Kurz zusammengefasst

Körpergewicht, Sport und Bewegung

Körpergewicht und körperliche Aktivität gehören zu den am besten erforschten und gleichzeitig am ehesten beeinflussbaren Faktoren der männlichen Fruchtbarkeit. Anders als etwa bei genetischen Ursachen oder Umweltschadstoffen lassen sich Gewicht und Bewegungsverhalten aktiv verändern, weshalb dieser Themenkomplex für Männer mit Kinderwunsch besonders praxisrelevant ist. Die Datenlage zeigt ein bemerkenswert konsistentes Muster: Der Zusammenhang zwischen Body-Mass-Index (BMI) und Spermienqualität ist nicht linear, sondern U-förmig - sowohl deutliches Unter- als auch Übergewicht sind mit schlechteren Samenparametern assoziiert, während ein Normalgewicht mit moderater, regelmäßiger Bewegung am günstigsten abschneidet. Auch bei sportlicher Aktivität gilt eine ähnliche Dosis-Wirkungs-Kurve: Wer sich gar nicht bewegt, schneidet schlechter ab als moderat aktive Männer - wer aber im Hochleistungsbereich trainiert, insbesondere im Ausdauersport und beim Radfahren, riskiert wiederum eine Verschlechterung bestimmter Samenparameter. Wichtig für die Einordnung ist, dass die allermeisten zugrunde liegenden Studien Beobachtungsstudien sind, die Assoziationen, aber nicht zwangsläufig Kausalität belegen, und dass ein Teil der älteren Interventionsstudien zu Sport und Spermienqualität aus einer mittlerweile wegen Datenintegritätsproblemen mehrfach zurückgezogenen Forschungslinie stammt (dazu unten mehr). Die folgenden Abschnitte ordnen die Evidenz für die einzelnen Teilaspekte - Übergewicht, Untergewicht, moderate Aktivität, Übertraining, Radfahren, Krafttraining und Bewegungsmangel - jeweils einzeln ein.

Übergewicht und Adipositas (BMI-Stufen)

− negativ Evidenz: hoch
Mit steigendem BMI sinken Spermienzahl, -konzentration, -motilität und Samenvolumen graduell ab; die Effekte sind bei Adipositas Grad II/III am stärksten und zumindest teilweise durch Gewichtsverlust reversibel.

Die Evidenz zum Zusammenhang zwischen erhöhtem BMI und Spermienqualität ist inzwischen sehr umfangreich. Die bislang größte Metaanalyse fasste 50 Studien mit insgesamt 71.337 Teilnehmern zusammen und fand bei adipösen Männern im Vergleich zu Männern mit BMI unter 25 kg/m² ein im Mittel um 0,24 ml reduziertes Ejakulatvolumen, 19,56 Millionen weniger Spermien insgesamt, eine um 2,21 Prozentpunkte niedrigere Gesamtmotilität, eine um 5,95 Prozentpunkte niedrigere progressive Motilität sowie einen Rückgang normal geformter Spermien um 1,08 Prozentpunkte (Li et al., 2024). Eine Dosis-Wirkungs-Analyse in derselben Arbeit zeigte, dass Spermienzahl, -konzentration und Ejakulatvolumen mit jedem Anstieg des BMI um 5 Einheiten um 2,4 %, 1,3 % beziehungsweise 2,0 % sanken - die Beeinträchtigung nimmt also mit dem Ausmaß der Adipositas graduell zu und ist bei Adipositas Grad II/III stärker ausgeprägt als bei Grad I. Eine weitere Metaanalyse, die sich bewusst auf die Allgemeinbevölkerung statt auf Kinderwunschpatienten konzentrierte, kam zu einem differenzierteren Bild: Hier zeigte sich kein Effekt auf Spermienkonzentration und Morphologie, wohl aber auf Ejakulatvolumen, Gesamtspermienzahl, den Anteil vorwärtsbeweglicher Spermien und die Vitalität (Wang et al., 2021). Eine dritte, auf Diabetes und Adipositas fokussierte Metaanalyse mit 44 eingeschlossenen Studien und über 20.000 adipösen Probanden bestätigte reduzierte Spermienparameter und erniedrigte Testosteronspiegel bei Adipositas (Zhong et al., 2021). Interessant ist, dass eine große chinesische Kohortenstudie an 3.966 Samenspendern mit knapp 30.000 Einzeluntersuchungen bei reinem Übergewicht (BMI 25-29,9) signifikante, aber moderate Reduktionen fand - Ejakulatvolumen -4,2 %, Gesamtspermienzahl -3,9 %, motile Spermien -3,6 % -, bei Adipositas selbst (BMI ≥30) hingegen keine statistisch signifikante Assoziation mehr nachweisen konnte (Ma et al., 2019). Dieser scheinbare Widerspruch zu den großen Metaanalysen erklärt sich vermutlich durch die Zusammensetzung der Stichprobe: Samenspender sind eine vorselektierte, überdurchschnittlich gesunde Gruppe, und adipöse Männer waren in dieser Kohorte zahlenmäßig unterrepräsentiert. Mechanistisch wird der Zusammenhang zwischen Übergewicht und schlechterer Spermienqualität vor allem über eine gestörte Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse erklärt: Vermehrtes Fettgewebe steigert die Aromatase-Aktivität, wodurch Testosteron vermehrt zu Östradiol umgewandelt wird, was die Gonadotropin-Ausschüttung und damit die Spermatogenese hemmt; hinzu kommen chronische Entzündung, oxidativer Stress im Hodengewebe und eine erhöhte Skrotaltemperatur durch das umgebende Fettgewebe im Leisten- und Skrotalbereich, die denselben kühlenden Mechanismus stört, der auch beim Kryptorchismus die Spermatogenese beeinträchtigt. Diese Zusammenhänge sind inzwischen auch in Leitlinien angekommen: Die europäische Fachgesellschaft für Urologie empfiehlt, infertile Männer routinemäßig über die nachteiligen Effekte von Adipositas, Bewegungsmangel, Rauchen und hohem Alkoholkonsum auf Spermienqualität und Testosteronspiegel aufzuklären und BMI sowie Taillenumfang bei jedem Patienten mit Kinderwunsch zu erheben, da Adipositas häufig mit einem Hypogonadismus einhergeht (EAU Guidelines on Sexual and Reproductive Health, 2024). Bemerkenswert ist zudem, dass der Effekt zumindest teilweise reversibel erscheint: In einer randomisiert-kontrollierten Studie an 56 adipösen Männern führte eine achtwöchige Diät mit einem mittleren Gewichtsverlust von 16,5 kg zu einem Anstieg der Spermienkonzentration um das 1,49-Fache und der Spermienzahl um das 1,41-Fache; bei Männern, die den Gewichtsverlust über 52 Wochen hielten, blieben diese Verbesserungen bestehen (Konzentration 1,71-fach, Zahl 1,97-fach gegenüber Ausgangswert), wobei zusätzliches Sporttraining oder eine begleitende Liraglutid-Behandlung vor allem beim Halten des Gewichts halfen, aber keinen über den reinen Diäteffekt hinausgehenden Zusatznutzen für die Spermienparameter zeigten (Andersen et al., 2022). Für die Praxis bedeutet dies: Adipositas ist ein gut belegter, aber grundsätzlich modifizierbarer Risikofaktor für die Spermienqualität.

FaktorRichtungEvidenzEffektgrößeHauptquelle
Übergewicht/Adipositas (BMI-Stufen)-hochmoderat (z.B. -19,56 Mio. Gesamtspermien, -5,95% progressive Motilität bei Adipositas vs. BMI<25; -2,4% Spermienzahl je +5 BMI-Punkte)Li et al., 2024, Int J Obes

Untergewicht

− negativ Evidenz: hoch
Auch ein zu niedriger BMI ist mit reduzierter Spermienkonzentration, Gesamtspermienzahl und Motilität assoziiert - der Zusammenhang zwischen BMI und Spermienqualität ist insgesamt U-förmig.

Weniger im öffentlichen Bewusstsein verankert, aber ähnlich gut belegt ist, dass auch ein zu niedriger BMI der Spermienqualität schadet. Die bereits erwähnte Kohortenstudie an 3.966 Samenspendern fand bei Untergewicht (BMI unter 18,5) eine signifikante Reduktion der Spermienkonzentration um 3,0 % (95 %-KI 0,1-5,8 %), der Gesamtspermienzahl um 6,7 % (95 %-KI 1,9-11,3 %) und der Zahl motiler Spermien um 7,4 % (95 %-KI 2,2-12,4 %) gegenüber Normalgewichtigen (Ma et al., 2019). Eine PRISMA-konforme Metaanalyse, die 13 Studien mit insgesamt 15.331 Männern einschloss (709 mit niedrigem BMI, 14.622 mit normalem BMI), bestätigte signifikant reduziertes Ejakulatvolumen und eine reduzierte Gesamtspermienzahl bei untergewichtigen Männern und stufte niedriges Körpergewicht als eigenständigen Risikofaktor für die männliche Fertilität ein (Guo et al., 2019). Damit ergibt sich über beide Enden der Gewichtsskala ein U-förmiger Zusammenhang: Sowohl deutliches Unter- als auch deutliches Übergewicht gehen mit schlechteren Samenparametern einher, während der Bereich um das Normalgewicht am günstigsten abschneidet. Die zugrunde liegenden Mechanismen bei Untergewicht sind weniger gut untersucht als bei Adipositas, dürften aber ebenfalls über eine gestörte Hormonachse verlaufen: Ein zu geringer Körperfettanteil kann mit niedrigeren Leptinspiegeln, gestörter Gonadotropinausschüttung und - insbesondere bei sehr niedrigem BMI in Kombination mit exzessivem Sport oder restriktiver Ernährung - mit einem Zustand ähnlich der relativen Energieverfügbarkeitsdefizite (wie sie aus dem Leistungssport bekannt sind) einhergehen. Auch ein erhöhter Anteil an oxidativem Stress bei chronischer Unterernährung wird diskutiert, ist aber bislang schwächer belegt als die Adipositas-assoziierten Mechanismen. Klinisch relevant ist dieser Befund vor allem für sehr schlanke Männer mit ausgeprägtem Kalorienrestriktions- oder Trainingsverhalten sowie für Männer mit konsumierenden Erkrankungen; in der Beratungspraxis wird Untergewicht als Fertilitätsrisiko deutlich seltener thematisiert als Adipositas, obwohl die relativen Effektgrößen in der großen Kohortenstudie für einzelne Parameter (insbesondere Gesamtspermienzahl und motile Spermien) sogar etwas größer ausfielen als bei reinem Übergewicht.

FaktorRichtungEvidenzEffektgrößeHauptquelle
Untergewicht (BMI <18,5)-hochgering (-3,0% Konzentration, -6,7% Gesamtspermienzahl, -7,4% motile Spermien vs. Normalgewicht)Ma et al., 2019, Hum Reprod

Moderate körperliche Aktivität

+ positiv Evidenz: hoch
Regelmäßige, nicht-exzessive Bewegung ist in mehreren großen Kohorten mit besserer Spermienkonzentration und Motilität assoziiert; der Zusammenhang mit Trainingsumfang folgt vermutlich einer U-Kurve.

Für moderate, nicht-exzessive körperliche Aktivität zeigt die Literatur ein insgesamt positives Bild, auch wenn nicht alle Einzelstudien signifikante Effekte finden. Eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse, die 32 Publikationen auswertete, kam zu dem Schluss, dass Freizeitsport ("recreational physical activity") einen positiven Effekt auf Spermienkonzentration und progressive Motilität haben kann, während Leistungssport auf Elite-Niveau eher nachteilig wirkt (Ibañez-Perez et al., 2019). Diese U-förmige Beziehung - schlecht bei Inaktivität, günstig bei moderater Aktivität, wieder ungünstig bei Extremsport - zieht sich durch mehrere große Kohortenstudien. In einer Studie an 746 gesunden Samenspenderkandidaten mit über 5.200 wiederholten Samenproben hatten Männer im höchsten Quartil der körperlichen Aktivität (gemessen in metabolischen Äquivalenten) eine um 16,1-17,3 Prozentpunkte höhere progressive Motilität und eine um 15,2-16,4 Prozentpunkte höhere Gesamtmotilität als Männer im niedrigsten Quartil (Sun et al., 2019). In einer kleineren Studie an 189 jungen Männern hatten Probanden mit mindestens 15 Stunden moderater bis intensiver Aktivität pro Woche eine um 73 % höhere Spermienkonzentration als praktisch inaktive Männer (Gaskins et al., 2015). Bei der Einordnung der Interventionsstudien (randomisiert-kontrollierte Trainingsstudien) ist allerdings Vorsicht geboten: Ein erheblicher Teil der oft zitierten Arbeiten zu strukturierten Trainingsprogrammen bei infertilen Männern stammt von einer einzigen Autorengruppe (Hajizadeh Maleki und Tartibian), deren Arbeiten zu diesem Thema wegen Datenmanipulation und -duplikation inzwischen mehrfach zurückgezogen wurden, unter anderem eine 2017 in "Cytokine" erschienene Arbeit (Retraktion 2024) sowie eine 2019 im "Journal of Strength and Conditioning Research" erschienene Arbeit (Retraktion 2023). Eine 2024 publizierte Metaanalyse zu Trainings-RCTs bezog ihre Teilnehmerzahl zu einem erheblichen Anteil aus genau dieser inzwischen fragwürdigen Studienreihe; ihre gepoolten Effektschätzer werden hier daher bewusst nicht als Hauptbeleg verwendet. Verlässlicher sind kleinere, unabhängige RCTs: Eine Lifestyle-Interventionsstudie mit Ernährungsumstellung (Mittelmeerdiät) und moderater körperlicher Aktivität bei jungen Männern in stark belasteten Gebieten Italiens zeigte positive Effekte auf die Samenqualität (Montano et al., 2022). Insgesamt liefert die Kombination aus großen, methodisch soliden Kohortenstudien und einer unabhängigen systematischen Übersichtsarbeit eine konsistente, wenn auch überwiegend beobachtende Evidenzbasis für einen günstigen Effekt moderater Bewegung.

FaktorRichtungEvidenzEffektgrößeHauptquelle
Moderate körperliche Aktivität+hochmoderat (+15-17% Motilität bei hoher vs. niedriger Aktivität, n=746; +73% Konzentration bei ≥15h/Woche, n=189)Sun et al., 2019, Hum Reprod

Exzessives Ausdauertraining und Übertraining

− negativ Evidenz: niedrig
Sehr hohe Ausdauer-Trainingsumfänge und echtes Übertraining können Spermienkonzentration und Motilität vorübergehend deutlich senken, meist über eine testosteron-suppressive Wirkung von chronisch erhöhtem Cortisol.

Am anderen Ende des Aktivitätsspektrums steht die Frage, ob sehr intensives Ausdauertraining - etwa Marathon-, Ultramarathon- oder Triathlonvorbereitung - der Spermienqualität schadet. Die aktuellste systematische Übersichtsarbeit zu diesem Thema wertete 13 Studien mit insgesamt nur 280 Probanden aus und kam zu einem vorsichtigen Ergebnis: Ausdauertraining kann einen negativen Effekt auf die Samenqualität haben, allerdings selten mit klinisch relevantem Ausmaß; vier der eingeschlossenen Studien fanden gar keine signifikanten Veränderungen, während andere nur geringfügige Abweichungen dokumentierten. Konsistentere Hinweise auf relevante Beeinträchtigungen fanden sich am ehesten bei Radsportlern und Triathleten. Die Autoren betonen ausdrücklich die insgesamt schwache methodische Qualität der verfügbaren Studien (Aerts et al., 2024). Eine ergänzende Übersichtsarbeit zu intensiven Trainingsregimen bei Profi- und Amateursportlern fand in einer Studienreihe, dass 16 Wochen intensives Radtraining zu einer signifikanten Abnahme von Ejakulatvolumen, Spermienkonzentration, -motilität und -morphologie führten, wobei sich die Werte nach mindestens einer Woche Trainingspause - mit Ausnahme von Morphologie und Konzentration - wieder normalisierten (Greco et al., 2025). Der am häufigsten zitierte Einzelbefund zum Thema "Übertraining" stammt allerdings aus einer sehr alten und methodisch limitierten Arbeit: An nur fünf ausdauertrainierten Männern wurde das Trainingsvolumen testweise auf das Doppelte des bisherigen wöchentlichen Durchschnitts gesteigert (bei gleichbleibender Intensität). Die Spermienkonzentration sank dadurch unmittelbar nach der Übertrainingsphase um 43 % und drei Monate später sogar um 52 % gegenüber dem Ausgangswert, während das Basistestosteron von 8,68 auf 5,37 ng/ml fiel und Cortisol von 145,7 auf 215,3 ng/ml anstieg (stark inverse Korrelation, r=-0,92); nach Rückkehr zum ursprünglichen Trainingsumfang normalisierten sich Testosteron und Cortisol innerhalb von drei Monaten wieder (Roberts et al., 1993). So plausibel der postulierte Mechanismus - chronisch erhöhtes Cortisol supprimiert über die Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse die Testosteronproduktion und in der Folge die Spermatogenese - erscheint, so klein und alt ist die Stichprobe, auf der dieser oft zitierte Befund beruht. In der Gesamtschau ist die Evidenz zu echtem Übertraining also eher dünn: Der Effekt bei tatsächlich nachgewiesenem Übertraining kann stark ausfallen, doch die Zahl der Probanden in allen verfügbaren Studien zusammengenommen ist klein, und ob "normales" intensives Freizeit- oder sogar Amateur-Wettkampftraining überhaupt in den Bereich des schädlichen Übertrainings hineinreicht, ist offen.

FaktorRichtungEvidenzEffektgrößeHauptquelle
Exzessives Ausdauertraining/Übertraining-niedrigstark (-43% Spermienkonzentration akut, -52% nach 3 Monaten bei experimentellem Übertraining, n=5)Roberts et al., 1993, Fertil Steril; Aerts et al., 2024, Sports Med Open

Radfahren (Langstrecken, Satteldruck und lokale Erwärmung)

− negativ Evidenz: hoch
Umfangreiches Radfahren ist wiederholt mit niedrigerer Spermienkonzentration und Motilität assoziiert, vermutlich durch Satteldruck und lokale Skrotalerwärmung; ein Nachweis für tatsächlich verursachte Unfruchtbarkeit fehlt bislang.

Radfahren nimmt unter den Sportarten eine gewisse Sonderstellung ein, weil neben dem allgemeinen Trainingsvolumen zwei zusätzliche, sportartspezifische Mechanismen diskutiert werden: mechanischer Druck des Sattels auf Damm und Skrotum (mit möglicher Kompression von Gefäßen und Nerven) sowie eine erhöhte Skrotaltemperatur durch eng anliegende Kleidung, verminderte Luftzirkulation und die sitzende Position über längere Zeiträume. Da die Spermienproduktion eine Temperatur von etwa 2-4 °C unter der Körperkerntemperatur benötigt, gilt chronische lokale Erwärmung als plausibler schädigender Faktor. In einer prospektiven Kohortenstudie an 2.261 Männern, die sich einer ersten IVF-Behandlung unterzogen, fand sich zwar keine generelle Assoziation zwischen regelmäßiger körperlicher Aktivität und Samenqualität, wohl aber ein spezifischer Zusammenhang für Radfahren: Wer mindestens 5 Stunden pro Woche Rad fuhr, hatte gegenüber Nicht-Radfahrern ein signifikant erhöhtes Risiko für eine niedrige Spermienkonzentration (Odds Ratio 1,92) und eine niedrige Gesamtzahl motiler Spermien (Odds Ratio 2,05) (Wise et al., 2011). Eine weitere Studie an Männern, die sich in einem Fertilitätszentrum vorstellten, fand bereits ab einem deutlich niedrigeren Schwellenwert einen Effekt: Männer, die mindestens 1,5 Stunden pro Woche Rad fuhren, hatten eine um 34 % niedrigere Spermienkonzentration als Nicht-Radfahrer (95 %-KI 4-55 %) (Gaskins et al., 2014). Eine Studie an Fahrradtaxi-Fahrern, die diese Tätigkeit seit mehr als zwei Jahren ausübten, fand ebenfalls signifikant reduziertes Ejakulatvolumen, Spermienkonzentration, Motilität und Anteil normal geformter Spermien im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, mit einer Verschlechterung proportional zur Beschäftigungsdauer als Fahrer (Kipandula & Lampiao, zitiert nach Borkowski et al., 2025). Wichtig für die Einordnung ist jedoch, dass sich diese Befunde bislang nicht eindeutig in einer schlechteren tatsächlichen Fertilität niederschlagen: Die bislang größte Querschnittsstudie zum Thema, die "Cycling for Health UK Study" an 5.282 männlichen Radfahrern, fand keinen Zusammenhang zwischen wöchentlicher Radfahrzeit (selbst bei mehr als 8,5 Stunden pro Woche) und ärztlich diagnostizierter Unfruchtbarkeit oder erektiler Dysfunktion - wohl aber, als Nebenbefund, eine gradueller ansteigende Assoziation mit Prostatakrebs bei Männern über 50 Jahren (Hollingworth et al., 2014). Die verfügbare Evidenz lässt sich daher so zusammenfassen: Bei den messbaren Samenparametern (Konzentration, Motilität) ist ein negativer Effekt von umfangreichem Radfahren relativ konsistent belegt, ein direkter Nachweis einer dadurch verursachten klinischen Unfruchtbarkeit steht jedoch noch aus.

FaktorRichtungEvidenzEffektgrößeHauptquelle
Radfahren (Langstrecke, Satteldruck/Wärme)-hochstark (-34% Spermienkonzentration ab ≥1,5h/Woche, 95%-KI 4-55%; OR 1,92 für niedrige Konzentration ab ≥5h/Woche)Gaskins et al., 2014, Hum Reprod; Wise et al., 2011, Fertil Steril

Krafttraining und Bodybuilding (ohne Anabolika)

+ positiv Evidenz: niedrig
Moderates, regelmäßiges Krafttraining zeigt in einer einzelnen Kohortenstudie einen Hinweis auf höhere Spermienkonzentration; die Evidenzbasis ist aber klein und statistisch unsicher.

Zu reinem Krafttraining ohne begleitenden Ausdauersport und ohne den Einsatz leistungssteigernder Substanzen ist die Studienlage deutlich dünner als zu Ausdauer- oder allgemeiner körperlicher Aktivität. Der am häufigsten zitierte Einzelbefund stammt aus einer Kohortenstudie an jungen Männern, in der diejenigen in der höchsten Kategorie des Gewichthebens (mindestens 2 Stunden pro Woche) eine um 25 % höhere Spermienkonzentration aufwiesen als Männer, die nie Gewichte hoben (Gaskins et al., 2014); das zugehörige 95 %-Konfidenzintervall war mit -10 bis 74 % allerdings sehr breit und schloss den Nullwert ein, obwohl der Trend über die Kategorien hinweg statistisch signifikant war (p=0,02). Für sich genommen reicht dieser einzelne Befund also nicht aus, um einen gesicherten eigenständigen Effekt von Krafttraining auf die Spermienkonzentration zu belegen; er ist eher als Hinweis zu werten, der in dieselbe Richtung weist wie die allgemeine Beobachtung, dass körperliche Aktivität moderaten Umfangs mit besserer Samenqualität assoziiert ist. Krafttraining ist zudem ein anerkannter Weg, das Serum-Testosteron akut und - bei regelmäßiger Durchführung über Monate - auch im Ruhewert leicht zu erhöhen, was indirekt die Libido und potenziell auch die Spermatogenese unterstützen kann, auch wenn der direkte Nachweis einer dadurch verbesserten Spermienqualität in aussagekräftigen randomisierten Studien noch aussteht. Ein eigenständiges Thema im Kontext von Bodybuilding ist der Konsum von Protein- und anderen Nahrungsergänzungsmitteln, der in dieser Trainingsform besonders verbreitet ist. Eine kleine Pilotstudie an 20 subfertilen Männern fand, dass ein Verzicht auf Proteinsupplemente mit einem Anstieg der medianen Spermienkonzentration auf das 2,6-Fache einherging (95 %-KI 1,1-5,8), allerdings ohne Kontrollgruppe und mit dem Risiko einer Regression zur Mitte als Erklärung (Ketheeswaran et al., 2019). Eine deutlich größere, bevölkerungsbasierte Kohortenstudie an 778 jungen, gesunden Männern fand hingegen keinen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Proteinsupplementen und Ejakulatvolumen, Spermienkonzentration, Gesamtspermienzahl, Morphologie oder Motilität (Tøttenborg et al., 2020). Angesichts der weiten Verbreitung von Proteinpräparaten im Kraftsport und der widersprüchlichen, aber überwiegend unauffälligen Datenlage lässt sich hier aktuell kein gesicherter negativer Effekt auf die Spermienqualität ableiten; strukturiertes, moderates Krafttraining selbst gilt nach aktueller Evidenz eher als neutral bis leicht günstig. Abzugrenzen von reinem, natürlichem Krafttraining ist der Einsatz anabol-androgener Steroide, der im ambitionierten Bodybuilding verbreitet ist und die Spermatogenese über eine Suppression der körpereigenen Gonadotropinausschüttung massiv und oft über Monate bis Jahre hinweg beeinträchtigen kann; dieser Aspekt wird jedoch in einem eigenen Themencluster zu Substanzen und Medikamenten behandelt und ist nicht Gegenstand dieses Abschnitts, der sich explizit auf Krafttraining ohne Doping bezieht. Für die praktische Einordnung bedeutet das: Wer ohne leistungssteigernde Substanzen und ohne exzessive Proteinsupplementierung trainiert, muss nach aktuellem Kenntnisstand keine Verschlechterung der Spermienqualität durch das Krafttraining selbst befürchten - im Gegenteil deutet die vorhandene, wenn auch dünne Evidenz eher in eine leicht günstige Richtung, vermutlich vermittelt über einen leicht höheren Ruhetestosteronspiegel, eine verbesserte Insulinsensitivität und eine Reduktion des Körperfettanteils.

FaktorRichtungEvidenzEffektgrößeHauptquelle
Krafttraining/Bodybuilding (ohne Anabolika)+niedrignicht_quantifiziert (+25% Konzentration bei ≥2h/Woche Gewichtheben, 95%-KI -10 bis 74%, n klein)Gaskins et al., 2014, Hum Reprod

Sitzende Tätigkeit und Bewegungsmangel

? unklar Evidenz: niedrig
Allgemeine Sitzzeit zeigt in großen Studien überwiegend keinen oder nur einen schwachen Zusammenhang mit Spermienqualität; nur exzessiver Fernsehkonsum ist deutlicher mit niedrigerer Konzentration assoziiert.

Auf den ersten Blick würde man erwarten, dass viel sitzende Zeit - etwa durch Bürotätigkeit oder Fernsehkonsum - spiegelbildlich zu den Vorteilen körperlicher Aktivität mit schlechterer Spermienqualität einhergeht. Die tatsächliche Datenlage ist jedoch überraschend uneinheitlich. Eine 2025 publizierte systematische Übersichtsarbeit, die 16 Beobachtungsstudien mit insgesamt 13.509 Teilnehmern zu Sitzzeit in Freizeit und Arbeit auswertete, fand für die Freizeit-Sitzzeit lediglich eine schwache Assoziation mit der Spermienkonzentration, während sich für die meisten übrigen Parameter (Gesamtzahl, Motilität) überwiegend keine signifikanten Unterschiede zeigten; für die DNA-Fragmentierung gab es in zwei Studien Hinweise auf höhere Werte bei ausgeprägtem Sitzverhalten. Insgesamt bewerten die Autoren die Evidenz als inkonsistent (Sterpi et al., 2025). Auch die bereits erwähnte große Kohortenstudie an 746 Samenspenderkandidaten fand keinen Zusammenhang zwischen selbstberichteter Sitzzeit und Samenqualität (Sun et al., 2019). Ein differenzierterer Befund ergibt sich jedoch, wenn man nicht allgemeine Sitzzeit, sondern spezifisch Fernsehkonsum betrachtet: In der bereits zitierten Studie an 189 jungen Männern hatten Probanden mit mehr als 20 Stunden Fernsehkonsum pro Woche eine um 44 % niedrigere Spermienkonzentration als Männer, die gar nicht fernsahen - während die vor dem Computer verbrachte Zeit keinen entsprechenden Zusammenhang zeigte (Gaskins et al., 2015). Dieser Unterschied deutet darauf hin, dass nicht das Sitzen an sich, sondern eher das damit typischerweise assoziierte Verhaltensmuster (Fernsehkonsum oft verbunden mit Snacking, längeren zusammenhängenden Inaktivitätsphasen am Abend und einem allgemein bewegungsärmeren Lebensstil) der eigentlich relevante Faktor sein könnte - möglicherweise auch nur ein Marker für einen insgesamt ungünstigeren Lebensstil einschließlich höheren BMI, worüber der eigentliche Effekt vermittelt wird. Bewegungsmangel als isolierter, von Adipositas und anderen Lebensstilfaktoren abgegrenzter eigenständiger Risikofaktor ist damit bislang nur schwach und uneinheitlich belegt; am ehesten lässt sich festhalten, dass langes, unstrukturiertes Sitzen mit begleitendem Medienkonsum ungünstiger einzuschätzen ist als sitzende Bürotätigkeit allein, und dass der Wechsel von völliger Inaktivität zu moderater Bewegung (siehe oben) den robusteren und besser belegten Hebel darstellt.

FaktorRichtungEvidenzEffektgrößeHauptquelle
Sitzende Tätigkeit/Bewegungsmangel?niedrignicht_quantifiziert (uneinheitlich; -44% Konzentration bei >20h TV/Woche vs. 0h, n=189; kein Effekt genereller Sitzzeit, n=746)Sterpi et al., 2025, Andrology

Quellen

  1. Li Y, Lin Y, Ou C, Xu R, Liu T, Zhong Z, Liu L, Zheng Y, Hou S, Lv Z, Huang S, Duan YG, Wang Q, Zhang X, Liu Y (2024). Association between body mass index and semen quality: a systematic review and meta-analysis. International Journal of Obesity. https://www.nature.com/articles/s41366-024-01580-w
  2. Ma J, Wu L, Zhou Y, Zhang H, Xiong C, Peng Z, Bao W, Meng T, Liu Y (2019). Association between BMI and semen quality: an observational study of 3966 sperm donors. Human Reproduction, 34(1):155-162. https://academic.oup.com/humrep/article/34/1/155/5165107
  3. Wang S, Sun J, Wang J, Ping Z, Liu L (2021). Does obesity based on body mass index affect semen quality?-A meta-analysis and systematic review from the general population rather than the infertile population. Andrologia, 53(7). https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/and.14099
  4. Zhong O, Ji L, Wang J, Lei X, Huang H (2021). Association of diabetes and obesity with sperm parameters and testosterone levels: a meta-analysis. Diabetology & Metabolic Syndrome. https://dmsjournal.biomedcentral.com/articles/10.1186/s13098-021-00728-2
  5. Andersen E, Juhl CR, Kjøller ET, Lundgren JR, Janus C, Dehestani Y, Saupstad M, Ingerslev LR, Duun OM, Jensen SBK, Holst JJ, Stallknecht BM, Madsbad S, Torekov SS, Barrès R (2022). Sperm count is increased by diet-induced weight loss and maintained by exercise or GLP-1 analogue treatment: a randomized controlled trial. Human Reproduction, 37(7):1414-1422. https://academic.oup.com/humrep/article/37/7/1414/6587152
  6. Guo D, Xu M, Zhou Q, Wu C, Ju R, Dai J (2019). Is low body mass index a risk factor for semen quality? A PRISMA-compliant meta-analysis. Medicine, 98(32):e16677. https://journals.lww.com/md-journal/fulltext/2019/08090/is_low_body_mass_index_a_risk_factor_for_semen.27.aspx
  7. Ibañez-Perez J, Santos-Zorrozua B, Lopez-Lopez E, Matorras R, Garcia-Orad A (2019). An update on the implication of physical activity on semen quality: a systematic review and meta-analysis. Archives of Gynecology and Obstetrics, 299(4):901-921. https://link.springer.com/article/10.1007/s00404-019-05045-8
  8. Sun B, Messerlian C, Sun ZH, Duan P, Chen HG, Chen YJ, Wang P, Wang L, Meng TQ, Wang Q, Arvizu M, Chavarro JE, Wang YX, Xiong CL, Pan A (2019). Physical activity and sedentary time in relation to semen quality in healthy men screened as potential sperm donors. Human Reproduction, 34(12):2330-2339. https://academic.oup.com/humrep/article/34/12/2330/5681530
  9. Gaskins AJ, Mendiola J, Afeiche M, Jørgensen N, Swan SH, Chavarro JE (2015). Physical activity and television watching in relation to semen quality in young men. British Journal of Sports Medicine, 49(4):265-270. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23380634/
  10. Gaskins AJ, Afeiche MC, Hauser R, Williams PL, Gillman MW, Tanrikut C, Petrozza JC, Chavarro JE (2014). Paternal physical and sedentary activities in relation to semen quality and reproductive outcomes among couples from a fertility center. Human Reproduction, 29(11):2575-2582. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4191451/
  11. Wise LA, Cramer DW, Hornstein MD, Ashby RK, Missmer SA (2011). Physical activity and semen quality among men attending an infertility clinic. Fertility and Sterility, 95(3):1025-1030. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21122845/
  12. Aerts A, Temmerman A, Vanhie A, Vanderschueren D, Antonio L (2024). The Effect of Endurance Exercise on Semen Quality in Male Athletes: A Systematic Review. Sports Medicine - Open, 10:65. https://link.springer.com/article/10.1186/s40798-024-00739-z
  13. Roberts AC, McClure RD, Weiner RI, Brooks GA (1993). Overtraining affects male reproductive status. Fertility and Sterility, 60(4):686-692. https://www.fertstert.org/article/S0015-0282(16)56223-2/fulltext
  14. Greco F, Guarascio G, Giannetta E, Oranges FP, Quinzi F, Emerenziani GP, Tarsitano MG (2025). The Influence of an Intense Training Regime in Professional and Non-Professional Athletes on Semen Parameters: A Systematic Review. Journal of Clinical Medicine, 14(1):201. https://www.mdpi.com/2077-0383/14/1/201
  15. Borkowski et al. (2025). Does bike riding lead to male subfertility and sexual dysfunction? Medical Research Journal. https://journals.viamedica.pl/medical_research_journal/article/view/102128
  16. Hollingworth M, Harper A, Hamer M (2014). An Observational Study of Erectile Dysfunction, Infertility, and Prostate Cancer in Regular Cyclists: Cycling for Health UK Study. Journal of Men's Health, 11(2):75-79. https://www.liebertpub.com/doi/10.1089/jomh.2014.0012
  17. Ketheeswaran S, Haahr T, Povlsen B, Laursen R, Alsbjerg B, Elbaek H, Esteves SC, Humaidan P (2019). Protein supplementation intake for bodybuilding and resistance training may impact sperm quality of subfertile men undergoing fertility treatment: a pilot study. Asian Journal of Andrology, 21(2):208-211. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30226218/
  18. Tøttenborg SS, Glazer CH, Hærvig KK, Høyer BB, Toft G, Hougaard KS, Flachs EM, Deen L, Bonde JPE, Ramlau-Hansen CH (2020). Semen quality among young healthy men taking protein supplements. Fertility and Sterility, 114(1):89-96. https://www.fertstert.org/article/S0015-0282(20)30204-1/fulltext
  19. Sterpi V, Ricci E, Chiaffarino F, Fedele F, Esposito G, Parazzini F, Viganò P, Cipriani S (2025). The sitting men: A systematic review of spare and working time exposure to sedentariness in relation to semen parameters. Andrology, 13(7):1683-1692. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/andr.13816
  20. Montano L, Ceretti E, Donato F, et al. (2022). Effects of a Lifestyle Change Intervention on Semen Quality in Healthy Young Men Living in Highly Polluted Areas in Italy: The FASt Randomized Controlled Trial. European Urology Focus, 8(1):351-359. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2405456921000419
  21. European Association of Urology (2024). EAU Guidelines on Sexual and Reproductive Health. https://d56bochluxqnz.cloudfront.net/documents/full-guideline/EAU-Guidelines-on-Sexual-and-Reproductive-Health-2024.pdf

← Zurück zur Themenübersicht