Kurz zusammengefasst
- − negativ Tabakrauchen (aktiv) — Aktives Zigarettenrauchen ist einer der am besten belegten negativen Einflussfaktoren auf Spermienkonzentration, -motilität und -morphologie, mit Anzeichen einer Dosis-Wirkungs-Beziehung und teilweiser Reversibilität nach Rauchstopp.
- − negativ Alkoholkonsum — Gelegentlicher, moderater Alkoholkonsum scheint die Spermienqualität kaum zu beeinträchtigen, während regelmäßiger starker/täglicher Konsum mit reduziertem Ejakulatvolumen, schlechterer Morphologie und niedrigerem Testosteron einhergeht.
Rauchen, Alkohol und Freizeitdrogen
Tabak, Alkohol und Freizeitdrogen zählen zu den am besten untersuchten und zugleich am stärksten beeinflussbaren Faktoren der männlichen Fruchtbarkeit. Anders als genetische Veranlagungen oder viele Umweltbelastungen lassen sich Konsumgewohnheiten aktiv verändern – mit messbaren Folgen für Spermienkonzentration, -beweglichkeit, -form und die Unversehrtheit der Erbinformation im Spermienkopf. Die Evidenzlage ist jedoch uneinheitlich: Während der Zusammenhang zwischen aktivem Zigarettenrauchen und einer verminderten Samenqualität durch mehrere große Metaanalysen mit insgesamt über 15.000 untersuchten Männern gut abgesichert ist, beruhen die Aussagen zu Passivrauchen, E-Zigaretten oder harten Drogen wie Kokain und Opioiden meist auf einzelnen, kleineren Studien oder Tiermodellen. Bei Cannabis zeigen neuere, methodisch anspruchsvolle Kohortenstudien sogar widersprüchliche beziehungsweise unerwartete Ergebnisse, die frühere Annahmen infrage stellen. Auch beim Alkohol kommt es entscheidend auf die Menge an: Gelegentlicher, moderater Konsum scheint sich anders auszuwirken als tägliches, starkes Trinken. Dieser Abschnitt fasst den aktuellen Forschungsstand zu sieben zentralen Substanzgruppen zusammen und ordnet dabei jeweils ein, wie belastbar die zugrunde liegende Evidenz tatsächlich ist.
Tabakrauchen (aktiv)
− negativ Evidenz: hoch
Aktives Zigarettenrauchen ist einer der am besten belegten negativen Einflussfaktoren auf Spermienkonzentration, -motilität und -morphologie, mit Anzeichen einer Dosis-Wirkungs-Beziehung und teilweiser Reversibilität nach Rauchstopp.
Zigarettenrauch enthält mehr als 4.000 chemische Verbindungen, darunter Schwermetalle wie Cadmium und Blei, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe sowie Nikotin und Kohlenmonoxid – Stoffe, die über oxidativen Stress, eine Störung der hypothalamisch-hypophysär-gonadalen Achse und direkte toxische Effekte auf die Spermienreifung wirken können. Aktives Rauchen ist der am gründlichsten erforschte Lifestyle-Faktor der männlichen Fruchtbarkeit.
Die bislang umfangreichste Metaanalyse von Sharma et al. (2016) wertete 20 Studien mit insgesamt 5.865 Männern aus und fand bei Rauchern eine im Mittel um 9,72 Millionen Spermien pro Milliliter niedrigere Konzentration, eine um 3,48 Prozentpunkte reduzierte Motilität und eine um 1,37 Prozentpunkte schlechtere Morphologie gegenüber Nichtrauchern (Sharma et al., 2016). Die Effektstärke war bei unfruchtbaren Männern ausgeprägter als in der Allgemeinbevölkerung und stieg mit der Rauchintensität: Moderate und starke Raucher zeigten deutlich stärkere Beeinträchtigungen als leichte Raucher, was für einen Dosis-Wirkungs-Zusammenhang spricht.
Eine weitere, 2019 publizierte Metaanalyse von Bundhun et al. bestätigte diesen Befund anhand von 16 Studien mit 10.823 unfruchtbaren Männern (5.257 Raucher, 5.566 Nichtraucher). Raucher hatten ein signifikant erhöhtes Risiko für eine Oligozoospermie, also eine zu niedrige Spermienkonzentration (relatives Risiko 1,29; 95-%-Konfidenzintervall 1,05-1,59). Zudem waren morphologische Defekte insgesamt häufiger (mittlere Differenz 2,44 Prozentpunkte), mit signifikanten Effekten sowohl auf Kopf- (1,76) als auch auf Hals- (1,97) und Schwanzdefekte (1,29) der Spermien (Bundhun et al., 2019). Bei der reinen Motilität fiel der Unterschied in dieser Analyse dagegen nicht signifikant aus, was die Heterogenität der Studienlage zwischen einzelnen Samenparametern unterstreicht.
Bemerkenswert ist, dass sich die Effekte des Rauchens zumindest teilweise als reversibel erwiesen haben. In einer 2022 im International Journal of Impotence Research veröffentlichten Studie von Kulaksiz et al. wurden 90 Männer untersucht, die zuvor mindestens ein Jahr lang täglich 20 oder mehr Zigaretten geraucht hatten; nach mindestens drei Monaten Rauchabstinenz stiegen Spermienkonzentration, Ejakulatvolumen und Gesamtspermienzahl in der Interventionsgruppe im Vergleich zur weiterrauchenden Kontrollgruppe signifikant an (Kulaksiz et al., 2022). Dies deutet darauf hin, dass ein Rauchstopp bereits innerhalb weniger Monate messbare Verbesserungen bewirken kann.
Mechanistisch spielt neben der direkten Zelltoxizität vor allem oxidativer Stress eine zentrale Rolle: Rauchen erhöht die Konzentration reaktiver Sauerstoffspezies im Seminalplasma und reduziert antioxidative Kapazitäten, was mit einer erhöhten Fragmentierung der Spermien-DNA in Verbindung gebracht wird, auch wenn die Studienlage zu diesem spezifischen Parameter uneinheitlicher ist als bei den klassischen Standardparametern Konzentration, Motilität und Morphologie. In der Summe gehört Rauchen damit zu den am besten belegten negativen Einflussfaktoren auf die Spermienqualität, mit einem moderaten, aber konsistent nachgewiesenen Effekt auf mehrere Kernparameter.
Angesichts dieser Datenlage empfehlen sowohl die Leitlinien der European Association of Urology als auch andere andrologische Fachgesellschaften Männern mit Kinderwunsch ausdrücklich einen Rauchstopp; Tabakkonsum gilt neben Übergewicht als einer der am häufigsten modifizierbaren Risikofaktoren, die in der Kinderwunschsprechstunde adressiert werden. Da weltweit weiterhin ein erheblicher Anteil von Männern im reproduktionsfähigen Alter raucht, wird die daraus resultierende Krankheitslast auf Bevölkerungsebene trotz eines pro Person eher moderaten Effekts als relevant eingeschätzt.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Tabakrauchen (aktiv) | - | hoch | moderat | Sharma et al., 2016 (Eur Urol) |
Passivrauchen
− negativ Evidenz: niedrig
Unfreiwillige Tabakrauchexposition ist mit schlechteren Spermienparametern assoziiert, nimmt in Studien meist eine Zwischenposition zwischen Nichtrauchern und aktiven Rauchern ein, ist aber beim Menschen bislang nur wenig erforscht.
Im Vergleich zum aktiven Rauchen ist die Studienlage zum Passivrauchen deutlich dünner, obwohl auch unfreiwillig eingeatmeter Tabakrauch nachweislich Schadstoffe wie Cadmium, Nikotin-Metabolite und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe enthält, die grundsätzlich dieselben biologischen Wirkmechanismen wie beim aktiven Rauchen auslösen können.
Eine 2026 in der Fachzeitschrift Stresses publizierte Studie von Ait Benbella et al. untersuchte 280 Männer aus Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch, aufgeteilt in 104 Nichtraucher, 90 aktive Raucher und 86 Passivraucher, und erfasste dabei auch die Cadmium- und Zinkkonzentrationen im Seminalplasma. Die Spermienkonzentration sank im Mittel von 67,5 Millionen pro Milliliter bei Nichtrauchern auf 30 Millionen bei Passivrauchern und 8 Millionen bei aktiven Rauchern; die Motilität fiel parallel von 52 % über 37,5 % auf 22,5 %, das Ejakulatvolumen von 3,0 auf 2,1 Milliliter (jeweils p < 0,001) (Ait Benbella et al., 2026). Passivraucher nahmen damit in nahezu allen Parametern eine Zwischenposition zwischen Nichtrauchern und aktiven Rauchern ein, was auf einen dosisabhängigen Effekt der Tabakrauchexposition insgesamt hindeutet – auch wenn aus einer einzelnen Studie keine sichere Kausalität abgeleitet werden kann und Confounder nicht vollständig auszuschließen sind.
Eine ältere Kurzübersicht von La Maestra, De Flora und Micale (2014) im Fachjournal Archives of Toxicology wies bereits darauf hin, dass die Auswirkungen von Passivrauchen auf die menschliche Reproduktion insgesamt unzureichend erforscht sind, und verwies auf Tiermodelle, in denen sich Hauptstrom- und Nebenstromrauch teils unterschiedlich auswirkten: Nebenstromrauch (das Passivrauch-Äquivalent) reduzierte in Mausmodellen vor allem die Spermienmotilität, während Hauptstromrauch stärker mit einer erhöhten DNA-Fragmentierung assoziiert war; beide Rauchformen beeinträchtigten die Chromatinintegrität und senkten die Fertilisierungsrate (La Maestra et al., 2014).
Ein methodisches Problem verschärft die Unsicherheit zusätzlich: Passivraucher leben und arbeiten häufig in einem Umfeld, in dem weitere ungünstige Faktoren gehäuft auftreten, etwa ein insgesamt geringeres Gesundheitsbewusstsein im Haushalt oder ein Partner beziehungsweise Kollege, der selbst aktiv raucht, sodass sich der reine Effekt des eingeatmeten Rauchs von anderen, mitlaufenden Einflüssen nur schwer trennen lässt. In den meisten verfügbaren Studien wurde die Passivrauch-Exposition zudem über Selbstauskunft und nicht über objektive Biomarker wie den Nikotin-Metaboliten Cotinin im Urin oder Blut erfasst, was die Einordnung der Ergebnisse zusätzlich erschwert.
Insgesamt lässt die vorhandene Evidenz vermuten, dass Passivrauchen die Spermienqualität in eine ähnliche, jedoch abgeschwächte Richtung wie aktives Rauchen beeinflusst. Belastbare, groß angelegte Humanstudien speziell zu dieser Exposition fehlen aber bislang weitgehend, sodass die Evidenzstärke vorsichtig als niedrig einzustufen ist, auch wenn die biologische Plausibilität hoch erscheint.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Passivrauchen | - | niedrig | stark | Ait Benbella et al., 2026 (Stresses) |
E-Zigaretten / Vaping
? unklar Evidenz: niedrig
Für E-Zigaretten-Konsum liegen überwiegend Tierdaten mit deutlichen Schäden an Spermien und Hodengewebe vor, während die wenigen verfügbaren Humanstudien keinen Vergleich mit Nichtkonsumenten erlauben, sodass die Wirkung beim Menschen unklar bleibt.
E-Zigaretten werden häufig als vermeintlich risikoärmere Alternative zum klassischen Tabakrauchen vermarktet, ihre Auswirkungen auf die männliche Fruchtbarkeit sind jedoch erst in Ansätzen erforscht. Ein 2023 im Journal Life veröffentlichter Übersichtsartikel von Montjean et al. fasst zusammen, dass die überwiegende Zahl belastbarer Befunde aus Tiermodellen stammt: Bei männlichen Ratten, die E-Zigaretten-Dampf ausgesetzt wurden, zeigten sich eine erhöhte Apoptoserate in Spermatogonien und Spermatozyten, eine gestörte Architektur des Keimepithels, eine reduzierte Spermiendichte sowie vermehrt Fehlbildungen der Geißel (Teratozoospermie) und eine erhöhte DNA-Schädigung in Hoden- und Spermiengewebe (Montjean et al., 2023). Beim Menschen liegt bislang nur vereinzelt Evidenz vor; eine auf einer Fachkonferenz vorgestellte Voruntersuchung fand eine signifikant verringerte Spermienmotilität, wenn Spermien in vitro mit Aromastoffen aus E-Liquids kultiviert wurden.
Eine 2025 in Scientific Reports publizierte retrospektive Studie von Kim et al. verglich 151 Männer, die konventionelle Zigaretten rauchten, mit 145 E-Zigaretten-Nutzern, die sich einer IVF- beziehungsweise ICSI-Behandlung unterzogen. Die E-Zigaretten-Gruppe wies eine höhere progressive Motilität auf (48,91 % gegenüber 48,15 % bei Rauchern konventioneller Zigaretten), niedrigere basale Prolaktinspiegel und eine höhere Lebendgeburtenrate als die Vergleichsgruppe der Raucher (Kim et al., 2025). Entscheidend ist dabei jedoch die fehlende Kontrollgruppe von Nichtrauchern beziehungsweise Nicht-Vapern: Die Studie erlaubt damit lediglich einen Vergleich zwischen zwei Formen der Nikotinexposition, nicht aber eine Aussage darüber, ob E-Zigaretten-Konsum gegenüber gar keinem Konsum unbedenklich ist.
Da Nikotin selbst unabhängig von der Konsumform nachweislich in die hypothalamisch-hypophysär-gonadale Achse eingreift und Spermienkonzentration, -beweglichkeit, -lebensfähigkeit und -morphologie beeinträchtigen kann, ist ein negativer Effekt von E-Zigaretten auf die Spermienqualität biologisch plausibel, auch wenn er beim Menschen bislang nicht in vergleichbarem Umfang wie beim klassischen Rauchen belegt ist. Angesichts der dünnen und teils widersprüchlichen Humandatenlage – Tiermodelle deuten auf deutliche Schäden hin, die eine verfügbare Humanstudie ohne Nichtraucher-Kontrolle relativiert – lässt sich die Wirkrichtung derzeit nicht eindeutig bestimmen, und die Evidenzstärke ist insgesamt als niedrig einzustufen.
Ein zusätzliches Problem bei der Einordnung ist die große Bandbreite an E-Zigaretten-Produkten: Nikotinkonzentration, Aromastoffzusammensetzung und Trägerflüssigkeiten (meist Propylenglykol und pflanzliches Glycerin) unterscheiden sich erheblich zwischen Geräten und Herstellern, sodass sich die Ergebnisse einzelner Labor- oder Tierstudien nicht ohne Weiteres auf alle am Markt befindlichen Produkte übertragen lassen. Hinzu kommt, dass E-Zigaretten erst seit rund anderthalb Jahrzehnten in relevantem Umfang genutzt werden, sodass belastbare Langzeitdaten zu chronischen Effekten auf die Spermatogenese – anders als beim klassischen Tabakrauchen mit jahrzehntelanger Forschungstradition – schlicht noch nicht vorliegen können.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| E-Zigaretten / Vaping | ? | niedrig | nicht_quantifiziert | Montjean et al., 2023 (Life) |
Alkoholkonsum
− negativ Evidenz: hoch
Gelegentlicher, moderater Alkoholkonsum scheint die Spermienqualität kaum zu beeinträchtigen, während regelmäßiger starker/täglicher Konsum mit reduziertem Ejakulatvolumen, schlechterer Morphologie und niedrigerem Testosteron einhergeht.
Anders als bei anderen Substanzen kommt es beim Alkohol besonders auf die konsumierte Menge und die Regelmäßigkeit des Konsums an. Die derzeit umfangreichste Metaanalyse zu diesem Thema stammt von Ricci et al. (2017) und wertete 15 Querschnittsstudien mit insgesamt 16.395 Männern aus. Ein höherer Alkoholkonsum war mit einem im Mittel um 0,25 Milliliter reduzierten Ejakulatvolumen sowie einem um 1,87 Prozentpunkte niedrigeren Anteil normal geformter Spermien assoziiert; Spermienkonzentration und -motilität zeigten dagegen keinen konsistenten Zusammenhang mit dem Alkoholkonsum (Ricci et al., 2017). Entscheidend für die praktische Einordnung ist der von den Autoren beschriebene Dosis-Wirkungs-Zusammenhang: Der negative Effekt auf Volumen und Morphologie zeigte sich vor allem beim Vergleich von täglichen Trinkern mit Gelegenheitstrinkern, während sich Gelegenheitstrinker in beiden Parametern kaum von Abstinenzlern unterschieden. Moderater, unregelmäßiger Alkoholkonsum scheint die Samenqualität demnach nicht relevant zu beeinträchtigen, während tägliches Trinken mit messbaren, wenn auch in absoluten Zahlen eher kleinen Effekten einhergeht.
Eine 2023 im Journal Heliyon erschienene, noch umfangreichere Metaanalyse von Nguyen-Thanh et al. bezog 40 Studien mit 23.258 Männern von fünf Kontinenten aus den Jahren 1981 bis 2018 ein und konzentrierte sich stärker auf hormonelle Parameter. Starker Alkoholkonsum war mit einer deutlichen Reduktion des Gesamttestosterons assoziiert (standardisierte Mittelwertdifferenz -1,60; 95-%-Konfidenzintervall -2,05 bis -1,15) sowie mit niedrigeren FSH- und LH-Spiegeln, während andere Hormone wie Östradiol, Inhibin B und SHBG unverändert blieben (Nguyen-Thanh et al., 2023). In der Subgruppenanalyse zeigte moderater Konsum von weniger als sieben alkoholischen Einheiten pro Woche keinen nachweisbaren Effekt auf die untersuchten Fertilitätsparameter, während ein Konsum von mehr als sieben Einheiten pro Woche mit signifikanten Verschlechterungen sowohl der Samen- als auch der Hormonwerte einherging – ein Befund, der sich mit der Schwellenwert-Logik von Ricci et al. deckt.
Ergänzend fand eine kleinere Studie von Karmon et al. (2017) an 121 Männern mit 205 IVF-/ICSI-Zyklen keinen Zusammenhang zwischen moderatem Alkoholkonsum und klassischen Samenqualitätsparametern oder den meisten Behandlungsergebnissen; lediglich bei ICSI-Zyklen deutete sich eine leicht höhere Befruchtungsrate bei höherem Alkoholkonsum an, ein Einzelbefund, dem angesichts der Studiengröße keine große Bedeutung beigemessen werden sollte (Karmon et al., 2017). Auch die Leitlinie der European Association of Urology empfiehlt auf Basis der vorliegenden Evidenz, den Alkoholkonsum zur Optimierung der Fruchtbarkeit einzuschränken, stuft die nachgewiesenen Effekte auf Ejakulatvolumen und Morphologie zugleich aber als klinisch nicht eindeutig relevant ein.
In der Zusammenschau ergibt sich ein konsistentes Bild: Gelegentlicher, moderater Alkoholkonsum scheint die Spermienqualität kaum zu beeinträchtigen, während regelmäßiger, starker Konsum (etwa ab mehr als sieben Einheiten wöchentlich beziehungsweise täglichem Trinken) mit einer nachweisbaren, wenn auch in absoluten Zahlen moderaten Verschlechterung von Ejakulatvolumen, Spermienmorphologie und dem Testosteronhaushalt einhergeht.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Alkoholkonsum | - | hoch | gering | Ricci et al., 2017 (RBMO) |
Cannabis / Marihuana
? unklar Evidenz: niedrig
Die Studienlage zu Cannabis ist widersprüchlich: Eine Studie fand höhere Spermienkonzentrationen bei Konsumenten, eine andere einen dosisabhängigen gemischten Effekt und die größte aktuelle Kohortenstudie keine relevante Gesamtassoziation.
Kaum ein Faktor in diesem Themencluster liefert ein derart uneinheitliches Bild wie Cannabis. Frühere Lehrmeinungen gingen von durchweg negativen Effekten auf die Spermienqualität aus, doch neuere, methodisch anspruchsvollere Studien stellen dieses Bild infrage.
Eine vielbeachtete Studie von Nassan et al. (2019), veröffentlicht in Human Reproduction, untersuchte 1.143 Ejakulatproben von 662 Männern, die sich zwischen 2000 und 2017 in einem Kinderwunschzentrum in Boston vorstellten. Entgegen der ursprünglichen Hypothese der Autoren wiesen Männer, die jemals Cannabis konsumiert hatten, eine höhere Spermienkonzentration auf (62,7 gegenüber 45,4 Millionen pro Milliliter bei Nie-Konsumenten) sowie niedrigere FSH-Spiegel im Blut; nur 5 % der Cannabis-Konsumenten lagen unter dem WHO-Grenzwert von 15 Millionen pro Milliliter, gegenüber 12 % der Nie-Konsumenten (Nassan et al., 2019). Die Autoren selbst mahnten jedoch zur Vorsicht: Da die Studienpopulation ausschließlich aus subfertilen Männern einer Kinderwunschklinik bestand, könnten Selektionseffekte oder ein noch unzureichend verstandener biologischer Mechanismus hinter dem unerwarteten Befund stecken.
Eine prospektive Analyse von Hehemann et al. (2021) an Männern in fertilitätsdiagnostischer Abklärung fand demgegenüber Hinweise auf nachteilige Effekte von Cannabis auf Ejakulatvolumen und Spermienmorphologie, während sich gleichzeitig ein möglicher protektiver Effekt auf die Motilität andeutete. Die Autoren postulierten einen dosisabhängigen, nicht-linearen Zusammenhang, bei dem niedriger bis moderater Konsum die Spermatogenese eher begünstigen und erst höherer, chronischer Konsum überwiegend schädliche Effekte hervorrufen könnte (Hehemann et al., 2021) – eine Hypothese, die zwar biologisch plausibel erscheint, aber noch nicht abschließend bestätigt ist.
Die bislang größte und aktuellste Untersuchung stammt von Joseph et al. (2025) aus der nordamerikanischen PRESTO-Kohortenstudie und wertete 1.654 Ejakulatproben von 921 Männern aus, die eine Schwangerschaft planten. Aktueller Cannabiskonsum (22,6 % der Teilnehmer, davon 3,3 % täglich) zeigte in der adjustierten Analyse insgesamt keine relevante Assoziation mit der Samenqualität: Die prozentualen Unterschiede zu Nichtkonsumenten lagen bei Volumen, Gesamtspermienzahl, Konzentration und Motilität durchweg im niedrigen einstelligen Bereich und waren statistisch nicht belastbar. Lediglich bei mindestens wöchentlichem Konsum zeigte sich ein erhöhtes, aber ebenfalls nicht signifikantes Risiko für ein zu niedriges Ejakulatvolumen (relatives Risiko 2,16; 95-%-Konfidenzintervall 0,93-5,04) (Joseph et al., 2025).
In der Zusammenschau ergibt sich damit kein einheitliches Bild: Drei methodisch unterschiedlich robuste Studien an insgesamt weit über 2.000 Männern kommen zu teils gegensätzlichen Schlussfolgerungen – von einem unerwarteten positiven Zusammenhang über einen dosisabhängigen gemischten Effekt bis zu einer weitgehenden Nullbeziehung. Diese Widersprüchlichkeit ist selbst ein wichtiger Befund: Sie zeigt, dass pauschale Aussagen zu Cannabis und Spermienqualität nach aktuellem Forschungsstand nicht gerechtfertigt sind und weitere, insbesondere nach Konsummenge und -muster differenzierende Studien nötig sind.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Cannabis / Marihuana | ? | niedrig | nicht_quantifiziert | Nassan et al., 2019 (Hum Reprod) |
Kokain und andere harte Drogen (Heroin, Amphetamine)
− negativ Evidenz: niedrig
Kokain-, Opioid- und Amphetaminkonsum sind in kleineren Studien und Tiermodellen konsistent mit schlechteren Spermienparametern (Konzentration, Motilität, Morphologie, DNA-Integrität) assoziiert, ohne dass große, belastbare Humankohorten vorliegen.
Für harte Drogen wie Kokain, Opioide (Heroin, Morphin) und Amphetamine beziehungsweise Methamphetamin ist die Studienlage insgesamt deutlich schmaler und älter als für Tabak oder Alkohol, was primär an der schwierigeren Rekrutierung entsprechender Studienpopulationen sowie am häufigen Mischkonsum mehrerer Substanzen liegt.
Zu Kokain liefert die älteste und zugleich meistzitierte Arbeit von Bracken et al. (1990) aus dem Fachjournal Fertility and Sterility einige der belastbarsten Zahlen: In der untersuchten Kohorte war ein Kokainkonsum innerhalb der vorangegangenen zwei Jahre bei Männern mit einer Spermienzahl unter 20 Millionen pro Milliliter doppelt so häufig wie bei Männern mit höherer Spermienzahl (Odds Ratio 2,1; 95-%-Konfidenzintervall 1,0-4,6). Ein Kokainkonsum über fünf oder mehr Jahre war zudem häufiger bei Männern mit eingeschränkter Motilität (Odds Ratio 2,0) sowie bei Männern mit niedriger Spermienkonzentration und einem hohen Anteil abnormal geformter Spermien assoziiert (Bracken et al., 1990). In-vitro-Studien an gesunden Spendersamenproben zeigten bei akuter Kokain-Exposition dagegen uneinheitliche Effekte auf Motilitätskennzahlen – nur bei sehr hohen Konzentrationen verringerten sich Geschwindigkeit und Linearität der Spermien messbar, während die generelle Befruchtungsfähigkeit in mehreren dieser Kurzzeitversuche kaum beeinträchtigt war. Dies deutet darauf hin, dass die beim chronischen Konsumenten beobachteten Effekte eher auf eine länger andauernde, systemische Schädigung der Spermatogenese als auf eine akute Zellgifteinwirkung zurückgehen.
Zu Opioiden liegt eine kontrollierte Studie von Ghasemi-Esmailabad et al. (2022) vor, die 30 Männer mit diagnostizierter Morphinabhängigkeit mit 30 gesunden Kontrollpersonen verglich. Bei den morphinabhängigen Männern war sowohl die progressive Motilität (p = 0,038) als auch die Gesamtmotilität (p < 0,001) signifikant reduziert; die reine Spermienzahl unterschied sich dagegen nicht signifikant zwischen beiden Gruppen. Marker für Chromatin- und DNA-Integrität (u. a. Anilinblau-, Toluidinblau-, CMA3-Färbung und TUNEL-Test) fielen in der Opioid-Gruppe tendenziell ungünstiger aus, ohne jedoch statistische Signifikanz zu erreichen (Ghasemi-Esmailabad et al., 2022). Ein 2022 in der Fachzeitschrift Andrology erschienenes systematisches Review von Alghobary und Mostafa, das insgesamt 65 Studien zu unterschiedlichen Suchtformen auswertete, kommt übergreifend zu dem Schluss, dass Sucht und der chronische Konsum psychoaktiver Substanzen die männliche Fertilität über oxidativen Stress, eine Störung der hypothalamisch-hypophysär-gonadalen Achse und direkte Schäden an der Spermien-DNA beeinträchtigen (Alghobary & Mostafa, 2022).
Zu Amphetaminen und Methamphetamin stammt der überwiegende Teil der verfügbaren Evidenz aus Tiermodellen: In einer viel zitierten Rattenstudie von Nudmamud-Thanoi und Thanoi (2011) reduzierte eine Methamphetamin-Exposition die Spermienkonzentration, erhöhte den Anteil abnormal geformter Spermien und steigerte die Apoptoserate im Hodengewebe deutlich. Für MDMA (Ecstasy) liegen ähnliche, aber insgesamt schwächer abgesicherte tierexperimentelle Hinweise auf eine Reduktion von Spermienzahl und -motilität sowie eine Störung der LH-, FSH- und Testosteronregulation vor; kontrollierte Humanstudien zu diesen Substanzen fehlen jedoch praktisch vollständig, sodass eine direkte Übertragung auf den Menschen nicht sicher belegt ist.
Insgesamt deutet die vorhandene, überwiegend auf kleinen Fallkontrollstudien und Tierexperimenten basierende Evidenz konsistent auf schädliche Effekte harter Drogen auf mehrere Spermienparameter hin, auch wenn belastbare große Kohortenstudien beim Menschen für eine gesicherte Quantifizierung bislang fehlen.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Kokain und andere harte Drogen | - | niedrig | nicht_quantifiziert | Bracken et al., 1990 (Fertil Steril) |
Koffein- / Kaffeekonsum
0 kein Effekt Evidenz: niedrig
Moderater Kaffee- oder Koffeinkonsum zeigt in großen Übersichtsarbeiten keinen konsistenten Effekt auf klassische Spermienparameter; nur bei sehr hoher Zufuhr (>700 mg/Tag) gibt es vereinzelte Hinweise auf negative Effekte.
Koffein gehört zu den am häufigsten konsumierten psychoaktiven Substanzen weltweit, seine Wirkung auf die Spermienqualität wird in der Forschung jedoch deutlich zurückhaltender bewertet als die von Tabak oder harten Drogen. Der bislang umfassendste systematische Review von Ricci et al. (2017), veröffentlicht im Nutrition Journal, wertete 28 Beobachtungsstudien mit insgesamt rund 19.967 Männern aus. Für den in üblichen Alltagsmengen konsumierten Kaffee, Tee oder Kakao fand sich dabei kein konsistenter negativer Zusammenhang mit den klassischen Samenqualitätsparametern Konzentration, Motilität und Morphologie. Anders stellte sich die Datenlage für koffeinhaltige Cola-Getränke dar: Deren Konsum war in mehreren der eingeschlossenen Studien mit einem geringeren Ejakulatvolumen, einer niedrigeren Gesamtspermienzahl und einer reduzierten Spermienkonzentration assoziiert, was jedoch auch auf andere Inhaltsstoffe von Softdrinks oder ein insgesamt ungünstigeres Ernährungsmuster der Vielkonsumenten zurückzuführen sein könnte (Ricci et al., 2017).
Auf zellulärer Ebene fand sich in einem Teil der ausgewerteten Studien ein Zusammenhang zwischen hoher Koffeinzufuhr und einer erhöhten Rate an DNA-Strangbrüchen sowie chromosomalen Auffälligkeiten (Aneuploidien) in Spermien, wobei die Ergebnisse zwischen den verwendeten Messmethoden uneinheitlich ausfielen. Bezüglich der Zeit bis zum Eintritt einer Schwangerschaft berichtete eine der eingeschlossenen Studien bei nichtrauchenden Männern mit einer sehr hohen Koffeinzufuhr von über 700 Milligramm pro Tag (grob mehr als sechs bis sieben Tassen Filterkaffee) eine deutlich reduzierte Konzeptionswahrscheinlichkeit (Fecundability Ratio 0,47), ein Einzelbefund, der replikationsbedürftig ist (Ricci et al., 2017).
Die bereits erwähnte Studie von Karmon et al. (2017) an 121 Männern mit 205 IVF-/ICSI-Zyklen fand ebenfalls keinen Zusammenhang zwischen dem männlichen Koffeinkonsum und Samenqualitätsparametern oder den meisten Behandlungsergebnissen; einzig bei sehr schnell geteilten Embryonen zeigte sich eine statistische Auffälligkeit ohne klare klinische Einordnung (Karmon et al., 2017).
Pharmakologisch wird diskutiert, dass Koffein als Adenosin-Rezeptor-Antagonist und schwacher Hemmstoff der Phosphodiesterase den intrazellulären cAMP-Spiegel in Spermien erhöhen und dadurch kurzfristig sogar deren Beweglichkeit steigern könnte – ein Mechanismus, der zumindest teilweise erklären könnte, warum einzelne Studien trotz insgesamt neutraler Gesamtbilanz vereinzelt leicht positive Assoziationen mit der Motilität berichten. Diese potenziell günstige Teilwirkung ändert jedoch nichts an der Einschätzung, dass Nutzen und Risiko eines hohen Koffeinkonsums für die männliche Fruchtbarkeit insgesamt nicht ausreichend untersucht sind.
In der Gesamtschau lässt sich für moderaten Kaffee- und Koffeinkonsum – etwa im Rahmen von zwei bis vier Tassen täglich – nach aktueller Evidenz kein relevanter negativer Effekt auf die klassischen Spermienparameter ableiten. Für exzessiven Konsum jenseits von etwa 700 Milligramm Koffein pro Tag bleiben dagegen Restunsicherheiten bezüglich DNA-Integrität und Konzeptionswahrscheinlichkeit bestehen, die angesichts der dünnen und uneinheitlichen Datenlage als vorsichtiger Hinweis, nicht als gesicherter Beleg zu werten sind.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Koffein- / Kaffeekonsum | 0 | niedrig | gering | Ricci et al., 2017 (Nutrition Journal) |
Quellen
- Sharma R, Harlev A, Agarwal A, Esteves SC (2016). Cigarette Smoking and Semen Quality: A New Meta-analysis Examining the Effect of the 2010 World Health Organization Laboratory Methods for the Examination of Human Semen. European Urology, 70(4), 635-645. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27113031/
- Bundhun PK, Janoo G, Bhurtu A, Teeluck AR, Soogund MZS, Pursun M, Huang F (2019). Tobacco smoking and semen quality in infertile males: a systematic review and meta-analysis. BMC Public Health, 19, 36. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6325781/
- Kulaksiz D, Toprak T, Tokat E et al. (2022). Sperm concentration and semen volume increase after smoking cessation in infertile men. International Journal of Impotence Research, 34, 614-619. https://www.nature.com/articles/s41443-022-00605-0
- Ait Benbella J, El Badr M, Housbane S, Louanjli N, Zakaria A, Hammani O, Aboutaieb R (2026). The Association of Cadmium Exposure from Active and Passive Smoking with Sperm Quality, DNA Fragmentation, and Chromatin Decondensation in Male Partners of Infertile Couples. Stresses, 6(2), 20. https://doi.org/10.3390/stresses6020020
- La Maestra S, De Flora S, Micale RT (2014). Does second-hand smoke affect semen quality? Archives of Toxicology, 88(6), 1187-1188. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/24838294/
- Montjean D, Godin Pagé MH, Bélanger MC, Benkhalifa M, Miron P (2023). An Overview of E-Cigarette Impact on Reproductive Health. Life, 13(3), 827. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10053939/
- Kim HK, Choi WY, Lee JI, Kim TJ (2025). Impact of conventional cigarette and electronic cigarette use on sperm quality and IVF/ICSI outcomes. Scientific Reports, 15, 23714. https://www.nature.com/articles/s41598-025-09495-w
- Ricci E, Al Beitawi S, Cipriani S, Candiani M, Chiaffarino F, Viganò P, Noli S, Parazzini F (2017). Semen quality and alcohol intake: a systematic review and meta-analysis. Reproductive BioMedicine Online, 34(1), 38-47. https://www.rbmojournal.com/article/S1472-6483(16)30560-0/fulltext
- Nguyen-Thanh T, Hoang-Thi AP, Dang TAT (2023). Investigating the association between alcohol intake and male reproductive function: A current meta-analysis. Heliyon, 9(5), e15723. https://www.cell.com/heliyon/fulltext/S2405-8440(23)02930-4
- Karmon AE, Toth TL, Chiu YH, Gaskins AJ, Tanrikut C, Wright DL, Hauser R, Chavarro JE (2017). Male caffeine and alcohol intake in relation to semen parameters and in vitro fertilization outcomes among fertility patients. Andrology, 5(2), 354-361. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/andr.12310
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