Kapitel 10 von 10 · Abschnitt 26–28

Wann zur Ärztin oder zum Arzt und was Sie selbst tun können

Stand: · Redaktion: · Teil des Ratgebers Was vor der Geburt die Spermien des Sohnes prägen kann – der große Ratgeber

Die Forschung gibt keine Verhaltensregeln vor, aber es gibt klare Anlässe für ärztliche Beratung. Dieses Kapitel zeigt, wann eine urologische oder andrologische Abklärung sinnvoll ist, welche Fragen Sie vorbereiten können und was die Studien zum Rauchstopp beim Mann hergeben, ohne Heilversprechen.

26 Anlässe für eine ärztliche Abklärung

Die Forschung zu Einflüssen vor der Geburt liefert keine Verhaltensregeln für einzelne Menschen. Sie liefert aber Hinweise, wann es sinnvoll ist, ärztlichen Rat einzuholen. Dieser Abschnitt nennt die wichtigsten Anlässe. Er stellt keine Diagnose und ersetzt keine Untersuchung.

Wenn ein Kinderwunsch lange unerfüllt bleibt

Die Abklärung betrifft immer beide Partner. Die Leitlinie der Europäischen Gesellschaft für Urologie (EAU, Update 2025 zur männlichen Unfruchtbarkeit) empfiehlt nach ihrer veröffentlichten Zusammenfassung drei Dinge: eine gründliche urologische Untersuchung aller Männer mit Fruchtbarkeitsproblemen, die gleichzeitige Abklärung der Partnerin und eine Beratung zu Gesundheitsrisiken, die damit zusammenhängen können [s31].

Ehrlich gesagt gilt dabei: Die Zusammenfassung dieser Leitlinie äußert sich nicht zu Einflüssen vor der Geburt [s31]. Es gibt also keine bewertete Empfehlung, nach der die Zeit im Mutterleib bei der Abklärung eine bestimmte Rolle spielen müsste. Gesprächsstoff kann sie trotzdem sein (siehe Abschnitt 28).

Wenn eine Samenuntersuchung auffällig war

Ein einzelner auffälliger Wert ist keine Diagnose. Warum das so ist, erklärt Abschnitt 27. Lassen Sie das Ergebnis deshalb ärztlich einordnen, statt es selbst zu deuten.

Wenn Hodenhochstand oder eine Fehlbildung bekannt ist oder war

Ein Hodenhochstand (der Hoden ist nicht im Hodensack angekommen) oder eine Fehlbildung des Penis, etwa eine Hypospadie (die Harnröhre mündet nicht an der Spitze), gelten in der Fachliteratur als mögliche Zeichen einer frühen Entwicklungsstörung des Hodens [s204]. Falls so etwas bei Ihnen oder Ihrem Sohn bekannt ist oder war, sollte es ärztlich nachverfolgt werden. Das bedeutet nicht, dass Spermienprobleme folgen. Es bedeutet nur, dass sich ein Blick lohnt.

Wenn Sie in der Schwangerschaft Fragen haben

Wer schwanger ist oder es werden möchte und Fragen zu Rauchen, Alkohol oder Medikamenten hat, ist bei der Frauenärztin, beim Frauenarzt oder bei der Hebamme richtig. Dort kann man Ihre persönliche Lage berücksichtigen, was ein Ratgeber nicht kann.

Wenn Diethylstilbestrol (DES) im Spiel war

DES ist ein Hormonpräparat, das früher Schwangeren gegeben wurde. Wenn Sie als Mutter DES erhalten haben oder Ihre Mutter es in der Schwangerschaft bekam, lohnt ein ärztliches Gespräch. In einer Kohorte (einer über Jahre beobachteten Gruppe) fanden sich bei Söhnen DES-exponierter Mütter Hinweise auf Fehlbildungen der Genitalien, etwa Hodenhochstand [s183]. Die Befunde zu späteren Generationen sind dagegen unsicher (Kapitel 6).

Wenn Sie als Mann rauchen und auffällige Samenwerte haben

Dazu gibt es eine kleine Studie, die in Abschnitt 28 beschrieben wird. Ob ein Rauchstopp bei Ihnen etwas ändern würde, kann nur die ärztliche Beratung klären [s33].

AnlassWohin
Kinderwunsch bleibt lange unerfülltUrologische oder andrologische Praxis, Partnerin parallel [s31]
Auffälliger SamenbefundÄrztliche Praxis, die den Befund einordnet
Hodenhochstand oder Fehlbildung in der VorgeschichteÄrztliche Nachverfolgung [s204]
Fragen zu Rauchen, Alkohol, Medikamenten in der SchwangerschaftFrauenärztin, Frauenarzt, Hebamme
DES in der FamilieÄrztliches Gespräch [s183]

27 Was bei der Untersuchung geschieht und was Messwerte aussagen

Was untersucht wird

Nach der EAU-Leitlinie gehört zur Abklärung eine gründliche urologische Untersuchung des Mannes [s31]. Die Gesamtstudie, auf der dieser Ratgeber beruht, beschreibt den Ablauf einer Untersuchung nicht im Einzelnen. Hier steht deshalb nur, was sie belegt: Die Leitlinie nennt die urologische Untersuchung, die Einbeziehung der Partnerin und die Beratung [s31].

Eine Samenprobe wird im Labor nach den Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) untersucht. Die Studien nennen dafür folgende Messgrößen:

  • das Ejakulatvolumen (die Menge in Millilitern),
  • die Konzentration (Spermien pro Milliliter),
  • die Gesamtzahl (Konzentration mal Volumen),
  • die Beweglichkeit (der Anteil beweglicher Spermien, oft auch der vorwärts beweglichen),
  • die Vitalität (der Anteil lebender Spermien),
  • die Morphologie (der Anteil normal geformter Spermien, bewertet an Kopf, Mittelstück und Flagellum, dem Geißelfaden),
  • bei neueren Arbeiten der DNA-Fragmentationsindex (wie viele Spermien Brüche im Erbgut zeigen).

Was die WHO-Werte sind und was nicht

Die WHO nennt Grenzwerte. Nach der fünften Auflage (2010) liegen sie zum Beispiel bei 1,5 ml Volumen, 15 Millionen Spermien pro Milliliter, 39 Millionen Spermien insgesamt, 32 % vorwärts beweglichen und 4 % normal geformten Spermien [s144]. Die Konzentrationsgrenze einer Neuauswertung von 2021 liegt bei 16 Millionen pro Milliliter.

Wichtig ist, was diese Zahlen bedeuten. Es sind 5. Perzentile einer Referenzgruppe fruchtbarer Männer. Das heißt: Fünf von hundert dieser Männer lagen darunter [s106, s144]. Es ist keine Grenze zwischen fruchtbar und unfruchtbar.

Dazu passt: In Studien mit jungen Männern aus der Allgemeinbevölkerung lag ein großer Teil unter den Grenzwerten von 2010, so in der Schweiz [s106] und in Westaustralien [s144]. In Dänemark hatten 35 % der Männer eine niedrige Samenqualität [s119]. Ein Wert unter dem Grenzwert bedeutet also nicht Unfruchtbarkeit.

Umgekehrt beginnt die Fruchtbarkeit nach Studien zur Zeit bis zur Schwangerschaft schon bei Konzentrationen zu sinken, die über dem WHO-Grenzwert liegen, nämlich unterhalb von etwa 30 bis 55 Millionen pro Milliliter [s131]. Auch ein Wert über der Grenze ist deshalb kein Freibrief. Die Zahl allein genügt nicht, es braucht die ärztliche Gesamtschau.

Warum eine Probe wenig sagt

Mehrere Einschränkungen gelten für Samenwerte allgemein:

  • Meist wird nur eine Probe pro Mann untersucht [s119].
  • Die Abstinenzzeit (wie lange vorher kein Samenerguss war) verändert die Werte. In einer Studie aus Aarhus hing sie mit dem DNA-Fragmentationsindex zusammen [s167].
  • Beweglichkeit und Form hängen davon ab, wer sie im Labor beurteilt. Fachleute sprechen von einer „inhärenten Variabilität der Bewertung“ [s69].

Ein einzelner auffälliger Wert ist daher ein Anlass, nachzufragen. Er ist kein Urteil. In einer Kohorte aus Westaustralien lieferten 287 Männer eine zweite Probe; im Mittel zeigte sich kein systematischer Unterschied zwischen erster und zweiter Probe [s144]. Das sagt aber nichts darüber, wie stark die Werte bei einem einzelnen Mann schwanken. Ob wiederholt wird, entscheidet die Praxis.

28 Was Sie selbst tun können, und was die Forschung dazu nicht sagt

Die ehrliche Ausgangslage

Die Studien geben keine Verhaltensempfehlung. Es gibt keine Untersuchung, die geprüft hat, ob eine geänderte Lebensweise der Mutter oder des Vaters die Spermien des späteren Sohnes verändert. Das bedeutet nicht, dass es keine Wirkung gibt. Es bedeutet, dass das Wissen dazu fehlt. Kein Befund der Gesamtstudie erreicht die höchste Gewissheitsstufe, und alle Befunde stammen aus Beobachtungen, die Zusammenhänge zeigen, aber keine Ursachen beweisen.

Wer Sorgen hat, kann trotzdem etwas tun: Fragen stellen und Gespräche führen, statt aus Verunsicherung zu handeln.

Schwangere und Paare mit Kinderwunsch

Besprechen Sie Fragen zu Rauchen, Alkohol und Medikamenten in der Schwangerschaft mit Ihrer Frauenärztin, Ihrem Frauenarzt oder Ihrer Hebamme. Dort lässt sich Ihre persönliche Situation berücksichtigen. Dieser Ratgeber gibt bewusst keine Dosierungs- oder Einnahmeempfehlung. Setzen Sie nichts auf eigene Faust ab.

Wenn Sie als Mutter früher geraucht haben oder Ihre Schwangerschaft schon vorbei ist: Das ist kein Grund für Schuldgefühle. Die Studien zeigen Gruppenunterschiede, keine Schuld. Angaben stammen oft aus Selbstauskunft, und andere Einflüsse lassen sich nie ganz herausrechnen.

Männer: was zum Rauchstopp beim Erwachsenen bekannt ist

Für erwachsene Männer, die selbst rauchen, gibt es zwei Studien. Beide beschreiben nur und versprechen nichts.

  • Ägypten, 60 Männer [s33]. Raucher in einem Rauchstopp-Programm gaben vor dem Stopp sowie nach drei und nach sechs Monaten Samenproben ab. Die Werte besserten sich im Verlauf, etwa die Konzentration von im Mittel 14,8 auf 19,3 Millionen pro Milliliter. Die Studie hatte aber keine Vergleichsgruppe von Nichtrauchern. Deshalb lässt sich nicht sagen, ob die Besserung am Rauchstopp lag oder an etwas anderem, etwa an Ernährung, Zufall oder verändertem Verhalten. Außerdem nahmen nur 69 von 200 Eingeladenen teil, und Schwangerschaften wurden nicht erfasst [s33].
  • China, Mensch und Maus [s26]. Samenproben von 18 Nichtrauchern, 19 Rauchern und 14 Ex-Rauchern, die seit mindestens drei Monaten nicht rauchten, ergaben bei den Ex-Rauchern bessere Werte als bei den Rauchern. Im Mausversuch bildeten sich die Schäden nach dem Absetzen von Nikotin weitgehend zurück [s26]. Die Gruppen waren klein, und Mäuse sind keine Menschen.

Checkliste für das Arztgespräch

Es hilft, Informationen mitzubringen. Notieren Sie, soweit Sie sie kennen oder erfragen können:

  • Gab es früher Hodenprobleme, zum Beispiel einen Hodenhochstand oder eine Fehlbildung des Penis [s204]?
  • Wurde in der Schwangerschaft Ihrer Mutter geraucht? Wenn Sie das nicht wissen, ist das in Ordnung. Fragen Sie gern, aber unterstellen Sie niemandem etwas.
  • Hat Ihre Mutter in der Schwangerschaft ein Hormonpräparat wie DES bekommen [s183]?
  • Rauchen Sie selbst, und seit wann?
  • Gibt es frühere Samenuntersuchungen? Bringen Sie die Befunde mit.
  • Welche Medikamente nehmen Sie regelmäßig?
  • Wie lange besteht der Kinderwunsch, und wurde die Partnerin schon untersucht [s31]?

Mögliche Fragen an die Ärztin oder den Arzt:

  • Wie sicher ist ein einzelner Messwert, und sollte die Untersuchung wiederholt werden?
  • Was bedeutet mein Wert im Verhältnis zu den WHO-Werten?
  • Welche weiteren Untersuchungen sind für mich sinnvoll?
  • Was können meine Partnerin und ich jetzt tun?

Quellen dieses Kapitels

Mehr Hintergrund und alle Studien dazu: ausführliche wissenschaftliche Studie.