Kapitel 5 von 10 · Abschnitt 14–15

Übergewicht der Mutter und weitere Merkmale

Stand: · Redaktion: · Teil des Ratgebers Was vor der Geburt die Spermien des Sohnes prägen kann – der große Ratgeber

Auch das Gewicht der Mutter vor der Schwangerschaft wurde untersucht. Es veränderte eher das Hormonprofil der Söhne als ihre Spermienzahl. Dazu kommen Merkmale wie Geburtsgewicht oder Geburtsmonat, die niemand beeinflussen kann. Das Kapitel zeigt, warum diese Funde zur Vorsicht mahnen, nicht zur Sorge.

14 Das Gewicht der Mutter vor der Schwangerschaft

Dass das Körpergewicht einer Frau vor der Schwangerschaft etwas mit dem späteren Sohn zu tun haben könnte, klingt zunächst beunruhigend. Deshalb vorab: Gewicht hat viele Ursachen, darunter Veranlagung, Erkrankungen, Medikamente, Lebensumstände und Einkommen. Niemand "verschuldet" sein Gewicht. Die Forschung fragt nur, ob sich in einer großen Gruppe von Söhnen Unterschiede zeigen. Sie bewertet damit keine einzelne Mutter.

Was die größte Studie fand

Die größte Untersuchung stammt aus der dänischen Kohorte FEPOS (Fetal Programming of Semen Quality). Eine Kohorte ist eine Gruppe von Menschen, die über Jahre begleitet wird. Hier waren es 1.058 junge Männer, im Mittel etwa 19 Jahre alt. Sie gaben eine Samenprobe und eine Blutprobe ab. Den BMI ihrer Mütter vor der Schwangerschaft hatten diese schon in der Frühschwangerschaft angegeben [s43].

Das Ergebnis hat zwei Teile.

  • Samenwerte: Es gab keinen gleichmäßigen Zusammenhang zwischen dem BMI der Mutter und den Samenwerten oder dem Hodenvolumen. In den Rohdaten hatten Söhne adipöser Mütter sogar eine höhere Spermienkonzentration und Gesamtzahl [s43].
  • Hormone: Bei höherem BMI der Mutter fanden sich stufenweise höhere Werte des Östradiols (ein Östrogen) und niedrigere Werte des SHBG. SHBG ist ein Eiweiß, das Geschlechtshormone im Blut bindet. Bei Adipositas der Mutter kamen höheres LH und ein höherer "freier Androgenindex" hinzu. LH ist ein Hormon der Hirnanhangdrüse, das den Hoden zur Hormonbildung anregt. Der Androgenindex beschreibt den frei verfügbaren Anteil männlicher Geschlechtshormone [s43].

Die Zahlen: Bei übergewichtigen Müttern lag das Östradiol der Söhne um 12 % höher, bei adipösen um 22 %. Das SHBG war bei adipösen Müttern um 13 % niedriger [s43].

Die Studie fand also eher eine Verschiebung im Hormonprofil als weniger Spermien. Die Autoren halten diesen Hormonbefund für den robustesten Teil ihrer Ergebnisse [s43].

Was der Zusammenhang bedeuten könnte

Die Forscher prüften, ob der Weg über andere Größen läuft. Das Ergebnis: Ein Teil des Hormonbefunds lief über das Geburtsgewicht der Söhne sowie über deren eigene Körperfettmasse und deren eigenen BMI im Erwachsenenalter. Der Effekt auf das SHBG lief hauptsächlich über das eigene Körpergewicht der Söhne. Der BMI der Väter war kein starker Störfaktor [s43]. Die Autoren halten es für möglich, dass sich ein Teil der Wirkung vermeiden ließe, wenn Übergewicht bei den Söhnen selbst verhindert wird [s43]. Das ist eine Überlegung der Autoren und keine Handlungsanweisung dieses Ratgebers.

Dazu passt eine weitere Auswertung derselben Kohorte: Bei Männern mit höherem eigenem Körperfettanteil war die Gesamtspermienzahl niedriger (bei hohem Körperfettanteil minus 23 % gegenüber normalem). Diese Studie betrifft das Gewicht des Mannes selbst und keine Einflüsse vor der Geburt [s03].

Weitere Studien, kleiner und älter

  • Pilotstudie aus Aarhus (328 Männer): Ein Pilotversuch ist eine kleine Vorstudie. Hier sank der Wert Inhibin B (ein Hodenhormon) mit steigendem BMI der Mutter. Bei den übrigen Werten wiesen die Zahlen zwar in eine ungünstigere Richtung, aber kein Trend war statistisch gesichert. Nur 25 Söhne hatten übergewichtige Mütter. Die Autoren sagen selbst, die Studie reiche nur, um die Frage in einer größeren Studie zu prüfen [s193]. Genau das tat später FEPOS.
  • DNA-Fragmentierung (337 Männer): Das ist der Anteil an Spermien mit beschädigter Erbsubstanz. Er war bei Söhnen übergewichtiger Mütter um 22 % höher. Das Konfidenzintervall (der plausible Schwankungsbereich der Schätzung) reichte aber von minus 3 bis plus 52 und schließt damit "kein Unterschied" ein. Der Befund ist nicht gesichert [s167].
  • Pubertät (2.522 Söhne): Söhne adipöser Mütter begannen im Mittel 8,3 Monate früher mit regelmäßigem Rasieren. Die Pubertätsangaben waren allerdings rückblickend von den Männern selbst erinnert, Samenwerte gab es nicht [s151].
  • Italienische Klinikstudie (418 Männer mit unerfülltem Kinderwunsch): Niedriges Testosteron wurde bei mütterlicher Adipositas häufiger berichtet (7,2 % gegenüber 2,0 %). Die Auswahl der Männer war begrenzt: Aufgenommen wurden nur Männer, für die sich das Gewicht der Mutter in der Schwangerschaft erfragen ließ. Die absoluten Zahlen sind sehr klein, und die Zusammenfassung nennt kein Konfidenzintervall. Die Studie passt nur bedingt zum Hormonmuster aus FEPOS, denn dort ging es um Östradiol, LH und SHBG und nicht um niedriges Testosteron [s11].

Hodenhochstand

Hodenhochstand (Kryptorchismus) bedeutet, dass ein Hoden nicht im Hodensack liegt. Eine Auswertung von sieben Studien mit 4.397 Fällen fand für übergewichtige Mütter kein erhöhtes Risiko (Verhältnis 1,02; Schwankungsbereich 0,95 bis 1,09) [s147]. Eine große dänische Registerstudie mit zwei Geburtskohorten und 85.923 Jungen fand dagegen bei einem BMI der Mutter von mindestens 30 ein um etwa ein Drittel erhöhtes Risiko (Hazard Ratio 1,32; Schwankungsbereich 1,06 bis 1,65) [s113]. Die Befunde stimmen also nicht überein.

Tiere und Übersichten

Eine Übersichtsarbeit hält fest, dass bisher kaum Studien beim Menschen untersucht haben, ob Fruchtbarkeit der Nachkommen mit Übergewicht der Mutter zusammenhängt [s72]. Bei Ratten, die eine sehr energiereiche "Cafeteria-Diät" erhielten, war die Spermienqualität der männlichen Nachkommen schlechter [s79]. Ein Tierversuch lässt sich aber nicht einfach auf Menschen übertragen (Kapitel 8).

15 Weitere Merkmale, die niemand steuern kann

In der Kohorte FEPOS wurden neben dem Gewicht noch viele weitere Merkmale der Schwangerschaft und der Familie ausgewertet. Manche davon kann niemand beeinflussen, etwa der Monat der Geburt oder das Alter, in dem die Mutter ihre erste Regelblutung hatte. Diese Befunde sind für die Frage "Was kann ich tun?" wenig hilfreich. Sie sind aber lehrreich, weil sie zeigen, wie vorsichtig man mit Einzelbefunden umgehen muss.

Die Merkmale im Überblick

Alle Angaben stammen aus FEPOS mit rund 1.000 Männern und gelten als Unterschiede im Durchschnitt zwischen Gruppen [s98].

MerkmalWas gefunden wurdeQuelle
Plazenta- und Geburtsgewicht (die Plazenta ist der Mutterkuchen)Geringeres Gewicht ging mit einem etwa 4 % kleineren Hodenvolumen und leicht höheren Hormonwerten (FSH, LH) einher. Die Samenwerte lagen nahe null, also ohne erkennbaren Unterschied.[s06]
Fieber der MutterKeine starken Zusammenhänge (986 Männer)[s56]
Light-Getränke der Mutter (mindestens eines pro Tag)Mehr Spermien mit unreifem Chromatin (18,1 % mehr, also eine Besonderheit der Verpackung der Erbsubstanz). Bei der DNA-Fragmentierung war der Unterschied nicht gesichert.[s08]
Bildung der ElternBei niedriger Bildung Tendenzen zu niedrigeren Werten, etwa minus 12 % bei der Gesamtzahl. Alle Schwankungsbereiche schließen "kein Unterschied" ein.[s17]
Alter der Mutter bei der ersten Regelblutung (Menarche)Bei späterer Menarche etwa 15 % niedrigere Konzentration und 14 % niedrigere Gesamtzahl. Bei früher Menarche kein starker Zusammenhang.[s61]
Vitamin-D-Spiegel der MutterBei sehr niedrigem Spiegel ein um 11 % kleineres Hodenvolumen und eine um 20 % niedrigere Gesamtzahl. Die Spermienzahl ist nicht gesichert.[s57]
GeburtsmonatIm Winterhalbjahr Geborene hatten 3 % weniger Testosteron und 10 % mehr Östradiol. Bei den übrigen Werten lagen die Schätzer nahe null.[s07]

Zu einigen Einträgen ein paar Anmerkungen. Zum Fieber: Die Studie fand auch dann keinen Unterschied, wenn gleichzeitig fiebersenkende Mittel oder Antibiotika angewendet wurden [s56]. Beim Geburtsmonat halten die Autoren den Östradiol-Befund für möglicherweise zufällig [s07]. Bei der Menarche vermuten die Autoren gemeinsame Vererbung oder ein epigenetisches Profil (also Veränderungen, die Gene ein- oder ausschalten, ohne die Erbsubstanz selbst zu verändern), der Mechanismus ist aber unbekannt [s61]. Beim Vitamin D beschreiben die Autoren Hinweise auf eine Dosisabhängigkeit [s57]. Auch das ist keine Empfehlung dieses Ratgebers.

Warum diese Funde zur Vorsicht mahnen

Die Kernaussage dieses Abschnitts: Merkmale, die niemand steuern kann, erzeugen ähnlich große Unterschiede wie manche der Einflüsse, über die in den Kapiteln 2 bis 4 gesprochen wird. Ein später Zeitpunkt der ersten Regelblutung der Mutter ist kein Umweltgift. Trotzdem fand sich ein Unterschied von etwa 15 % bei der Spermienkonzentration [s61]. Das heißt: Ein Unterschied in dieser Größenordnung kann auch aus gemeinsamer Veranlagung, aus der sozialen Lage oder schlicht aus Zufall entstehen. Genauso wenig lässt sich aus einem Einzelbefund schließen, dass ein Umweltfaktor die Ursache ist.

Das Beispiel der elterlichen Bildung zeigt es ebenfalls. Niedrige Bildung ging mit niedrigeren Samenwerten einher, und dieser Zusammenhang lief teilweise über das Rauchen der Mutter [s17]. Rauchen ist hier auch ein Hinweis auf die soziale Lage. Rauchen und soziale Lage lassen sich in Studien schwer vollständig voneinander trennen.

Wie belastbar sind die Daten insgesamt?

Die Teilnahmequote in FEPOS lag bei 19 %. Von 5.697 eingeladenen Männern wurden 1.058 untersucht [s98]. Die Studienautoren arbeiteten mit Gewichtungen, um die Auswahl auszugleichen. Dennoch bleibt offen, ob Männer, die teilnahmen, sich in wichtigen Merkmalen von denen unterscheiden, die nicht teilnahmen. Die Daten kommen zudem nur aus bestimmten Regionen Dänemarks [s17]. Viele Angaben der Mütter wurden außerdem in der Schwangerschaft selbst berichtet, etwa das Gewicht oder der Zeitpunkt der ersten Regelblutung [s43, s61].

Die Gewissheit bei diesen Merkmalen ist insgesamt niedrig. Die Befunde sind Anlass für weitere Forschung. Sie sind kein Grund zur Sorge und kein Grund, nach einem Schuldigen zu suchen.

Quellen dieses Kapitels

Mehr Hintergrund und alle Studien dazu: ausführliche wissenschaftliche Studie.