Die Einstufungen „Evidenzstärke“ und „Gewissheit“ sind eine einfache Skala dieser Studie (sehr niedrig, niedrig, mäßig, hoch; Erläuterung im nächsten Abschnitt) und kein formales GRADE-Urteil. „Evidenzstärke“ beschreibt, wie belastbar die vorhandenen Studien für die jeweilige Aussage sind. „Gewissheit“ beschreibt, wie sicher wir sind, dass die Aussage auch bei vollständiger Kenntnis der Literatur bestehen bleibt.
- Trinkwasser und Spermienqualität beim Menschen für die vier Zielmetalle: keine direkte Studie. In keinem der zwölf Sprachräume fand sich eine Humanstudie, die Fluorid, Aluminium, Mangan oder Kupfer im Leitungswasser (im Wasser gemessen) mit Spermienparametern verknüpft. Evidenzstärke: nicht vorhanden. Gewissheit der Aussage „Lücke“: mäßig, weil CNKI, Wanfang, SciELO, LILACS und weitere Datenbanken nicht durchsuchbar waren.
- Fluorid beim Menschen: Hormonverschiebungen, kaum Samenbefunde. Mehrere Querschnittsstudien aus fluoridbelasteten Regionen Chinas beschreiben niedrigeres Testosteron und höhere Werte von LH, FSH oder Östradiol [s234, s187, s63, s177]; in einer Stichprobe von 1.008 pubertären Jungen (US-Daten) hing mehr Plasmafluorid mit niedrigerem Testosteron und Östradiol zusammen [s56]. Eine Studie fand das Gegenteil für Gesamttestosteron [s221]. Die Samenanalyse in der mexikanischen Studie fand normale Parameter [s260]; die Fall-Kontroll-Studie mit 560 Männern [s77] verknüpft Samenfluorid mit oxidativem Stress, ist aber in der Richtung unklar. Evidenzstärke: sehr niedrig bis niedrig. Gewissheit: niedrig.
- Fluorid im Tierversuch: überwiegend Schäden, aber nicht einheitlich. Die Mehrzahl der Nager- und Mäuseversuche zeigt weniger und weniger bewegliche Spermien, mehr Formveränderungen, gestörte Hormonachse und oxidativen Stress. Drei Studien mit Trinkwasser fanden keine Hodenwirkung [s269, s271, s262], und eine Studie fand nach 52 Tagen Erholung vollständige Rückkehr aller gemessenen Werte [s137]. Evidenzstärke: niedrig (Übertragbarkeit auf den Menschen offen). Gewissheit: mäßig für die Aussage „Schäden bei hohen Dosen“, niedrig für Dosen im Trinkwasserbereich.
- Aluminium: Tiere einheitlich nachteilig, Menschen uneinheitlich. Alle gefundenen Tierversuche melden Hoden- und Spermienschäden, meist bei Gabe in die Bauchhöhle oder in hohen Dosen. Beim Menschen fand eine kleine Studie (62 Patienten) höhere Samenwerte bei Oligozoospermie [s206]; drei Studien mit Metallen im Seminalplasma oder Urin fanden ungünstige Zusammenhänge (niedrigere Konzentration, mehr abnorme Spermien, schlechtere Verlaufswerte über drei Jahre) [s65, s15, s55], zwei andere fanden keinen Zusammenhang oder keinen Gruppenunterschied [s131, s101]. Eine Trinkwasserstudie im Mikrogramm-pro-Liter-Bereich über drei Generationen bei Ratten berichtet Schäden [s185]. Evidenzstärke: sehr niedrig (Mensch), niedrig (Tier). Gewissheit: niedrig.
- Mangan: die dichteste Humanevidenz der drei Metalle, aber assoziativ. Blutmangan war in einer Klinikstichprobe von 200 Männern mit niedriger Beweglichkeit (OR 5,4; 95-%-Konfidenzintervall 1,6 bis 17,6) und niedriger Konzentration (OR 2,4; 1,2 bis 4,9) verbunden [s251]; in der Bevölkerungsstudie mit 1.179 Männern mit Teratozoospermie (OR 2,27; 1,18 bis 4,37) [s224]. Arbeitsplatzstudien zeigen niedrigeres Testosteron und höheres LH [s162, s268]. Eine Metaanalyse fand keinen Unterschied des Samenmangans [s20]. Evidenzstärke: niedrig. Gewissheit: niedrig.
- Kupfer: widersprüchlich. Eine Metaanalyse mit 38 Studien fand höheres Samenkupfer bei Infertilität (standardisierte Mittelwertdifferenz 0,505; 0,246 bis 0,764) [s20], eine ältere mit 9 Studien keinen signifikanten Unterschied (0,42; −0,29 bis 1,13) [s182]. Einzelstudien reichen von „höher“ über „kein Unterschied“ bis „niedriger bei Azoospermie“ [s233]. Evidenzstärke: niedrig. Gewissheit: niedrig.
- Auf der Ebene der Gesamtübersichten tauchen die Zielstoffe nicht als gesicherte Risikofaktoren auf. Der Umbrella-Review nennt unter den Schadstoffen Schwefelkohlenstoff, Organophosphate und Blei; Fluorid, Aluminium, Mangan, Kupfer, Trinkwasser und Nanopartikel werden nicht aufgeführt [s13]. Die Metaanalyse der Seminalplasma-Metalle nennt Blei, Cadmium, Arsen und Zinkmangel [s07]. Evidenzstärke dieser Übersichten: niedrig bis mäßig; ihre Aussagekraft für unsere Stoffe ist gerade deshalb eine Leerstelle.
- Nanopartikel: viele Tierbefunde, keine Daten zur realen Belastung des Menschen. Tier- und Zellversuche zeigen überwiegend nachteilige Wirkungen, bei sehr verschiedenen Materialien, Größen, Dosen und Gabewegen. Eine systematische Übersicht kommt zu einer zurückhaltenden Bewertung („generell schwach und reversibel“ beim Erwachsenen) [s104]. Evidenzstärke: sehr niedrig bis niedrig. Gewissheit: niedrig.
- Desinfektionsnebenprodukte: gemischt. Große Studien aus England und Wales (Odds Ratio 1,01 je 10 µg/L Trihalomethane; 0,91 bis 1,12) [s218] und den USA [s249] fanden keinen Zusammenhang; mehrere Studien aus Wuhan fanden Zusammenhänge mit Konzentration, Zahl oder Beweglichkeit [s212, s213, s220, s140]. Evidenzstärke: niedrig. Gewissheit: niedrig.
- Wechselwirkungen sind beschrieben, aber kaum erforscht. Fluorid und Aluminium wirkten bei Meerschweinchen nicht additiv, sondern teilweise gegeneinander [s186]; Arsen und Fluorid synergistisch in Zellen [s89]; Aluminium, Zink und Kupfer wechselwirken in alten Rattenversuchen [s277, s278]. Evidenzstärke: sehr niedrig.
- Dosis und Übertragbarkeit sind der Kernvorbehalt. Viele Tierstudien nutzen Dosen weit über der Alltagsbelastung und Gabewege (Bauchhöhle, Vene), die das Trinkwasser nicht abbilden; Ausnahmen mit niedrigen Dosen existieren [s247, s178, s185]. Gewissheit der Aussage: hoch.
- Leitlinien schweigen. Die AUA/ASRM- und die EAU-Leitlinie erwähnen Fluorid, Aluminium, Mangan, Kupfer und Nanopartikel nicht [s47, s51]; die deutschen MAK-Begründungen zu Aluminium enthalten in den Abstracts keine Aussage zur Fruchtbarkeit [s26, s27]. Gewissheit: hoch (bezogen auf die abgerufenen Webfassungen und Abstracts).
- Datenqualität ist uneinheitlich. Eine Fluoridstudie wurde zurückgezogen [s49]; mehrere Abstracts enthalten innere Widersprüche, die ohne Volltext nicht auflösbar sind (siehe nächster Abschnitt). Gewissheit: hoch.