Kapitel 2 von 10 · Abschnitt 4–6

Rauchen der Mutter in der Schwangerschaft

Stand: · Redaktion: · Teil des Ratgebers Was vor der Geburt die Spermien des Sohnes prägen kann – der große Ratgeber

Das Rauchen der Mutter ist der am besten untersuchte Einfluss. Mehrere Studien fanden bei den erwachsenen Söhnen niedrigere Spermienwerte, bei starkem Rauchen deutlicher. Das Kapitel erklärt die Zahlen, die Grenzen der Studien und was die Befunde für Hodenhochstand und Hodenkrebs bedeuten – ohne Schuldzuweisung.

4 Was die Studien zu Spermienzahl und Beweglichkeit zeigen

Das Rauchen der Mutter in der Schwangerschaft ist der am häufigsten und am längsten untersuchte Einfluss. Das Thema ist heikel, deshalb vorab: Die Studien beschreiben Durchschnittswerte von Gruppen. Sie machen keine Vorwürfe, und sie sagen nichts über einen einzelnen Mann.

Wie die Studien vorgingen

Die Forscherinnen und Forscher untersuchten erwachsene Söhne und fragten, ob ihre Mütter in der Schwangerschaft geraucht hatten. Dann verglichen sie Spermienwerte. Gemessen wurden vor allem:

  • die Spermienkonzentration (Spermien pro Milliliter Samenflüssigkeit),
  • die Gesamtzahl der Spermien in einer Probe,
  • die Beweglichkeit (Anteil der Spermien, die sich bewegen),
  • das Hodenvolumen (Größe der Hoden, gemessen in Millilitern).

Die frühen Studien fragten die Mütter Jahre später nach ihren Gewohnheiten. Spätere Studien nutzten Angaben, die schon in der Schwangerschaft gemacht wurden.

Die ersten großen Studien

Fünf europäische Länder (2004). Jensen und Kollegen untersuchten 1.770 junge Männer. Männer, die im Mutterleib dem Rauchen ausgesetzt waren, hatten eine um 20,1 % niedrigere Spermienkonzentration (Unsicherheitsbereich 6,8 bis 33,5 %) und eine um 24,5 % niedrigere Gesamtzahl [s201]. Der Anteil beweglicher Spermien lag um 1,85 Prozentpunkte niedriger, das Hodenvolumen um 1,15 ml kleiner [s201]. Nur in Litauen zeigte sich nichts. Dort hatte aber nur 1 % der Mütter in der Schwangerschaft geraucht, die Vergleichsgruppe war also praktisch leer [s201].

Dänisches Zwillingsregister (2003). Bei 265 Männern mit Angaben ihrer Mütter war die Spermiendichte bei Müttern mit mehr als 10 Zigaretten pro Tag um 48 % niedriger (Unsicherheitsbereich minus 69 bis minus 11 %). Bei 1 bis 10 Zigaretten pro Tag zeigte sich das nicht [s203].

Vier dänische Berufsstudien (2005). Hier lagen die Mittelwerte bei Söhnen nicht rauchender Mütter bei 65,0 Millionen pro Milliliter, bei Söhnen starker Raucherinnen bei 57,7 Millionen. Dieser Unterschied war statistisch nicht gesichert [s199]. Auffällig war nur das Risiko für eine sehr niedrige Konzentration (höchstens 20 Millionen pro Milliliter) in der Gruppe mit starkem Rauchen: Das Chancenverhältnis betrug 2,6 (Unsicherheitsbereich 1,2 bis 5,8) [s199]. Die Richtung passt zu den anderen Studien, der Befund ist aber schwächer [s199].

Weitere Studien: eine bestätigend, eine ohne Zusammenhang

In Westaustralien (Raine-Kohorte, 423 Männer) lag die mittlere Spermienleistung bei den im Mutterleib exponierten Männern niedriger: 82,4 gegenüber 123,1 Millionen (Median, also der mittlere Wert der Gruppe; p = 0,029) [s135]. Die Studie nennt hier keine Unsicherheitsbereiche und nur einen kleinen Teil der Männer hatte alle Messungen [s135].

In einer kalifornischen Kohorte (196 Samenproben, Söhne 38 bis 47 Jahre alt) fand sich dagegen kein Zusammenhang zwischen dem Rauchen der Mutter und der Samenqualität [s171]. Die Angaben stammten aus den Jahren 1959 bis 1967, einer Zeit mit anderem Rauchverhalten als in Dänemark. Mögliche Gründe sind das höhere Alter der Söhne, die kleinere Zahl und die andere Zeit und Bevölkerung. Ein Beweis, dass es keinen Effekt gibt, ist das nicht [s171].

5 Je mehr geraucht wurde, desto größer der Unterschied

Wenn ein Einfluss echt ist, erwartet man oft: Mehr davon, größere Wirkung. Fachleute nennen das Dosis-Wirkung. Ein solches Muster macht einen Zusammenhang überzeugender, beweist ihn aber nicht.

Die größte Studie: FEPOS

Die bislang größte Studie zu diesem Thema heißt FEPOS (eine dänische Kohorte, in der Söhne aus einer Schwangerschaftsstudie als junge Erwachsene untersucht wurden). Sie nutzte 984 Männer [s75]. Neu war: Das Rauchen der Mutter wurde nicht nur erfragt. Es wurde auch Cotinin im Blut der Schwangeren gemessen, ein Abbauprodukt von Nikotin, das objektiv zeigt, ob jemand dem Tabakrauch ausgesetzt war [s75].

Die Ergebnisse im Vergleich zu Söhnen von Nichtraucherinnen:

Rauchen der MutterSpermienkonzentrationGesamtzahl
bis 10 Zigaretten pro Tag19 % niedriger (minus 29 bis minus 6 %)24 % niedriger (minus 35 bis minus 11 %)
mehr als 10 Zigaretten pro Tag38 % niedriger (minus 52 bis minus 22 %)33 % niedriger (minus 51 bis minus 8 %)

Quelle: [s75]. Bei starkem Rauchen war außerdem das follikelstimulierende Hormon (FSH, ein Hormon der Hirnanhangsdrüse, das den Hoden anregt) um 25 % höher [s75]. Auch Söhne, deren Mütter einen Cotinin-Wert über 10 ng/ml hatten, zeigten niedrigere Konzentration und Gesamtzahl [s75].

Das Muster deckt sich mit der älteren Zwillingsstudie, in der nur bei mehr als 10 Zigaretten pro Tag ein Effekt sichtbar war [s203]. Es passt auch zu den Berufsstudien, in denen nur die Gruppe mit starkem Rauchen auffiel [s199].

Ein Rauchstopp in der Frühschwangerschaft

FEPOS prüfte auch, ob ein Rauchstopp vor der siebten Schwangerschaftswoche die Zusammenhänge abschwächt. Das war nicht der Fall: Die Werte der Söhne waren nicht besser [s75]. Dies betraf aber nur wenige Frauen mit frühem Rauchstopp. Die Studie sagt deshalb nichts über den Nutzen eines Rauchstopps und ist keine Aussage über einzelne Frauen [s75].

Wie sicher ist das?

Die Gesamtstudie stuft die Gewissheit als mittel ein, am oberen Ende der Skala dieses Themas, aber nicht als hoch. Dafür sprechen mindestens sechs unabhängige Datensätze mit gleicher Richtung, das Dosis-Muster und der gemessene Cotinin-Wert. Dagegen sprechen:

  • niedrige Teilnahmequoten: In den großen Studien nahmen nur 13 bis 19 % der eingeladenen Männer teil [s201, s75]. Wer teilnimmt, ist nicht unbedingt typisch für alle.
  • Restkonfundierung: Rauchende Mütter unterscheiden sich oft auch in anderem, etwa im Sozialstatus. Solche Nebeneinflüsse lassen sich nie ganz ausschalten.
  • die Null-Studie aus Kalifornien [s171],
  • die einmalige Samenprobe pro Mann in vielen Studien; eine einzelne Probe schwankt [s75].

Eine eigene Prüfung der FEPOS-Daten ergab, dass die Teilnahmequote die Ergebnisse vermutlich nur wenig verzerrt: Der Zusammenhang mit der Gesamtzahl (minus 21 %, Unsicherheitsbereich minus 32 bis minus 9 %) blieb in Modellrechnungen mit unterschiedlichen Annahmen ähnlich [s59]. Das beseitigt das Grundproblem freiwilliger Teilnahme aber nicht [s59].

6 Hodenhochstand, Hodenkrebs und Fruchtbarkeit

Spermienwerte sind Laborwerte. Viele Leser fragen: Was heißt das für Krankheiten und für die tatsächliche Fruchtbarkeit? Hier ist das Bild gemischter.

Hodenhochstand

Beim Hodenhochstand (Kryptorchismus) liegt ein Hoden bei der Geburt nicht im Hodensack, sondern weiter oben. Er gilt als möglicher Hinweis auf eine gestörte Hodenentwicklung im Mutterleib (siehe Kapitel 1). Zwei Metaanalysen (Auswertungen vieler Studien zusammen) fanden einen kleinen Zusammenhang mit dem Rauchen der Mutter:

  • 20 Studien mit 111.712 Säuglingen: Chancenverhältnis 1,18 (Unsicherheitsbereich 1,12 bis 1,24) [s109],
  • 32 Arbeiten: Chancenverhältnis 1,17 (Unsicherheitsbereich 1,11 bis 1,23) [s147].

Ein Chancenverhältnis von 1,18 bedeutet: Die Chance auf einen Hodenhochstand ist um 18 % erhöht. Das ist ein kleiner Effekt. Bei der ersten Auswertung waren die Zahlen außerdem nicht um Nebeneinflüsse bereinigt [s109]. Eine große dänische Auswertung mit 85.923 Müttern und Söhnen fand das höchste Risiko bei 10 bis 14 Zigaretten pro Tag (Hazard Ratio, ein Risikomaß, von 1,37) [s113]. Die Gesamtstudie bewertet die Gewissheit für diesen kleinen, aber gleichbleibenden Effekt als mittel.

Eine große US-Auswertung mit mehr als 12 Millionen Geburten fand beim Rauchen vor oder in der Schwangerschaft auch ein höheres Risiko für mehrere Fehlbildungen, darunter die Hypospadie. Das ist eine angeborene Fehlbildung, bei der die Harnröhrenöffnung nicht an der Penisspitze liegt [s85]. Samenqualität wurde dort nicht untersucht [s85].

Hodenkrebs

Bei Hodenkrebs zeigte sich kein Zusammenhang. Eine Metaanalyse mit zehn Arbeiten ergab ein Risiko von 1,00 (Unsicherheitsbereich 0,88 bis 1,15), das heißt: kein Unterschied [s53]. Eine zweite Auswertung kam auf ebenfalls 1,0 [s184]. In einer Studie mit gemessenem Cotinin waren es nur 70 Fälle, das ist wenig [s184]. Hodenkrebs ist ein anderer Endpunkt als die Spermienzahl. Dass hier nichts gefunden wurde, widerspricht den Spermienbefunden nicht [s184].

Unfruchtbarkeit und die Zeit bis zur Schwangerschaft

Spermienwerte sind nur ein Stellvertreter. Wichtiger ist für ein Paar, ob es zu einer Schwangerschaft kommt. Hier ist die Lage dünn:

  • Eine dänische Studie mit 430 Paaren fand bei Männern, die im Mutterleib dem Rauchen ausgesetzt waren, eine etwas geringere Chance pro Zyklus, schwanger zu werden (0,68; Unsicherheitsbereich 0,48 bis 0,97). Das ist ein knappes Einzelergebnis [s209].
  • Eine neuere dänische Kohorte (11.144 Kinder, Nachbeobachtung bis 35 bis 38 Jahre) fand bei Söhnen bis 26 Jahre nur eine Tendenz zu mehr Unfruchtbarkeitsdiagnosen (Hazard Ratio 1,7; Unsicherheitsbereich 0,8 bis 3,5), bei Söhnen über 26 Jahren nichts. Die Autoren sehen keinen robusten Beleg, schließen ein kleines unsicheres Risiko aber nicht aus [s15].

Die Gewissheit ist für Unfruchtbarkeit und die Zeit bis zur Schwangerschaft niedrig. Ein niedrigerer Laborwert muss also nicht heißen, dass ein Mann nicht Vater werden kann.

Warum sinkt die Spermienzahl nicht, wenn weniger geraucht wird?

In Kopenhagen wurden von 1996 bis 2016 insgesamt 6.386 junge Männer untersucht. Der Anteil der Männer, deren Mütter in der Schwangerschaft geraucht hatten, sank von 40 auf 18 %. Die durchschnittliche Spermienzahl stieg trotzdem nicht, und 35 % der Männer hatten über den ganzen Zeitraum eine niedrige Samenqualität [s119]. Mütterliches Rauchen war in dieser Studie mit niedrigeren Spermienzahlen verbunden [s119]. Die Autoren folgern daraus, dass andere, unbekannte Faktoren das Niveau aufrechterhalten könnten [s119].

Das Wichtigste in Kürze

  • Mehrere Studien fanden bei erwachsenen Söhnen rauchender Mütter im Durchschnitt niedrigere Spermienwerte, bei starkem Rauchen deutlicher [s201, s75].
  • Das ist ein Zusammenhang und kein Beweis. Die Gewissheit ist mittel, nicht hoch.
  • Eine Studie aus Kalifornien bestätigte den Zusammenhang nicht [s171].
  • Beim Hodenhochstand ist der Effekt klein, bei Hodenkrebs gibt es keinen Zusammenhang [s109, s53].
  • Schuld ergibt sich daraus für niemanden.

Quellen dieses Kapitels

Mehr Hintergrund und alle Studien dazu: ausführliche wissenschaftliche Studie.