7 Alkohol der Mutter
Alkohol, Kaffee und Schmerzmittel gehören für viele Schwangere zum Alltag oder zu den Dingen, über die sie sich Gedanken machen. Dieses Kapitel zeigt, was die Forschung dazu im Hinblick auf die Spermien der späteren erwachsenen Söhne herausgefunden hat. Vorweg die wichtigste Einordnung: Die Ergebnisse sind hier schwächer und uneinheitlicher als beim Rauchen (siehe Kapitel 2). Die Gesamtstudie stuft die Gewissheit für diese Einflüsse als niedrig bis sehr niedrig ein.
Die ältere Studie aus Aarhus
In der dänischen Stadt Aarhus wurden Frauen schon in den Jahren 1984 bis 1987 in der Schwangerschaft zu ihren Trinkgewohnheiten befragt. Gut 20 Jahre später untersuchten Forschende 347 ihrer Söhne [s179]. Die Mütter hatten ihre Angaben damals selbst gemacht. Das ist ein Vorteil, denn so musste sich niemand Jahrzehnte später erinnern.
Das Ergebnis: Söhne von Müttern, die mindestens 4,5 Getränke pro Woche angegeben hatten, hatten im Mittel eine Spermienkonzentration von 40 Millionen pro Milliliter. Bei Söhnen von Müttern mit weniger als einem Getränk pro Woche waren es 59 Millionen pro Milliliter. Das sind etwa 32 % weniger [s179]. (Die Konzentration ist die Zahl der Spermien in einem Milliliter Samenflüssigkeit.)
Der Befund hat aber Grenzen:
- Der Verlauf war nicht gleichmäßig. Die höchsten Werte hatten nicht die Söhne von Müttern ohne Alkohol, sondern die mit 1,0 bis 1,5 Getränken pro Woche. Bei einer echten Dosis-Wirkung, also dem Muster „je mehr, desto größer der Unterschied“, würde man etwas anderes erwarten [s179].
- Die Unsicherheitsbereiche überlappen. Die Bereiche, in denen die wahren Werte mit großer Wahrscheinlichkeit liegen (Konfidenzintervalle), reichten von 25 bis 60 und von 44 bis 77 Millionen pro Milliliter. Sie überschneiden sich deutlich.
- Andere Werte waren unauffällig. Für die Beweglichkeit, die Form der Spermien und alle gemessenen Hormone, auch Testosteron, fand sich kein Zusammenhang [s179].
- Die Gruppe war klein. Es waren 347 Männer, und die Zahl der Mütter mit hohem Konsum war gering.
- Selbstangaben sind anfällig. Alkohol in der Schwangerschaft wird erfahrungsgemäß eher zu niedrig angegeben [s113].
Die Autorinnen und Autoren vermuten einen möglichen bleibenden Schaden an den Sertoli-Zellen. Das sind die Stützzellen im Hoden, die die Spermienbildung unterstützen. Das ist eine Hypothese, keine Messung [s179].
Die größere Studie FEPOS
FEPOS ist eine dänische Studie, in der 1.058 junge Männer, geboren 1998 bis 2000, Blut und Samen abgaben. Ihre Mütter hatten etwa in der 17. Schwangerschaftswoche selbst angegeben, wie viel sie getrunken hatten und ob es Abende mit mindestens fünf Getränken gegeben hatte [s68].
Hier zeigten sich bei mehr als 3 Getränken pro Woche oder mindestens drei solchen Abenden kleine Tendenzen zu schlechteren Samenwerten und einem veränderten Hormonprofil. Die Autoren beschreiben die Unterschiede aber als klein und uneinheitlich, ohne Hinweis auf eine Dosis-Wirkung [s68]. Die Studie konnte den Aarhus-Befund also nicht bestätigen. Widerlegen konnte sie ihn auch nicht: Es gab zu wenige Mütter mit hohem Konsum, deshalb lässt sich ein Effekt oberhalb von 4,5 Getränken pro Woche nicht ausschließen [s68]. Die Teilnahmequote lag bei 19 % [s98]. Das heißt: Vier von fünf Angefragten machten nicht mit.
Kalifornien und die Übersicht
In einer kalifornischen Kohorte mit 196 Männern, die bei der Untersuchung 38 bis 47 Jahre alt waren, fand sich kein Zusammenhang zwischen dem Alkohol der Mutter und der Spermienqualität [s171]. Eine systematische Übersicht zu Alkohol vor der Geburt fasste 23 Studien zusammen, davon nur 5 am Menschen und 18 an Tieren. Bei männlichen Nachkommen beschreibt sie Veränderungen etwa beim Testosteron und niedrigere Konzentration und Ejakulatvolumen, bei sehr unterschiedlicher Qualität der Berichte und wenigen Studien am Menschen [s103].
8 Kaffee und Koffein
Auch zu Kaffee gibt es nur wenige Studien, und sie sind nicht einheitlich. Die Gewissheit der Gesamtstudie ist niedrig.
Was gemessen wurde
- Aarhus 2008 (343 Männer): Mit steigendem Kaffeekonsum der Mutter zeigte sich eine Tendenz zu weniger Ejakulatvolumen und etwas niedrigerem Testosteron. Die Werte lagen aber knapp an der Grenze dessen, was man als gesicherten Unterschied wertet (p = 0,06; zur Erklärung: Je kleiner dieser p-Wert, desto weniger passt ein reiner Zufall). Söhne von Müttern mit 4 bis 7 Tassen pro Tag hatten niedrigere Testosteronwerte als Söhne von Müttern mit 0 bis 3 Tassen [s186].
- Kalifornien 2011 (196 Männer): Bei 5 Tassen pro Tag lag die Konzentration um etwa 16 Millionen niedriger (etwa 25 %; Trend p = 0,09). Auch die Beweglichkeit und der Anteil normal geformter Spermien waren niedriger [s171]. Der heutige Konsum der Söhne an Kaffee, Alkohol und Zigaretten erklärte diese Zusammenhänge nicht [s171].
- FEPOS 2024 (1.058 Männer): Söhne von Müttern, die Kaffee getrunken hatten, hatten im Vergleich zu denen ohne Kaffee ein um 7,0 % kleineres Ejakulatvolumen und ein um 4,8 % kleineres Hodenvolumen. Der Anteil normal geformter Spermien war um 8,3 % niedriger, hier schloss der Unsicherheitsbereich allerdings die Null ein. Es gab keine Dosis-Wirkung, keine Schwellenwerte und keine Zusammenhänge mit Hormonen [s46].
Auffällig ist ein Muster, das Fachleute auch bei anderen Einflüssen kennen: Die kleinere Studie aus Kalifornien fand die größten Unterschiede, die größte Studie aus Dänemark die kleinsten [s171, s46]. Die Autoren von FEPOS fordern Studien mit größerem Unterschied zwischen den Gruppen, also mit mehr Frauen, die sehr viel oder gar keinen Kaffee tranken [s46].
Süßstoffgetränke
In FEPOS wurde auch nach Light-Getränken gefragt. Bei mindestens einem solchen Getränk pro Tag war der Anteil von Spermien mit unreifem Chromatin um 18,1 % höher. (Chromatin ist das verpackte Erbgut im Spermienkopf.) Die Autoren bewerten das selbst als unsicher [s08].
Der Mausversuch
Bei Mäusen wurden trächtigen Tieren täglich 20 Milligramm Koffein pro Kilogramm Körpergewicht unter die Haut gespritzt. Das Serumtestosteron der erwachsenen männlichen Nachkommen lag danach um 90 % niedriger [s148]. Dieser Versuch lässt sich nicht auf Kaffeetrinken übertragen. Die Dosis wurde auf einmal gespritzt und nicht über Nahrung aufgenommen, und Spermienwerte wurden nicht gemessen [s148].
9 Paracetamol und andere Schmerzmittel
Paracetamol ist ein Wirkstoff gegen Schmerzen und Fieber. Er ist in der Schwangerschaft weit verbreitet: In einer dänischen Untersuchung nahmen 65 % der Schwangeren irgendwann Paracetamol [s23]. Deshalb ist die Frage verständlich, ob das für die Söhne eine Rolle spielt. Die Gewissheit der Gesamtstudie ist für die Spermienqualität erwachsener Söhne sehr niedrig. Das heißt: Es gibt keinen gesicherten Effekt, aber auch keinen Beweis, dass es keinen gibt.
Direkte Daten: die Spermien erwachsener Söhne
Die wichtigste Studie ist wieder FEPOS. Von 1.058 jungen Männern waren 547 (48 %) vor der Geburt Paracetamol ausgesetzt gewesen. Weder im Vergleich „ja oder nein" noch nach dem Schwangerschaftsdrittel, in dem die Mutter es genommen hatte, zeigte sich ein Zusammenhang mit einem Messwert [s47].
Nur bei einer Einnahmedauer von mehr als 9 Wochen gab es Tendenzen: Die Konzentration war um 14 % niedriger, der Anteil nicht fortschreitend beweglicher und unbeweglicher Spermien um 8 % höher, die DNA-Fragmentierung (also Brüche im Erbgut der Spermien) um 16 % höher. Alle diese Unsicherheitsbereiche schließen die Null ein [s47]. Das bedeutet: Es kann Zufall sein. Die Autoren können einen Effekt längerer Einnahme nicht ausschließen [s47].
Der Anogenitalabstand
Weil Spermienwerte erst im Erwachsenenalter messbar sind, nutzen Studien einen Stellvertreter. Der Anogenitalabstand ist die Strecke zwischen After und Genitalien bei Neugeborenen. Er gilt als Maß dafür, wie stark männliche Hormone während der frühen Entwicklung gewirkt haben [s129, s134]. Ein Stellvertreter ist aber nicht die Spermienqualität selbst.
- In einer britischen Kohorte mit 676 Jungen war eine Einnahme in den Schwangerschaftswochen 8 bis 14 mit einem etwas kürzeren Abstand verbunden (0,27 Standardabweichungen) [s134].
- In der dänischen Odense-Kohorte (1.027 Mutter-Kind-Paare) war der Abstand bei Jungen kürzer, deren Mütter leichte Schmerzmittel genommen hatten. Das war vor allem bei den NSAR so, einer Gruppe von Schmerzmitteln wie Ibuprofen. Bei den 20 Jungen, die Paracetamol und NSAR gemeinsam ausgesetzt waren, betrug die Verkürzung 4,1 Millimeter. Diese Gruppe ist sehr klein [s129].
- Eine weitere Odenser Auswertung mit 931 Kindern fand bei Jungen keinen signifikanten Unterschied, bei Mädchen dagegen schon [s23]. Das passt nicht gut zur Vorstellung einer rein männerspezifischen Wirkung und bleibt in der Gesamtstudie ein ungelöster Widerspruch.
Hodenhochstand und Hypospadie
Zwei Metaanalysen haben viele Studien zusammengefasst. Eine Metaanalyse fasst mehrere Studien rechnerisch zu einem gemeinsamen Ergebnis zusammen.
- Für leichte Schmerzmittel allgemein und Hodenhochstand (Kryptorchismus: ein Hoden liegt nicht im Hodensack) ergab sich ein Verhältnis von 1,11 (Unsicherheitsbereich 1,00 bis 1,23). Die Autoren halten Fehler bei der Erfassung der Einnahme für eine wahrscheinlich wichtige Fehlerquelle [s126].
- Die neuere Metaanalyse (2026) fand für Paracetamol ein bereinigtes Verhältnis von 1,02 für Hodenhochstand (0,78 bis 1,35) und 1,02 für Hypospadie (0,89 bis 1,17). Hypospadie ist eine angeborene Fehlbildung, bei der die Harnröhre nicht an der Penisspitze mündet. Ein Verhältnis von 1 bedeutet: kein Unterschied. Die Autoren bewerten die Gewissheit als niedrig bis sehr niedrig [s05].
Gewebe- und Tierdaten
An menschlichem fetalem Hodengewebe, das auf Mäuse übertragen wurde, senkte eine siebentägige Gabe von Paracetamol in üblicher Dosis das Testosteron im Blut um 45 %. Eine eintägige Gabe hatte keine Wirkung [s146]. In Kulturen menschlicher fetaler Hoden senkten Paracetamol und ein Abbauprodukt das Hormon INSL3 [s160]. Solche Befunde machen eine Wirkung biologisch denkbar. Sie sagen aber nichts darüber, ob erwachsene Söhne tatsächlich weniger Spermien haben. Diese Daten stützen die Plausibilität, mehr nicht [s146].
Warum die Lage so schwer zu deuten ist
Wer Paracetamol nimmt, hat meist einen Grund: Schmerzen, Fieber, eine Infektion. Diese Gründe könnten für sich genommen mit dem Ergebnis zusammenhängen. Fachleute nennen das Confounding by indication (Störgröße durch die Erkrankung, wegen der das Mittel genommen wurde). Man kann dann nicht trennen, ob das Mittel oder der Anlass etwas bewirkt hat.
Mütterliches Fieber allein zeigte in FEPOS (986 Söhne) keine starken Zusammenhänge mit Samenqualität, Hodenvolumen oder Hormonen [s56]. Das relativiert die Sorge, ein scheinbarer Paracetamoleffekt gehe nur auf das Fieber zurück, es ersetzt aber keine saubere Berücksichtigung des Anlasses.
10 Ibuprofen, Hormone und was daraus nicht folgt
Ibuprofen gehört zu den NSAR, den nichtsteroidalen Antirheumatika. Zu ihm gibt es eine Studie, die besonders oft zitiert wird, die aber leicht missverstanden wird.
Ein Versuch an erwachsenen Männern
Dänische Forschende gaben in einem randomisierten Versuch 14 gesunden jungen Männern über sechs Wochen täglich zweimal 600 Milligramm Ibuprofen, 17 Männer bekamen Placebos, also Tabletten ohne Wirkstoff [s114]. (Randomisiert heißt: Das Los entscheidet, wer was bekommt. Das ist die stärkste Form der Studie.) Unter Ibuprofen stieg das Hormon LH, das den Hoden zur Testosteronbildung anregt, nach 14 Tagen um 23 % und nach 44 Tagen um 33 %. Das Gesamttestosteron veränderte sich nicht signifikant. Das Verhältnis von freiem Testosteron zu LH sank. Die Autoren sprechen von einem „kompensierten Hypogonadismus": Der Körper braucht mehr Anregung, um die gleiche Testosteronmenge zu erzeugen [s114].
In Hodengewebe erwachsener Spender senkte Ibuprofen die Testosteronbildung dosisabhängig [s114].
Was daraus nicht folgt
- Es betrifft erwachsene Männer, nicht Föten. Die Studie untersuchte keine Schwangerschaft und keine Söhne [s114].
- Es sind Hormonwerte, keine Spermienwerte. Eine Samenanalyse wurde nicht gemacht, ebenso wenig wurde untersucht, ob sich die Werte nach dem Absetzen zurückbilden [s114].
- Die Studie ist klein. Es waren 14 und 16 bis 17 Männer, und die Hormonauswertung war nicht das Hauptziel des Projekts [s114].
- Die Dosis war hoch und die Gabe lang. Der Befund gilt für 1.200 Milligramm pro Tag über Wochen [s114].
- Ein enges Zeitfenster. In Kulturen menschlicher fetaler Hoden wirkte Ibuprofen nur in einem engen Fenster um die Wochen 8 bis 9 [s123]. Das ist ein Laborbefund und keine Aussage über Schwangere.
Die Studie zeigt, dass Ibuprofen unter bestimmten Bedingungen auf die Hormonachse des erwachsenen Hodens wirken kann. Sie zeigt nicht, dass eine Einnahme in der Schwangerschaft die Spermien eines Sohnes beeinträchtigt. Dazu gibt es keine Studie mit Samenanalysen [s114].
Was bleibt
Für Alkohol, Kaffee, Paracetamol und Ibuprofen gilt:
| Einfluss | Was die Studien zeigen | Gewissheit |
|---|---|---|
| Alkohol | Ein Konzentrationsunterschied in einer älteren Studie, nicht gleichmäßig; große Folgestudie nur kleine, uneinheitliche Tendenzen [s179, s68] | niedrig |
| Kaffee | Kleine, uneinheitliche Unterschiede, keine Dosis-Wirkung in der größten Studie [s171, s186, s46] | niedrig |
| Paracetamol | Kein gesicherter Effekt auf Spermien erwachsener Söhne [s47]; Hodenhochstand und Hypospadie ohne klaren Zusammenhang [s05] | sehr niedrig |
| Ibuprofen | Hormonverschiebung bei erwachsenen Männern, keine Daten zu Söhnen [s114] | nicht eingestuft |
Die Studien zeigen Zusammenhänge im Durchschnitt von Gruppen, aber keine bewiesenen Ursachen. Aus ihnen lässt sich weder für Sie noch für Ihren Sohn etwas vorhersagen, und ein Vorwurf an eine Mutter lässt sich nicht ableiten. Wenn Sie sich als Mann mit Kinderwunsch Sorgen um Ihre Werte machen, kann eine Samenuntersuchung in einer urologischen oder andrologischen Praxis Klarheit schaffen, denn sie misst, was bei Ihnen tatsächlich vorliegt.