13) [s182]. Einzelstudien reichen von „höher“ über „kein Unterschied“ bis „niedriger bei Azoospermie“ [s233]. Evidenzstärke: niedrig. Gewissheit: niedrig.
  1. Auf der Ebene der Gesamtübersichten tauchen die Zielstoffe nicht als gesicherte Risikofaktoren auf. Der Umbrella-Review nennt unter den Schadstoffen Schwefelkohlenstoff, Organophosphate und Blei; Fluorid, Aluminium, Mangan, Kupfer, Trinkwasser und Nanopartikel werden nicht aufgeführt [s13]. Die Metaanalyse der Seminalplasma-Metalle nennt Blei, Cadmium, Arsen und Zinkmangel [s07]. Evidenzstärke dieser Übersichten: niedrig bis mäßig; ihre Aussagekraft für unsere Stoffe ist gerade deshalb eine Leerstelle.
  1. Nanopartikel: viele Tierbefunde, keine Daten zur realen Belastung des Menschen. Tier- und Zellversuche zeigen überwiegend nachteilige Wirkungen, bei sehr verschiedenen Materialien, Größen, Dosen und Gabewegen. Eine systematische Übersicht kommt zu einer zurückhaltenden Bewertung („generell schwach und reversibel“ beim Erwachsenen) [s104]. Evidenzstärke: sehr niedrig bis niedrig. Gewissheit: niedrig.
  1. Desinfektionsnebenprodukte: gemischt. Große Studien aus England und Wales (Odds Ratio 1,01 je 10 µg/L Trihalomethane; 0,91 bis 1,12) [s218] und den USA [s249] fanden keinen Zusammenhang; mehrere Studien aus Wuhan fanden Zusammenhänge mit Konzentration, Zahl oder Beweglichkeit [s212, s213, s220, s140]. Evidenzstärke: niedrig. Gewissheit: niedrig.
  1. Wechselwirkungen sind beschrieben, aber kaum erforscht. Fluorid und Aluminium wirkten bei Meerschweinchen nicht additiv, sondern teilweise gegeneinander [s186]; Arsen und Fluorid synergistisch in Zellen [s89]; Aluminium, Zink und Kupfer wechselwirken in alten Rattenversuchen [s277, s278]. Evidenzstärke: sehr niedrig.
  1. Dosis und Übertragbarkeit sind der Kernvorbehalt. Viele Tierstudien nutzen Dosen weit über der Alltagsbelastung und Gabewege (Bauchhöhle, Vene), die das Trinkwasser nicht abbilden; Ausnahmen mit niedrigen Dosen existieren [s247, s178, s185]. Gewissheit der Aussage: hoch.
  1. Leitlinien schweigen. Die AUA/ASRM- und die EAU-Leitlinie erwähnen Fluorid, Aluminium, Mangan, Kupfer und Nanopartikel nicht [s47, s51]; die deutschen MAK-Begründungen zu Aluminium enthalten in den Abstracts keine Aussage zur Fruchtbarkeit [s26, s27]. Gewissheit: hoch (bezogen auf die abgerufenen Webfassungen und Abstracts).
  1. Datenqualität ist uneinheitlich. Eine Fluoridstudie wurde zurückgezogen [s49]; mehrere Abstracts enthalten innere Widersprüche, die ohne Volltext nicht auflösbar sind (siehe nächster Abschnitt). Gewissheit: hoch.
Alle Kapitel und Anhänge (26)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Studienlage: Metaanalysen und Übersichten
  5. Überblick und Lesart bis Mangan beim Menschen
  6. Kupfer beim Menschen
  7. Metallgemische und Mehrelementstudien
  8. Berufsgruppen und belastete Wohnregionen bis Gesamtbewertung der Beobachtungsstudien
  9. Wie die Evidenz hier gelesen wird bis Aluminium: Studien am Menschen und In-vitro-Versuche
  10. Aluminium: Tierversuche bis Kupfer: Tierversuche und Zellversuche
  11. Mehrelement-Studien mit Aluminium, Mangan und Kupfer bis Nanopartikel: Tierversuche
  12. Mechanismen und biologische Plausibilität
  13. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  14. Englisch bis Koreanisch
  15. Russisch bis Türkisch
  16. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  17. Limitationen der Evidenz
  18. Offene Forschungsfragen
  19. Praktische Einordnung
  20. Glossar
  21. Quellenverzeichnis (Teil 1 von 2)
  22. Quellenverzeichnis (Teil 2 von 2)
  23. Diagramme
  24. Quellen s01–s139
  25. Quellen s140–s280
  26. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle