Kapitel 4 von 10 · Abschnitt 11–13

Umweltstoffe: PFAS, Weichmacher und Dioxin

Stand: · Redaktion: · Teil des Ratgebers Was vor der Geburt die Spermien des Sohnes prägen kann – der große Ratgeber

PFAS, Phthalate und andere Stoffe, die auf Hormone wirken können, stehen im Verdacht, die Entwicklung des Hodens zu stören. Beim Menschen gibt es dazu nur kleine Studien mit gemischten Ergebnissen. Das Kapitel erklärt die Stoffe, die Befunde und warum sie noch keine klaren Schlüsse erlauben.

11 PFAS: die langlebigen Chemikalien

Manche Stoffe aus Industrie und Alltag können im Körper Hormone nachahmen oder stören. Fachleute nennen sie hormonell wirksame Stoffe (auch endokrine Disruptoren). Weil der Hoden schon im Mutterleib angelegt wird, fragen Forschende, ob solche Stoffe diese Entwicklung stören könnten. Dieses Kapitel stellt drei Stoffgruppen vor: PFAS, Weichmacher (Phthalate) samt Bisphenol A und Dioxine. Vorab die ehrliche Bilanz: Beim Menschen gibt es dazu nur wenige und meist kleine Studien mit gemischten Ergebnissen. Die Gewissheit ist niedrig bis sehr niedrig.

Was sind PFAS?

PFAS (per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen) sind langlebige Industriechemikalien. Sie weisen Wasser, Schmutz und Fett ab. Sie lassen sich weltweit im Menschen nachweisen und gehen im Mutterleib über die Plazenta (den Mutterkuchen) auf das Kind über. Deshalb besteht die Sorge, dass sie die Entwicklung des Hodens stören könnten [s164]. Die bekanntesten Vertreter heißen PFOA und PFOS.

Was die Studien gefunden haben

Zur Spermienqualität erwachsener Söhne liegen zwei dänische Kohortenstudien vor. Eine Kohortenstudie begleitet eine Gruppe von Menschen über die Zeit. Hier wurden die Stoffe im Blut der Mütter gemessen, und Jahre später wurden die erwachsenen Söhne untersucht.

Aarhus (169 Söhne, 19 bis 21 Jahre). Gemessen wurde im mütterlichen Blut in der 30. Schwangerschaftswoche. Für PFOA zeigten sich eine niedrigere Spermienkonzentration (Trendtest p = 0,01) und eine niedrigere Gesamtzahl (p = 0,001). Beim Vergleich der höchsten mit der niedrigsten Gruppe lag der Unterschied bei etwa 34 Prozent. Die Unsicherheitsbereiche (Konfidenzintervalle) schlossen aber die Null ein, der Befund ist also nicht sicher von Zufall zu trennen. PFOS war mit keinem Ergebnis verbunden [s164]. Nur 37,6 Prozent der angefragten Söhne nahmen teil [s164].

FEPOS (864 Männer). FEPOS ist eine dänische Studie an jungen Männern, deren Mütter in der Schwangerschaft Blut abgegeben hatten. Sieben PFAS wurden zu einem gemeinsamen Index zusammengefasst. Je Einheit dieses Index war die Konzentration um 8 Prozent niedriger (Unsicherheitsbereich minus 16 bis minus 1 Prozent) und die Gesamtzahl um 10 Prozent (minus 17 bis minus 2 Prozent). Der Anteil nicht fortschreitend beweglicher und unbeweglicher Spermien war um 5 Prozent höher [s74]. Hodenvolumen und Hormone waren unauffällig [s74].

Wenn mehrere Stoffe zusammen betrachtet werden

Eine weitere FEPOS-Auswertung (841 Männer) betrachtete PFAS, Phthalate und Triclosan gemeinsam. Je Anstieg aller Stoffe um eine Stufe (ein Quartil) waren die Konzentration um 4,0 Millionen pro Milliliter und die Gesamtzahl um 16,1 Millionen niedriger. Alle Unsicherheitsbereiche schlossen die Null ein. Die Autoren halten auch Nullbefunde für vereinbar mit ihren Ergebnissen. Falls es einen Zusammenhang gibt, scheine er von den PFAS auszugehen [s09].

Und die heutige Belastung der Männer selbst?

Zwei Studien untersuchten die aktuelle Belastung erwachsener Männer: 1.041 Männer aus FEPOS und 263 Männer von den Färöer-Inseln. Sie fanden keine konsistenten Zusammenhänge mit der Spermienqualität [s82, s118]. Das passt zu der Vermutung, dass der Zeitpunkt der Belastung eine Rolle spielen könnte. Die Studien schließen aber nicht aus, dass Messfehler, Teilnahme oder Zufall den Unterschied erklären [s82].

Weitere Hinweise, die nur am Rand zählen

Bei 96 Männern von den Färöer-Inseln waren Organochlor-Verbindungen im Nabelschnurblut und Serum mit mehr Spermien mit Chromosomenabweichungen verbunden. Die Gruppe ist für eine Bestätigung zu klein [s13]. Zu Hodenkrebs (103 Fälle, 446 Kontrollen) zeigte sich kein signifikanter Zusammenhang einzelner PFAS-Stoffe [s37].

12 Weichmacher und Bisphenol A

Worum es geht

Phthalate (Weichmacher) und Bisphenol A (BPA) sind weitere hormonell wirksame Stoffe. In den Studien werden sie über ihre Abbauprodukte (Metaboliten) im Blut oder Urin der Mutter erfasst. Ein wichtiger Punkt: Diese Stoffe bauen sich im Körper rasch ab. Eine einzelne Probe zeigt deshalb nur einen Augenblick der Belastung [s60, s141]. Mehr als das, was die Studien gemessen haben, beschreibt die Gesamtstudie zu diesen Stoffen nicht.

Was kleine Studien gezeigt haben

Alle Studien sind klein. Sie untersuchten zwischen 100 und 705 Männer.

  • Malmö (112 Söhne). Im obersten Drittel eines Abbauprodukts des Weichmachers DiNP war das Gesamthodenvolumen um 4,3 ml kleiner, das Hormon FSH um 30 Prozent höher und das Ejakulatvolumen um 0,87 ml niedriger. Für einen DEHP-Abbauwert war das Ejakulatvolumen um 0,70 ml niedriger. Die Spermienkonzentration war nicht betroffen [s141]. Es wurden viele Werte verglichen; eine Korrektur dafür ist nicht angegeben [s141].
  • Kopenhagen, Phthalate (100 Männer, 34 Abbauprodukte). Am ehesten fiel ein höheres Hormon LH bei unverändertem Testosteron auf. LH ist das Signal der Hirnanhangdrüse an den Hoden. Nach Korrektur für Mehrfachtests blieb nichts signifikant. Die Autoren nennen die Studie explorativ, also erkundend [s60].
  • Kopenhagen, BPA (101 Männer). Höheres BPA ging mit höherem LH einher. Mit der Samenqualität gab es keinen Zusammenhang [s76].
  • Raine, Australien (705 Männer, davon 136 mit Samenprobe und mütterlichem Blut). Mehr mütterliches BPA war entgegen der Erwartung schwach mit höherer Konzentration und Beweglichkeit verbunden (r = 0,18; p = 0,04) [s111].

Zusammenfassende Auswertungen

Eine Metaanalyse (eine statistische Zusammenfassung mehrerer Studien) von fünf Kohorten fand, dass mehr DEHP-Abbauprodukte im Urin der Mütter mit einem kürzeren Anogenitalabstand bei Jungen verbunden waren: minus 4,07 Prozent je Verzehnfachung. Der Anogenitalabstand ist die Strecke zwischen After und Genitale. Er gilt als Marker für den Hormoneinfluss im Mutterleib. Die Evidenz am Menschen wurde als moderat eingestuft [s120]. Wichtig: Ein kürzerer Abstand ist keine Aussage über die Spermienqualität.

Eine weitere Metaanalyse fasste 33 Artikel zu hormonell wirksamen Stoffen und männlichen Fortpflanzungsstörungen zusammen (28 Populationen, 85 Schätzwerte). Das Gesamtergebnis war ein Odds-Ratio von 1,11 (0,91 bis 1,35), also kein klarer Zusammenhang. Ein Odds-Ratio vergleicht Chancen; der Wert 1 hieße: kein Unterschied. Für den Stoff p,p'-DDE lag es bei 1,35 (1,04 bis 1,74) [s133].

Gewissheit insgesamt: niedrig für die Spermienwerte, sehr niedrig für die Wirkung von Stoffmischungen.

13 Dioxin: der Unfall von Seveso

Was geschah

Dioxine sind giftige Umweltschadstoffe. Im Jahr 1976 kam es bei Seveso in Italien zu einem Chemieunfall. Für Forschende ist das ein seltener Fall: Die Belastung der Mütter ließ sich aus damals genommenen Blutproben bestimmen, und die Söhne konnten später untersucht werden [s176].

Die Studie

Untersucht wurden 39 Männer (18 bis 26 Jahre), die zwischen 1977 und 1984 von Müttern aus dem am stärksten belasteten Gebiet geboren wurden. Als Vergleich dienten 58 Männer gleichen Alters, deren Mütter nicht dort gelebt hatten [s176]. Die Dioxinbelastung bei der Empfängnis wurde aus den damals gemessenen Werten hochgerechnet [s176].

Auffällig war ein Unterschied nur bei den gestillten Söhnen (21 Männer aus belasteten Gebieten, 36 Vergleichsmänner):

MesswertGestillte Söhne betroffener MütterGestillte Vergleichsmänner
Spermienkonzentration (Mio./ml)36,386,3
Gesamtzahl (Mio.)116,9231,1
Fortschreitende Beweglichkeit35,8 %44,2 %

Flaschenernährte Söhne unterschieden sich nicht von den Vergleichsmännern [s176]. Die Autoren beschreiben eine Verringerung von Konzentration und Gesamtzahl um etwa 50 Prozent [s176].

Wie das einzuordnen ist

Weitere Grenzen: sehr kleine Untergruppen von 9 bis 22 Männern, mehrfache Tests, und nur etwa die Hälfte nahm an der Samenuntersuchung teil. Die Autoren betonen selbst, dass heutige Hintergrundwerte (unter 2 ppt, das sind Teile pro Billion, bei Frauen von 20 bis 40 Jahren) weit unter den wirksamen Konzentrationen liegen [s176]. Der Unfall war ein einmaliges Ereignis mit sehr hoher Belastung. Für den Alltag sagt er daher wenig.

Taiwan

1979 kam es in Zentraltaiwan durch verunreinigtes Speiseöl zu einer Massenvergiftung mit PCB (polychlorierten Biphenylen) und Dibenzofuranen. Jungen, die im Mutterleib betroffen waren, hatten später mehr Spermien mit auffälliger Form, geringerer Beweglichkeit und einer verminderten Fähigkeit, Hamster-Eizellen zu durchdringen. Zahlen nennt die vorliegende Zusammenfassung nicht. Ob sich dadurch die Fruchtbarkeit verminderte und was das für die Allgemeinbevölkerung heißt, blieb offen [s205].

Was offen bleibt

  • Alle Befunde stammen aus Beobachtungen, nicht aus Versuchen am Menschen.
  • Gruppen mit sehr hoher Belastung lassen sich nicht auf normale Verhältnisse übertragen [s176, s205].
  • Ob Stoffe aus dem normalen Alltag die Spermienqualität von Söhnen verändern, ist bei dünner und uneinheitlicher Datenlage nicht geklärt.

Quellen dieses Kapitels

Mehr Hintergrund und alle Studien dazu: ausführliche wissenschaftliche Studie.