Kapitel 9 von 10 · Abschnitt 24–25

Häufige Missverständnisse

Stand: · Redaktion: · Teil des Ratgebers Was vor der Geburt die Spermien des Sohnes prägen kann – der große Ratgeber

Zeitungsmeldungen verkürzen oft, und Aussagen über Gruppen werden auf Einzelne übertragen. Dieses Kapitel räumt mit verbreiteten Irrtümern auf: dass Studien Ursachen beweisen, dass Mütter schuld seien, dass alles vorbestimmt sei, dass es nur Rauchen gebe oder dass sinkende Spermienzahlen allein davon kommen.

24 Irrtümer über Ursache und Schuld

Meldungen über Spermien und Schwangerschaft sind oft kurz und eindeutig formuliert. Die Studien dahinter sind es nicht. Dieses Kapitel nimmt acht verbreitete Missverständnisse der Reihe nach vor. Jedes folgt demselben Muster: erst der Irrtum, dann die Antwort, dann die Quelle.

Irrtum 1: „Die Studien haben bewiesen, dass es die Ursache ist“

Antwort: Nein. Alle Befunde stammen aus Beobachtungsstudien. Dabei vergleichen Forscher Gruppen, die sich schon vorher unterschieden haben, etwa in Einkommen, Bildung, Ernährung oder Gesundheit. Sie greifen nicht ein. Solche Nebeneinflüsse (Fachwort: Confounding, auf Deutsch Störgröße) lassen sich nie ganz herausrechnen. Es bleibt eine „Restkonfundierung“. Ein Beispiel liefert eine dänische Auswertung: Der Zusammenhang zwischen niedriger Bildung der Eltern und den Samenwerten der Söhne lief zum Teil über das Rauchen der Mutter. Rauchen ist also auch ein Marker für die soziale Lage [s17].

Bei Medikamenten kommt ein weiterer Stolperstein dazu. Wer Paracetamol nimmt, hat meist Schmerzen, Fieber oder einen Infekt. Es könnte also die Erkrankung sein und nicht das Mittel, die mit dem Ergebnis zusammenhängt. Fachleute nennen das „Confounding by indication“ [s129, s05].

Ein Versuch, bei dem man Schwangere zufällig rauchen oder nicht rauchen ließe, ist ethisch nicht denkbar. Deshalb bleibt immer ein Rest an Unsicherheit.

Quelle: [s17, s129, s05]

Irrtum 2: „Die Mutter ist schuld“

Antwort: Dafür gibt es keine Grundlage. Dafür sprechen mehrere Gründe:

  • Die Studien können keine Ursache beweisen (siehe Irrtum 1).
  • Vieles beruht auf Angaben der Betroffenen. Selbstauskunft, niedrige Teilnahmequoten und Mehrfachtestung gelten in der Gesamtstudie als typische Schwächen [s20]. In der dänischen FEPOS-Kohorte kamen 1.058 von 5.697 eingeladenen Söhnen zur Untersuchung, also 19 % [s98].
  • Auch Merkmale, die niemand steuern kann, gingen mit ähnlich großen Unterschieden einher. Söhne von Müttern mit späterer erster Regel hatten eine um 15 % niedrigere Spermienkonzentration (Unsicherheitsbereich minus 27 bis 0 %) [s61]. Bei niedrigem Vitamin-D-Spiegel der Mutter fand sich ein um 11 % kleineres Hodenvolumen [s57]. Im Winterhalbjahr geborene Männer hatten etwas niedrigeres Testosteron und höheres Östradiol, wobei die Autoren den Östradiol-Befund selbst für möglicherweise zufällig halten [s07].
  • Vieles war früher nicht bekannt oder nicht vermeidbar.

Quelle: [s98, s61, s57, s07, s20]

Irrtum 3: „Tierversuche haben gezeigt, dass es auch beim Menschen so ist“

Antwort: Tierversuche und Gewebemodelle zeigen, ob ein Stoff im Prinzip die Hodenentwicklung stören kann. Ob das bei Menschen mit üblichen Mengen auch passiert, zeigen sie nicht. Ein Forscherteam verglich Hodengewebe von Ratte, Maus und Mensch im gleichen Entwicklungsstadium. Nur in etwa einem Drittel der Analysen reagierten Mensch und Nager ähnlich. Bei Bisphenol A genügte beim menschlichen Gewebe eine mindestens hundertfach niedrigere Menge als bei Maus und Ratte, um die Testosteronbildung zu senken. Die Autoren warnen davor, Nagerdaten ungeprüft auf den Menschen zu übertragen [s149].

Dazu kommen Unterschiede bei Dosis und Verabreichung. Eine Spritze mit Koffein beim Tier entspricht nicht dem Kaffee einer Schwangeren [s148]. Viele Tiermodelle umfassen außerdem Schwangerschaft und Stillzeit gemeinsam. Der Anteil der Zeit vor der Geburt lässt sich dann nicht herauslesen.

Quelle: [s149, s148]

25 Irrtümer über Zahlen, Grenzwerte und Bevölkerungstrends

Irrtum 4: „Was für die Gruppe gilt, gilt auch für mich“

Antwort: Die Zahlen aus den Studien sind Durchschnittswerte für Gruppen. In einer europäischen Studie an 1.770 jungen Männern lag die Spermienkonzentration bei Söhnen rauchender Mütter im Mittel um 20,1 % niedriger [s201]. In der größten dänischen Kohorte waren es 19 % bei leichtem und 38 % bei starkem Rauchen [s75]. Solche Prozentwerte sagen nicht, wie die Werte eines einzelnen Mannes aussehen. Auch ein Unsicherheitsbereich (Konfidenzintervall) gehört zu jeder Zahl: Er zeigt, in welchem Bereich der wahre Gruppenunterschied vermutlich liegt. Schließt er die Null ein, ist kein sicherer Unterschied nachgewiesen.

Quelle: [s201, s75]

Irrtum 5: „Weniger rauchende Mütter bedeuten mehr Spermien in der Bevölkerung“

Antwort: Das wurde in Kopenhagen geprüft, und es traf nicht zu. Über 21 Jahre (1996 bis 2016) wurden 6.386 junge Männer untersucht. Der Anteil der Männer, deren Mütter in der Schwangerschaft geraucht hatten, sank von 40 auf 18 %. Die durchschnittliche Spermienzahl stieg nicht. Rauchen der Mutter war weiterhin mit niedrigeren Werten verbunden, 35 % der Männer hatten über den ganzen Zeitraum eine niedrige Samenqualität [s119]. Das Rauchen erklärt also einen Teil der Unterschiede zwischen einzelnen Männern, aber nicht das Niveau einer ganzen Bevölkerung. Die Autoren sehen darin einen Hinweis auf andere, bisher unbekannte Faktoren. Einschränkend: Es handelt sich um Selbstauskünfte und um jeweils nur eine Probe pro Mann [s119].

Aus demselben Grund taugt auch die Frage „Sinken die Spermienzahlen, und liegt es daran?“ nicht für einfache Antworten. Eine große Auswertung beschreibt für Männer aus aller Welt einen Rückgang der mittleren Konzentration um 51,6 % zwischen 1973 und 2018 [s63]. Das sind Vergleiche zwischen Zeiten und Regionen. Sie können keine bestimmte Ursache nennen, und die Gesamtstudie ordnet sie deshalb nur mit „niedrig“ als Beleg für vorgeburtliche Ursachen ein. Die Kopenhagener Reihe zeigt sogar über 21 Jahre keinen anhaltenden Trend [s119].

Quelle: [s119, s63]

Irrtum 6: „Alle genannten Einflüsse sind gleich gut belegt“

Antwort: Die Beleglage unterscheidet sich stark. Die Gesamtstudie stuft sie selbst ein. Das ist ihr eigenes Urteil, nicht das der Originalarbeiten.

EinflussGewissheit
Rauchen der Mutter, Spermien des Sohnesmittel
Alkohol, Kaffee der Mutterniedrig
PFAS (langlebige Chemikalien)niedrig
Rauchen des Vaters vor der Zeugungniedrig
Paracetamol der Mutter, Spermien des Sohnessehr niedrig
Weichmacher, Bisphenol Aniedrig bis sehr niedrig
Übergewicht der Mutterniedrig (Hormone: niedrig bis mittel)
DES: Genitalfehlbildungen / Spermienqualitätmittel / sehr niedrig

„Mittel“ bedeutet hier: mehrere unabhängige Kohorten in gleicher Richtung, aber ohne Metaanalyse für die Spermienwerte und mit möglicher Restkonfundierung. Kein Befund erreicht die Stufe „hoch“ [s75, s201].

Quelle: Gesamtstudie, Übersicht der Gewissheitsstufen; [s75, s201, s05]

Irrtum 7: „Ein Wert unter dem WHO-Grenzwert bedeutet unfruchtbar“

Antwort: Nein. Die WHO-Werte sind keine Diagnosegrenzen. Der Konzentrationswert der älteren Auflage, 15 Millionen Spermien pro Milliliter, markiert das fünfte Perzentil einer Gruppe fruchtbarer Männer: Fünf von hundert fruchtbaren Männern liegen darunter [s106, s131]. Die neuere Auflage (2021) spricht nicht mehr von Referenzgrenzen, sondern von „Entscheidungsgrenzen“. Das fünfte Perzentil sei nur ein Weg, Ergebnisse zu deuten, und reiche allein nicht aus, männliche Unfruchtbarkeit zu diagnostizieren.

Zwei Beispiele zeigen, wie wenig ein Grenzwert sagt:

  • Von 423 jungen Männern in Westaustralien erfüllten nur 14,4 % alle WHO-Kriterien. Die Autoren halten Abweichungen für zu erwarten, weil die Werte aus Gruppen fruchtbarer Männer stammen und nicht aus der Allgemeinbevölkerung [s144]. In der Schweiz erfüllten 38 % alle drei geprüften Kriterien (Konzentration, Beweglichkeit, Form) [s106].
  • Nach Zeit-bis-zur-Schwangerschaft-Studien beginnt die Fruchtbarkeit schon bei einer Konzentration zwischen 30 und 55 Millionen pro Milliliter zu sinken, während der WHO-Wert bei 15 liegt [s131].

Die Grenze schützt also in beide Richtungen nicht: Weder ist jeder Wert darunter eine Diagnose, noch ist jeder Wert darüber ein Freibrief. Zudem wird meist nur eine Probe untersucht, und Abstinenzzeit und Auswertung beeinflussen das Ergebnis [s119, s167, s69].

Quelle: [s106, s131, s144, s119, s167, s69]

Irrtum 8: „Was vor der Geburt war, ist unveränderlich, und alles ist zu spät“

Antwort: Dazu lässt sich nur sehr wenig sagen, und das sollten Sie wissen. Keine einzige Studie hat geprüft, ob eine Änderung der Exposition der Mutter in der Schwangerschaft die Samenqualität des erwachsenen Sohnes verändert. Das ist aus ethischen und praktischen Gründen auch nicht zu erwarten. Deshalb ist „alles vorbestimmt“ genauso wenig belegt wie „alles lässt sich ändern“. Die Studien geben dafür keine Antwort.

Belegt ist nur ein kleiner Ausschnitt zu einer anderen Frage. Bei erwachsenen Männern besserten sich in einer Studie mit 60 Männern Konzentration, Gesamtzahl und Beweglichkeit nach drei und sechs Monaten ohne Rauchen. Es gab keine Vergleichsgruppe, und ein Teil der Besserung kann Zufall sein [s33]. Das ist kein Heilversprechen und sagt nichts über Schäden aus der Zeit vor der Geburt.

Quelle: Gesamtstudie, Teil 5; [s33, s31]

Quellen dieses Kapitels

Mehr Hintergrund und alle Studien dazu: ausführliche wissenschaftliche Studie.