Kurz zusammengefasst
- − negativ Landwirtschaftliche Tätigkeit / berufliche Pestizidexposition — Berufliche Exposition gegenüber Organophosphat- und anderen Pestiziden (z.B. bei Landwirten, Sprühanwendern) ist mit reduzierter Spermienkonzentration, Motilität und Morphologie assoziiert.
- − negativ Varikozele (Krampfaderbruch am Hoden) — Erweiterte Venen des Plexus pampiniformis erhöhen die Hodentemperatur und den oxidativen Stress; Varikozelen sind eine der häufigsten behandelbaren Ursachen eingeschränkter Spermienqualität.
- − negativ Diabetes mellitus — Diabetes mellitus (Typ 1 und Typ 2) beeinträchtigt über oxidativen Stress, Neuropathie und endokrine Störungen Ejakulatvolumen und Motilität und erhöht die Rate an DNA-Schäden der Spermien.
- − negativ Hodenhochstand / Kryptorchismus (auch in der Kindheit) — Ein nicht oder spät korrigierter Hodenhochstand in der Kindheit beeinträchtigt die spätere Spermatogenese dauerhaft; Ausmaß hängt stark von Seitigkeit (ein-/beidseitig) und Operationszeitpunkt ab.
- − negativ Akute fieberhafte Infektion (kurz zurückliegend) — Fieberhafte Erkrankungen in den letzten Wochen bis Monaten senken vorübergehend Spermienkonzentration und Motilität, mit Erholung nach 2-3 Monaten (Details zu Infektionen siehe eigenständiges Themencluster).
- − negativ Mumpsorchitis und sexuell übertragbare Infektionen als Fertilitätsrisiko — Eine Mumpsorchitis (v.a. beidseitig) sowie unbehandelte sexuell übertragbare Infektionen wie Chlamydien können über Hodenschädigung bzw. Verschluss der Samenwege dauerhaft die männliche Fertilität beeinträchtigen.
Berufliche Einflüsse, globale Trends und medizinische Einflussfaktoren
Neben Lebensstil und Ernährung prägen auch der Arbeitsplatz und bestimmte medizinische Vorgeschichten die Spermienqualität erheblich – häufig stärker, als es im Alltag wahrgenommen wird. Wer beruflich Hitze, Pestiziden, Vibration oder gestörtem Schlafrhythmus ausgesetzt ist, oder wer mit Varikozele, Diabetes, einem operierten oder unbehandelten Hodenhochstand, einer durchgemachten Mumpsorchitis oder einer unbehandelten Geschlechtskrankheit lebt, trägt ein Bündel an Risikofaktoren, die sich über unterschiedliche biologische Mechanismen – Hitzestress am Hoden, oxidativer Stress, hormonelle Störungen, mechanische Verletzung des Hodengewebes oder Verschluss der Samenwege – auf Konzentration, Motilität, Morphologie und die genetische Integrität der Spermien auswirken. Bevor die einzelnen Faktoren im Detail besprochen werden, lohnt sich ein Blick auf den Maßstab, an dem "gute" oder "schlechte" Spermienqualität überhaupt gemessen wird: die Referenzwerte der Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der aktuellen, 2021 veröffentlichten sechsten Auflage ihres Laborhandbuchs definiert die WHO die untere Referenzgrenze (5. Perzentile eines Kollektivs von rund 3500 Männern mit nachgewiesener Fruchtbarkeit) für Spermienkonzentration, Gesamtspermienzahl, Motilität, Morphologie, Volumen und Vitalität. Diese Werte bilden zugleich die Grundlage für den interaktiven Rechner dieser Seite. Im Anschluss an die Faktorenübersicht wird zudem der viel diskutierte weltweite Abwärtstrend der Spermienzahl anhand der einflussreichen Metaanalysen von Levine, Swan und Kollegen aus den Jahren 2017 und 2022/2023 eingeordnet.
Was ist ein Spermiogramm?
Ein Spermiogramm (auch Samenanalyse oder Ejakulatanalyse genannt) ist eine Laboruntersuchung einer Samenprobe zur Einschätzung der männlichen Fruchtbarkeit – die wichtigste und meistgenutzte diagnostische Untersuchung in der Andrologie. Es kommt vor allem bei unerfülltem Kinderwunsch, zur Kontrolle nach einer Vasektomie oder im Rahmen einer allgemeinen Fruchtbarkeitsabklärung zum Einsatz. Die Probe wird meist durch Masturbation nach 2-7 Tagen sexueller Enthaltsamkeit gewonnen, muss sich innerhalb von 15-60 Minuten verflüssigen und wird anschließend mikroskopisch und makroskopisch nach den standardisierten Kriterien der WHO analysiert. Da die Werte bei ein und demselben Mann natürlicherweise stark schwanken, werden häufig 2-3 Proben im Abstand mehrerer Wochen untersucht, bevor eine Aussage getroffen wird.
Die aktuelle, 2021 veröffentlichte sechste Auflage des WHO-Laborhandbuchs definiert die untere Referenzgrenze (5. Perzentile eines Kollektivs von rund 3500 Männern mit nachgewiesener Fruchtbarkeit) für die wichtigsten Parameter:
| Parameter | Was wird gemessen | Unterer Referenzwert (WHO 2021) |
|---|---|---|
| Ejakulatvolumen | Menge der Samenflüssigkeit | ≥ 1,4 ml |
| pH-Wert | Säure-/Basegrad | ≥ 7,2 |
| Spermienkonzentration | Anzahl Spermien pro Milliliter | ≥ 16 Mio./ml |
| Gesamtspermienzahl | Konzentration × Volumen | ≥ 39 Mio. pro Ejakulat |
| Motilität gesamt | Anteil beweglicher Spermien | ≥ 42 % |
| Progressive Motilität | Anteil zielgerichtet vorwärts schwimmender Spermien | ≥ 30 % |
| Morphologie | Anteil normal geformter Spermien (Kopf, Mittelstück, Schwanz) | ≥ 4 % |
| Vitalität | Anteil lebender (nicht abgestorbener) Spermien | ≥ 54 % |
| Leukozyten | Weiße Blutkörperchen (Hinweis auf Entzündung/Infektion) | < 1 Mio./ml |
Werte unterhalb dieser Grenzen tragen eigene Fachbegriffe: Oligozoospermie (zu niedrige Spermienkonzentration), Asthenozoospermie (zu geringe Motilität), Teratozoospermie (zu wenige normal geformte Spermien) und Azoospermie (keine Spermien im Ejakulat nachweisbar). Die Kombination aus allen drei erstgenannten Befunden wird als OAT-Syndrom (Oligo-Astheno-Teratozoospermie) bezeichnet und ist der häufigste Befund bei männlicher Subfertilität.
Beispiel 1 – unauffälliger Befund: Volumen 3,2 ml, Konzentration 45 Mio./ml, Gesamtzahl 144 Mio., progressive Motilität 38 %, Morphologie 6 % normal geformt → alle Werte über den WHO-Referenzgrenzen.
Beispiel 2 – auffälliger Befund (leichtes OAT-Syndrom): Volumen 2,8 ml, Konzentration 12 Mio./ml (Oligozoospermie), progressive Motilität 22 % (Asthenozoospermie), Morphologie 2 % normal geformt (Teratozoospermie) → alle drei Kernparameter unterhalb der Referenz.
Wichtige Einschränkung: Ein Spermiogramm ist ein statistisches Werkzeug, keine Ja/Nein-Diagnose. Auch Männer mit Werten unter der Referenzgrenze können Kinder zeugen, und Werte darüber garantieren keine Fruchtbarkeit – die Referenzwerte markieren lediglich den Bereich, in dem sich 95 % nachweislich fruchtbarer Männer bewegen. Zusätzlich schwanken die Werte je nach Karenzzeit, Krankheit, Stress oder Laborbedingungen stark (siehe Messartefakte & Methodik).
Landwirtschaftliche Tätigkeit und berufliche Pestizidexposition
Wer beruflich regelmäßig mit Pestiziden in Kontakt kommt – etwa als Landwirt, Gärtner, Sprühanwender oder Beschäftigter in der Agrarindustrie – setzt sich einer Belastung aus, die in der wissenschaftlichen Literatur zu den am besten dokumentierten arbeitsbedingten Risikofaktoren für die Spermienqualität zählt. Im Zentrum der Forschung stehen vor allem Organophosphate, eine Gruppe von Insektiziden, die ursprünglich als Nervengifte entwickelt wurden und die Acetylcholinesterase hemmen, aber auch als endokrine Disruptoren wirken. Eine der frühen Feldstudien untersuchte 31 Pestizidanwender in der Region Arequipa in Peru im Vergleich zu 31 unbelasteten Kontrollpersonen: Männer mit nachweisbaren Metaboliten ethylierter Organophosphate im Urin hatten ein signifikant geringeres Ejakulatvolumen, und Männer mit methylierten Metaboliten wiesen einen erhöhten Seminal-pH-Wert auf; insgesamt war die berufliche Expositionsklassifikation enger mit Veränderungen der Samenqualität assoziiert als eine einzelne Urinmessung, was auf die Bedeutung chronischer, kumulativer Belastung hinweist (Yucra et al., 2008).
Diese Einzelbefunde werden durch mehrere systematische Übersichtsarbeiten und Metaanalysen der letzten Jahre gestützt. Eine umfassende Übersicht über die vorliegende Humanliteratur kam zu dem Schluss, dass eine Pestizidexposition mit einer Verschlechterung von Gesamtspermienzahl, Motilität und normaler Morphologie sowie mit einer erhöhten Schädigung der Spermien-DNA einhergeht, wobei der Zusammenhang eher mit der Expositionsdauer als mit der Einzeldosis zu stehen scheint (Giulioni et al., 2022). Eine 2023 im renommierten, von den US-amerikanischen National Institutes of Health herausgegebenen Fachjournal Environmental Health Perspectives publizierte Metaanalyse epidemiologischer Studien zu Organophosphat- und Carbamat-Insektiziden fand für Männer mit höherer im Vergleich zu niedrigerer beruflicher oder umweltbedingter Exposition einen publikationsbias-bereinigten gepoolten Effekt von Hedges g = −0,30 (95%-Konfidenzintervall −0,49 bis −0,10) für die Spermienkonzentration – ein statistisch signifikanter, moderater negativer Effekt, den die Autoren als ausreichende Evidenz für einen ursächlichen Zusammenhang werteten (Ellis et al., 2023). Eine weitere, im selben Jahr erschienene Metaanalyse mit 766 eingeschlossenen Männern (349 exponiert, 417 unbelastete Kontrollen) bestätigte reduzierte Spermienzahl, -konzentration, Gesamt- und progressive Motilität sowie normale Morphologie bei organophosphatexponierten Männern, während Hormonwerte wie FSH, LH und Testosteron in dieser Analyse nicht signifikant verändert waren – was für einen testosteron-unabhängigen, direkten toxischen Mechanismus an Sertoli- und Leydig-Zellen sowie eine gesteigerte Apoptoserate im Hodengewebe spricht (Hamed et al., 2023).
Praktisch bedeutet dies für Männer in der Landwirtschaft oder verwandten Berufen: konsequente persönliche Schutzausrüstung (Handschuhe, Atemschutz, geschlossene Kleidung) bei der Ausbringung von Pestiziden, sorgfältige Einhaltung von Wiederbetretungsfristen behandelter Flächen und – wo möglich – die Umstellung auf weniger toxische oder biologische Pflanzenschutzverfahren können die Belastung nachweislich reduzieren. Da die Spermienneubildung rund 74 Tage dauert, macht sich eine Expositionsreduktion typischerweise erst nach zwei bis drei Monaten in verbesserten Samenparametern bemerkbar.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Landwirtschaftliche Tätigkeit / berufliche Pestizidexposition | - | hoch | moderat (Hedges g -0,30) | Ellis et al., 2023, Environmental Health Perspectives |
Schichtarbeit und Nachtarbeit
Millionen Männer arbeiten weltweit regelmäßig in Nacht- oder Wechselschicht – in der Industrie, im Gesundheitswesen, im Transportwesen oder im Sicherheitsdienst. Die Vermutung liegt nahe, dass die damit verbundene Störung des zirkadianen Rhythmus auch die Fortpflanzungsfunktion beeinträchtigt, da die Ausschüttung von Testosteron und die Steuerung der Spermatogenese über die Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse eng an Tag-Nacht-Rhythmen und den Melatoninspiegel gekoppelt sind. Eine 2025 publizierte Querschnittsstudie verglich 47 Nachtschicht- mit 49 Tagschichtarbeitern und fand bei den Nachtarbeitern signifikant erhöhte Werte oxidativen Stresses im Blut (D-ROMs-Test: 340 U.CARR vs. 280 U.CARR, p=0,01) sowie eine deutlich geringere Spermienmotilität (35% vs. 46%, p=0,02), während Ejakulatvolumen und Spermienkonzentration sich zwischen den Gruppen nicht signifikant unterschieden. Bemerkenswert: In einer Subgruppe, die drei Monate lang ein Antioxidans-Präparat erhielt, sank der oxidative Stress bei den Nachtarbeitern deutlich stärker als bei den Tagarbeitern, was auf oxidativen Stress als zentralen, zumindest teilweise beeinflussbaren Vermittlungsmechanismus hindeutet (Boeri et al., 2025).
Auf Ebene der Gesamtevidenz ist das Bild jedoch weniger eindeutig, als Einzelstudien nahelegen. Eine 2025 im Fachjournal Endocrine erschienene systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse, die PubMed, Scopus und Embase nach Vergleichsstudien zwischen Nachtschicht- und Nicht-Schichtarbeitern durchsuchte, fand zwar tendenziell eine niedrigere Spermienzahl bei Schichtarbeitern, jedoch bei nur drei zusammenfassbaren Studien eine nicht statistisch signifikante gepoolte mittlere Differenz von −18,38 Millionen Spermien (95%-Konfidenzintervall −59,82 bis 23,07) und eine sehr hohe statistische Heterogenität zwischen den Studien (I²=85%) – ein Hinweis darauf, dass Studiendesign, untersuchte Berufsgruppen und Schichtmodelle stark variieren und die Ergebnisse deshalb kaum verallgemeinerbar sind. Interessanterweise fand dieselbe Analyse bei Schichtarbeitern sogar geringfügig höhere Serumtestosteronwerte als bei Kontrollen (Viramgami et al., 2025). Andere in der Literatur zitierte Arbeiten zu Schichtarbeit bei Männern in Kinderwunschbehandlung berichten dagegen von veränderten Samenparametern bei Schichtarbeitern gegenüber Nicht-Schichtarbeitern in Fertilitätskliniken, was zeigt, dass der Effekt je nach untersuchter Population (gesunde Männer vs. Männer mit ohnehin eingeschränkter Fertilität) unterschiedlich ausfallen kann.
Zusammengefasst ist Schichtarbeit ein biologisch plausibler, aber in seiner Größenordnung noch unsicherer Risikofaktor. Wer nicht auf Schichtarbeit verzichten kann, profitiert vermutlich von möglichst regelmäßigen Schichtplänen, ausreichend Schlaf auch tagsüber (Verdunkelung, feste Schlafenszeiten) und einer antioxidativ günstigen Ernährung, da oxidativer Stress als wahrscheinlichster Vermittlungsmechanismus gilt.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Schichtarbeit / Nachtarbeit | - | niedrig | nicht_quantifiziert (hohe Studienheterogenität) | Viramgami et al., 2025, Endocrine |
Berufliche Hitzeexposition: Schweißer, Bäcker, Hochofen- und Gießereiarbeiter
Der Hoden liegt außerhalb der Bauchhöhle, weil eine optimale Spermatogenese eine Temperatur von rund 2 bis 4°C unterhalb der Körperkerntemperatur benötigt. Berufe mit anhaltender Hitzebelastung – etwa Schweißer, die der Strahlungshitze des Lichtbogens ausgesetzt sind, Bäcker und Beschäftigte an Backöfen, sowie Hochofen- und Gießereiarbeiter in der Metallindustrie – zählen deshalb seit Langem zu den klassischen Risikoberufen der Reproduktionsmedizin. Eine vielzitierte Studie des dänischen Arbeitsmediziners Jens Peter Bonde untersuchte 17 Schweißer mit mäßiger Strahlungshitzeexposition (Globustemperatur 31 bis knapp 45°C) über mehrere Wochen: Innerhalb der Gruppe zeigte sich ein statistisch signifikanter Rückgang des Anteils normal geformter Spermien nach etwa sechs Wochen Hitzeexposition, der sich nach einer Expositionspause wieder erholte; Spermienzahl und Anteil beweglicher Spermien waren im Vergleich zu Referenzgruppen tendenziell, aber nicht signifikant vermindert. Die Autoren werteten dies als Hinweis auf einen reversiblen, hitzebedingten Effekt auf die Spermatogenese (Bonde, 1992).
Weitere Berufsgruppenstudien liefern ein konsistentes Bild in dieselbe Richtung: Bäcker und Beschäftigte an heißen Keramiköfen benötigten in älteren epidemiologischen Untersuchungen im Mittel länger, bis eine Schwangerschaft der Partnerin eintrat, als nicht hitzeexponierte Vergleichsgruppen – ein indirekter, aber klinisch bedeutsamer Hinweis auf reduzierte Fruchtbarkeit. Der zugrundeliegende Mechanismus ist gut erforscht: Erhöhte Hodentemperatur stört die Chromatinkondensation und erhöht die Rate an DNA-Strangbrüchen in den heranreifenden Spermien, steigert die Produktion reaktiver Sauerstoffspezies und kann über eine gesteigerte Apoptoserate in den Keimzellen direkt die Spermienzahl senken. Anders als bei chronischen Erkrankungen ist dieser Effekt bei Vermeidung der Exposition prinzipiell reversibel, allerdings erst nach vollständigem Durchlaufen eines neuen Spermatogenesezyklus von rund drei Monaten.
Für die Einordnung dieses Faktors ist wichtig zu betonen: Eine große, spezifisch auf Hitzeberufe fokussierte Metaanalyse mit gepoolter Effektgröße fehlt bislang; die verfügbaren Studien sind überwiegend klein, älteren Datums und methodisch heterogen (unterschiedliche Berufe, Messmethoden der Hitzeexposition, Kontrollgruppen). Die Evidenz gilt daher trotz des plausiblen und in Tierversuchen sowie experimentellen Humanstudien zur Skrotaltemperatur gut belegten Wirkmechanismus als eher niedrig im Sinne der hier verwendeten Bewertungskriterien. Praktisch empfehlenswert für Männer in Hitzeberufen sind regelmäßige Abkühlungspausen, das Tragen locker sitzender, atmungsaktiver Kleidung sowie – bei aktivem Kinderwunsch – eine vorübergehende Reduktion der Hitzeexposition in den Monaten vor einer geplanten Empfängnis.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Berufliche Hitzeexposition (Schweißer, Bäcker, Hochofen/Gießerei) | - | niedrig | nicht_quantifiziert (reversibler Effekt belegt) | Bonde, 1992, British Journal of Industrial Medicine |
Sitzende Tätigkeiten und Berufskraftfahrer (Taxi, LKW, Langstrecke)
Langes, tägliches Sitzen ist aus zwei Gründen von reproduktionsmedizinischem Interesse: Erstens führt die Sitzposition zu einer engen Anlage des Hodensacks an den Körper und damit zu einer messbar erhöhten Skrotaltemperatur; zweitens sind Berufskraftfahrer – Taxi-, LKW- und Langstreckenfahrer – zusätzlich einer mechanischen Ganzkörpervibration durch den Fahrzeugmotor und die Straßenoberfläche ausgesetzt, die als eigenständiger Risikofaktor für das Fortpflanzungssystem diskutiert wird. Eine klassische italienische Studie an 201 Taxifahrern in Rom, von denen bei 72 Männern biologische Marker inklusive Samenqualität erhoben wurden, fand bei Taxifahrern einen signifikant geringeren Anteil normal geformter Spermien als bei Kontrollen (45,8% vs. 64,0%), wobei der Unterschied mit zunehmender Berufsdauer deutlicher ausfiel (Figà-Talamanca et al., 1996). Eine neuere iranische Studie verglich 70 Taxifahrer mit 70 Büroangestellten und maß dabei auch die tatsächliche Vibrationsexposition: Taxifahrer waren einer signifikant höheren Ganzkörpervibration ausgesetzt (0,69 vs. 0,07 m/s², p<0,05) und wiesen eine deutlich geringere Gesamtspermienzahl (154,6 vs. 321,7 Millionen), progressive Motilität (19,3% vs. 27,3%) und Gesamtmotilität (40,3% vs. 55,8%) auf; bei Spermienkonzentration und Morphologie zeigten sich dagegen keine signifikanten Unterschiede (Zarei et al., 2022).
Auf Ebene der Gesamtevidenz relativiert ein aktuelles systematisches Review diese teils deutlichen Einzelbefunde etwas: Eine 2025 in der Fachzeitschrift Andrology veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit über 16 Beobachtungsstudien zu sitzender Tätigkeit sowohl in der Arbeits- als auch in der Freizeit (Fernsehkonsum) fand insgesamt ein uneinheitliches Bild: Während einzelne Studien einen Zusammenhang zwischen mehr Sitzzeit und geringerer Spermienkonzentration sowie geringerer Gesamtspermienzahl zeigten, blieb die Spermienmotilität in praktisch allen eingeschlossenen Studien unbeeinflusst. Die Autoren mahnten zudem zu Vorsicht bei der Interpretation, da viele Studien Vergleichsgruppen unscharf definierten und die WHO-Referenzwerte fälschlicherweise als harte Grenze zwischen Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit statt als statistisches Perzentil interpretierten (Sterpi et al., 2025).
Für die praktische Einordnung bedeutet dies: Der Zusammenhang zwischen sitzender Tätigkeit bzw. Berufskraftfahren und Spermienqualität ist biologisch plausibel und durch mehrere Einzelstudien mit teils deutlichen Effekten gestützt, auf Ebene der Gesamtevidenz aber uneinheitlich, weshalb die Evidenzstärke hier insgesamt als niedrig eingestuft wird. Wer beruflich viel sitzt, kann durch regelmäßige Steh- und Gehpausen, gepolsterte, gut belüftete Sitze zur Vibrationsdämpfung und lockere statt eng anliegende Kleidung die Skrotaltemperatur und mechanische Belastung reduzieren.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Sitzende Tätigkeit / Berufskraftfahrer | - | niedrig | moderat (Einzelstudien, z.B. Motilität -28% relativ) | Figà-Talamanca et al., 1996; Sterpi et al., 2025 |
Varikozele (Krampfaderbruch am Hoden)
Die Varikozele – eine krampfaderartige Erweiterung der Venen des Plexus pampiniformis rund um den Samenstrang, meist auf der linken Seite – ist eine der häufigsten organischen Ursachen eingeschränkter männlicher Fruchtbarkeit und findet sich bei rund 15% aller Männer, aber bei bis zu 40% der Männer, die sich wegen unerfüllten Kinderwunsches in einer Kinderwunschklinik vorstellen. Mehrere sich ergänzende Mechanismen werden für die schädigende Wirkung verantwortlich gemacht: der venöse Rückstau erhöht die Hodentemperatur, es kommt zu einem relativen Sauerstoffmangel (Hypoxie) im Hodengewebe, zu einem Reflux von Metaboliten aus Niere und Nebenniere sowie zu vermehrtem oxidativem Stress durch reaktive Sauerstoffspezies – in Summe eine Kombination, die sowohl die konventionellen Samenparameter als auch die Integrität der Spermien-DNA beeinträchtigen kann.
Die Beleglage dazu stammt vor allem aus Studien zur operativen Varikozelenkorrektur (Varikozelektomie), deren Vorher-Nachher-Vergleiche indirekt zeigen, wie stark die unbehandelte Varikozele die Spermienqualität zuvor beeinträchtigt hatte. Eine Metaanalyse aus sieben prospektiven Studien mit insgesamt 289 Patienten, die zwischen 2010 und 2020 publiziert wurden, fand nach Varikozelektomie einen statistisch hochsignifikanten Anstieg der Spermienkonzentration um durchschnittlich 9,59 Millionen pro Milliliter (95%-Konfidenzintervall 7,80 bis 11,38), einen Anstieg der progressiven Motilität um 8,66 Prozentpunkte (95%-Konfidenzintervall 6,96 bis 10,36) sowie eine Verbesserung der normalen Morphologie um 2,73 Prozentpunkte. Gleichzeitig sank der DNA-Fragmentationsindex – ein Maß für die Häufigkeit von Strangbrüchen im Spermien-Erbgut – im Mittel um 6,86 Prozentpunkte (95%-Konfidenzintervall −10,04 bis −3,69) (Birowo et al., 2020). Angesichts von Ausgangswerten der Spermienkonzentration bei subfertilen Männern mit Varikozele, die häufig deutlich unter dem WHO-Referenzwert von 16 Millionen pro Milliliter liegen, entspricht ein Anstieg um fast 10 Millionen pro Milliliter einem sehr großen relativen Effekt.
Wichtig für die Einordnung: Der Nutzen einer operativen Korrektur zeigt sich in der Literatur vor allem bei Männern mit bereits eingeschränkten Samenparametern und klinisch tastbarer, meist größerer Varikozele; bei kleinen, subklinischen Varikozelen mit normalen Ausgangswerten ist der Effekt geringer und die Behandlungsindikation in Leitlinien entsprechend zurückhaltender formuliert. Dennoch gilt die Varikozele aufgrund der Konsistenz der Studienlage über mehrere unabhängige Metaanalysen hinweg als einer der am besten belegten behandelbaren Risikofaktoren für eingeschränkte Spermienqualität überhaupt.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Varikozele | - | hoch | stark (+9,59 Mio./ml nach Korrektur) | Birowo et al., 2020, Basic and Clinical Andrology |
Diabetes mellitus
Diabetes mellitus – sowohl Typ 1 als auch Typ 2 – zählt zu den relevantesten internistischen Erkrankungen mit Einfluss auf die männliche Fruchtbarkeit, deren Bedeutung angesichts weltweit steigender Diabetesprävalenz zunimmt. Chronisch erhöhte Blutzuckerwerte fördern über mehrere Wege oxidativen Stress im Samenplasma: durch Glukose-Autooxidation, die Aktivierung des Polyol-Stoffwechselwegs und mitochondriale Dysfunktion in den Spermien selbst. Hinzu kommen diabetesbedingte Schäden am autonomen Nervensystem (die unter anderem retrograde Ejakulation und erektile Dysfunktion begünstigen können), histologische Veränderungen am Nebenhoden mit gestörtem Spermientransport sowie endokrine Begleitstörungen der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse.
Eine Metaanalyse aus 13 Beobachtungsstudien mit insgesamt 1855 Teilnehmern, davon 1151 Männer mit Diabetes mellitus, 40 Männer mit Insulinresistenz und 664 Kontrollpersonen, quantifizierte diesen Zusammenhang: Bei Männern mit Diabetes war das Ejakulatvolumen im Mittel um 0,66 Milliliter geringer (95%-Konfidenzintervall −1,10 bis −0,22) und der Anteil beweglicher Spermien im Mittel um 14,29 Prozentpunkte reduziert (95%-Konfidenzintervall −22,76 bis −5,82) im Vergleich zu Kontrollen ohne Diabetes; zudem war der follikelstimulierende-Hormon-Wert (FSH) leicht erhöht. Interessanterweise fand dieselbe Analyse keinen signifikanten Effekt von Diabetes auf die Gesamtspermienzahl oder den Anteil normal geformter Spermien, was nahelegt, dass Diabetes eher die funktionelle Qualität (Beweglichkeit, Volumen) als die reine Produktionsmenge der Spermien beeinträchtigt (Pergialiotis et al., 2016).
Ergänzend zeigen neuere Arbeiten, dass Diabetes auch auf molekularer Ebene Spuren hinterlässt, die über die klassischen WHO-Parameter hinausgehen: Diabetische Männer weisen in mehreren Studien eine deutlich höhere Rate an Spermien-DNA-Fragmentierung und mitochondrialen DNA-Deletionen auf als nicht-diabetische Männer, sodass selbst bei äußerlich unauffälligem Spermiogramm eine versteckte Schädigung des genetischen Materials der Spermien vorliegen kann. Für Männer mit Diabetes und Kinderwunsch ist daher neben einer guten Stoffwechseleinstellung (HbA1c-Optimierung) gegebenenfalls eine erweiterte Diagnostik inklusive DNA-Fragmentationsindex sinnvoll, auch wenn das Standard-Spermiogramm unauffällig ausfällt.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Diabetes mellitus | - | hoch | stark (Motilität -14,3 Prozentpunkte) | Pergialiotis et al., 2016, Journal of Diabetes and Its Complications |
Hodenhochstand (Kryptorchismus) – auch in der Kindheit
Ein Hodenhochstand, bei dem ein oder beide Hoden nicht regelrecht in den Hodensack absteigen, betrifft je nach Definition und Reifegrad bis zu 1-4% aller reifgeborenen Jungen und zählt zu den häufigsten angeborenen Fehlbildungen des männlichen Genitaltrakts. Da der Hodensack die für die Spermatogenese notwendige niedrigere Temperatur bereitstellt, führt die abnorme, meist intraabdominelle oder inguinale Lage des Hodens zu einer chronischen Überwärmung des Keimgewebes auf 35 bis 37°C statt der optimalen rund 33°C – mit fortschreitendem Verlust von Keimzellen, je länger der Zustand unbehandelt bleibt. Entsprechend zählt frühzeitige operative Korrektur (Orchidopexie) heute zum Standard der Kinderurologie, mit dem Ziel, den Hoden möglichst vor dem zweiten Lebensjahr in den Hodensack zu verlagern.
Wie ausgeprägt der Effekt auf die spätere, erwachsene Fruchtbarkeit ist, hängt entscheidend von zwei Faktoren ab: Seitigkeit (ein- oder beidseitig) und Operationszeitpunkt. Eine umfassende Übersichtsarbeit fasst die verfügbare Evidenz so zusammen: Selbst bei operativer Korrektur vor dem sechsten Lebensmonat zeigt sich bei etwa 31% der ehemals betroffenen Männer im Erwachsenenalter eine reduzierte Spermienzahl. Bei unbehandeltem einseitigem Hodenhochstand liegt eine Azoospermie (völliges Fehlen von Spermien im Ejakulat) bei rund 13% der Männer vor, bei unbehandeltem beidseitigem Hodenhochstand dagegen bei bis zu 89%. Nach operativ behandeltem einseitigem Hodenhochstand findet sich bei 71% der Männer eine normale Spermienkonzentration, gegenüber nur 48% bei Männern mit persistierendem, unbehandeltem einseitigem Befund. Beim beidseitigen Hodenhochstand ist der Zeitpunkt der Operation besonders entscheidend: Erfolgte die Orchidopexie zwischen dem zehnten Lebensmonat und dem vierten Lebensjahr, hatten 76% der Männer im Erwachsenenalter eine normale Spermienzahl, nach Operation jenseits des vierten Lebensjahres dagegen nur noch 26% (Ciongradi et al., 2021).
Für erwachsene Männer, die als Kind einen Hodenhochstand hatten, bedeutet dies vor allem: Bei bestehendem Kinderwunsch und ausbleibender Schwangerschaft der Partnerin ist ein frühzeitiges Spermiogramm sinnvoll, insbesondere wenn der Hodenhochstand beidseitig war oder die Korrektur erst spät erfolgte – unabhängig davon liegt die eigentliche Weichenstellung für die spätere Fruchtbarkeit allerdings in der pädiatrischen Versorgung und der möglichst frühzeitigen operativen Behandlung im Kindesalter.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Hodenhochstand / Kryptorchismus (auch als Kind) | - | hoch | stark (Azoospermie bis 89% bei unbehandeltem beidseitigem Befund) | Ciongradi et al., 2021, Genes |
Akute fieberhafte Infektionen
Auch ohne Hodenbeteiligung kann eine gewöhnliche fieberhafte Infektion – etwa eine Grippe oder ein grippaler Infekt mit deutlich erhöhter Körpertemperatur – die Spermienqualität für einige Wochen bis Monate spürbar verschlechtern. Der Mechanismus ist derselbe wie bei beruflicher Hitzeexposition: Die erhöhte Körperkerntemperatur überträgt sich auf den Hodensack und stört die Reifung der Spermien in genau dem Entwicklungsstadium, das zum Zeitpunkt des Fiebers durchlaufen wird. Eine prospektive dänische Studie an 27 gesunden Männern, die über 16 Monate monatlich Samenproben abgaben und täglich fieberhafte Episoden dokumentierten, fand einen Rückgang der Spermienkonzentration um 32,6%, wenn das Fieber während der meiotischen Phase der Spermatogenese auftrat, und um 35,0%, wenn es in die postmeiotische Reifungsphase fiel (Carlsen et al., 2003). Ein häufig zitierter Fallbericht an einem Mann mit nachgewiesener Fruchtbarkeit, der ein zweitägiges Fieber von 39 bis 40°C durchlebte, zeigte einen signifikanten Rückgang von Gesamtspermienzahl und Motilität, der an den Tagen 15, 37 und teilweise 58 nach dem Fieber messbar war und sich bis Tag 79 vollständig normalisierte (Sergerie et al., 2007).
Für die praktische Bedeutung dieses – hier bewusst nur kurz behandelten, da ausführlicher in einem eigenen Themencluster dieser Seite besprochenen – Faktors ist vor allem der Zeitverlauf wichtig: Ein Spermiogramm, das innerhalb von etwa drei Monaten nach einer fieberhaften Erkrankung abgenommen wird, kann ein vorübergehend zu schlechtes Bild der tatsächlichen Fruchtbarkeit liefern. Ärzte empfehlen daher üblicherweise, eine Samenanalyse bei kürzlich durchgemachtem Fieber zu wiederholen, sobald ein vollständiger Spermatogenesezyklus (rund 74 Tage) ohne erneute fieberhafte Episode vergangen ist.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Akute fieberhafte Infektion (kurz zurückliegend) | - | hoch | stark (-32,6 bis -35,0% Konzentration, reversibel) | Carlsen et al., 2003, Human Reproduction |
Mumpsorchitis und sexuell übertragbare Infektionen als Fertilitätsrisiko
Anders als eine unspezifische fieberhafte Infektion kann eine Mumpsorchitis den Hoden direkt und mitunter dauerhaft schädigen. Mumps (Parotitis epidemica) befällt bei postpubertären, also nach der Pubertät erkrankten Männern in bis zu 40% der Fälle zusätzlich einen oder beide Hoden – eine Komplikation, die vor Einführung der Mumps-Impfung deutlich häufiger auftrat und seither durch hohe Impfquoten stark zurückgegangen, aber angesichts sinkender Impfraten in manchen Regionen nicht vollständig verschwunden ist. Eine klinische Übersichtsarbeit im Journal of the Royal Society of Medicine fasst die dokumentierten Fertilitätsfolgen zusammen: Bei einseitiger Mumpsorchitis kommt es zwar häufig zu einer vorübergehenden Verminderung von Spermienzahl, Beweglichkeit und Morphologie, eine bleibende Fertilitätsstörung tritt aber nur bei etwa 13% der betroffenen Männer auf. Bei beidseitiger Mumpsorchitis liegt dieser Anteil dagegen zwischen 30% und 87% – eine der größten Bandbreiten unter allen hier besprochenen Risikofaktoren, die die entscheidende Bedeutung der Seitigkeit unterstreicht. Selbst bei vollständiger Azoospermie nach beidseitiger Mumpsorchitis finden sich in der Hodenbiopsie mitunter noch vereinzelte Spermien, sodass assistierte Reproduktionstechniken wie die intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) in solchen Fällen dennoch eine biologische Vaterschaft ermöglichen können (Masarani et al., 2006).
Neben Mumps rücken auch sexuell übertragbare Infektionen zunehmend als eigenständiger Risikofaktor für die männliche Fruchtbarkeit in den Fokus, auch wenn die Studienlage hierzu historisch uneinheitlicher war als bei Mumps. Chlamydia trachomatis, weltweit eine der häufigsten sexuell übertragbaren bakteriellen Infektionen, kann beim Mann Urethritis, Prostatitis, Nebenhodenentzündung (Epididymitis) und in deren Folge eine narbige Verengung oder einen vollständigen Verschluss der Samenwege verursachen – mit entsprechend reduzierter oder gänzlich fehlender Spermienzahl im Ejakulat trotz erhaltener Spermienproduktion im Hoden. Eine 2025 publizierte systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse über 26 Fall-Kontroll-Studien und mehr als 11.000 Teilnehmern fand einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen einer Chlamydia-trachomatis-Infektion und männlicher Infertilität mit einer Odds Ratio von 3,68 (95%-Konfidenzintervall 2,24 bis 6,02; nach Korrektur für möglichen Publikationsbias 2,75) – Männer mit nachgewiesener Chlamydieninfektion hatten damit ein rund drei- bis vierfach erhöhtes Risiko für Unfruchtbarkeit im Vergleich zu nicht infizierten Männern. Einzelne Studien berichteten zudem von erhöhter Caspase-3-Aktivierung und vermehrter DNA-Fragmentierung in Spermien chlamydieninfizierter, unfruchtbarer Männer, was neben der mechanischen Verschlussproblematik auch einen direkten toxischen Effekt der Infektion auf die Spermienqualität nahelegt (Bragazzi et al., 2025).
Praktisch bedeutet dies: Eine Mumps-Impfung schützt nicht nur vor der Infektion selbst, sondern indirekt auch vor einer ihrer gravierendsten männlichen Spätfolgen. Bei sexuell übertragbaren Infektionen ist die frühzeitige Testung und antibiotische Behandlung, insbesondere von Chlamydien, der wirksamste Schutz vor einer bleibenden, verschlussbedingten Fertilitätsstörung – ausführlichere Informationen zu Diagnostik und Therapie urogenitaler Infektionen finden sich im eigenständigen Themencluster dieser Seite zu Infektionen und Entzündungen.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Mumpsorchitis / STI als Fertilitätsrisiko | - | hoch | stark (Infertilität bis 87% bei beidseitiger Mumpsorchitis; OR 3,68 bei Chlamydien) | Masarani et al., 2006; Bragazzi et al., 2025 |
Globaler Trend der Spermienqualität: Die Levine/Swan-Metaanalysen 2017 und 2022
Kaum eine Forschungsarbeit hat die öffentliche Debatte um männliche Fruchtbarkeit so geprägt wie die 2017 im Fachjournal Human Reproduction Update veröffentlichte Metaanalyse eines internationalen Forschungsteams um den israelischen Epidemiologen Hagai Levine und die US-amerikanische Umweltepidemiologin Shanna Swan. Auf Basis von 185 Studien mit 244 Schätzwerten und Daten von insgesamt 42.935 Männern aus den Jahren 1973 bis 2011 fanden die Autoren bei Männern aus westlichen Industrieländern (Nordamerika, Europa, Australien, Neuseeland), die nicht wegen Unfruchtbarkeit ausgewählt worden waren, einen statistisch hochsignifikanten Rückgang der Spermienkonzentration um 52,4% (von im Mittel 99,0 auf 47,1 Millionen pro Milliliter) sowie einen noch stärkeren Rückgang der Gesamtspermienzahl um 59,3% über diesen knapp 40-jährigen Zeitraum, entsprechend einem jährlichen Rückgang von 1,4% respektive 1,6% – ohne erkennbare Anzeichen einer Abflachung des Trends zum Ende des Beobachtungszeitraums (Levine et al., 2017).
Diese Befunde wurden vielfach als vorläufig kritisiert, unter anderem weil vorwiegend Daten aus westlichen Ländern eingeschlossen waren und methodische Fragen zur Vergleichbarkeit historischer Labormethoden aufgeworfen wurden. Um diese Lücke zu schließen, veröffentlichte dieselbe Forschungsgruppe Ende 2022 (mit finaler Publikation Anfang 2023) eine erweiterte Folgeanalyse in derselben Fachzeitschrift, die erstmals systematisch auch Studien aus Südamerika, Asien und Afrika einbezog. Die Datenbasis wuchs auf 223 Studien mit 288 Schätzwerten und Daten von 57.168 Männern aus 53 Ländern auf sechs Kontinenten, mit Samenproben aus den Jahren 1973 bis 2018. Das zentrale, international vielbeachtete Ergebnis: Männer aus Süd- und Zentralamerika, Asien und Afrika zeigten einen statistisch ebenso ausgeprägten Rückgang von Spermienkonzentration und Gesamtspermienzahl wie zuvor bereits für Nordamerika, Europa und Australien dokumentiert – der Abwärtstrend der Spermienzahl ist damit kein regionales, sondern ein globales Phänomen. Über den gesamten Beobachtungszeitraum 1973 bis 2018 sank die Spermienkonzentration bei nicht-selektierten Männern weltweit um 51,6%, die Gesamtspermienzahl um 62,3%. Besonders bemerkenswert war der Befund zur zeitlichen Dynamik: Während die Spermienkonzentration vor dem Jahr 2000 um durchschnittlich 1,16% pro Jahr zurückging, beschleunigte sich dieser Rückgang danach auf 2,64% pro Jahr – die jährliche Abnahmerate hat sich damit im 21. Jahrhundert mehr als verdoppelt, was die Autoren als Anlass zu erheblicher Besorgnis für die menschliche Reproduktionsfähigkeit und potenziell auch als Signal für andere, noch unzureichend verstandene Umwelteinflüsse auf die menschliche Gesundheit werteten (Levine et al., 2023).
Für die Einordnung dieser vielzitierten Zahlen sind zwei Punkte wichtig. Erstens beziehen sich beide Metaanalysen auf Populationsdurchschnitte und Trends über Jahrzehnte, nicht auf den individuellen Einzelfall – ein einzelner Mann mit einer Spermienkonzentration knapp über oder unter dem WHO-Referenzwert von 16 Millionen pro Milliliter ist von diesen langfristigen Bevölkerungstrends nur mittelbar betroffen. Zweitens bleibt die genaue Ursache des beobachteten Rückgangs trotz der methodisch sorgfältigen Metaanalysen selbst noch offen; als Erklärungsansätze werden in der Fachliteratur unter anderem endokrine Disruptoren in Umwelt und Konsumgütern, zunehmende Adipositas, sitzende Lebensweise, veränderte Ernährungsmuster, ansteigende Hitzeexposition durch den Klimawandel sowie ein Zusammenspiel vieler der in diesem Bericht besprochenen einzelnen Risikofaktoren diskutiert. Gerade weil sich der Trend über so viele unterschiedliche Länder, Studienpopulationen und all die hier beschriebenen beruflichen und medizinischen Einzelfaktoren hinweg zeigt, gilt er vielen Fachleuten heute als eines der deutlichsten Warnsignale für eine multifaktoriell bedingte, schleichende Verschlechterung der männlichen Reproduktionsgesundheit weltweit.
Quellen
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