# Was vor der Geburt die Spermien des Sohnes prägen kann – der große Ratgeber

Was die Forschung über Rauchen, Alkohol, Schmerzmittel, Umweltstoffe und den Einfluss des Vaters vor und während der Schwangerschaft weiß – und was nicht.

Quelle: https://bosslevel.eu/ratgeber/praenatal.html · Stand 5. Oktober 2026 · Redaktion: Bernd Peter (bosslevel.eu) · 10 Kapitel, 28 Abschnitte, 18.025 Wörter

> Laien-Ratgeber, mit KI-Unterstützung aus der wissenschaftlichen Gesamtstudie erstellt (https://bosslevel.eu/recherche/praenatal.html). Keine individuelle Diagnose, keine Therapieempfehlung.

## Kurzantwort

Am besten belegt ist das Rauchen der Mutter in der Schwangerschaft: Söhne hatten in mehreren Studien eine niedrigere Spermienkonzentration, in einer Kohorte bei starken Raucherinnen um 38 Prozent. Für Alkohol, Kaffee, Paracetamol, PFAS und mütterliches Übergewicht ist die Beleglage schwächer oder uneinheitlich. Alle Befunde sind Zusammenhänge aus Beobachtungsstudien; die Gewissheit reicht höchstens bis mittel, nicht bis hoch.

Ob ein erwachsener Mann viele und gut bewegliche Spermien hat, wird nicht erst im Erwachsenenalter entschieden. Der Hoden legt sich schon im Mutterleib an. Deshalb fragen Forscherinnen und Forscher seit vielen Jahren: Kann das, was Eltern vor und während der Schwangerschaft tun oder erleben, die Spermienqualität des späteren Sohnes beeinflussen?

Dieser Ratgeber fasst eine umfangreiche Auswertung der Studienlage in verständlicher Sprache zusammen. Er richtet sich an Männer mit Kinderwunsch, an Paare, an Eltern und an schwangere Frauen. Er erklärt Fachbegriffe, ordnet die Ergebnisse ein und sagt offen, wo das Wissen aufhört.

Die Datenlage ist unterschiedlich gut. Am besten belegt ist ein Zusammenhang zwischen dem Rauchen der Mutter in der Schwangerschaft und niedrigeren Spermienwerten der Söhne. Bei Alkohol, Kaffee, Schmerzmitteln, Umweltstoffen und Übergewicht sind die Hinweise schwächer und weniger einheitlich. Für den Einfluss des Vaters vor der Zeugung ist die Lage widersprüchlich.

Wichtig zu wissen: Alle Befunde stammen aus Beobachtungsstudien. Sie zeigen Zusammenhänge, aber keine bewiesenen Ursachen. Kein Befund erreicht die höchste Stufe der Sicherheit.

Der Ratgeber macht niemandem Vorwürfe und gibt keine Behandlungs- oder Dosierungsempfehlungen. Er soll Ihnen helfen, Meldungen einzuordnen und die richtigen Fragen in der ärztlichen Sprechstunde zu stellen.

## Wichtiger Hinweis

Die Studien in diesem Ratgeber zeigen Zusammenhänge zwischen Einflüssen vor der Geburt und Spermienwerten im Erwachsenenalter. Sie beweisen keine Ursache, und fast alle stammen aus Beobachtungen, nicht aus Versuchen. Aus Durchschnittswerten für Gruppen lässt sich nichts für einen einzelnen Mann ableiten. Der Ratgeber ersetzt keine Untersuchung, stellt keine Diagnose und gibt keine Therapieempfehlung. Bei Fragen oder Sorgen wenden Sie sich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt, bei Kinderwunsch an eine urologische oder andrologische Praxis.

## Wann Sie ärztlichen Rat suchen sollten

- Wenn ein Kinderwunsch längere Zeit nicht in Erfüllung geht. Die Abklärung betrifft beide Partner; die Leitlinie der Europäischen Gesellschaft für Urologie empfiehlt, Männer gründlich urologisch zu untersuchen und die Partnerin einzubeziehen.
- Wenn eine Samenuntersuchung auffällige Werte gezeigt hat. Ein einzelner Wert ist keine Diagnose, deshalb gehört die Einordnung in ärztliche Hände.
- Wenn bei einem Jungen oder Mann ein Hodenhochstand oder eine Fehlbildung des Penis bekannt ist oder war. Das kann auf eine frühe Entwicklungsstörung hinweisen und sollte nachverfolgt werden.
- Wenn Sie schwanger sind oder es werden möchten und wegen Rauchen, Alkohol oder Medikamenten Fragen haben. Setzen Sie Medikamente nicht auf eigene Faust ab, sondern sprechen Sie mit Ihrer Frauenärztin, Ihrem Frauenarzt oder Ihrer Hebamme.
- Wenn Sie als Mutter in der Schwangerschaft das Hormonpräparat Diethylstilbestrol (DES) erhalten haben oder Ihre Mutter es erhielt. Dazu gibt es Hinweise auf Fehlbildungen der Genitalien.
- Wenn Sie als Mann selbst rauchen und Ihre Samenwerte auffällig sind. In einer kleinen Studie ohne Vergleichsgruppe besserten sich die Werte nach einem Rauchstopp; ob das bei Ihnen so wäre, klärt die ärztliche Beratung.

## Kapitel 1: Wie sich der Hoden vor der Geburt entwickelt

### 1. Der Hoden entsteht im Mutterleib

Ob ein erwachsener Mann viele und gut bewegliche Spermien hat, wird nicht erst im Erwachsenenalter festgelegt. Ein Teil der Unterschiede zwischen Männern entsteht schon im Mutterleib. Fachleute sprechen von „fetaler Programmierung“: Der Hoden wird in einer frühen Phase angelegt, und was in dieser Zeit geschieht, kann seine spätere Arbeit mitprägen [s187, s152]. Das ist eine Grundannahme der Forschung, kein bewiesenes Gesetz. Dieses Kapitel erklärt die Grundlagen, auf denen alle weiteren Kapitel aufbauen.

### Zwei Aufgaben, drei Zelltypen

Der Hoden hat zwei Aufgaben: Er bildet die männlichen Keimzellen und er bildet Hormone [s187]. Beides wird schon vor der Geburt angelegt. Die Forschung nennt drei Zelltypen, die dabei die Hauptrolle spielen:

- **Sertoli-Zellen** sind die „Ammenzellen“ des Hodens. Sie sind für die Spermienbildung und für die Schutzschranke zwischen Blut und Hodengewebe unverzichtbar [s19].
- **Leydig-Zellen** bilden schon beim Fetus das männliche Geschlechtshormon Testosteron und ein weiteres Hormon namens INSL3. Es spielt beim Abstieg des Hodens in den Hodensack eine Rolle [s160, s123, s168].
- **Keimzellen** sind die Vorläufer der Spermien [s97].

### Warum die Zahl der Sertoli-Zellen eine Rolle spielen könnte

Eine verbreitete Vorstellung lautet: Je mehr Sertoli-Zellen in der frühen Zeit angelegt werden, desto mehr Spermien kann der Hoden später bilden. Ein Fachautor unterscheidet zwei Wege. Einflüsse in der Zeit rund um die Geburt wirken demnach vor allem auf die Zahl der Sertoli-Zellen und sind wahrscheinlich nicht umkehrbar. Einflüsse im Erwachsenenalter wirken auf den laufenden Prozess der Spermienbildung und sind wahrscheinlich überwiegend umkehrbar [s180].

> **Wichtig:** Kein Beleg in der ausgewerteten Studienlage zählt beim Menschen nach, wie die Zahl der Sertoli-Zellen mit der späteren Spermienleistung zusammenhängt. Es ist ein Gedankenmodell der Übersichtsarbeiten, keine gemessene Tatsache [s180].

### Spuren am Gewebe

Als Hinweis auf einen Ursprung vor der Geburt führen Fachleute an, dass viele unfruchtbare Männer im Hodengewebe Zeichen einer gestörten Entwicklung tragen. Dazu gehören Hodenkanälchen, die nur Sertoli-Zellen enthalten, unreife Sertoli-Zellen, kleine Verkalkungen und Knoten aus Leydig-Zellen. Die schwersten Formen gehen auf Genveränderungen zurück. Mildere Formen könnten nach Einschätzung der Autoren durch Umwelt- und Lebensstilfaktoren ausgelöst werden [s152].

### Zeitfenster und Labordaten

Aus dem Labor stammen Hinweise, dass es Zeitfenster gibt, in denen der Hoden empfindlicher ist. Forschende haben fetales Hodengewebe aus der siebten bis siebzehnten Woche der Schwangerschaft im Labor mit verschiedenen Stoffen behandelt. Die Wirkung hing vom Alter des Gewebes ab: Ein Schmerzmittel hemmte die Testosteronbildung in Hoden der achten bis neunten Woche, nicht aber in jüngerem oder älterem Gewebe [s160, s123]. Die Autoren sprechen von einem schmalen „frühen Fenster“ [s123].

> **Merke:** Solche Laborversuche zeigen, was in Gewebeproben möglich ist. Sie zeigen nicht, was in einer Schwangerschaft tatsächlich geschieht. Bei einem Vergleich von Hodenkulturen von Ratte, Maus und Mensch war die Antwort nur in etwa einem Drittel der Fälle ähnlich. Die Autoren warnen davor, Tierdaten ungeprüft auf den Menschen zu übertragen [s149].

### Ein zweiter Weg: Ernährung, Plazenta und Wachstum

Neben dem direkten Weg „Stoff, Hoden, Hormon“ gibt es einen indirekten Weg. Ein Fachautor weist darauf hin, dass ungünstige Ernährung mit gestörtem Wachstum des Ungeborenen über die Plazenta zusammenhängen kann. Das könne zu Fehlentwicklungen beitragen. Studien zu Umweltstoffen seien deshalb von Ernährungseffekten verzerrt, und umgekehrt [s49]. Wenn ein Zusammenhang gefunden wird, ist also nicht immer klar, welcher Weg dahintersteckt.

### 2. Eine gemeinsame Wurzel: das Testikuläre Dysgenesie-Syndrom

### Ein Konzept aus dem Jahr 2001

Vier Auffälligkeiten wurden lange getrennt betrachtet, von Kinderärzten, Urologen, Andrologen und Krebsmedizinern:

- **Hodenhochstand** (Kryptorchismus): Ein oder beide Hoden liegen nicht im Hodensack.
- **Hypospadie:** eine angeborene Fehlbildung, bei der die Harnröhrenöffnung nicht an der Spitze des Penis liegt.
- **Hodenkrebs** im jungen Erwachsenenalter.
- **Geringe Spermienqualität.**

Im Jahr 2001 schlugen Skakkebaek, Rajpert-De Meyts und Main vor, dass diese vier Probleme Zeichen einer gemeinsamen Grundstörung sein könnten. Sie nannten sie **Testikuläres Dysgenesie-Syndrom (TDS)**. „Dysgenesie“ heißt: gestörte Entwicklung. Die Idee: Läuft die Entwicklung des Hodens im Mutterleib nicht ungestört, kann sich das je nach Ausprägung in einem oder mehreren dieser Punkte zeigen, bei der Geburt, im Kindesalter oder erst bei Erwachsenen [s204].

Eine Übersicht von 2016 baute das Konzept aus. Sie hielt es für möglich, dass ein TDS durch Genveränderungen entsteht, meist aber mit Umwelteinflüssen auf den Hoden des Ungeborenen zusammenhänge [s139]. Eine Übersicht von 2025 nennt als mögliche Faktoren Wachstumsstörungen in der Gebärmutter, Erkrankungen der Mutter wie Übergewicht oder Diabetes und Lebensstilfaktoren wie Rauchen. Zugleich betont sie, dass die genetische Veranlagung wichtig ist [s25].

### Warum der Hodenhochstand für die Forschung wichtig ist

Der Hodenhochstand gilt als einer der bekanntesten Risikofaktoren für niedrige Samenqualität und für Hodenkrebs [s168]. In einer westaustralischen Geburtskohorte hatten junge Männer, bei denen früher ein Hodenhochstand bestanden hatte, mit 20 bis 22 Jahren im Mittel ein kleineres Hodenvolumen und eine niedrigere Spermienkonzentration [s144]. Auch deshalb schauen Forschende auf Hodenhochstand und Hypospadie, wenn sie nach frühen Einflüssen fragen: Diese Merkmale sind schon bei Neugeborenen erkennbar, die Spermienqualität erst Jahrzehnte später.

> **Zum Arzt:** Wenn bei Ihnen, Ihrem Sohn oder einem Verwandten ein Hodenhochstand oder eine Fehlbildung bekannt ist oder war, sollte das ärztlich nachverfolgt werden. Das ist kein Grund zur Panik, aber eine gute Gelegenheit für eine Untersuchung [s204].

### Was das Konzept leistet und was nicht

> **Wichtig:** Das TDS ist ein Konzept auf Grundlage vorhandener Studien, keine eigene Messung. Es macht einen gemeinsamen Ursprung plausibel. Es beweist nicht, dass ein einzelner Umweltfaktor eine bestimmte Störung verursacht [s204].

Das Konzept ist auch nicht unumstritten. Drei Kritikpunkte sind belegt:

1. Eine Auswertung von 81 passenden Arbeiten fand, mit der möglichen Ausnahme von Hodenkrebs, keine starke Evidenz dafür, dass Östrogene vor der Geburt die Entwicklung der männlichen Fortpflanzungsorgane stören [s198].
2. Eine Metaanalyse zu hormonell wirksamen Chemikalien (33 Arbeiten) fand ein Gesamtrisiko von 1,11 (Konfidenzintervall 0,91 bis 1,35). Das ist ein Bereich, der die 1 einschließt, also keinen sicheren Unterschied belegt. Die Autoren sahen ein kleines erhöhtes Risiko durch einige langlebige Chemikalien als möglich, die Evidenz aber als begrenzt [s133].
3. Die Dosen, die bei Ratten die Hormonbildung stören, liegen weit über den Spiegeln, die bei Schwangeren gemessen werden, und Ernährung kann die Ergebnisse verzerren [s49].

Deshalb betrachtet dieser Ratgeber jeden Einfluss einzeln und mit den Zahlen der jeweiligen Studien.

### 3. Was gute Spermienqualität bedeutet und was die Grenzwerte sagen

### Die Messgrößen

Wenn in den Studien von „Spermienqualität“ die Rede ist, sind meist diese Größen gemeint:

| Messgröße | Was sie angibt |
|---|---|
| Ejakulatvolumen | Menge der Samenflüssigkeit in Millilitern |
| Spermienkonzentration | Spermien pro Milliliter, in Millionen angegeben |
| Gesamtspermienzahl | Alle Spermien in einem Erguss (Volumen mal Konzentration) |
| Beweglichkeit (Motilität) | Anteil der Spermien, die sich bewegen, meist der „progressiv“ beweglichen, also vorwärts schwimmenden |
| Vitalität | Anteil lebender Spermien |
| Morphologie | Anteil normal geformter Spermien; beurteilt werden Kopf, Mittelstück und Flagellum (der Geißelfaden, mit dem die Spermie schwimmt) |
| DNA-Fragmentierung | Anteil von Spermien mit geschädigtem Erbgut |

Die DNA-Fragmentierung wird meist mit einem Spezialtest bestimmt, der teuer und aufwendig ist. Sie spielt vor allem in neueren Studien eine Rolle [s12]. In manchen Studien kommen das Hodenvolumen und Hormonwerte im Blut hinzu. Das Hodenvolumen gilt als Maß für die Gesamtkapazität der Spermienbildung [s144].

### Die WHO-Referenzwerte

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt Werte an, mit denen Samenbefunde eingeordnet werden. Fast alle Studien nutzen die Werte der Auflage von 2010. Danach gelten als Untergrenzen unter anderem [s144, s106]:

- Ejakulatvolumen mindestens 1,5 Milliliter
- Gesamtzahl mindestens 39 Millionen
- Konzentration mindestens 15 Millionen pro Milliliter
- progressive Beweglichkeit mindestens 32 Prozent
- mindestens 4 Prozent normal geformte Spermien

Was bedeuten diese Zahlen wirklich? Sie sind das **5. Perzentil** einer Gruppe fruchtbarer Männer. Das heißt: Fünf von hundert Männern aus dieser fruchtbaren Vergleichsgruppe lagen darunter. Es ist keine Diagnosegrenze und keine Linie zwischen „fruchtbar“ und „unfruchtbar“ [s131, s106].

> **Wichtig:** Die neuere sechste Auflage von 2021 spricht nicht mehr von „Referenzgrenzen“, sondern von „Entscheidungsgrenzen“. Das 5. Perzentil sei nur eine Möglichkeit, Ergebnisse zu deuten, und reiche allein nicht aus, um männliche Unfruchtbarkeit festzustellen. Die Konzentrationsgrenze liegt dort bei 16 statt 15 Millionen pro Milliliter.

### Warum Zahlen allein wenig sagen

- **Die Fruchtbarkeit nimmt schon über der WHO-Grenze ab.** Nach Studien zur Zeit bis zur Schwangerschaft beginnt die Fruchtbarkeit zu sinken, wenn die Konzentration unter etwa 30 bis 55 Millionen pro Milliliter fällt, also deutlich über 15 [s131].
- **Junge Männer erfüllen die Kriterien oft nicht alle.** In der westaustralischen Raine-Kohorte (423 Männer, 20 bis 22 Jahre) erfüllten nur 14,4 Prozent alle WHO-Kriterien. Die Autoren sagen, solche Abweichungen seien zu erwarten, weil die Werte aus fruchtbaren, nicht aus bevölkerungstypischen Männern stammen [s144]. Bei Schweizer Rekruten erfüllten nur 38 Prozent alle drei geprüften Kriterien (Konzentration, Beweglichkeit, Form) [s106].
- **Eine Probe ist eine Momentaufnahme.** Meist wird nur eine Probe pro Mann untersucht [s119]. Die Zeit seit dem letzten Samenerguss verändert die Werte [s167], und Beweglichkeit und Form hängen davon ab, wer sie beurteilt [s69]. In der Raine-Kohorte lieferten 287 Männer eine zweite Probe, ohne systematischen Unterschied zur ersten [s144].

> **Beispiel:** Ein 22-jähriger Mann hat bei einer einzelnen Untersuchung eine Konzentration knapp unter 15 Millionen pro Milliliter. Das ist ein Hinweis, aber keine Diagnose. Ob eine Wiederholung, eine genauere Untersuchung oder gar nichts nötig ist, entscheidet eine urologische oder andrologische Praxis.

### Was Sie aus diesem Kapitel mitnehmen können

Der Hoden wird vor der Geburt angelegt. Das TDS-Konzept macht plausibel, dass Hodenhochstand, Hypospadie, Hodenkrebs und geringe Spermienqualität eine gemeinsame Wurzel haben können. Welche Einflüsse diese Entwicklung tatsächlich stören, ist damit nicht gesagt. Das klären die folgenden Kapitel, Einfluss für Einfluss. Die WHO-Werte helfen bei der Einordnung eines Befundes, ersetzen aber nicht das ärztliche Gespräch. Bei Sorgen oder offenem Kinderwunsch ist eine urologische oder andrologische Untersuchung der richtige Schritt, in die auch die Partnerin einbezogen wird [s31].

## Kapitel 2: Rauchen der Mutter in der Schwangerschaft

### 4. Was die Studien zu Spermienzahl und Beweglichkeit zeigen

Das Rauchen der Mutter in der Schwangerschaft ist der am häufigsten und am längsten untersuchte Einfluss. Das Thema ist heikel, deshalb vorab: Die Studien beschreiben Durchschnittswerte von Gruppen. Sie machen keine Vorwürfe, und sie sagen nichts über einen einzelnen Mann.

> **Wichtig:** Alle Studien in diesem Kapitel sind Beobachtungsstudien. Sie vergleichen Gruppen, ohne etwas zu verändern. Sie zeigen einen Zusammenhang, beweisen aber keine Ursache.

### Wie die Studien vorgingen

Die Forscherinnen und Forscher untersuchten erwachsene Söhne und fragten, ob ihre Mütter in der Schwangerschaft geraucht hatten. Dann verglichen sie Spermienwerte. Gemessen wurden vor allem:

- die **Spermienkonzentration** (Spermien pro Milliliter Samenflüssigkeit),
- die **Gesamtzahl** der Spermien in einer Probe,
- die **Beweglichkeit** (Anteil der Spermien, die sich bewegen),
- das **Hodenvolumen** (Größe der Hoden, gemessen in Millilitern).

Die frühen Studien fragten die Mütter Jahre später nach ihren Gewohnheiten. Spätere Studien nutzten Angaben, die schon in der Schwangerschaft gemacht wurden.

### Die ersten großen Studien

**Fünf europäische Länder (2004).** Jensen und Kollegen untersuchten 1.770 junge Männer. Männer, die im Mutterleib dem Rauchen ausgesetzt waren, hatten eine um 20,1 % niedrigere Spermienkonzentration (Unsicherheitsbereich 6,8 bis 33,5 %) und eine um 24,5 % niedrigere Gesamtzahl [s201]. Der Anteil beweglicher Spermien lag um 1,85 Prozentpunkte niedriger, das Hodenvolumen um 1,15 ml kleiner [s201]. Nur in Litauen zeigte sich nichts. Dort hatte aber nur 1 % der Mütter in der Schwangerschaft geraucht, die Vergleichsgruppe war also praktisch leer [s201].

> **Merke:** Der „Unsicherheitsbereich“ (Fachwort: Konfidenzintervall) gibt an, in welchem Bereich der wahre Wert mit großer Wahrscheinlichkeit liegt. Schließt er die Null ein, ist kein sicherer Unterschied nachgewiesen. Bei den Zahlen oben liegt die Null nicht im Bereich.

**Dänisches Zwillingsregister (2003).** Bei 265 Männern mit Angaben ihrer Mütter war die Spermiendichte bei Müttern mit mehr als 10 Zigaretten pro Tag um 48 % niedriger (Unsicherheitsbereich minus 69 bis minus 11 %). Bei 1 bis 10 Zigaretten pro Tag zeigte sich das nicht [s203].

**Vier dänische Berufsstudien (2005).** Hier lagen die Mittelwerte bei Söhnen nicht rauchender Mütter bei 65,0 Millionen pro Milliliter, bei Söhnen starker Raucherinnen bei 57,7 Millionen. Dieser Unterschied war statistisch nicht gesichert [s199]. Auffällig war nur das Risiko für eine sehr niedrige Konzentration (höchstens 20 Millionen pro Milliliter) in der Gruppe mit starkem Rauchen: Das Chancenverhältnis betrug 2,6 (Unsicherheitsbereich 1,2 bis 5,8) [s199]. Die Richtung passt zu den anderen Studien, der Befund ist aber schwächer [s199].

### Weitere Studien: eine bestätigend, eine ohne Zusammenhang

In Westaustralien (Raine-Kohorte, 423 Männer) lag die mittlere Spermienleistung bei den im Mutterleib exponierten Männern niedriger: 82,4 gegenüber 123,1 Millionen (Median, also der mittlere Wert der Gruppe; p = 0,029) [s135]. Die Studie nennt hier keine Unsicherheitsbereiche und nur einen kleinen Teil der Männer hatte alle Messungen [s135].

In einer kalifornischen Kohorte (196 Samenproben, Söhne 38 bis 47 Jahre alt) fand sich dagegen kein Zusammenhang zwischen dem Rauchen der Mutter und der Samenqualität [s171]. Die Angaben stammten aus den Jahren 1959 bis 1967, einer Zeit mit anderem Rauchverhalten als in Dänemark. Mögliche Gründe sind das höhere Alter der Söhne, die kleinere Zahl und die andere Zeit und Bevölkerung. Ein Beweis, dass es keinen Effekt gibt, ist das nicht [s171].

> **Beispiel:** Stellen Sie sich zwei Gruppen von je tausend Männern vor. In der Gruppe, deren Mütter geraucht haben, liegt der Durchschnitt bei der Spermienkonzentration etwas niedriger. Trotzdem gibt es in beiden Gruppen Männer mit sehr hohen und mit sehr niedrigen Werten. Wo ein einzelner Mann liegt, verrät der Durchschnitt nicht.

### 5. Je mehr geraucht wurde, desto größer der Unterschied

Wenn ein Einfluss echt ist, erwartet man oft: Mehr davon, größere Wirkung. Fachleute nennen das **Dosis-Wirkung**. Ein solches Muster macht einen Zusammenhang überzeugender, beweist ihn aber nicht.

### Die größte Studie: FEPOS

Die bislang größte Studie zu diesem Thema heißt FEPOS (eine dänische Kohorte, in der Söhne aus einer Schwangerschaftsstudie als junge Erwachsene untersucht wurden). Sie nutzte 984 Männer [s75]. Neu war: Das Rauchen der Mutter wurde nicht nur erfragt. Es wurde auch **Cotinin** im Blut der Schwangeren gemessen, ein Abbauprodukt von Nikotin, das objektiv zeigt, ob jemand dem Tabakrauch ausgesetzt war [s75].

Die Ergebnisse im Vergleich zu Söhnen von Nichtraucherinnen:

| Rauchen der Mutter | Spermienkonzentration | Gesamtzahl |
|---|---|---|
| bis 10 Zigaretten pro Tag | 19 % niedriger (minus 29 bis minus 6 %) | 24 % niedriger (minus 35 bis minus 11 %) |
| mehr als 10 Zigaretten pro Tag | 38 % niedriger (minus 52 bis minus 22 %) | 33 % niedriger (minus 51 bis minus 8 %) |

Quelle: [s75]. Bei starkem Rauchen war außerdem das follikelstimulierende Hormon (FSH, ein Hormon der Hirnanhangsdrüse, das den Hoden anregt) um 25 % höher [s75]. Auch Söhne, deren Mütter einen Cotinin-Wert über 10 ng/ml hatten, zeigten niedrigere Konzentration und Gesamtzahl [s75].

Das Muster deckt sich mit der älteren Zwillingsstudie, in der nur bei mehr als 10 Zigaretten pro Tag ein Effekt sichtbar war [s203]. Es passt auch zu den Berufsstudien, in denen nur die Gruppe mit starkem Rauchen auffiel [s199].

### Ein Rauchstopp in der Frühschwangerschaft

FEPOS prüfte auch, ob ein Rauchstopp vor der siebten Schwangerschaftswoche die Zusammenhänge abschwächt. Das war nicht der Fall: Die Werte der Söhne waren nicht besser [s75]. Dies betraf aber nur wenige Frauen mit frühem Rauchstopp. Die Studie sagt deshalb nichts über den Nutzen eines Rauchstopps und ist keine Aussage über einzelne Frauen [s75].

> **Merke:** Diese Zahl ist kein Vorwurf. Sie zeigt nur, dass die Forschenden bei dieser kleinen Gruppe keinen Unterschied fanden.

### Wie sicher ist das?

Die Gesamtstudie stuft die Gewissheit als **mittel** ein, am oberen Ende der Skala dieses Themas, aber nicht als hoch. Dafür sprechen mindestens sechs unabhängige Datensätze mit gleicher Richtung, das Dosis-Muster und der gemessene Cotinin-Wert. Dagegen sprechen:

- **niedrige Teilnahmequoten**: In den großen Studien nahmen nur 13 bis 19 % der eingeladenen Männer teil [s201, s75]. Wer teilnimmt, ist nicht unbedingt typisch für alle.
- **Restkonfundierung**: Rauchende Mütter unterscheiden sich oft auch in anderem, etwa im Sozialstatus. Solche Nebeneinflüsse lassen sich nie ganz ausschalten.
- die **Null-Studie aus Kalifornien** [s171],
- die **einmalige Samenprobe** pro Mann in vielen Studien; eine einzelne Probe schwankt [s75].

Eine eigene Prüfung der FEPOS-Daten ergab, dass die Teilnahmequote die Ergebnisse vermutlich nur wenig verzerrt: Der Zusammenhang mit der Gesamtzahl (minus 21 %, Unsicherheitsbereich minus 32 bis minus 9 %) blieb in Modellrechnungen mit unterschiedlichen Annahmen ähnlich [s59]. Das beseitigt das Grundproblem freiwilliger Teilnahme aber nicht [s59].

### 6. Hodenhochstand, Hodenkrebs und Fruchtbarkeit

Spermienwerte sind Laborwerte. Viele Leser fragen: Was heißt das für Krankheiten und für die tatsächliche Fruchtbarkeit? Hier ist das Bild gemischter.

### Hodenhochstand

Beim **Hodenhochstand** (Kryptorchismus) liegt ein Hoden bei der Geburt nicht im Hodensack, sondern weiter oben. Er gilt als möglicher Hinweis auf eine gestörte Hodenentwicklung im Mutterleib (siehe Kapitel 1). Zwei Metaanalysen (Auswertungen vieler Studien zusammen) fanden einen kleinen Zusammenhang mit dem Rauchen der Mutter:

- 20 Studien mit 111.712 Säuglingen: Chancenverhältnis 1,18 (Unsicherheitsbereich 1,12 bis 1,24) [s109],
- 32 Arbeiten: Chancenverhältnis 1,17 (Unsicherheitsbereich 1,11 bis 1,23) [s147].

Ein Chancenverhältnis von 1,18 bedeutet: Die Chance auf einen Hodenhochstand ist um 18 % erhöht. Das ist ein kleiner Effekt. Bei der ersten Auswertung waren die Zahlen außerdem nicht um Nebeneinflüsse bereinigt [s109]. Eine große dänische Auswertung mit 85.923 Müttern und Söhnen fand das höchste Risiko bei 10 bis 14 Zigaretten pro Tag (Hazard Ratio, ein Risikomaß, von 1,37) [s113]. Die Gesamtstudie bewertet die Gewissheit für diesen kleinen, aber gleichbleibenden Effekt als mittel.

Eine große US-Auswertung mit mehr als 12 Millionen Geburten fand beim Rauchen vor oder in der Schwangerschaft auch ein höheres Risiko für mehrere Fehlbildungen, darunter die Hypospadie. Das ist eine angeborene Fehlbildung, bei der die Harnröhrenöffnung nicht an der Penisspitze liegt [s85]. Samenqualität wurde dort nicht untersucht [s85].

### Hodenkrebs

Bei Hodenkrebs zeigte sich kein Zusammenhang. Eine Metaanalyse mit zehn Arbeiten ergab ein Risiko von 1,00 (Unsicherheitsbereich 0,88 bis 1,15), das heißt: kein Unterschied [s53]. Eine zweite Auswertung kam auf ebenfalls 1,0 [s184]. In einer Studie mit gemessenem Cotinin waren es nur 70 Fälle, das ist wenig [s184]. Hodenkrebs ist ein anderer Endpunkt als die Spermienzahl. Dass hier nichts gefunden wurde, widerspricht den Spermienbefunden nicht [s184].

### Unfruchtbarkeit und die Zeit bis zur Schwangerschaft

Spermienwerte sind nur ein Stellvertreter. Wichtiger ist für ein Paar, ob es zu einer Schwangerschaft kommt. Hier ist die Lage dünn:

- Eine dänische Studie mit 430 Paaren fand bei Männern, die im Mutterleib dem Rauchen ausgesetzt waren, eine etwas geringere Chance pro Zyklus, schwanger zu werden (0,68; Unsicherheitsbereich 0,48 bis 0,97). Das ist ein knappes Einzelergebnis [s209].
- Eine neuere dänische Kohorte (11.144 Kinder, Nachbeobachtung bis 35 bis 38 Jahre) fand bei Söhnen bis 26 Jahre nur eine Tendenz zu mehr Unfruchtbarkeitsdiagnosen (Hazard Ratio 1,7; Unsicherheitsbereich 0,8 bis 3,5), bei Söhnen über 26 Jahren nichts. Die Autoren sehen keinen robusten Beleg, schließen ein kleines unsicheres Risiko aber nicht aus [s15].

Die Gewissheit ist für Unfruchtbarkeit und die Zeit bis zur Schwangerschaft niedrig. Ein niedrigerer Laborwert muss also nicht heißen, dass ein Mann nicht Vater werden kann.

### Warum sinkt die Spermienzahl nicht, wenn weniger geraucht wird?

In Kopenhagen wurden von 1996 bis 2016 insgesamt 6.386 junge Männer untersucht. Der Anteil der Männer, deren Mütter in der Schwangerschaft geraucht hatten, sank von 40 auf 18 %. Die durchschnittliche Spermienzahl stieg trotzdem nicht, und 35 % der Männer hatten über den ganzen Zeitraum eine niedrige Samenqualität [s119]. Mütterliches Rauchen war in dieser Studie mit niedrigeren Spermienzahlen verbunden [s119]. Die Autoren folgern daraus, dass andere, unbekannte Faktoren das Niveau aufrechterhalten könnten [s119].

> **Merke:** Rauchen kann einen messbaren Teil der Unterschiede zwischen einzelnen Männern erklären, aber nicht das Niveau der Spermienqualität in einer ganzen Bevölkerung [s119]. Es gibt keine Studie, die prüft, ob ein geänderter Konsum der Mutter die Spermien des Sohnes verändert.

> **Zum Arzt:** Wenn Sie wissen, dass Ihre Mutter in der Schwangerschaft geraucht hat, und Sie sich sorgen oder ein Kinderwunsch offen ist, hilft eine Samenuntersuchung in einer urologischen oder andrologischen Praxis. Sie zeigt Ihre tatsächlichen Werte. Der Durchschnitt aus den Studien sagt dazu nichts.

### Das Wichtigste in Kürze

- Mehrere Studien fanden bei erwachsenen Söhnen rauchender Mütter im Durchschnitt niedrigere Spermienwerte, bei starkem Rauchen deutlicher [s201, s75].
- Das ist ein Zusammenhang und kein Beweis. Die Gewissheit ist mittel, nicht hoch.
- Eine Studie aus Kalifornien bestätigte den Zusammenhang nicht [s171].
- Beim Hodenhochstand ist der Effekt klein, bei Hodenkrebs gibt es keinen Zusammenhang [s109, s53].
- Schuld ergibt sich daraus für niemanden.

## Kapitel 3: Alkohol, Kaffee und Paracetamol in der Schwangerschaft

### 7. Alkohol der Mutter

Alkohol, Kaffee und Schmerzmittel gehören für viele Schwangere zum Alltag oder zu den Dingen, über die sie sich Gedanken machen. Dieses Kapitel zeigt, was die Forschung dazu im Hinblick auf die Spermien der späteren erwachsenen Söhne herausgefunden hat. Vorweg die wichtigste Einordnung: Die Ergebnisse sind hier schwächer und uneinheitlicher als beim Rauchen (siehe Kapitel 2). Die Gesamtstudie stuft die Gewissheit für diese Einflüsse als niedrig bis sehr niedrig ein.

> **Wichtig:** Dieses Kapitel gibt keine Trink-, Einnahme- oder Dosierungsempfehlung. Es beschreibt nur, was Studien über die Spermienwerte erwachsener Söhne gefunden haben. Fragen zu Ihrer eigenen Schwangerschaft gehören zu Ihrer Frauenärztin, Ihrem Frauenarzt oder Ihrer Hebamme.

### Die ältere Studie aus Aarhus

In der dänischen Stadt Aarhus wurden Frauen schon in den Jahren 1984 bis 1987 in der Schwangerschaft zu ihren Trinkgewohnheiten befragt. Gut 20 Jahre später untersuchten Forschende 347 ihrer Söhne [s179]. Die Mütter hatten ihre Angaben damals selbst gemacht. Das ist ein Vorteil, denn so musste sich niemand Jahrzehnte später erinnern.

Das Ergebnis: Söhne von Müttern, die mindestens 4,5 Getränke pro Woche angegeben hatten, hatten im Mittel eine Spermienkonzentration von 40 Millionen pro Milliliter. Bei Söhnen von Müttern mit weniger als einem Getränk pro Woche waren es 59 Millionen pro Milliliter. Das sind etwa 32 % weniger [s179]. (Die Konzentration ist die Zahl der Spermien in einem Milliliter Samenflüssigkeit.)

Der Befund hat aber Grenzen:

- **Der Verlauf war nicht gleichmäßig.** Die höchsten Werte hatten nicht die Söhne von Müttern ohne Alkohol, sondern die mit 1,0 bis 1,5 Getränken pro Woche. Bei einer echten Dosis-Wirkung, also dem Muster „je mehr, desto größer der Unterschied“, würde man etwas anderes erwarten [s179].
- **Die Unsicherheitsbereiche überlappen.** Die Bereiche, in denen die wahren Werte mit großer Wahrscheinlichkeit liegen (Konfidenzintervalle), reichten von 25 bis 60 und von 44 bis 77 Millionen pro Milliliter. Sie überschneiden sich deutlich.
- **Andere Werte waren unauffällig.** Für die Beweglichkeit, die Form der Spermien und alle gemessenen Hormone, auch Testosteron, fand sich kein Zusammenhang [s179].
- **Die Gruppe war klein.** Es waren 347 Männer, und die Zahl der Mütter mit hohem Konsum war gering.
- **Selbstangaben sind anfällig.** Alkohol in der Schwangerschaft wird erfahrungsgemäß eher zu niedrig angegeben [s113].

Die Autorinnen und Autoren vermuten einen möglichen bleibenden Schaden an den Sertoli-Zellen. Das sind die Stützzellen im Hoden, die die Spermienbildung unterstützen. Das ist eine Hypothese, keine Messung [s179].

### Die größere Studie FEPOS

FEPOS ist eine dänische Studie, in der 1.058 junge Männer, geboren 1998 bis 2000, Blut und Samen abgaben. Ihre Mütter hatten etwa in der 17. Schwangerschaftswoche selbst angegeben, wie viel sie getrunken hatten und ob es Abende mit mindestens fünf Getränken gegeben hatte [s68].

Hier zeigten sich bei mehr als 3 Getränken pro Woche oder mindestens drei solchen Abenden kleine Tendenzen zu schlechteren Samenwerten und einem veränderten Hormonprofil. Die Autoren beschreiben die Unterschiede aber als klein und uneinheitlich, ohne Hinweis auf eine Dosis-Wirkung [s68]. Die Studie konnte den Aarhus-Befund also nicht bestätigen. Widerlegen konnte sie ihn auch nicht: Es gab zu wenige Mütter mit hohem Konsum, deshalb lässt sich ein Effekt oberhalb von 4,5 Getränken pro Woche nicht ausschließen [s68]. Die Teilnahmequote lag bei 19 % [s98]. Das heißt: Vier von fünf Angefragten machten nicht mit.

### Kalifornien und die Übersicht

In einer kalifornischen Kohorte mit 196 Männern, die bei der Untersuchung 38 bis 47 Jahre alt waren, fand sich kein Zusammenhang zwischen dem Alkohol der Mutter und der Spermienqualität [s171]. Eine systematische Übersicht zu Alkohol vor der Geburt fasste 23 Studien zusammen, davon nur 5 am Menschen und 18 an Tieren. Bei männlichen Nachkommen beschreibt sie Veränderungen etwa beim Testosteron und niedrigere Konzentration und Ejakulatvolumen, bei sehr unterschiedlicher Qualität der Berichte und wenigen Studien am Menschen [s103].

> **Merke:** Für Alkohol gibt es einen einzelnen Hinweis aus einer älteren, kleineren Studie, den die größere Folgestudie nicht bestätigt hat. Ein sicherer Grenzwert lässt sich aus den Daten weder ableiten noch ausschließen. Das bedeutet weder Entwarnung noch Warnung, sondern: Die Datenlage reicht nicht für eine klare Aussage.

### 8. Kaffee und Koffein

Auch zu Kaffee gibt es nur wenige Studien, und sie sind nicht einheitlich. Die Gewissheit der Gesamtstudie ist niedrig.

### Was gemessen wurde

- **Aarhus 2008 (343 Männer):** Mit steigendem Kaffeekonsum der Mutter zeigte sich eine Tendenz zu weniger Ejakulatvolumen und etwas niedrigerem Testosteron. Die Werte lagen aber knapp an der Grenze dessen, was man als gesicherten Unterschied wertet (p = 0,06; zur Erklärung: Je kleiner dieser p-Wert, desto weniger passt ein reiner Zufall). Söhne von Müttern mit 4 bis 7 Tassen pro Tag hatten niedrigere Testosteronwerte als Söhne von Müttern mit 0 bis 3 Tassen [s186].
- **Kalifornien 2011 (196 Männer):** Bei 5 Tassen pro Tag lag die Konzentration um etwa 16 Millionen niedriger (etwa 25 %; Trend p = 0,09). Auch die Beweglichkeit und der Anteil normal geformter Spermien waren niedriger [s171]. Der heutige Konsum der Söhne an Kaffee, Alkohol und Zigaretten erklärte diese Zusammenhänge nicht [s171].
- **FEPOS 2024 (1.058 Männer):** Söhne von Müttern, die Kaffee getrunken hatten, hatten im Vergleich zu denen ohne Kaffee ein um 7,0 % kleineres Ejakulatvolumen und ein um 4,8 % kleineres Hodenvolumen. Der Anteil normal geformter Spermien war um 8,3 % niedriger, hier schloss der Unsicherheitsbereich allerdings die Null ein. Es gab keine Dosis-Wirkung, keine Schwellenwerte und keine Zusammenhänge mit Hormonen [s46].

Auffällig ist ein Muster, das Fachleute auch bei anderen Einflüssen kennen: Die kleinere Studie aus Kalifornien fand die größten Unterschiede, die größte Studie aus Dänemark die kleinsten [s171, s46]. Die Autoren von FEPOS fordern Studien mit größerem Unterschied zwischen den Gruppen, also mit mehr Frauen, die sehr viel oder gar keinen Kaffee tranken [s46].

### Süßstoffgetränke

In FEPOS wurde auch nach Light-Getränken gefragt. Bei mindestens einem solchen Getränk pro Tag war der Anteil von Spermien mit unreifem Chromatin um 18,1 % höher. (Chromatin ist das verpackte Erbgut im Spermienkopf.) Die Autoren bewerten das selbst als unsicher [s08].

### Der Mausversuch

Bei Mäusen wurden trächtigen Tieren täglich 20 Milligramm Koffein pro Kilogramm Körpergewicht unter die Haut gespritzt. Das Serumtestosteron der erwachsenen männlichen Nachkommen lag danach um 90 % niedriger [s148]. Dieser Versuch lässt sich nicht auf Kaffeetrinken übertragen. Die Dosis wurde auf einmal gespritzt und nicht über Nahrung aufgenommen, und Spermienwerte wurden nicht gemessen [s148].

> **Merke:** Die Studien zu Kaffee zeigen eher kleine, uneinheitliche Unterschiede ohne klares Dosis-Muster. Die Autoren der größten Studie sehen keinen eindeutigen Hinweis auf eine Beeinträchtigung [s46].

### 9. Paracetamol und andere Schmerzmittel

Paracetamol ist ein Wirkstoff gegen Schmerzen und Fieber. Er ist in der Schwangerschaft weit verbreitet: In einer dänischen Untersuchung nahmen 65 % der Schwangeren irgendwann Paracetamol [s23]. Deshalb ist die Frage verständlich, ob das für die Söhne eine Rolle spielt. Die Gewissheit der Gesamtstudie ist für die Spermienqualität erwachsener Söhne sehr niedrig. Das heißt: Es gibt keinen gesicherten Effekt, aber auch keinen Beweis, dass es keinen gibt.

> **Wichtig:** Setzen Sie Medikamente nie auf eigene Faust ab und beginnen Sie keine neuen auf Grundlage dieses Textes. Auch ein unbehandeltes Fieber oder starke Schmerzen sind in der Schwangerschaft ein Thema für die ärztliche Beratung. Ob und was Sie einnehmen, besprechen Sie mit Ihrer Frauenärztin, Ihrem Frauenarzt oder Ihrer Hebamme.

### Direkte Daten: die Spermien erwachsener Söhne

Die wichtigste Studie ist wieder FEPOS. Von 1.058 jungen Männern waren 547 (48 %) vor der Geburt Paracetamol ausgesetzt gewesen. Weder im Vergleich „ja oder nein" noch nach dem Schwangerschaftsdrittel, in dem die Mutter es genommen hatte, zeigte sich ein Zusammenhang mit einem Messwert [s47].

Nur bei einer Einnahmedauer von mehr als 9 Wochen gab es Tendenzen: Die Konzentration war um 14 % niedriger, der Anteil nicht fortschreitend beweglicher und unbeweglicher Spermien um 8 % höher, die DNA-Fragmentierung (also Brüche im Erbgut der Spermien) um 16 % höher. Alle diese Unsicherheitsbereiche schließen die Null ein [s47]. Das bedeutet: Es kann Zufall sein. Die Autoren können einen Effekt längerer Einnahme nicht ausschließen [s47].

### Der Anogenitalabstand

Weil Spermienwerte erst im Erwachsenenalter messbar sind, nutzen Studien einen Stellvertreter. Der Anogenitalabstand ist die Strecke zwischen After und Genitalien bei Neugeborenen. Er gilt als Maß dafür, wie stark männliche Hormone während der frühen Entwicklung gewirkt haben [s129, s134]. Ein Stellvertreter ist aber nicht die Spermienqualität selbst.

- In einer britischen Kohorte mit 676 Jungen war eine Einnahme in den Schwangerschaftswochen 8 bis 14 mit einem etwas kürzeren Abstand verbunden (0,27 Standardabweichungen) [s134].
- In der dänischen Odense-Kohorte (1.027 Mutter-Kind-Paare) war der Abstand bei Jungen kürzer, deren Mütter leichte Schmerzmittel genommen hatten. Das war vor allem bei den NSAR so, einer Gruppe von Schmerzmitteln wie Ibuprofen. Bei den 20 Jungen, die Paracetamol und NSAR gemeinsam ausgesetzt waren, betrug die Verkürzung 4,1 Millimeter. Diese Gruppe ist sehr klein [s129].
- Eine weitere Odenser Auswertung mit 931 Kindern fand bei Jungen keinen signifikanten Unterschied, bei Mädchen dagegen schon [s23]. Das passt nicht gut zur Vorstellung einer rein männerspezifischen Wirkung und bleibt in der Gesamtstudie ein ungelöster Widerspruch.

### Hodenhochstand und Hypospadie

Zwei Metaanalysen haben viele Studien zusammengefasst. Eine Metaanalyse fasst mehrere Studien rechnerisch zu einem gemeinsamen Ergebnis zusammen.

- Für leichte Schmerzmittel allgemein und Hodenhochstand (Kryptorchismus: ein Hoden liegt nicht im Hodensack) ergab sich ein Verhältnis von 1,11 (Unsicherheitsbereich 1,00 bis 1,23). Die Autoren halten Fehler bei der Erfassung der Einnahme für eine wahrscheinlich wichtige Fehlerquelle [s126].
- Die neuere Metaanalyse (2026) fand für Paracetamol ein bereinigtes Verhältnis von 1,02 für Hodenhochstand (0,78 bis 1,35) und 1,02 für Hypospadie (0,89 bis 1,17). Hypospadie ist eine angeborene Fehlbildung, bei der die Harnröhre nicht an der Penisspitze mündet. Ein Verhältnis von 1 bedeutet: kein Unterschied. Die Autoren bewerten die Gewissheit als niedrig bis sehr niedrig [s05].

### Gewebe- und Tierdaten

An menschlichem fetalem Hodengewebe, das auf Mäuse übertragen wurde, senkte eine siebentägige Gabe von Paracetamol in üblicher Dosis das Testosteron im Blut um 45 %. Eine eintägige Gabe hatte keine Wirkung [s146]. In Kulturen menschlicher fetaler Hoden senkten Paracetamol und ein Abbauprodukt das Hormon INSL3 [s160]. Solche Befunde machen eine Wirkung biologisch denkbar. Sie sagen aber nichts darüber, ob erwachsene Söhne tatsächlich weniger Spermien haben. Diese Daten stützen die Plausibilität, mehr nicht [s146].

### Warum die Lage so schwer zu deuten ist

Wer Paracetamol nimmt, hat meist einen Grund: Schmerzen, Fieber, eine Infektion. Diese Gründe könnten für sich genommen mit dem Ergebnis zusammenhängen. Fachleute nennen das Confounding by indication (Störgröße durch die Erkrankung, wegen der das Mittel genommen wurde). Man kann dann nicht trennen, ob das Mittel oder der Anlass etwas bewirkt hat.

> **Beispiel:** Zwei Frauen hatten in der Schwangerschaft eine Grippe mit Fieber. Eine nahm Paracetamol, die andere nicht. Wenn ihre Söhne später verschiedene Werte haben, kann es am Mittel liegen, am Fieber oder an etwas Drittem. Die Studien können das nur begrenzt auseinanderhalten.

Mütterliches Fieber allein zeigte in FEPOS (986 Söhne) keine starken Zusammenhänge mit Samenqualität, Hodenvolumen oder Hormonen [s56]. Das relativiert die Sorge, ein scheinbarer Paracetamoleffekt gehe nur auf das Fieber zurück, es ersetzt aber keine saubere Berücksichtigung des Anlasses.

> **Zum Arzt:** Wenn Sie schwanger sind und Fragen zu Schmerzmitteln haben, sprechen Sie mit Ihrer Frauenärztin, Ihrem Frauenarzt oder Ihrer Hebamme. Die Studien in diesem Kapitel sind kein Ersatz für diese Beratung.

### 10. Ibuprofen, Hormone und was daraus nicht folgt

Ibuprofen gehört zu den NSAR, den nichtsteroidalen Antirheumatika. Zu ihm gibt es eine Studie, die besonders oft zitiert wird, die aber leicht missverstanden wird.

### Ein Versuch an erwachsenen Männern

Dänische Forschende gaben in einem randomisierten Versuch 14 gesunden jungen Männern über sechs Wochen täglich zweimal 600 Milligramm Ibuprofen, 17 Männer bekamen Placebos, also Tabletten ohne Wirkstoff [s114]. (Randomisiert heißt: Das Los entscheidet, wer was bekommt. Das ist die stärkste Form der Studie.) Unter Ibuprofen stieg das Hormon LH, das den Hoden zur Testosteronbildung anregt, nach 14 Tagen um 23 % und nach 44 Tagen um 33 %. Das Gesamttestosteron veränderte sich nicht signifikant. Das Verhältnis von freiem Testosteron zu LH sank. Die Autoren sprechen von einem „kompensierten Hypogonadismus": Der Körper braucht mehr Anregung, um die gleiche Testosteronmenge zu erzeugen [s114].

In Hodengewebe erwachsener Spender senkte Ibuprofen die Testosteronbildung dosisabhängig [s114].

### Was daraus nicht folgt

- **Es betrifft erwachsene Männer, nicht Föten.** Die Studie untersuchte keine Schwangerschaft und keine Söhne [s114].
- **Es sind Hormonwerte, keine Spermienwerte.** Eine Samenanalyse wurde nicht gemacht, ebenso wenig wurde untersucht, ob sich die Werte nach dem Absetzen zurückbilden [s114].
- **Die Studie ist klein.** Es waren 14 und 16 bis 17 Männer, und die Hormonauswertung war nicht das Hauptziel des Projekts [s114].
- **Die Dosis war hoch und die Gabe lang.** Der Befund gilt für 1.200 Milligramm pro Tag über Wochen [s114].
- **Ein enges Zeitfenster.** In Kulturen menschlicher fetaler Hoden wirkte Ibuprofen nur in einem engen Fenster um die Wochen 8 bis 9 [s123]. Das ist ein Laborbefund und keine Aussage über Schwangere.

Die Studie zeigt, dass Ibuprofen unter bestimmten Bedingungen auf die Hormonachse des erwachsenen Hodens wirken kann. Sie zeigt nicht, dass eine Einnahme in der Schwangerschaft die Spermien eines Sohnes beeinträchtigt. Dazu gibt es keine Studie mit Samenanalysen [s114].

> **Merke:** Keine Studie hat geprüft, ob sich die Spermienwerte eines Sohnes ändern, wenn die Mutter in der Schwangerschaft anders gehandelt hätte. Solche Versuche sind aus ethischen Gründen auch nicht zu erwarten.

### Was bleibt

Für Alkohol, Kaffee, Paracetamol und Ibuprofen gilt:

| Einfluss | Was die Studien zeigen | Gewissheit |
|---|---|---|
| Alkohol | Ein Konzentrationsunterschied in einer älteren Studie, nicht gleichmäßig; große Folgestudie nur kleine, uneinheitliche Tendenzen [s179, s68] | niedrig |
| Kaffee | Kleine, uneinheitliche Unterschiede, keine Dosis-Wirkung in der größten Studie [s171, s186, s46] | niedrig |
| Paracetamol | Kein gesicherter Effekt auf Spermien erwachsener Söhne [s47]; Hodenhochstand und Hypospadie ohne klaren Zusammenhang [s05] | sehr niedrig |
| Ibuprofen | Hormonverschiebung bei erwachsenen Männern, keine Daten zu Söhnen [s114] | nicht eingestuft |

Die Studien zeigen Zusammenhänge im Durchschnitt von Gruppen, aber keine bewiesenen Ursachen. Aus ihnen lässt sich weder für Sie noch für Ihren Sohn etwas vorhersagen, und ein Vorwurf an eine Mutter lässt sich nicht ableiten. Wenn Sie sich als Mann mit Kinderwunsch Sorgen um Ihre Werte machen, kann eine Samenuntersuchung in einer urologischen oder andrologischen Praxis Klarheit schaffen, denn sie misst, was bei Ihnen tatsächlich vorliegt.

## Kapitel 4: Umweltstoffe: PFAS, Weichmacher und Dioxin

### 11. PFAS: die langlebigen Chemikalien

Manche Stoffe aus Industrie und Alltag können im Körper Hormone nachahmen oder stören. Fachleute nennen sie hormonell wirksame Stoffe (auch endokrine Disruptoren). Weil der Hoden schon im Mutterleib angelegt wird, fragen Forschende, ob solche Stoffe diese Entwicklung stören könnten. Dieses Kapitel stellt drei Stoffgruppen vor: PFAS, Weichmacher (Phthalate) samt Bisphenol A und Dioxine. Vorab die ehrliche Bilanz: Beim Menschen gibt es dazu nur wenige und meist kleine Studien mit gemischten Ergebnissen. Die Gewissheit ist niedrig bis sehr niedrig.

### Was sind PFAS?

PFAS (per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen) sind langlebige Industriechemikalien. Sie weisen Wasser, Schmutz und Fett ab. Sie lassen sich weltweit im Menschen nachweisen und gehen im Mutterleib über die Plazenta (den Mutterkuchen) auf das Kind über. Deshalb besteht die Sorge, dass sie die Entwicklung des Hodens stören könnten [s164]. Die bekanntesten Vertreter heißen PFOA und PFOS.

> **Merke:** Die Sorge beruht auf Plausibilität. Ob PFAS die Spermienqualität tatsächlich verschlechtern, ist damit noch nicht gezeigt.

### Was die Studien gefunden haben

Zur Spermienqualität erwachsener Söhne liegen zwei dänische Kohortenstudien vor. Eine Kohortenstudie begleitet eine Gruppe von Menschen über die Zeit. Hier wurden die Stoffe im Blut der Mütter gemessen, und Jahre später wurden die erwachsenen Söhne untersucht.

**Aarhus (169 Söhne, 19 bis 21 Jahre).** Gemessen wurde im mütterlichen Blut in der 30. Schwangerschaftswoche. Für PFOA zeigten sich eine niedrigere Spermienkonzentration (Trendtest p = 0,01) und eine niedrigere Gesamtzahl (p = 0,001). Beim Vergleich der höchsten mit der niedrigsten Gruppe lag der Unterschied bei etwa 34 Prozent. Die Unsicherheitsbereiche (Konfidenzintervalle) schlossen aber die Null ein, der Befund ist also nicht sicher von Zufall zu trennen. PFOS war mit keinem Ergebnis verbunden [s164]. Nur 37,6 Prozent der angefragten Söhne nahmen teil [s164].

**FEPOS (864 Männer).** FEPOS ist eine dänische Studie an jungen Männern, deren Mütter in der Schwangerschaft Blut abgegeben hatten. Sieben PFAS wurden zu einem gemeinsamen Index zusammengefasst. Je Einheit dieses Index war die Konzentration um 8 Prozent niedriger (Unsicherheitsbereich minus 16 bis minus 1 Prozent) und die Gesamtzahl um 10 Prozent (minus 17 bis minus 2 Prozent). Der Anteil nicht fortschreitend beweglicher und unbeweglicher Spermien war um 5 Prozent höher [s74]. Hodenvolumen und Hormone waren unauffällig [s74].

> **Wichtig:** Die Effekte sind klein. Die Autoren räumen ein, dass der starke Beitrag eines einzelnen Stoffes (PFHpA) bei niedrigen Konzentrationen zumindest teilweise Zufall sein kann. Sie fordern eine Bestätigung in anderen Gruppen [s74]. Die Teilnahme lag bei 19 Prozent [s74].

### Wenn mehrere Stoffe zusammen betrachtet werden

Eine weitere FEPOS-Auswertung (841 Männer) betrachtete PFAS, Phthalate und Triclosan gemeinsam. Je Anstieg aller Stoffe um eine Stufe (ein Quartil) waren die Konzentration um 4,0 Millionen pro Milliliter und die Gesamtzahl um 16,1 Millionen niedriger. Alle Unsicherheitsbereiche schlossen die Null ein. Die Autoren halten auch Nullbefunde für vereinbar mit ihren Ergebnissen. Falls es einen Zusammenhang gibt, scheine er von den PFAS auszugehen [s09].

### Und die heutige Belastung der Männer selbst?

Zwei Studien untersuchten die aktuelle Belastung erwachsener Männer: 1.041 Männer aus FEPOS und 263 Männer von den Färöer-Inseln. Sie fanden keine konsistenten Zusammenhänge mit der Spermienqualität [s82, s118]. Das passt zu der Vermutung, dass der Zeitpunkt der Belastung eine Rolle spielen könnte. Die Studien schließen aber nicht aus, dass Messfehler, Teilnahme oder Zufall den Unterschied erklären [s82].

### Weitere Hinweise, die nur am Rand zählen

Bei 96 Männern von den Färöer-Inseln waren Organochlor-Verbindungen im Nabelschnurblut und Serum mit mehr Spermien mit Chromosomenabweichungen verbunden. Die Gruppe ist für eine Bestätigung zu klein [s13]. Zu Hodenkrebs (103 Fälle, 446 Kontrollen) zeigte sich kein signifikanter Zusammenhang einzelner PFAS-Stoffe [s37].

> **Merke:** Zwei dänische Kohorten zeigen dieselbe Richtung, benennen aber unterschiedliche Stoffe als Hauptbeteiligte (PFOA in Aarhus, PFHpA in FEPOS). Daraus lässt sich weder eine Ursache noch eine Handlungsempfehlung ableiten [s164, s74].

### 12. Weichmacher und Bisphenol A

### Worum es geht

Phthalate (Weichmacher) und Bisphenol A (BPA) sind weitere hormonell wirksame Stoffe. In den Studien werden sie über ihre Abbauprodukte (Metaboliten) im Blut oder Urin der Mutter erfasst. Ein wichtiger Punkt: Diese Stoffe bauen sich im Körper rasch ab. Eine einzelne Probe zeigt deshalb nur einen Augenblick der Belastung [s60, s141]. Mehr als das, was die Studien gemessen haben, beschreibt die Gesamtstudie zu diesen Stoffen nicht.

### Was kleine Studien gezeigt haben

Alle Studien sind klein. Sie untersuchten zwischen 100 und 705 Männer.

- **Malmö (112 Söhne).** Im obersten Drittel eines Abbauprodukts des Weichmachers DiNP war das Gesamthodenvolumen um 4,3 ml kleiner, das Hormon FSH um 30 Prozent höher und das Ejakulatvolumen um 0,87 ml niedriger. Für einen DEHP-Abbauwert war das Ejakulatvolumen um 0,70 ml niedriger. Die Spermienkonzentration war nicht betroffen [s141]. Es wurden viele Werte verglichen; eine Korrektur dafür ist nicht angegeben [s141].
- **Kopenhagen, Phthalate (100 Männer, 34 Abbauprodukte).** Am ehesten fiel ein höheres Hormon LH bei unverändertem Testosteron auf. LH ist das Signal der Hirnanhangdrüse an den Hoden. Nach Korrektur für Mehrfachtests blieb nichts signifikant. Die Autoren nennen die Studie explorativ, also erkundend [s60].
- **Kopenhagen, BPA (101 Männer).** Höheres BPA ging mit höherem LH einher. Mit der Samenqualität gab es keinen Zusammenhang [s76].
- **Raine, Australien (705 Männer, davon 136 mit Samenprobe und mütterlichem Blut).** Mehr mütterliches BPA war entgegen der Erwartung schwach mit höherer Konzentration und Beweglichkeit verbunden (r = 0,18; p = 0,04) [s111].

> **Merke:** Die Studien zeigen überwiegend Verschiebungen bei Hormonen, die der Körper offenbar ausgleicht. Kein Befund zur Spermienqualität ist belastbar. Die Richtung wechselt sogar (BPA in Raine). Das spricht dafür, dass kleine Studien auch zufällig in die eine oder andere Richtung ausschlagen können [s60, s111].

### Zusammenfassende Auswertungen

Eine Metaanalyse (eine statistische Zusammenfassung mehrerer Studien) von fünf Kohorten fand, dass mehr DEHP-Abbauprodukte im Urin der Mütter mit einem kürzeren Anogenitalabstand bei Jungen verbunden waren: minus 4,07 Prozent je Verzehnfachung. Der Anogenitalabstand ist die Strecke zwischen After und Genitale. Er gilt als Marker für den Hormoneinfluss im Mutterleib. Die Evidenz am Menschen wurde als moderat eingestuft [s120]. Wichtig: Ein kürzerer Abstand ist keine Aussage über die Spermienqualität.

Eine weitere Metaanalyse fasste 33 Artikel zu hormonell wirksamen Stoffen und männlichen Fortpflanzungsstörungen zusammen (28 Populationen, 85 Schätzwerte). Das Gesamtergebnis war ein Odds-Ratio von 1,11 (0,91 bis 1,35), also kein klarer Zusammenhang. Ein Odds-Ratio vergleicht Chancen; der Wert 1 hieße: kein Unterschied. Für den Stoff p,p'-DDE lag es bei 1,35 (1,04 bis 1,74) [s133].

> **Wichtig:** Modellrechnungen sind keine Beobachtungen am Menschen. Eine Berechnung summierte 29 Chemikalien auf. Für neun gemeinsam gemessene Stoffe überschritten stark Belastete einen Richtwert um mehr als das 100-Fache. Das ist eine Rechnung, bei der keine Samenproben von Männern untersucht wurden [s77].

Gewissheit insgesamt: niedrig für die Spermienwerte, sehr niedrig für die Wirkung von Stoffmischungen.

### 13. Dioxin: der Unfall von Seveso

### Was geschah

Dioxine sind giftige Umweltschadstoffe. Im Jahr 1976 kam es bei Seveso in Italien zu einem Chemieunfall. Für Forschende ist das ein seltener Fall: Die Belastung der Mütter ließ sich aus damals genommenen Blutproben bestimmen, und die Söhne konnten später untersucht werden [s176].

### Die Studie

Untersucht wurden 39 Männer (18 bis 26 Jahre), die zwischen 1977 und 1984 von Müttern aus dem am stärksten belasteten Gebiet geboren wurden. Als Vergleich dienten 58 Männer gleichen Alters, deren Mütter nicht dort gelebt hatten [s176]. Die Dioxinbelastung bei der Empfängnis wurde aus den damals gemessenen Werten hochgerechnet [s176].

Auffällig war ein Unterschied nur bei den gestillten Söhnen (21 Männer aus belasteten Gebieten, 36 Vergleichsmänner):

| Messwert | Gestillte Söhne betroffener Mütter | Gestillte Vergleichsmänner |
|---|---|---|
| Spermienkonzentration (Mio./ml) | 36,3 | 86,3 |
| Gesamtzahl (Mio.) | 116,9 | 231,1 |
| Fortschreitende Beweglichkeit | 35,8 % | 44,2 % |

Flaschenernährte Söhne unterschieden sich nicht von den Vergleichsmännern [s176]. Die Autoren beschreiben eine Verringerung von Konzentration und Gesamtzahl um etwa 50 Prozent [s176].

### Wie das einzuordnen ist

> **Wichtig:** Der Effekt zeigte sich nur bei gestillten Söhnen. Belastung im Mutterleib und über die Muttermilch lassen sich in dieser Studie nur über den Stillstatus trennen, also kaum. Das ist keine Kritik am Stillen, sondern eine Grenze der Studie [s176].

Weitere Grenzen: sehr kleine Untergruppen von 9 bis 22 Männern, mehrfache Tests, und nur etwa die Hälfte nahm an der Samenuntersuchung teil. Die Autoren betonen selbst, dass heutige Hintergrundwerte (unter 2 ppt, das sind Teile pro Billion, bei Frauen von 20 bis 40 Jahren) weit unter den wirksamen Konzentrationen liegen [s176]. Der Unfall war ein einmaliges Ereignis mit sehr hoher Belastung. Für den Alltag sagt er daher wenig.

### Taiwan

1979 kam es in Zentraltaiwan durch verunreinigtes Speiseöl zu einer Massenvergiftung mit PCB (polychlorierten Biphenylen) und Dibenzofuranen. Jungen, die im Mutterleib betroffen waren, hatten später mehr Spermien mit auffälliger Form, geringerer Beweglichkeit und einer verminderten Fähigkeit, Hamster-Eizellen zu durchdringen. Zahlen nennt die vorliegende Zusammenfassung nicht. Ob sich dadurch die Fruchtbarkeit verminderte und was das für die Allgemeinbevölkerung heißt, blieb offen [s205].

### Was offen bleibt

- Alle Befunde stammen aus Beobachtungen, nicht aus Versuchen am Menschen.
- Gruppen mit sehr hoher Belastung lassen sich nicht auf normale Verhältnisse übertragen [s176, s205].
- Ob Stoffe aus dem normalen Alltag die Spermienqualität von Söhnen verändern, ist bei dünner und uneinheitlicher Datenlage nicht geklärt.

> **Zum Arzt:** Wenn Sie Fragen zu möglichen Belastungen haben oder ein Kinderwunsch länger nicht in Erfüllung geht, sprechen Sie mit einer urologischen oder andrologischen Praxis. Bei Fragen in der Schwangerschaft helfen Frauenärztin, Frauenarzt oder Hebamme. Dieses Kapitel gibt keine Verbrauchs- oder Produktempfehlung, weil die Studien keine tragen.

## Kapitel 5: Übergewicht der Mutter und weitere Merkmale

### 14. Das Gewicht der Mutter vor der Schwangerschaft

Dass das Körpergewicht einer Frau vor der Schwangerschaft etwas mit dem späteren Sohn zu tun haben könnte, klingt zunächst beunruhigend. Deshalb vorab: Gewicht hat viele Ursachen, darunter Veranlagung, Erkrankungen, Medikamente, Lebensumstände und Einkommen. Niemand "verschuldet" sein Gewicht. Die Forschung fragt nur, ob sich in einer großen Gruppe von Söhnen Unterschiede zeigen. Sie bewertet damit keine einzelne Mutter.

> **Merke:** Die Studien betrachten den Body-Mass-Index (BMI), also das Körpergewicht im Verhältnis zur Körpergröße. Ab einem BMI von 25 spricht man von Übergewicht, ab 30 von Adipositas (starkem Übergewicht). Die Gewissheit ist insgesamt niedrig [s43].

### Was die größte Studie fand

Die größte Untersuchung stammt aus der dänischen Kohorte FEPOS (Fetal Programming of Semen Quality). Eine Kohorte ist eine Gruppe von Menschen, die über Jahre begleitet wird. Hier waren es 1.058 junge Männer, im Mittel etwa 19 Jahre alt. Sie gaben eine Samenprobe und eine Blutprobe ab. Den BMI ihrer Mütter vor der Schwangerschaft hatten diese schon in der Frühschwangerschaft angegeben [s43].

Das Ergebnis hat zwei Teile.

- **Samenwerte:** Es gab keinen gleichmäßigen Zusammenhang zwischen dem BMI der Mutter und den Samenwerten oder dem Hodenvolumen. In den Rohdaten hatten Söhne adipöser Mütter sogar eine höhere Spermienkonzentration und Gesamtzahl [s43].
- **Hormone:** Bei höherem BMI der Mutter fanden sich stufenweise höhere Werte des Östradiols (ein Östrogen) und niedrigere Werte des SHBG. SHBG ist ein Eiweiß, das Geschlechtshormone im Blut bindet. Bei Adipositas der Mutter kamen höheres LH und ein höherer "freier Androgenindex" hinzu. LH ist ein Hormon der Hirnanhangdrüse, das den Hoden zur Hormonbildung anregt. Der Androgenindex beschreibt den frei verfügbaren Anteil männlicher Geschlechtshormone [s43].

Die Zahlen: Bei übergewichtigen Müttern lag das Östradiol der Söhne um 12 % höher, bei adipösen um 22 %. Das SHBG war bei adipösen Müttern um 13 % niedriger [s43].

Die Studie fand also eher eine Verschiebung im Hormonprofil als weniger Spermien. Die Autoren halten diesen Hormonbefund für den robustesten Teil ihrer Ergebnisse [s43].

> **Wichtig:** Die Hormonwerte lagen bei jungen Männern aus der Allgemeinbevölkerung. Aus dem Befund folgt keine Diagnose und keine eingeschränkte Zeugungsfähigkeit. Offen ist auch, ob die Hormonverschiebungen die Spermienfunktion überhaupt beeinflussen [s43].

### Was der Zusammenhang bedeuten könnte

Die Forscher prüften, ob der Weg über andere Größen läuft. Das Ergebnis: Ein Teil des Hormonbefunds lief über das Geburtsgewicht der Söhne sowie über deren eigene Körperfettmasse und deren eigenen BMI im Erwachsenenalter. Der Effekt auf das SHBG lief hauptsächlich über das eigene Körpergewicht der Söhne. Der BMI der Väter war kein starker Störfaktor [s43]. Die Autoren halten es für möglich, dass sich ein Teil der Wirkung vermeiden ließe, wenn Übergewicht bei den Söhnen selbst verhindert wird [s43]. Das ist eine Überlegung der Autoren und keine Handlungsanweisung dieses Ratgebers.

Dazu passt eine weitere Auswertung derselben Kohorte: Bei Männern mit höherem eigenem Körperfettanteil war die Gesamtspermienzahl niedriger (bei hohem Körperfettanteil minus 23 % gegenüber normalem). Diese Studie betrifft das Gewicht des Mannes selbst und keine Einflüsse vor der Geburt [s03].

### Weitere Studien, kleiner und älter

- **Pilotstudie aus Aarhus (328 Männer):** Ein Pilotversuch ist eine kleine Vorstudie. Hier sank der Wert Inhibin B (ein Hodenhormon) mit steigendem BMI der Mutter. Bei den übrigen Werten wiesen die Zahlen zwar in eine ungünstigere Richtung, aber kein Trend war statistisch gesichert. Nur 25 Söhne hatten übergewichtige Mütter. Die Autoren sagen selbst, die Studie reiche nur, um die Frage in einer größeren Studie zu prüfen [s193]. Genau das tat später FEPOS.
- **DNA-Fragmentierung (337 Männer):** Das ist der Anteil an Spermien mit beschädigter Erbsubstanz. Er war bei Söhnen übergewichtiger Mütter um 22 % höher. Das Konfidenzintervall (der plausible Schwankungsbereich der Schätzung) reichte aber von minus 3 bis plus 52 und schließt damit "kein Unterschied" ein. Der Befund ist nicht gesichert [s167].
- **Pubertät (2.522 Söhne):** Söhne adipöser Mütter begannen im Mittel 8,3 Monate früher mit regelmäßigem Rasieren. Die Pubertätsangaben waren allerdings rückblickend von den Männern selbst erinnert, Samenwerte gab es nicht [s151].
- **Italienische Klinikstudie (418 Männer mit unerfülltem Kinderwunsch):** Niedriges Testosteron wurde bei mütterlicher Adipositas häufiger berichtet (7,2 % gegenüber 2,0 %). Die Auswahl der Männer war begrenzt: Aufgenommen wurden nur Männer, für die sich das Gewicht der Mutter in der Schwangerschaft erfragen ließ. Die absoluten Zahlen sind sehr klein, und die Zusammenfassung nennt kein Konfidenzintervall. Die Studie passt nur bedingt zum Hormonmuster aus FEPOS, denn dort ging es um Östradiol, LH und SHBG und nicht um niedriges Testosteron [s11].

### Hodenhochstand

Hodenhochstand (Kryptorchismus) bedeutet, dass ein Hoden nicht im Hodensack liegt. Eine Auswertung von sieben Studien mit 4.397 Fällen fand für übergewichtige Mütter kein erhöhtes Risiko (Verhältnis 1,02; Schwankungsbereich 0,95 bis 1,09) [s147]. Eine große dänische Registerstudie mit zwei Geburtskohorten und 85.923 Jungen fand dagegen bei einem BMI der Mutter von mindestens 30 ein um etwa ein Drittel erhöhtes Risiko (Hazard Ratio 1,32; Schwankungsbereich 1,06 bis 1,65) [s113]. Die Befunde stimmen also nicht überein.

### Tiere und Übersichten

Eine Übersichtsarbeit hält fest, dass bisher kaum Studien beim Menschen untersucht haben, ob Fruchtbarkeit der Nachkommen mit Übergewicht der Mutter zusammenhängt [s72]. Bei Ratten, die eine sehr energiereiche "Cafeteria-Diät" erhielten, war die Spermienqualität der männlichen Nachkommen schlechter [s79]. Ein Tierversuch lässt sich aber nicht einfach auf Menschen übertragen (Kapitel 8).

> **Merke:** Für die Spermienzahl ist der Zusammenhang nicht belegt, für das Hormonprofil gibt es einen Hinweis aus einer Studie. Die Gewissheit liegt für Spermien bei niedrig, für Hormone bei niedrig bis mittel.

> **Zum Arzt:** Wenn Sie als Frau mit Kinderwunsch Fragen zu Ihrem Gewicht haben, sprechen Sie mit Ihrer Frauenärztin, Ihrem Frauenarzt oder Ihrer Hebamme. Das Kapitel gibt keine Gewichtsziele vor.

### 15. Weitere Merkmale, die niemand steuern kann

In der Kohorte FEPOS wurden neben dem Gewicht noch viele weitere Merkmale der Schwangerschaft und der Familie ausgewertet. Manche davon kann niemand beeinflussen, etwa der Monat der Geburt oder das Alter, in dem die Mutter ihre erste Regelblutung hatte. Diese Befunde sind für die Frage "Was kann ich tun?" wenig hilfreich. Sie sind aber lehrreich, weil sie zeigen, wie vorsichtig man mit Einzelbefunden umgehen muss.

### Die Merkmale im Überblick

Alle Angaben stammen aus FEPOS mit rund 1.000 Männern und gelten als Unterschiede im Durchschnitt zwischen Gruppen [s98].

| Merkmal | Was gefunden wurde | Quelle |
|---|---|---|
| Plazenta- und Geburtsgewicht (die Plazenta ist der Mutterkuchen) | Geringeres Gewicht ging mit einem etwa 4 % kleineren Hodenvolumen und leicht höheren Hormonwerten (FSH, LH) einher. Die Samenwerte lagen nahe null, also ohne erkennbaren Unterschied. | [s06] |
| Fieber der Mutter | Keine starken Zusammenhänge (986 Männer) | [s56] |
| Light-Getränke der Mutter (mindestens eines pro Tag) | Mehr Spermien mit unreifem Chromatin (18,1 % mehr, also eine Besonderheit der Verpackung der Erbsubstanz). Bei der DNA-Fragmentierung war der Unterschied nicht gesichert. | [s08] |
| Bildung der Eltern | Bei niedriger Bildung Tendenzen zu niedrigeren Werten, etwa minus 12 % bei der Gesamtzahl. Alle Schwankungsbereiche schließen "kein Unterschied" ein. | [s17] |
| Alter der Mutter bei der ersten Regelblutung (Menarche) | Bei späterer Menarche etwa 15 % niedrigere Konzentration und 14 % niedrigere Gesamtzahl. Bei früher Menarche kein starker Zusammenhang. | [s61] |
| Vitamin-D-Spiegel der Mutter | Bei sehr niedrigem Spiegel ein um 11 % kleineres Hodenvolumen und eine um 20 % niedrigere Gesamtzahl. Die Spermienzahl ist nicht gesichert. | [s57] |
| Geburtsmonat | Im Winterhalbjahr Geborene hatten 3 % weniger Testosteron und 10 % mehr Östradiol. Bei den übrigen Werten lagen die Schätzer nahe null. | [s07] |

Zu einigen Einträgen ein paar Anmerkungen. Zum Fieber: Die Studie fand auch dann keinen Unterschied, wenn gleichzeitig fiebersenkende Mittel oder Antibiotika angewendet wurden [s56]. Beim Geburtsmonat halten die Autoren den Östradiol-Befund für möglicherweise zufällig [s07]. Bei der Menarche vermuten die Autoren gemeinsame Vererbung oder ein epigenetisches Profil (also Veränderungen, die Gene ein- oder ausschalten, ohne die Erbsubstanz selbst zu verändern), der Mechanismus ist aber unbekannt [s61]. Beim Vitamin D beschreiben die Autoren Hinweise auf eine Dosisabhängigkeit [s57]. Auch das ist keine Empfehlung dieses Ratgebers.

### Warum diese Funde zur Vorsicht mahnen

Die Kernaussage dieses Abschnitts: Merkmale, die niemand steuern kann, erzeugen ähnlich große Unterschiede wie manche der Einflüsse, über die in den Kapiteln 2 bis 4 gesprochen wird. Ein später Zeitpunkt der ersten Regelblutung der Mutter ist kein Umweltgift. Trotzdem fand sich ein Unterschied von etwa 15 % bei der Spermienkonzentration [s61]. Das heißt: Ein Unterschied in dieser Größenordnung kann auch aus gemeinsamer Veranlagung, aus der sozialen Lage oder schlicht aus Zufall entstehen. Genauso wenig lässt sich aus einem Einzelbefund schließen, dass ein Umweltfaktor die Ursache ist.

Das Beispiel der elterlichen Bildung zeigt es ebenfalls. Niedrige Bildung ging mit niedrigeren Samenwerten einher, und dieser Zusammenhang lief teilweise über das Rauchen der Mutter [s17]. Rauchen ist hier auch ein Hinweis auf die soziale Lage. Rauchen und soziale Lage lassen sich in Studien schwer vollständig voneinander trennen.

> **Beispiel:** In einer Studie werden viele Merkmale gleichzeitig untersucht. Je mehr Merkmale man prüft, desto wahrscheinlicher fällt bei einigen ein Unterschied nur durch Zufall auf. Dass die Autoren selbst bei einzelnen Befunden von möglichem Zufall sprechen [s07, s58], zeigt, dass Fachleute genau so vorsichtig lesen.

### Wie belastbar sind die Daten insgesamt?

Die Teilnahmequote in FEPOS lag bei 19 %. Von 5.697 eingeladenen Männern wurden 1.058 untersucht [s98]. Die Studienautoren arbeiteten mit Gewichtungen, um die Auswahl auszugleichen. Dennoch bleibt offen, ob Männer, die teilnahmen, sich in wichtigen Merkmalen von denen unterscheiden, die nicht teilnahmen. Die Daten kommen zudem nur aus bestimmten Regionen Dänemarks [s17]. Viele Angaben der Mütter wurden außerdem in der Schwangerschaft selbst berichtet, etwa das Gewicht oder der Zeitpunkt der ersten Regelblutung [s43, s61].

Die Gewissheit bei diesen Merkmalen ist insgesamt niedrig. Die Befunde sind Anlass für weitere Forschung. Sie sind kein Grund zur Sorge und kein Grund, nach einem Schuldigen zu suchen.

> **Zum Arzt:** Wenn Sie bei sich oder Ihrem Sohn Fragen zu Hormonwerten, zum Hodenvolumen oder zu einer Samenuntersuchung haben, lassen Sie sich urologisch oder andrologisch beraten. Einzelne Durchschnittswerte aus Studien lassen sich nicht auf den einzelnen Mann übertragen.

## Kapitel 6: DES: ein Hormonpräparat und seine Folgen über Generationen

### 16. Was bei den Söhnen DES-exponierter Mütter beobachtet wurde

### Ein Medikament, das nicht half

Diethylstilbestrol, kurz DES, ist ein künstlich hergestelltes Östrogen. Östrogene sind weibliche Geschlechtshormone. DES wurde nach einem Übersichtsartikel von den 1940er bis in die 1970er Jahre Schwangeren gegeben, in der Hoffnung, Fehlgeburten zu verhindern [s162]. Laborbefunde der 1940er Jahre hatten nahegelegt, dass Hormone der Plazenta (des Mutterkuchens) die Schwangerschaft stützen. Beobachtungsstudien mit scheinbar guten Ergebnissen bildeten die Grundlage; die Anwendung verbreitete sich weltweit, obwohl kontrollierte Studien das Gegenteil gezeigt hatten [s202].

Eine Cochrane-Übersicht (eine Sammelauswertung zufallsverteilter Studien) fand später keinen Nutzen. Fehlgeburt, Frühgeburt, niedriges Geburtsgewicht und Totgeburt wurden nicht positiv beeinflusst. Bei den vorgeburtlich exponierten Kindern traten testikuläre Auffälligkeiten (Auffälligkeiten an den Hoden) bei Söhnen und andere Folgen bei Töchtern häufiger auf [s202].

Zur Größenordnung: Nach einer Angabe von 1984 wurden in den USA 2 bis 3 Millionen Schwangere mit DES behandelt, in Frankreich 260 000 [s212]. Für heute lebende Schwangere spielt DES praktisch keine Rolle mehr. Seine Bedeutung liegt im Prinzip: Es ist das historisch wichtigste Beispiel einer vorgeburtlichen Hormonexposition. Eine Handlungsempfehlung folgt daraus nicht [s183].

> **Merke:** DES ist ein Lehrstück, kein aktuelles Risiko. Es zeigt, dass eine Hormongabe in der Schwangerschaft die Genitalentwicklung des Sohnes verändern kann. Es beweist nicht, dass Rauchen, Alkohol oder Umweltstoffe dasselbe tun.

### Was die Studien bei den Söhnen zeigen

Eine der Studien war zufallsverteilt (randomisiert): Ob eine Mutter DES oder ein Scheinmedikament (Placebo) bekam, wurde per Zufall entschieden. Das schaltet viele Störfaktoren aus, die bei Beobachtungsstudien zu Rauchen oder Medikamenten Probleme machen. Die Gesamtstudie nennt dies das einzige Beispiel, in dem eine vorgeburtliche Hormonexposition zufällig zugeteilt wurde [s210].

**Körperliche Befunde (Gill 1979).** In dieser Untersuchung der Söhne der Chicagoer Studie hatten 31,5 % von 308 DES-exponierten Männern Nebenhodenzysten (Flüssigkeitsblasen am Nebenhoden) und/oder zu kleine Hoden. In der Placebogruppe waren es 7,8 % von 307 Männern. Bei der Spermienanalyse zeigten 18 % der DES-Männer schwere Veränderungen nach einem damaligen Bewertungsindex (Eliasson-Score über 10), in der Placebogruppe 8 % [s214]. Von 26 DES-Männern mit zu kleinen Hoden hatten 65 % früher einen Hodenhochstand gehabt [s214].

Grenzen: Nur ein Teil der Männer gab eine Samenprobe ab, nach welchen Kriterien, ist unklar; ein Auswahleffekt ist möglich. Die Studie stammt von 1979 und nutzt nicht die heutigen WHO-Kriterien. Die DES-Mengen der 1950er Jahre waren hoch und lassen sich nicht auf heutige Situationen übertragen [s214].

**Fruchtbarkeit nach vier Jahrzehnten (Wilcox 1995).** Dieselbe Chicagoer Studie hatte 1646 Schwangere aufgenommen (1950 bis 1952). Vier Jahrzehnte später fanden die Forschenden 548 der überlebenden Söhne (68 %); 90 % davon stimmten einem Interview zu (253 exponiert, 241 nicht exponiert). Die exponierten Männer berichteten dreimal so oft über Fehlbildungen der Genitalien. Bei Beginn der Einnahme vor der 11. Schwangerschaftswoche waren sie doppelt so häufig wie bei späterem Beginn (P = 0,05) [s210].

Trotzdem fand sich bei keinem Maß eine Einschränkung der Fruchtbarkeit: weder bei der Frage, ob je eine Frau schwanger wurde, noch beim Alter bei der Geburt des ersten Kindes, der Kinderzahl, einer ärztlich gestellten Diagnose eines Fruchtbarkeitsproblems oder der Zeit bis zur Schwangerschaft der Partnerin. Auch die Sexualfunktion war nicht beeinträchtigt. Männer mit Fehlbildungen waren so fruchtbar wie andere [s210].

Grenzen: Alles beruht auf Angaben im Interview. Es gab keine Samenanalyse. Kleine Unterschiede bei Spermienzahl oder -qualität, die für die Zeugungsfähigkeit keine Rolle spielen, kann ein solches Design nicht ausschließen. Und nur 68 % der Söhne wurden gefunden [s210].

> **Wichtig:** Gill und Wilcox widersprechen sich nur scheinbar. Die eine Studie misst Laborwerte, die andere erlebte Fruchtbarkeit, und die untersuchten Männer sind nicht dieselben [s214, s210]. Zur Spermienqualität heutiger Männer sagt keine der beiden etwas.

**Weitere Studien.**

- Whitehead und Leiter (1981) untersuchten 48 DES-exponierte Patienten in einer urologischen Praxis: 29 hatten Auffälligkeiten an den Genitalien, nur 33 % einen normalen Samenbefund. Es gab keine Vergleichsgruppe, und wer sich untersuchen lässt, hat oft schon Beschwerden. Der Wert sagt daher nichts über alle Exponierten [s213].
- Palmer und Mitarbeiter (2009) werteten drei US-Gruppen mit 2235 Männern aus. Das Risikoverhältnis (RR; wie oft ein Ereignis in der exponierten Gruppe im Vergleich zur nicht exponierten vorkommt) lag bei 1,9 für Hodenhochstand, 2,5 für Nebenhodenzysten und 2,4 für Hodenentzündung. Bei Beginn vor der 11. Woche waren es 2,9, 3,5 und 3,0. Keinen Zusammenhang gab es mit Krampfadern am Hoden (Varikozele) [s183].
- Eine finnische Registerstudie (1.888 Exponierte, 2.044 Kontrollen) zu Östrogen- und Gestagenpräparaten fand in den meisten Zielgrößen keine Unterschiede bei Männern [s207].
- Bei Hypospadie (die Harnröhre mündet an der Unterseite des Penis) hatte eine niederländische Untersuchung nach Angaben späterer Autoren ein 20-fach erhöhtes Risiko berichtet. Die Nachprüfung in US-Kohorten ergab 1,7 (Bereich 0,4 bis 6,8) [s200]; eine weitere Studie fand 2,3 und in einer gepaarten Auswertung 4,9 [s196]. Das Beispiel zeigt, wie stark Werte bei seltenen Ereignissen zwischen Studien schwanken.

### Wie sicher ist das alles?

| Frage | Befund | Gewissheit |
|---|---|---|
| Genitalfehlbildungen, Hodenhochstand, Nebenhodenzysten | Bei exponierten Söhnen häufiger [s210, s183, s214] | mittel |
| Spermienqualität des erwachsenen Sohnes | Alte Befunde widersprüchlich, keine neuere Samenstudie | sehr niedrig |

Die Einstufung stammt aus der Gesamtstudie. Für die Samenqualität liegen nur drei ältere Studien mit Samenanalyse oder Fruchtbarkeitsmaßen vor; neuere Arbeiten betreffen Fehlbildungen und Krebs. Eine neuere Studie mit Samenanalyse nach vorgeburtlichem DES fand die Recherche nicht.

> **Zum Arzt:** Wenn Sie wissen oder vermuten, dass Ihre Mutter in der Schwangerschaft DES erhalten hat, können Sie das in einer urologischen oder andrologischen Sprechstunde ansprechen. Whitehead und Leiter empfahlen schon 1981, die DES-Vorgeschichte bei Männern mit unklarer Unfruchtbarkeit zu erfragen [s213]. Ob ein Befund vorliegt, kann nur eine Untersuchung klären.

### 17. Die dritte Generation: Hinweise mit Vorbehalt

### Kinder der exponierten Kinder

Die „dritte Generation“ sind die Kinder der Menschen, die selbst im Mutterleib DES ausgesetzt waren. Sie hatten mit dem Mittel nie direkt zu tun. Die Frage ist, ob sich etwas über die Keimzellen weitergibt. Dazu gibt es nur wenige Studien, und alle haben deutliche Schwächen.

- **Fehlbildungen insgesamt (Titus-Ernstoff 2010).** In einer US-Kohorte mit 4.029 Söhnen und 3.808 Töchtern DES-exponierter Mütter lag das Quotenverhältnis (Odds Ratio, ein Maß dafür, wie viel häufiger etwas auftritt) für Geburtsfehler bei Söhnen bei 1,53 (Bereich 1,04 bis 2,23), bei Töchtern bei 2,35 (1,44 bis 3,82). Die Angaben stammen von den Müttern selbst; die Autoren können Verzerrungen beim Berichten nicht ausschließen [s181].
- **Französische Befragung (Tournaire 2018).** Bei 209 Söhnen vorgeburtlich exponierter Männer waren Hodenhochstand (Odds Ratio 5,72; Bereich 1,51 bis 21,71) und Penishypoplasie (ein unterentwickelter Penis; 22,92; Bereich 3,81 bis 137,90) häufiger, Hypospadie nicht. Die Befragung wurde von einer Patientenvereinigung angeregt. Die Autoren selbst mahnen wegen der Methode und der kleinen Zahlen zur Vorsicht [s122].
- **Krebs (NCI-Studie 2024).** Bei den Töchtern der dritten Generation war das Krebsrisiko insgesamt nicht erhöht (Hazard Ratio 0,83; Bereich 0,36 bis 1,90). Bei den exponierten Männern der dritten Generation lag der Wert nach Angaben der Mütter bei 1,41, doch der Bereich (0,70 bis 2,86) ist so breit, dass er auch „kein Unterschied“ einschließt. Das Hodenkrebsrisiko war nicht erhöht [s50].
- **Hypospadie.** Die Befunde widersprechen sich (siehe oben): 1,7 mit sehr breitem Bereich [s200] gegenüber 4,9 in einer gepaarten Auswertung [s196]. Bei väterlicher Exposition war dort keine Erhöhung zu sehen [s196].

> **Wichtig:** Ein breiter Bereich (Konfidenzintervall) heißt: Das wahre Ergebnis kann sehr unterschiedlich ausfallen. Werte wie 22,92 klingen dramatisch, beruhen aber auf wenigen Fällen und einer Befragung, die von einer Patientenvereinigung ausging [s122].

### Was fehlt

Zur Spermienqualität der dritten Generation hat die Recherche keine Studie gefunden. Ebenso fehlt eine Metaanalyse (eine Sammelauswertung mehrerer Studien) zu den DES-Folgen in der zweiten und dritten Generation. Das ist ein Befund über die durchsuchte Literatur und kein Beweis, dass es keine solche Arbeit gibt. Beim Menschen gibt es nach der Gesamtstudie auch keine Studie, die die Weitergabe der Samenqualität über mehr als eine Generation untersucht.

Hinzu kommt eine Warnung aus dem Labor: Eine Studie an Hodengewebe von Ratte, Maus und Mensch fand, dass Nager und Mensch nur in etwa einem Drittel der Analysen ähnlich reagierten. DES und der Weichmacher-Stoff MEHP beeinflussten die Hormonbildung bei Nagern, aber nicht im menschlichen Hoden des Fetus (des Ungeborenen). Tierdaten lassen sich deshalb nicht ungeprüft auf den Menschen übertragen [s149].

### DES als Lehrstück für die Plausibilität

Warum steht DES in diesem Ratgeber? Weil es die Grundidee stützt, dass die Entwicklung des Hodens im Mutterleib empfindlich auf Hormone reagieren kann. Hier war die Gabe hoch dosiert, gezielt und gut dokumentiert. Das ist bei Rauchen, Alkohol oder Umweltstoffen anders.

Zugleich mahnt DES zur Vorsicht in beide Richtungen:

- Eine Behandlung, die auf scheinbar guten Beobachtungen beruhte, erwies sich später als wirkungslos [s202].
- Die Annahme, ein Hormoneinfluss auf die Genitalien übertrage sich automatisch auf die Fruchtbarkeit, hat sich in der Chicagoer Nachbefragung nicht bestätigt. Fehlbildungen sind belegt, eine verminderte Fruchtbarkeit nicht [s210].
- Eine systematische Übersicht (425 Arbeiten, 81 ausgewertet) fand 2006 mit der möglichen Ausnahme von Hodenkrebs keine starke epidemiologische Evidenz, dass Östrogen vor der Geburt die Entwicklung der männlichen Fortpflanzungsorgane stört [s198]. Die Arbeit ist alt, und ihr Urteil steht in Spannung zu den DES-Befunden oben.

> **Merke:** Bei DES sind Genitalfehlbildungen mit mittlerer Gewissheit belegt, die Spermienqualität des erwachsenen Sohnes nur mit sehr niedriger. Für die dritte Generation gibt es Hinweise, die auf kleinen Zahlen und Selbstauskünften beruhen. Sie beweisen keine Ursache.

> **Zum Arzt:** Bei Sorgen wegen einer DES-Vorgeschichte in der Familie oder bei unerfülltem Kinderwunsch sind Urologie oder Andrologie die richtigen Ansprechpartner. Dieses Kapitel gibt keine Diagnose und keine Behandlungsempfehlung.

## Kapitel 7: Der Einfluss des Vaters vor der Zeugung

### 18. Väterliches Rauchen: widersprüchliche Studien

In den meisten Kapiteln dieses Ratgebers ging es um die Mutter und die Zeit der Schwangerschaft. Das hat einen einfachen Grund: Dort gibt es die meisten Studien. Doch auch der Vater könnte etwas beitragen. Seine Spermien tragen das Erbgut weiter. Fachleute fragen deshalb, ob ein Einfluss wie das Rauchen schon **vor der Zeugung** Spuren hinterlassen kann, die später die Spermienqualität des Sohnes betreffen.

Beim Menschen gibt es dazu erstaunlich wenig. Die direkten Studien, die Samenwerte erwachsener Söhne mit einem väterlichen Einfluss vor der Zeugung vergleichen, beschränken sich auf das väterliche Rauchen. Es sind vier [s157, s110, s95, s27]. Ihre Ergebnisse widersprechen sich.

> **Merke:** Für andere väterliche Einflüsse, etwa Alkohol, Ernährung oder Übergewicht des Vaters, gibt es in der Gesamtstudie keine Studie, die die Samenwerte der Söhne untersucht. Wo die Datenlage dünn ist, sagt dieses Kapitel das offen.

### Das Grundproblem: Vater und Mutter rauchen oft zusammen

Wenn ein Vater raucht, raucht oft auch die Mutter, oder sie atmet den Rauch mit ein. Das macht es schwer, beide Beiträge zu trennen. Forschende rechnen deshalb den Einfluss der Mutter heraus (man nennt das „adjustieren", also bereinigen). Wie gut das gelingt, entscheidet über das Ergebnis.

Ein Beispiel aus der dänischen FEPOS-Studie (eine Kohorte, also eine über lange Zeit begleitete Gruppe, deren Söhne als junge Männer untersucht wurden): Von den Müttern, die sich als Nichtraucherinnen bezeichneten, aber einen rauchenden Partner hatten, wiesen 67 % im Blut Werte auf, die auf eine Tabakbelastung hinweisen [s27]. Gemessen wurde **Cotinin**. Das ist ein Abbauprodukt des Nikotins, das im Blut zeigt, ob jemand Tabakrauch ausgesetzt war.

### Die vier Studien im Überblick

| Studie | Männer | Ergebnis zum väterlichen Rauchen |
|---|---|---|
| Schweden (Malmö) 2013 [s157] | 295 | Zusammenhang gefunden |
| Schweden 2018 [s110] | 104 | Zusammenhang gefunden, auch nach Berücksichtigung des Cotinins der Mutter |
| Dänemark (Geburtskohorte) 2020 [s95] | 772 | schwache Hinweise, alle Unsicherheitsbereiche schließen „kein Unterschied" ein |
| Dänemark (FEPOS) 2025 [s27] | 867 | nach Berücksichtigung des Cotinins der Mutter kein Zusammenhang |

**Die schwedischen Studien.** In der ersten Studie wurden 295 junge Männer (17 bis 20 Jahre) bei Malmö untersucht. Nur 14 % der Eingeladenen nahmen teil [s157]. Bei Söhnen, deren Mütter nicht geraucht hatten, war väterliches Rauchen mit einer um 46 % niedrigeren Gesamtzahl der Spermien verbunden (Unsicherheitsbereich 21 % bis 64 %) [s157]. Die zweite schwedische Studie wertete 104 Männer aus und berücksichtigte das Cotinin der Mutter aus gelagerten Blutproben der Schwangerschaft. Söhne rauchender Väter hatten eine um 41 % niedrigere Konzentration und eine um 51 % niedrigere Gesamtzahl [s110]. Die Stichprobe ist klein; die Angaben zum Rauchen des Vaters stammten aus Fragebögen, die die Söhne beantworteten [s110].

> **Merke:** Ein **Konfidenzintervall** (hier „Unsicherheitsbereich") sagt, in welchem Bereich der wahre Wert vermutlich liegt. Schließt der Bereich den Wert „kein Unterschied" ein, kann der Befund auch Zufall sein.

**Die dänischen Studien.** In der dänischen Geburtskohorte mit 772 erwachsenen Söhnen hatten Söhne rauchender Väter und nicht rauchender Mütter eine um 10 % niedrigere Konzentration und eine um 11 % niedrigere Spermienzahl. Alle Unsicherheitsbereiche schlossen aber den Wert „kein Unterschied" ein. Die Autoren selbst sprechen von begrenzter Unterstützung, die auch mit keinem Zusammenhang vereinbar ist [s95]. Die FEPOS-Wiederholung mit 867 Männern zeigte in den Rohdaten niedrigere Werte (mediane Konzentration 37 gegenüber 40 Mio. pro ml; Gesamtzahl 93 gegenüber 110 Mio.). Nach Berücksichtigung der mütterlichen Tabakbelastung verschwanden diese Unterschiede vollständig. Auch zu Beweglichkeit, Hodenvolumen und DNA-Fragmentierung fand sich nichts [s27].

### Wie sich der Widerspruch erklären könnte

Die Gesamtstudie sagt klar: Die gegensätzlichen Ergebnisse bei 104 und 867 Männern lassen sich mit den vorliegenden Daten nicht auflösen. Unterschiede in Auswahl der Teilnehmer, Land und Erfassung des Rauchens kommen in Betracht [s110]. Die FEPOS-Autoren nennen auch eine Gegenmöglichkeit: Weil väterliches Rauchen und mütterliches Cotinin so eng zusammenhängen, kann das Herausrechnen einen echten väterlichen Anteil mit entfernt haben („Überadjustierung"). Zudem ließ sich nicht zwischen Vätern unterscheiden, die nie geraucht hatten, und Ex-Rauchern, und das Rauchen vor der Zeugung ließ sich nicht von Rauch in der Kindheit des Sohnes trennen [s27].

> **Wichtig:** Die Studie von 2025 zeigt, dass der schwache väterliche Zusammenhang bei besserer Kontrolle der mütterlichen Belastung verschwindet. Sie kann einen väterlichen Beitrag aber nicht ausschließen [s27]. Die Gewissheit ist niedrig.

Für Väter heißt das: Die Forschung liefert keinen sicheren Befund, weder in die eine noch in die andere Richtung. Sie ist schlicht uneinheitlich. Ein Vorwurf an Väter lässt sich daraus nicht ableiten.

### 19. Was Epigenetik bedeutet und was sie nicht beweist

### Was ist Epigenetik?

Das Erbgut (die DNA) ist wie ein Text. **Epigenetik** beschreibt Markierungen auf diesem Text, die beeinflussen, welche Abschnitte „gelesen" werden, ohne den Text selbst zu ändern. Eine solche Markierung ist die **Methylierung**: kleine chemische Anhängsel an der DNA. Spermien tragen außerdem winzige Botenmoleküle, die **Spermien-RNA** (zum Beispiel „miRNAs", sehr kurze RNA-Stücke).

Die Idee: Rauch oder andere Einflüsse könnten diese Markierungen im Spermium verändern, und das Spermium könnte sie bei der Befruchtung weitergeben.

### Was die Studien gefunden haben

- **Rauchen und Methylierung beim Mann.** Eine Studie verglich 78 Raucher mit 78 Männern, die nie geraucht hatten. An 141 Stellen der Spermien-DNA war die Methylierung unterschiedlich, und die Muster schwankten insgesamt stärker. Ob solche Veränderungen an Nachkommen weitergegeben werden, sei offen, sagen die Autoren [s128].
- **Rauchen und Spermien-RNA bei Mäusen.** Mäuse, die ab der Pubertät sechs Wochen Zigarettenrauch ausgesetzt waren, hatten veränderte miRNAs in den Spermien (13 vermehrt, 32 vermindert). Zahl und Form der Spermien unterschieden sich nicht. Das Körpergewicht der Nachkommen stieg möglicherweise (P = 0,062, also nicht eindeutig) [s87].
- **Alkohol und Methylierung beim Mann.** Bei männlichen Freiwilligen zeigte sich mit steigendem Alkoholkonsum ein Muster zunehmender Demethylierung (Abbau der Markierungen). Signifikant war der Unterschied an einer der untersuchten Stellen, zwischen Nichttrinkern und stark Trinkenden. Die Zusammenfassung der Studie nennt weder die Zahl der Teilnehmer noch Grenzen für den Alkoholkonsum [s182].

### Was daraus nicht folgt

> **Wichtig:** Diese Befunde betreffen die Spermien des **exponierten Mannes selbst**, nicht den Sohn. Sie belegen Unterschiede in den Spermien, nicht Folgen bei Kindern [s128, s182].

Die Folgerung auf Kinder ist bei der Alkoholstudie eine Hypothese der Autoren; die Weitergabe wurde nicht untersucht [s182]. Mäuse sind zudem keine Menschen: Ihre Belastung entspricht nicht dem Alltag eines Mannes [s87]. Für die Samenqualität liegt beim Menschen keine Studie zur Weitergabe über mehr als eine Generation vor.

### Der Blick auf andere väterliche Faktoren

Eine systematische Übersicht wertete 65 Beobachtungsstudien zu väterlichen Faktoren vor der Zeugung aus, darunter Körpergewicht, Alkohol, Cannabis, Bewegung, Rauchen, Stress und Ernährung. Wegen der Unterschiede zwischen den Studien rechneten die Autoren keine Gesamtauswertung (Metaanalyse). Sie halten die Belege für begrenzt und uneinheitlich. Studien guter Qualität deuteten an, dass väterliches Rauchen das Risiko für Geburtsfehler erhöhen könnte [s54]. Samenqualität von Söhnen enthält die Übersicht nicht; sie zeigt vor allem, dass die väterliche Forschung zahlenmäßig deutlich kleiner ist als die mütterliche [s54].

Eine große dänische Registerstudie fand bei Kindern, deren Väter vor der Zeugung das Diabetesmittel Metformin eingelöst hatten, häufiger schwere Fehlbildungen, auch genitale bei Jungen. Die Autoren nennen als Einschränkung, dass die Erkrankung des Vaters selbst eine Rolle spielen könnte; der Geschwistervergleich war statistisch nicht eindeutig [s80].

> **Wichtig:** Diese Studie sagt nichts über die Spermienqualität der Söhne aus. Wer solche Medikamente einnimmt, setzt sie nicht auf eigene Faust ab, sondern spricht mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt [s80].

### 20. Rauchstopp beim erwachsenen Mann: was die Studien zeigen

Hier wechselt die Frage. Es geht nicht mehr um Spuren beim Sohn, sondern um den Mann selbst: Verändert sich seine Spermienqualität, wenn er mit dem Rauchen aufhört?

### Eine Verlaufsstudie aus Ägypten

Eine Studie aus Ägypten begleitete 60 Männer (20 bis 50 Jahre), die ein Rauchstopp-Programm nutzten. Von 200 Eingeladenen hatten nur 69 zugestimmt [s33]. Die Männer gaben Samenproben vor dem Rauchstopp sowie nach drei und nach sechs Monaten ab; ob sie wirklich rauchfrei blieben, wurde über Nikotin im Urin kontrolliert [s33].

| Messwert | vor Stopp | nach 3 Monaten | nach 6 Monaten |
|---|---|---|---|
| Konzentration (Mio. pro ml) | 14,77 | 17,71 | 19,27 |
| Gesamtzahl (Mio.) | 49,33 | 70,16 | 84,01 |
| Beweglichkeit insgesamt (%) | 41,48 | 60,33 | 67,67 |
| Spermien mit auffälliger Form (%) | 69,32 | 50,88 | 40,82 |

Alle Veränderungen waren statistisch deutlich [s33].

> **Merke:** Die Studie hatte keine Vergleichsgruppe von Männern, die weiter rauchten oder nie geraucht hatten. Ohne Vergleichsgruppe lässt sich nicht sicher trennen, was am Rauchstopp liegt und was an Zufall, Schwankungen der Werte, Ernährung oder Beruf. Gemessen wurden Samenwerte, keine Schwangerschaften und Geburten [s33].

### Ein Hinweis aus Mensch und Maus

Eine weitere Arbeit untersuchte Spermienproben von 18 Nichtrauchern, 19 Rauchern und 14 Ex-Rauchern, die seit mindestens drei Monaten rauchfrei waren. Rauchen war mit schlechteren Werten verbunden; bei den Ex-Rauchern verschoben sich die Werte zu den normalen oder besserten sich deutlich. Im Tierversuch bekamen Mäuse acht Wochen Nikotin im Trinkwasser und danach fünf Wochen reines Wasser; die Effekte bildeten sich weitgehend zurück, ebenso Veränderungen der Methylierung, teilweise auch in menschlichen Spermien [s26]. Die menschlichen Gruppen waren klein, und Nikotin im Trinkwasser ist nicht dasselbe wie Rauchen [s26].

### Was Sie daraus mitnehmen können

Beschrieben ist hier nur: In diesen Studien besserten sich Werte nach einem Rauchstopp. Das ist ein Hinweis, kein Beweis, und eine Empfehlung ist das nicht. Die Studien betreffen erwachsene Männer. Sie sagen nichts darüber, was in der Schwangerschaft der Mutter geschah, und sind nicht auf die pränatale Exposition übertragbar [s33].

> **Zum Arzt:** Wenn Sie als Mann rauchen und Ihre Samenwerte auffällig waren oder ein Kinderwunsch lange nicht erfüllt wird, besprechen Sie das in einer urologischen oder andrologischen Praxis. Ein einzelner Wert ist keine Diagnose.

## Kapitel 8: Was Studien zeigen und was nicht

### 21. Zusammenhang oder Ursache?

In den Kapiteln davor ging es um Zahlen: Söhne von Müttern, die in der Schwangerschaft geraucht haben, hatten im Durchschnitt niedrigere Spermienwerte. Dieses Kapitel erklärt, wie solche Zahlen entstehen und was sie aussagen können. Es erklärt auch, was sie nicht aussagen können.

### Beobachtungsstudie und Experiment

Ein **Experiment** teilt Menschen per Los in zwei Gruppen. Eine Gruppe bekommt etwas (zum Beispiel ein Medikament), die andere nicht. Weil das Los entscheidet, sind die Gruppen sonst ähnlich. Unterschiede am Ende gehen dann sehr wahrscheinlich auf das Medikament zurück.

Bei den Fragen dieses Ratgebers ist das nicht möglich. Niemand wird schwangere Frauen zum Rauchen oder Trinken einteilen. Die Forschung ist deshalb auf **Beobachtungsstudien** angewiesen: Man fragt Mütter, was sie in der Schwangerschaft getan haben, oder misst Stoffe in gelagerten Blutproben. Jahrzehnte später untersucht man die erwachsenen Söhne. Dann vergleicht man.

> **Merke:** Eine Beobachtungsstudie zeigt, dass zwei Dinge gemeinsam auftreten. Sie beweist nicht, dass das eine das andere verursacht.

Besonders belastbar sind solche Studien, wenn die Angaben schon in der Schwangerschaft erfasst wurden und nicht erst später aus dem Gedächtnis. Das trifft auf mehrere dänische, schwedische, australische und kalifornische Gruppen von Müttern und Söhnen zu [s119, s157]. Für das Rauchen gibt es außerdem Messwerte aus gelagerten Schwangerschaftsproben, etwa Cotinin, einen Abbaustoff des Nikotins [s75, s110].

### Warum ein Zusammenhang täuschen kann

Es gibt mehrere bekannte Fehlerquellen. Die Fachleute der Studien nennen sie selbst.

**Nebeneinflüsse (Confounding).** Rauchen, Alkohol, Ernährung, Bildung und soziale Lage hängen oft zusammen. Ein Beispiel: Eine dänische Auswertung zeigte, dass der Zusammenhang zwischen niedriger Bildung der Eltern und Samenwerten teils über das mütterliche Rauchen läuft [s17]. Rauchen ist dann auch ein Hinweis auf die soziale Lage. Rechnet man solche Einflüsse heraus, kann ein Rest bleiben. Das nennt man **Restkonfundierung**.

**Der Grund für die Einnahme (Confounding by indication).** Wer Paracetamol nimmt, hatte meist Schmerzen, Fieber oder einen Infekt. Vielleicht wirkt nicht das Mittel, sondern die Erkrankung. Die Autoren einer Studie aus Odense nennen das ausdrücklich als mögliche Erklärung [s129]. Eine Metaanalyse (eine Zusammenschau mehrerer Studien) stufte alle eingeschlossenen Studien dazu wegen dieser Unsicherheit mit ernstem oder kritischem Verzerrungsrisiko ein [s05].

**Zufallstreffer.** Wenn eine Studie sehr viele Messwerte prüft, ist ein paar Mal ein Treffer zu erwarten, auch wenn nichts dahintersteckt. In einer Kopenhagener Studie zu Weichmachern blieb nach der Korrektur dafür kein Zusammenhang übrig [s60].

**Ungenaue Angaben.** Müttern wird oft später „Haben Sie geraucht?“ gestellt. In einem schwedischen Vergleich gaben nur 61 % der im Geburtsregister geführten Raucherinnen es im Fragebogen an [s157]. Bei kurzlebigen Stoffen wie Weichmachern oder Paracetamol wurde meist nur eine einzige Probe gemessen [s60, s76]. Auch die Spermien wurden pro Mann meist nur einmal untersucht [s119, s98]. Ein einzelner Wert schwankt aber, etwa mit der Zeit seit dem letzten Samenerguss.

### Wer nimmt teil? Niedrige Teilnahmequoten

Wer Samen abgeben soll, sagt oft ab. In der Studie von Jensen und Kollegen von 2004 nahmen je nach Ort 13 bis 19 % der angefragten Männer teil [s201]. In der dänischen FEPOS-Studie wurden 5.697 von 21.623 Berechtigten eingeladen, 1.058 nahmen teil, das sind 19 % [s98].

Das kann die Ergebnisse verzerren, denn wer teilnimmt, unterscheidet sich vielleicht von denen, die fernbleiben. Das FEPOS-Team hat dies eigens geprüft. Der Zusammenhang zwischen Rauchen der Mutter im ersten Drittel der Schwangerschaft und der Gesamtspermienzahl lag bei minus 21 %, mit einem Unsicherheitsbereich von minus 32 % bis minus 9 %. Mit einer Gewichtung gegen die Selektion änderte sich das Ergebnis nur geringfügig. Die Autoren halten das Risiko für begrenzt. Sie räumen aber ein, dass sie die Fruchtbarkeit der Nichtteilnehmer nicht direkt messen konnten [s59].

### Was ein Konfidenzintervall sagt

Studien geben oft einen Wert mit einem Bereich an, zum Beispiel „minus 19 % (minus 29 % bis minus 6 %)“. Dieser Bereich heißt **Konfidenzintervall**. Gemeint ist: Die beste Schätzung liegt bei 19 % niedrigeren Werten. Der wahre Wert liegt mit guter Wahrscheinlichkeit irgendwo im genannten Bereich. Schließt der Bereich die Null ein (etwa minus 14 % mit minus 31 % bis plus 8 %), ist auch kein Unterschied mit den Daten vereinbar [s75].

### Was für eine Ursache spräche

Ein Hinweis zugunsten einer Ursache ist eine **Dosis-Wirkung-Beziehung**: Je mehr Exposition, desto stärker der Effekt. Beim Rauchen der Mutter ist sie am deutlichsten dokumentiert; FEPOS trennt leichtes Rauchen (höchstens 10 Zigaretten täglich) und starkes Rauchen (mehr als 10) [s75]. Aber auch eine Dosis-Wirkung schließt Nebeneinflüsse nicht aus.

> **Wichtig:** Alle Befunde in diesem Ratgeber stammen aus Beobachtungsstudien oder Tierversuchen. Es gibt keine einzige Studie, die prüft, ob eine geänderte Exposition der Mutter in der Schwangerschaft die Spermien ihres Sohnes verändert. Das ist aus ethischen und praktischen Gründen auch nicht zu erwarten [s149, s146, s123].

### 22. Wie sicher ist welcher Befund?

Die Gesamtstudie ordnet jeden Befund in vier Stufen der **Gewissheit** ein: hoch, mittel, niedrig, sehr niedrig. Die Einordnung beschreibt, wie sehr man dem Befund trauen kann. Sie beschreibt nicht, wie schlimm eine Sache ist. Entscheidend: **Keine Stufe „hoch“ wurde vergeben.** Nichts in diesem Feld ist so gut abgesichert, dass man es als sicher bezeichnen würde.

| Einfluss | Wovon die Rede ist | Gewissheit |
|---|---|---|
| Rauchen der Mutter | Spermien des erwachsenen Sohnes | mittel |
| Rauchen der Mutter | Hodenhochstand | mittel |
| Rauchen der Mutter | Hodenkrebs | kein Zusammenhang gefunden |
| Rauchen des Vaters vor der Zeugung | Spermien des Sohnes | niedrig |
| Alkohol der Mutter | Spermien des Sohnes | niedrig |
| Kaffee, Koffein der Mutter | Spermien des Sohnes | niedrig |
| Paracetamol der Mutter | Spermien des Sohnes | sehr niedrig |
| PFAS (langlebige Chemikalien) | Spermien des Sohnes | niedrig |
| Weichmacher, Bisphenol A, Mischungen | Spermien und Hormone | niedrig bis sehr niedrig |
| Dioxin (Unfall von Seveso) | Spermien des Sohnes | niedrig |
| Übergewicht der Mutter | Spermien / Hormone | niedrig / niedrig bis mittel |
| DES (ein früheres Hormonpräparat) | Fehlbildungen der Genitalien / Spermien | mittel / sehr niedrig |
| Sinkende Spermienzahlen | Zuschreibung einer Ursache | niedrig |

Die Tabelle fasst zusammen und ersetzt nicht die Einzelkapitel. Wohin ein Befund zeigt (niedrigere oder höhere Werte), steht dort.

### Was „mittel“ bedeutet

Das Rauchen der Mutter schneidet am besten ab. Mehrere Studien aus verschiedenen Ländern fanden niedrigere Werte bei den Söhnen, mit Dosis-Wirkung und gemessenen Cotinin-Werten [s75]. Trotzdem steht auch hier nur „mittel“. Gründe sind die niedrigen Teilnahmequoten, die möglichen Restnebeneinflüsse, und dass eine kalifornische Studie den Zusammenhang nicht bestätigte [s171]. Wo die Datenlage dünn ist, gilt das erst recht: Bei Paracetamol ist die Lage sehr unsicher, bei den meisten Chemikalien sind die Studien klein.

### Widersprüche gehören dazu

Die Gesamtstudie nennt viele Fälle, in denen Studien einander widersprechen. Einige Beispiele:

- **Alkohol:** In Aarhus waren die Konzentrationen bei höherem Konsum niedriger [s179], in der größeren FEPOS-Studie gab es nur kleine, uneinheitliche Tendenzen [s68], in Kalifornien nichts [s171].
- **Rauchen des Vaters:** Eine schwedische Studie fand niedrigere Werte [s110], die dänische FEPOS-Studie nach Berücksichtigung des mütterlichen Cotinins keine [s27]. Die dänischen Autoren weisen selbst darauf hin, dass Rauchen von Vater und Mutter stark zusammenhängen und dadurch Fehler entstehen können.
- **Paracetamol:** In einer Studie sank ein Körpermaß bei Jungen (der Abstand zwischen After und Genitalien), in einer neueren Analyse nicht deutlich; bei den erwachsenen Söhnen aus FEPOS ergab sich kein klarer Zusammenhang [s47, s129, s134].

Das ist kein Zeichen schlechter Forschung. Es ist der Normalfall, wenn ein Effekt klein ist oder gar nicht besteht.

> **Merke:** Je weniger Studien es gibt und je kleiner sie sind, desto vorsichtiger sollte man mit einzelnen Schlagzeilen sein. Das gilt für Entwarnungen genauso wie für Warnungen.

### Die Datenbasis ist schmal

Die Gesamtstudie stützt sich auf 214 Quellen aus zwölf Sprachräumen. Das klingt breit, doch die Studien an erwachsenen Söhnen mit Samenuntersuchung kommen fast alle aus wenigen Orten: Dänemark, Schweden, Westaustralien, Kalifornien und eine europäische Studie an jungen Männern bei der Musterung. Alle Sprachräume greifen auf diesen Kern zurück. Im deutschen Sprachraum fand die Recherche keine Originalstudie zu dieser Frage, nur die Hamburg-Leipzig-Studie mit Referenzwerten, aber ohne Auswertung der Einflüsse in der Schwangerschaft [s185]. Aus Frankreich, Japan, China, Korea, Russland, der arabischen Welt und der Türkei liegt keine Studie vor, die vorgeburtliche Einflüsse mit den Spermien erwachsener Söhne verbindet. Teils fehlte auch der Zugang zu Datenbanken, etwa den chinesischen. Das ist eine echte Lücke.

### 23. Tierversuche, Zeittrends und die Grenzen der Übertragung

### Was Tierversuche leisten

In Tierversuchen (meist Mäuse und Ratten) kann man tun, was bei Menschen unmöglich ist: Man gibt einem Teil der trächtigen Tiere einen Stoff und vergleicht die erwachsenen Jungtiere. Für fast jeden Einfluss in diesem Ratgeber gibt es solche Versuche. Sie zeigen, dass es **plausibel** ist, dass ein Stoff in der Schwangerschaft die Hodenentwicklung beeinflussen kann. Beispiele sind Zigarettenrauch bei der Maus [s154], Bisphenol A und Parabene bei der Ratte [s140] oder ein früheres Hormonpräparat (DES) bei neugeborenen Tieren [s97].

Es gibt auch Gegenbeispiele: Bei einer Ratten-Diät mit viel Fett und Zucker änderte sich die Spermienzahl nicht [s112]. Bei mütterlicher Fettleibigkeit zeigte sich eine Wirkung auf die Unversehrtheit der Erbsubstanz, nicht auf Zahl oder Beweglichkeit [s108].

### Warum man nicht einfach auf den Menschen schließen darf

Drei Gründe begrenzen die Übertragung.

**1. Arten reagieren verschieden.** In einem Vergleich fetaler Hoden von Ratte, Maus und Mensch reagierten die Hoden nur in einem Drittel der Fälle gleich. Bei einem weiteren Drittel unterschied sich die wirksame Schwelle, bei einem Drittel die Art der Antwort. So liegt die Schwelle für Bisphenol A beim Menschen mindestens 100-fach niedriger als bei Nagern [s149]. Es kann auch umgekehrt sein: Paracetamol wirkte im menschlichen Gewebe schon bei einer Dosis, die für Menschen üblich ist, im Rattenhoden erst bei einer deutlich höheren [s146].

**2. Die Dosis passt oft nicht.** In einem Rattenversuch wurden 350 mg Paracetamol pro Kilogramm Körpergewicht gegeben [s99, s146]. Koffein wurde als Spritze unter die Haut gegeben [s148], Nikotin als Spritze in den Bauchraum [s125] oder über das Trinkwasser [s26]. Das entspricht nicht dem, was eine Schwangere zu sich nimmt. Bei manchen Studien fehlen sogar Dosis oder Gruppengröße in der Zusammenfassung [s64, s99, s107].

**3. Das Zeitfenster zählt.** Viele Versuche umfassen Schwangerschaft und Stillzeit gemeinsam. Der Anteil der Zeit vor der Geburt lässt sich dann nicht trennen [s154, s140]. In der Studie zu Dioxin nach dem Unfall von Seveso zeigte sich der Effekt nur bei gestillten Söhnen [s176]. Beim Menschen kann das Zeitfenster sehr eng sein: In Gewebe aus Schwangerschaftsabbrüchen sank unter Ibuprofen die Testosteronbildung nur in der 8. bis 9. Woche, nicht vorher und nicht ab der 10. Woche [s123]. Dauergabe im Tierversuch bildet das nicht ab.

### Zwischen Mensch und Tier: Gewebemodelle

Menschliches Hodengewebe aus Abbrüchen wird in der Schale gehalten oder auf Mäuse übertragen. Das zeigt, ob ein Stoff beim Menschen die Hormonbildung stört. Die Kulturen überleben aber nur wenige Tage. Die Spermienzahl ist damit nicht messbar [s149]. Ob ein Mann später weniger Spermien hat, sagen solche Versuche nicht.

> **Merke:** Tierversuche und Gewebemodelle zeigen, was möglich sein könnte. Sie zeigen nicht, was bei Menschen in üblicher Menge geschieht.

Auch Vererbung über mehrere Generationen ist beim Menschen kaum geklärt. Im strengen Sinn zeigte sich das im Material nur bei DES an weiblichen Mäusen. Für Menschen liegen Hinweise auf Fehlbildungen der Genitalien in der dritten Generation vor, die auf Meldungen beruhen. Daten zur Samenqualität gibt es nicht [s66, s122, s132].

### Sinken die Spermienzahlen?

Oft wird gefragt, ob die Spermienzahlen in der Bevölkerung sinken und ob vorgeburtliche Einflüsse die Ursache sind. Die Datenlage ist zweigeteilt.

- **Für einen Rückgang:** Eine große Auswertung (223 Studien, Proben von 1973 bis 2018) fand bei Männern, die nicht nach Fruchtbarkeit ausgewählt waren, einen Rückgang der Konzentration um 51,6 % und der Gesamtzahl um 62,3 % [s63]. Eine französische Reihe mit 26.609 Männern von 1989 bis 2005 schätzt für 35-Jährige einen Rückgang von 73,6 auf 49,9 Millionen Spermien pro Milliliter [s163].
- **Dagegen oder uneindeutig:** Eine Auswertung in Kopenhagen mit 6.386 jungen Männern über 21 Jahre (1996 bis 2016) fand keinen anhaltenden Trend. Andere Fachleute halten die Daten für nicht ausreichend, um auf eine weltweite oder westliche Verschlechterung zu schließen. Sie sehen allerdings einen Trend in einigen Gebieten [s119, s69].

Die Kopenhagener Studie ist besonders aufschlussreich. Der Anteil der Mütter, die in der Schwangerschaft rauchten, sank von 40 % auf 18 %. Rauchen der Mutter hing mit niedrigeren Spermienzahlen zusammen. Trotzdem stieg die durchschnittliche Spermienzahl nicht. Das heißt: Das Rauchen erklärt einen Teil der Unterschiede zwischen einzelnen Männern, aber nicht das Niveau der ganzen Bevölkerung. Die Autoren sehen darin einen Hinweis auf andere, unbekannte Faktoren [s119].

> **Wichtig:** Zeittrends sind Daten über Gruppen, keine Experimente. Sie zeigen, dass sich Werte verändern könnten, aber nicht, warum. Wie viel davon auf Einflüsse vor der Geburt zurückgeht, lässt sich daraus nicht ableiten.

Hinzu kommt: Die Schweizer Musterungsstudie fand bei 2.523 jungen Männern, dass 17 % eine Konzentration unter 15 Millionen pro Milliliter hatten. Nur 38 % erfüllten alle drei geprüften WHO-Referenzwerte (Konzentration, Beweglichkeit, Form) [s106]. Diese Werte sind kein Urteil über einzelne Männer, sondern beschreiben eine Gruppe.

### Was bleibt

Die Forschung zeigt Zusammenhänge, am deutlichsten beim Rauchen der Mutter. Sie beweist keine Ursachen, und für einen einzelnen Mann sagen Durchschnittswerte nichts. Niemand sollte aus diesen Studien Schuld ableiten, weder bei Müttern noch bei Vätern. Viele der Einflüsse lagen weit zurück oder ließen sich nicht steuern.

> **Zum Arzt:** Wenn Sie Sorgen wegen Ihrer Fruchtbarkeit haben, ein Kinderwunsch länger nicht klappt oder eine Samenuntersuchung auffällig war, wenden Sie sich an eine urologische oder andrologische Praxis. Wenn Sie schwanger sind und Fragen zu Rauchen, Alkohol oder Medikamenten haben, sprechen Sie mit Ihrer Frauenärztin, Ihrem Frauenarzt oder Ihrer Hebamme. Setzen Sie Medikamente nicht auf eigene Faust ab.

## Kapitel 9: Häufige Missverständnisse

### 24. Irrtümer über Ursache und Schuld

Meldungen über Spermien und Schwangerschaft sind oft kurz und eindeutig formuliert. Die Studien dahinter sind es nicht. Dieses Kapitel nimmt acht verbreitete Missverständnisse der Reihe nach vor. Jedes folgt demselben Muster: erst der Irrtum, dann die Antwort, dann die Quelle.

> **Merke:** Die Studien beschreiben Unterschiede zwischen Gruppen von Männern. Sie liefern weder ein Urteil über einen einzelnen Mann noch einen Vorwurf an einen einzelnen Elternteil.

### Irrtum 1: „Die Studien haben bewiesen, dass es die Ursache ist“

**Antwort:** Nein. Alle Befunde stammen aus Beobachtungsstudien. Dabei vergleichen Forscher Gruppen, die sich schon vorher unterschieden haben, etwa in Einkommen, Bildung, Ernährung oder Gesundheit. Sie greifen nicht ein. Solche Nebeneinflüsse (Fachwort: Confounding, auf Deutsch Störgröße) lassen sich nie ganz herausrechnen. Es bleibt eine „Restkonfundierung“. Ein Beispiel liefert eine dänische Auswertung: Der Zusammenhang zwischen niedriger Bildung der Eltern und den Samenwerten der Söhne lief zum Teil über das Rauchen der Mutter. Rauchen ist also auch ein Marker für die soziale Lage [s17].

Bei Medikamenten kommt ein weiterer Stolperstein dazu. Wer Paracetamol nimmt, hat meist Schmerzen, Fieber oder einen Infekt. Es könnte also die Erkrankung sein und nicht das Mittel, die mit dem Ergebnis zusammenhängt. Fachleute nennen das „Confounding by indication“ [s129, s05].

Ein Versuch, bei dem man Schwangere zufällig rauchen oder nicht rauchen ließe, ist ethisch nicht denkbar. Deshalb bleibt immer ein Rest an Unsicherheit.

> **Wichtig:** Selbst das am besten belegte Rauchen der Mutter erreicht in der Gesamtstudie nur die Stufe „mittel“. Die Stufe „hoch“ erreicht kein einziger Befund zur Spermienqualität erwachsener Söhne.

**Quelle:** [s17, s129, s05]

### Irrtum 2: „Die Mutter ist schuld“

**Antwort:** Dafür gibt es keine Grundlage. Dafür sprechen mehrere Gründe:

- **Die Studien können keine Ursache beweisen** (siehe Irrtum 1).
- **Vieles beruht auf Angaben der Betroffenen.** Selbstauskunft, niedrige Teilnahmequoten und Mehrfachtestung gelten in der Gesamtstudie als typische Schwächen [s20]. In der dänischen FEPOS-Kohorte kamen 1.058 von 5.697 eingeladenen Söhnen zur Untersuchung, also 19 % [s98].
- **Auch Merkmale, die niemand steuern kann, gingen mit ähnlich großen Unterschieden einher.** Söhne von Müttern mit späterer erster Regel hatten eine um 15 % niedrigere Spermienkonzentration (Unsicherheitsbereich minus 27 bis 0 %) [s61]. Bei niedrigem Vitamin-D-Spiegel der Mutter fand sich ein um 11 % kleineres Hodenvolumen [s57]. Im Winterhalbjahr geborene Männer hatten etwas niedrigeres Testosteron und höheres Östradiol, wobei die Autoren den Östradiol-Befund selbst für möglicherweise zufällig halten [s07].
- **Vieles war früher nicht bekannt oder nicht vermeidbar.**

> **Merke:** Diese Funde zeigen vor allem, dass man jeden Einzelbefund vorsichtig deuten sollte. Sie begründen keine Schuld, auch nicht bei Müttern, die in der Schwangerschaft geraucht haben. Ein Vater, der vor der Zeugung geraucht hat, hat ebenfalls nicht absichtlich geschadet.

**Quelle:** [s98, s61, s57, s07, s20]

### Irrtum 3: „Tierversuche haben gezeigt, dass es auch beim Menschen so ist“

**Antwort:** Tierversuche und Gewebemodelle zeigen, ob ein Stoff im Prinzip die Hodenentwicklung stören kann. Ob das bei Menschen mit üblichen Mengen auch passiert, zeigen sie nicht. Ein Forscherteam verglich Hodengewebe von Ratte, Maus und Mensch im gleichen Entwicklungsstadium. Nur in etwa einem Drittel der Analysen reagierten Mensch und Nager ähnlich. Bei Bisphenol A genügte beim menschlichen Gewebe eine mindestens hundertfach niedrigere Menge als bei Maus und Ratte, um die Testosteronbildung zu senken. Die Autoren warnen davor, Nagerdaten ungeprüft auf den Menschen zu übertragen [s149].

Dazu kommen Unterschiede bei Dosis und Verabreichung. Eine Spritze mit Koffein beim Tier entspricht nicht dem Kaffee einer Schwangeren [s148]. Viele Tiermodelle umfassen außerdem Schwangerschaft und Stillzeit gemeinsam. Der Anteil der Zeit vor der Geburt lässt sich dann nicht herauslesen.

**Quelle:** [s149, s148]

### 25. Irrtümer über Zahlen, Grenzwerte und Bevölkerungstrends

### Irrtum 4: „Was für die Gruppe gilt, gilt auch für mich“

**Antwort:** Die Zahlen aus den Studien sind Durchschnittswerte für Gruppen. In einer europäischen Studie an 1.770 jungen Männern lag die Spermienkonzentration bei Söhnen rauchender Mütter im Mittel um 20,1 % niedriger [s201]. In der größten dänischen Kohorte waren es 19 % bei leichtem und 38 % bei starkem Rauchen [s75]. Solche Prozentwerte sagen nicht, wie die Werte eines einzelnen Mannes aussehen. Auch ein Unsicherheitsbereich (Konfidenzintervall) gehört zu jeder Zahl: Er zeigt, in welchem Bereich der wahre Gruppenunterschied vermutlich liegt. Schließt er die Null ein, ist kein sicherer Unterschied nachgewiesen.

> **Beispiel:** „Minus 19 % (minus 29 bis minus 6)“ heißt: Die beste Schätzung liegt bei 19 % niedrigeren Werten im Gruppendurchschnitt. Der Bereich der Unsicherheit reicht von 29 bis 6 % niedriger [s75]. Über Ihre eigene Samenprobe sagt das nichts.

> **Zum Arzt:** Wenn Sie wissen möchten, wie es um Ihre Werte steht, hilft nur eine Samenuntersuchung in einer urologischen oder andrologischen Praxis.

**Quelle:** [s201, s75]

### Irrtum 5: „Weniger rauchende Mütter bedeuten mehr Spermien in der Bevölkerung“

**Antwort:** Das wurde in Kopenhagen geprüft, und es traf nicht zu. Über 21 Jahre (1996 bis 2016) wurden 6.386 junge Männer untersucht. Der Anteil der Männer, deren Mütter in der Schwangerschaft geraucht hatten, sank von 40 auf 18 %. Die durchschnittliche Spermienzahl stieg nicht. Rauchen der Mutter war weiterhin mit niedrigeren Werten verbunden, 35 % der Männer hatten über den ganzen Zeitraum eine niedrige Samenqualität [s119]. Das Rauchen erklärt also einen Teil der Unterschiede zwischen einzelnen Männern, aber nicht das Niveau einer ganzen Bevölkerung. Die Autoren sehen darin einen Hinweis auf andere, bisher unbekannte Faktoren. Einschränkend: Es handelt sich um Selbstauskünfte und um jeweils nur eine Probe pro Mann [s119].

Aus demselben Grund taugt auch die Frage „Sinken die Spermienzahlen, und liegt es daran?“ nicht für einfache Antworten. Eine große Auswertung beschreibt für Männer aus aller Welt einen Rückgang der mittleren Konzentration um 51,6 % zwischen 1973 und 2018 [s63]. Das sind Vergleiche zwischen Zeiten und Regionen. Sie können keine bestimmte Ursache nennen, und die Gesamtstudie ordnet sie deshalb nur mit „niedrig“ als Beleg für vorgeburtliche Ursachen ein. Die Kopenhagener Reihe zeigt sogar über 21 Jahre keinen anhaltenden Trend [s119].

**Quelle:** [s119, s63]

### Irrtum 6: „Alle genannten Einflüsse sind gleich gut belegt“

**Antwort:** Die Beleglage unterscheidet sich stark. Die Gesamtstudie stuft sie selbst ein. Das ist ihr eigenes Urteil, nicht das der Originalarbeiten.

| Einfluss | Gewissheit |
|---|---|
| Rauchen der Mutter, Spermien des Sohnes | mittel |
| Alkohol, Kaffee der Mutter | niedrig |
| PFAS (langlebige Chemikalien) | niedrig |
| Rauchen des Vaters vor der Zeugung | niedrig |
| Paracetamol der Mutter, Spermien des Sohnes | sehr niedrig |
| Weichmacher, Bisphenol A | niedrig bis sehr niedrig |
| Übergewicht der Mutter | niedrig (Hormone: niedrig bis mittel) |
| DES: Genitalfehlbildungen / Spermienqualität | mittel / sehr niedrig |

„Mittel“ bedeutet hier: mehrere unabhängige Kohorten in gleicher Richtung, aber ohne Metaanalyse für die Spermienwerte und mit möglicher Restkonfundierung. Kein Befund erreicht die Stufe „hoch“ [s75, s201].

> **Merke:** Eine Schlagzeile, die Rauchen, Paracetamol und Weichmacher in einem Atemzug nennt, behandelt Dinge als gleich gut belegt, die es nicht sind.

**Quelle:** Gesamtstudie, Übersicht der Gewissheitsstufen; [s75, s201, s05]

### Irrtum 7: „Ein Wert unter dem WHO-Grenzwert bedeutet unfruchtbar“

**Antwort:** Nein. Die WHO-Werte sind keine Diagnosegrenzen. Der Konzentrationswert der älteren Auflage, 15 Millionen Spermien pro Milliliter, markiert das fünfte Perzentil einer Gruppe fruchtbarer Männer: Fünf von hundert fruchtbaren Männern liegen darunter [s106, s131]. Die neuere Auflage (2021) spricht nicht mehr von Referenzgrenzen, sondern von „Entscheidungsgrenzen“. Das fünfte Perzentil sei nur ein Weg, Ergebnisse zu deuten, und reiche allein nicht aus, männliche Unfruchtbarkeit zu diagnostizieren.

Zwei Beispiele zeigen, wie wenig ein Grenzwert sagt:

- Von 423 jungen Männern in Westaustralien erfüllten nur 14,4 % alle WHO-Kriterien. Die Autoren halten Abweichungen für zu erwarten, weil die Werte aus Gruppen fruchtbarer Männer stammen und nicht aus der Allgemeinbevölkerung [s144]. In der Schweiz erfüllten 38 % alle drei geprüften Kriterien (Konzentration, Beweglichkeit, Form) [s106].
- Nach Zeit-bis-zur-Schwangerschaft-Studien beginnt die Fruchtbarkeit schon bei einer Konzentration zwischen 30 und 55 Millionen pro Milliliter zu sinken, während der WHO-Wert bei 15 liegt [s131].

Die Grenze schützt also in beide Richtungen nicht: Weder ist jeder Wert darunter eine Diagnose, noch ist jeder Wert darüber ein Freibrief. Zudem wird meist nur eine Probe untersucht, und Abstinenzzeit und Auswertung beeinflussen das Ergebnis [s119, s167, s69].

> **Zum Arzt:** Ein einzelner auffälliger Samenbefund ist keine Diagnose. Lassen Sie ihn ärztlich einordnen, am besten in einer urologischen oder andrologischen Praxis.

**Quelle:** [s106, s131, s144, s119, s167, s69]

### Irrtum 8: „Was vor der Geburt war, ist unveränderlich, und alles ist zu spät“

**Antwort:** Dazu lässt sich nur sehr wenig sagen, und das sollten Sie wissen. Keine einzige Studie hat geprüft, ob eine Änderung der Exposition der Mutter in der Schwangerschaft die Samenqualität des erwachsenen Sohnes verändert. Das ist aus ethischen und praktischen Gründen auch nicht zu erwarten. Deshalb ist „alles vorbestimmt“ genauso wenig belegt wie „alles lässt sich ändern“. Die Studien geben dafür keine Antwort.

Belegt ist nur ein kleiner Ausschnitt zu einer anderen Frage. Bei erwachsenen Männern besserten sich in einer Studie mit 60 Männern Konzentration, Gesamtzahl und Beweglichkeit nach drei und sechs Monaten ohne Rauchen. Es gab keine Vergleichsgruppe, und ein Teil der Besserung kann Zufall sein [s33]. Das ist kein Heilversprechen und sagt nichts über Schäden aus der Zeit vor der Geburt.

> **Wichtig:** Dieses Kapitel gibt keine Verhaltens- oder Therapieempfehlung. Bei Sorgen oder offenem Kinderwunsch ist die ärztliche Abklärung beider Partner der richtige nächste Schritt [s31]. Wer schwanger ist und Fragen zu Rauchen, Alkohol oder Medikamenten hat, spricht mit Frauenärztin, Frauenarzt oder Hebamme und setzt Medikamente nicht auf eigene Faust ab.

**Quelle:** Gesamtstudie, Teil 5; [s33, s31]

## Kapitel 10: Wann zur Ärztin oder zum Arzt und was Sie selbst tun können

### 26. Anlässe für eine ärztliche Abklärung

Die Forschung zu Einflüssen vor der Geburt liefert keine Verhaltensregeln für einzelne Menschen. Sie liefert aber Hinweise, wann es sinnvoll ist, ärztlichen Rat einzuholen. Dieser Abschnitt nennt die wichtigsten Anlässe. Er stellt keine Diagnose und ersetzt keine Untersuchung.

> **Wichtig:** Ein Grund für ein Arztgespräch ist nie ein Vorwurf. Niemand kann rückwirkend ändern, was vor der Geburt geschah. Wer fragt, bekommt Einordnung und Klarheit, mehr nicht.

### Wenn ein Kinderwunsch lange unerfüllt bleibt

Die Abklärung betrifft immer beide Partner. Die Leitlinie der Europäischen Gesellschaft für Urologie (EAU, Update 2025 zur männlichen Unfruchtbarkeit) empfiehlt nach ihrer veröffentlichten Zusammenfassung drei Dinge: eine gründliche urologische Untersuchung aller Männer mit Fruchtbarkeitsproblemen, die gleichzeitige Abklärung der Partnerin und eine Beratung zu Gesundheitsrisiken, die damit zusammenhängen können [s31].

Ehrlich gesagt gilt dabei: Die Zusammenfassung dieser Leitlinie äußert sich nicht zu Einflüssen vor der Geburt [s31]. Es gibt also keine bewertete Empfehlung, nach der die Zeit im Mutterleib bei der Abklärung eine bestimmte Rolle spielen müsste. Gesprächsstoff kann sie trotzdem sein (siehe Abschnitt 28).

> **Zum Arzt:** Wenn sich ein Kinderwunsch längere Zeit nicht erfüllt, ist eine urologische oder andrologische Praxis (Andrologie ist die Männerheilkunde rund um die Zeugungsfähigkeit) eine passende Anlaufstelle. Die Partnerin wird parallel untersucht [s31].

### Wenn eine Samenuntersuchung auffällig war

Ein einzelner auffälliger Wert ist keine Diagnose. Warum das so ist, erklärt Abschnitt 27. Lassen Sie das Ergebnis deshalb ärztlich einordnen, statt es selbst zu deuten.

### Wenn Hodenhochstand oder eine Fehlbildung bekannt ist oder war

Ein Hodenhochstand (der Hoden ist nicht im Hodensack angekommen) oder eine Fehlbildung des Penis, etwa eine Hypospadie (die Harnröhre mündet nicht an der Spitze), gelten in der Fachliteratur als mögliche Zeichen einer frühen Entwicklungsstörung des Hodens [s204]. Falls so etwas bei Ihnen oder Ihrem Sohn bekannt ist oder war, sollte es ärztlich nachverfolgt werden. Das bedeutet nicht, dass Spermienprobleme folgen. Es bedeutet nur, dass sich ein Blick lohnt.

### Wenn Sie in der Schwangerschaft Fragen haben

Wer schwanger ist oder es werden möchte und Fragen zu Rauchen, Alkohol oder Medikamenten hat, ist bei der Frauenärztin, beim Frauenarzt oder bei der Hebamme richtig. Dort kann man Ihre persönliche Lage berücksichtigen, was ein Ratgeber nicht kann.

> **Wichtig:** Setzen Sie Medikamente nie auf eigene Faust ab. Die Studien in diesem Ratgeber liefern keine Grundlage dafür, ein Arzneimittel ohne Rücksprache wegzulassen. Das entscheidet die Ärztin oder der Arzt mit Ihnen.

### Wenn Diethylstilbestrol (DES) im Spiel war

DES ist ein Hormonpräparat, das früher Schwangeren gegeben wurde. Wenn Sie als Mutter DES erhalten haben oder Ihre Mutter es in der Schwangerschaft bekam, lohnt ein ärztliches Gespräch. In einer Kohorte (einer über Jahre beobachteten Gruppe) fanden sich bei Söhnen DES-exponierter Mütter Hinweise auf Fehlbildungen der Genitalien, etwa Hodenhochstand [s183]. Die Befunde zu späteren Generationen sind dagegen unsicher (Kapitel 6).

### Wenn Sie als Mann rauchen und auffällige Samenwerte haben

Dazu gibt es eine kleine Studie, die in Abschnitt 28 beschrieben wird. Ob ein Rauchstopp bei Ihnen etwas ändern würde, kann nur die ärztliche Beratung klären [s33].

| Anlass | Wohin |
|---|---|
| Kinderwunsch bleibt lange unerfüllt | Urologische oder andrologische Praxis, Partnerin parallel [s31] |
| Auffälliger Samenbefund | Ärztliche Praxis, die den Befund einordnet |
| Hodenhochstand oder Fehlbildung in der Vorgeschichte | Ärztliche Nachverfolgung [s204] |
| Fragen zu Rauchen, Alkohol, Medikamenten in der Schwangerschaft | Frauenärztin, Frauenarzt, Hebamme |
| DES in der Familie | Ärztliches Gespräch [s183] |

### 27. Was bei der Untersuchung geschieht und was Messwerte aussagen

### Was untersucht wird

Nach der EAU-Leitlinie gehört zur Abklärung eine gründliche urologische Untersuchung des Mannes [s31]. Die Gesamtstudie, auf der dieser Ratgeber beruht, beschreibt den Ablauf einer Untersuchung nicht im Einzelnen. Hier steht deshalb nur, was sie belegt: Die Leitlinie nennt die urologische Untersuchung, die Einbeziehung der Partnerin und die Beratung [s31].

Eine Samenprobe wird im Labor nach den Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) untersucht. Die Studien nennen dafür folgende Messgrößen:

- das **Ejakulatvolumen** (die Menge in Millilitern),
- die **Konzentration** (Spermien pro Milliliter),
- die **Gesamtzahl** (Konzentration mal Volumen),
- die **Beweglichkeit** (der Anteil beweglicher Spermien, oft auch der vorwärts beweglichen),
- die **Vitalität** (der Anteil lebender Spermien),
- die **Morphologie** (der Anteil normal geformter Spermien, bewertet an Kopf, Mittelstück und Flagellum, dem Geißelfaden),
- bei neueren Arbeiten der **DNA-Fragmentationsindex** (wie viele Spermien Brüche im Erbgut zeigen).

### Was die WHO-Werte sind und was nicht

Die WHO nennt Grenzwerte. Nach der fünften Auflage (2010) liegen sie zum Beispiel bei 1,5 ml Volumen, 15 Millionen Spermien pro Milliliter, 39 Millionen Spermien insgesamt, 32 % vorwärts beweglichen und 4 % normal geformten Spermien [s144]. Die Konzentrationsgrenze einer Neuauswertung von 2021 liegt bei 16 Millionen pro Milliliter.

Wichtig ist, was diese Zahlen bedeuten. Es sind 5. Perzentile einer Referenzgruppe fruchtbarer Männer. Das heißt: Fünf von hundert dieser Männer lagen darunter [s106, s144]. Es ist keine Grenze zwischen fruchtbar und unfruchtbar.

> **Merke:** Die sechste Auflage des WHO-Handbuchs (2021) spricht deshalb nicht mehr von Referenzgrenzen, sondern von „Entscheidungsgrenzen“. Das 5. Perzentil sei nur ein Weg, Ergebnisse zu deuten, und reiche allein nicht aus, um männliche Unfruchtbarkeit zu diagnostizieren.

Dazu passt: In Studien mit jungen Männern aus der Allgemeinbevölkerung lag ein großer Teil unter den Grenzwerten von 2010, so in der Schweiz [s106] und in Westaustralien [s144]. In Dänemark hatten 35 % der Männer eine niedrige Samenqualität [s119]. Ein Wert unter dem Grenzwert bedeutet also nicht Unfruchtbarkeit.

Umgekehrt beginnt die Fruchtbarkeit nach Studien zur Zeit bis zur Schwangerschaft schon bei Konzentrationen zu sinken, die über dem WHO-Grenzwert liegen, nämlich unterhalb von etwa 30 bis 55 Millionen pro Milliliter [s131]. Auch ein Wert über der Grenze ist deshalb kein Freibrief. Die Zahl allein genügt nicht, es braucht die ärztliche Gesamtschau.

### Warum eine Probe wenig sagt

Mehrere Einschränkungen gelten für Samenwerte allgemein:

- Meist wird nur **eine** Probe pro Mann untersucht [s119].
- Die **Abstinenzzeit** (wie lange vorher kein Samenerguss war) verändert die Werte. In einer Studie aus Aarhus hing sie mit dem DNA-Fragmentationsindex zusammen [s167].
- Beweglichkeit und Form hängen davon ab, wer sie im Labor beurteilt. Fachleute sprechen von einer „inhärenten Variabilität der Bewertung“ [s69].

Ein einzelner auffälliger Wert ist daher ein Anlass, nachzufragen. Er ist kein Urteil. In einer Kohorte aus Westaustralien lieferten 287 Männer eine zweite Probe; im Mittel zeigte sich kein systematischer Unterschied zwischen erster und zweiter Probe [s144]. Das sagt aber nichts darüber, wie stark die Werte bei einem einzelnen Mann schwanken. Ob wiederholt wird, entscheidet die Praxis.

> **Merke:** Die Studien in diesem Ratgeber beschreiben Durchschnitte von Gruppen. Daraus lässt sich nicht ablesen, was bei einem einzelnen Mann der Fall ist, und auch nicht, was bei ihm vor der Geburt eine Rolle gespielt hat.

### 28. Was Sie selbst tun können, und was die Forschung dazu nicht sagt

### Die ehrliche Ausgangslage

Die Studien geben keine Verhaltensempfehlung. Es gibt keine Untersuchung, die geprüft hat, ob eine geänderte Lebensweise der Mutter oder des Vaters die Spermien des späteren Sohnes verändert. Das bedeutet nicht, dass es keine Wirkung gibt. Es bedeutet, dass das Wissen dazu fehlt. Kein Befund der Gesamtstudie erreicht die höchste Gewissheitsstufe, und alle Befunde stammen aus Beobachtungen, die Zusammenhänge zeigen, aber keine Ursachen beweisen.

Wer Sorgen hat, kann trotzdem etwas tun: Fragen stellen und Gespräche führen, statt aus Verunsicherung zu handeln.

### Schwangere und Paare mit Kinderwunsch

Besprechen Sie Fragen zu Rauchen, Alkohol und Medikamenten in der Schwangerschaft mit Ihrer Frauenärztin, Ihrem Frauenarzt oder Ihrer Hebamme. Dort lässt sich Ihre persönliche Situation berücksichtigen. Dieser Ratgeber gibt bewusst keine Dosierungs- oder Einnahmeempfehlung. Setzen Sie nichts auf eigene Faust ab.

Wenn Sie als Mutter früher geraucht haben oder Ihre Schwangerschaft schon vorbei ist: Das ist kein Grund für Schuldgefühle. Die Studien zeigen Gruppenunterschiede, keine Schuld. Angaben stammen oft aus Selbstauskunft, und andere Einflüsse lassen sich nie ganz herausrechnen.

### Männer: was zum Rauchstopp beim Erwachsenen bekannt ist

Für erwachsene Männer, die selbst rauchen, gibt es zwei Studien. Beide beschreiben nur und versprechen nichts.

- **Ägypten, 60 Männer [s33].** Raucher in einem Rauchstopp-Programm gaben vor dem Stopp sowie nach drei und nach sechs Monaten Samenproben ab. Die Werte besserten sich im Verlauf, etwa die Konzentration von im Mittel 14,8 auf 19,3 Millionen pro Milliliter. Die Studie hatte aber keine Vergleichsgruppe von Nichtrauchern. Deshalb lässt sich nicht sagen, ob die Besserung am Rauchstopp lag oder an etwas anderem, etwa an Ernährung, Zufall oder verändertem Verhalten. Außerdem nahmen nur 69 von 200 Eingeladenen teil, und Schwangerschaften wurden nicht erfasst [s33].
- **China, Mensch und Maus [s26].** Samenproben von 18 Nichtrauchern, 19 Rauchern und 14 Ex-Rauchern, die seit mindestens drei Monaten nicht rauchten, ergaben bei den Ex-Rauchern bessere Werte als bei den Rauchern. Im Mausversuch bildeten sich die Schäden nach dem Absetzen von Nikotin weitgehend zurück [s26]. Die Gruppen waren klein, und Mäuse sind keine Menschen.

> **Wichtig:** Beide Studien betreffen das Rauchen des erwachsenen Mannes selbst, nicht das Rauchen der Mutter in der Schwangerschaft [s33, s26]. Sie sagen nichts darüber, ob sich etwas ändern lässt, das vor der Geburt geschehen ist. Ein Heilversprechen lässt sich daraus nicht ableiten. Ob ein Rauchstopp in Ihrem Fall etwas bewirken könnte, besprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

### Checkliste für das Arztgespräch

Es hilft, Informationen mitzubringen. Notieren Sie, soweit Sie sie kennen oder erfragen können:

- Gab es früher Hodenprobleme, zum Beispiel einen Hodenhochstand oder eine Fehlbildung des Penis [s204]?
- Wurde in der Schwangerschaft Ihrer Mutter geraucht? Wenn Sie das nicht wissen, ist das in Ordnung. Fragen Sie gern, aber unterstellen Sie niemandem etwas.
- Hat Ihre Mutter in der Schwangerschaft ein Hormonpräparat wie DES bekommen [s183]?
- Rauchen Sie selbst, und seit wann?
- Gibt es frühere Samenuntersuchungen? Bringen Sie die Befunde mit.
- Welche Medikamente nehmen Sie regelmäßig?
- Wie lange besteht der Kinderwunsch, und wurde die Partnerin schon untersucht [s31]?

Mögliche Fragen an die Ärztin oder den Arzt:

- Wie sicher ist ein einzelner Messwert, und sollte die Untersuchung wiederholt werden?
- Was bedeutet mein Wert im Verhältnis zu den WHO-Werten?
- Welche weiteren Untersuchungen sind für mich sinnvoll?
- Was können meine Partnerin und ich jetzt tun?

> **Zum Arzt:** Wenn Sie unsicher sind, ob ein Anlass vorliegt, fragen Sie in Ihrer Praxis nach. Eine Rückfrage kostet wenig und nimmt oft viel Sorge.

## Schlussfolgerung

Dass das, was vor der Geburt geschieht, die Spermienqualität eines Mannes prägen kann, ist eine Annahme der Forschung. Es gibt dafür Hinweise, vor allem beim Rauchen der Mutter in der Schwangerschaft: Die Söhne hatten im Durchschnitt niedrigere Spermienwerte, und bei starkem Rauchen waren die Unterschiede größer. Für Alkohol, Kaffee, Schmerzmittel, Umweltstoffe und Übergewicht der Mutter sind die Hinweise schwächer und weniger einheitlich. Für den Einfluss des Vaters vor der Zeugung widersprechen sich die Studien.

Ebenso wichtig ist, was die Studien nicht zeigen. Sie beweisen keine Ursache. Sie sagen nichts über den einzelnen Mann. In Dänemark ging der Anteil der Mütter, die in der Schwangerschaft rauchten, deutlich zurück, ohne dass die durchschnittliche Spermienzahl der Söhne stieg. Das Rauchen erklärt also einen Teil der Unterschiede zwischen Männern, aber nicht das Niveau einer ganzen Bevölkerung.

Schuld hilft niemandem. Viele Einflüsse waren früher nicht bekannt, waren nicht vermeidbar oder lassen sich von der Wissenschaft noch nicht klar bewerten. Eine Mutter, die geraucht hat, hat nicht absichtlich geschadet. Ein Vater, der geraucht hat, auch nicht.

Was bleibt, ist ein nüchterner Rat: Wenn Sie sich sorgen oder ein Kinderwunsch offen bleibt, kann eine ärztliche Untersuchung Klarheit schaffen. Die Leitlinie empfiehlt eine gründliche Untersuchung des Mannes und die Einbeziehung der Partnerin. Und wenn Sie schwanger sind, besprechen Sie Ihre Fragen zu Rauchen, Alkohol und Medikamenten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

## Häufige Fragen

### Kann das Rauchen meiner Mutter meine Spermienqualität beeinflusst haben?

Mehrere Studien fanden bei Söhnen rauchender Mütter im Durchschnitt niedrigere Spermienkonzentration und Gesamtzahl, bei starkem Rauchen deutlicher. Das ist ein Zusammenhang, kein Beweis, und es sagt nichts über Ihren einzelnen Wert. Eine Samenuntersuchung bei einer urologischen oder andrologischen Praxis gibt Auskunft über Ihre tatsächlichen Werte.

### Ist das Rauchen der Mutter schuld, wenn der Sohn weniger Spermien hat?

Nein, von Schuld kann keine Rede sein. Die Studien beschreiben Durchschnitte in Gruppen und können nicht belegen, dass das Rauchen die Ursache war. Auch Merkmale, die niemand steuern kann, wie ein späterer Beginn der Regel bei der Mutter oder der Geburtsmonat, gingen mit ähnlich großen Unterschieden einher.

### Warum sagen die Studien nur „Zusammenhang“ und nicht „Ursache“?

Es handelt sich um Beobachtungsstudien. Sie vergleichen Gruppen, die sich auch in anderen Dingen unterscheiden können, etwa im Sozialstatus. Solche Nebeneinflüsse lassen sich nie ganz ausschalten. Ein Versuch, bei dem man Schwangere zufällig rauchen oder nicht rauchen lässt, ist ethisch nicht denkbar. Deshalb bleibt ein Rest an Unsicherheit.

### Wie sicher sind die Befunde insgesamt?

Kein Befund zur Spermienqualität erwachsener Söhne erreicht in der Gesamtstudie die höchste Stufe der Gewissheit. Das Rauchen der Mutter wird als mittel eingestuft, Alkohol, Kaffee, PFAS und Väterliches als niedrig, Paracetamol als sehr niedrig. Das ist das Urteil der Gesamtstudie, nicht der Originalarbeiten.

### Sollte ich in der Schwangerschaft Schmerzmittel wie Paracetamol meiden?

Diese Frage beantwortet dieser Ratgeber nicht, denn er gibt keine Medikamentenempfehlung. Die Studien zeigen für erwachsene Söhne keinen gesicherten Effekt, und die Autoren einer Metaanalyse stufen ihre Gewissheit als niedrig bis sehr niedrig ein. Ob und was Sie einnehmen, besprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

### Ist die Spermienzahl der Männer in den letzten Jahrzehnten gesunken, und liegt es am Rauchen der Mütter?

Eine große Auswertung beschreibt einen Rückgang der Spermienzahl zwischen 1973 und 2018. Ob das Rauchen der Mütter dazu beiträgt, ist offen: In Kopenhagen sank der Anteil rauchender Mütter von 40 auf 18 %, ohne dass die mittlere Spermienzahl stieg. Das Rauchen erklärt einen Teil der Unterschiede zwischen Männern, nicht das Niveau der Bevölkerung.

### Kann der Vater die Spermienqualität seines Sohnes schon vor der Zeugung beeinflussen?

Das ist beim Menschen nicht sicher. Zwei schwedische Studien fanden Zusammenhänge mit dem Rauchen des Vaters, zwei dänische nach Berücksichtigung des mütterlichen Rauchens nicht. Veränderungen an den Spermien rauchender Männer wurden beschrieben, ob sie auf Söhne übergehen, ist offen.

### Können sich Spermienwerte verbessern, wenn ein Mann mit dem Rauchen aufhört?

In einer kleinen Studie mit 60 Männern besserten sich Konzentration, Gesamtzahl und Beweglichkeit nach drei und sechs Monaten ohne Rauchen. Es gab keine Vergleichsgruppe, und die Ausgangswerte waren auffällig niedrig, ein Teil der Besserung kann Zufall sein. Ein Heilversprechen ist das nicht. Besprechen Sie es mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

### Ab wann gilt ein Spermienwert als niedrig?

Die WHO nennt Grenzwerte, die das fünfte Perzentil einer fruchtbaren Referenzgruppe markieren: Fünf von hundert fruchtbaren Männern liegen darunter. In der älteren Auflage sind das 15 Millionen Spermien pro Milliliter. Das ist keine Diagnosegrenze. Die neuere Auflage spricht von Entscheidungsgrenzen, ein Wert allein reicht für eine Diagnose nicht. Die Einordnung gehört in ärztliche Hand.

### Warum kommen fast alle Studien aus Dänemark?

In den zwölf durchsuchten Sprachräumen fand sich außerhalb von Nordeuropa, den USA und Australien keine Kohorte, die die Exposition vor der Geburt mit der Samenanalyse des erwachsenen Sohnes verbindet. Das bedeutet, dass die Ergebnisse nicht ohne Weiteres für andere Regionen gelten müssen. Die Literatur dort ist dünn und liefert nur Hintergrund.

## Fachbegriffe

- **Spermienkonzentration:** Die Zahl der Spermien in einem Milliliter Samenflüssigkeit. Sie wird in Millionen pro Milliliter angegeben.
- **Gesamtspermienzahl:** Die Zahl aller Spermien in einem Erguss. Man erhält sie aus Menge und Konzentration.
- **Beweglichkeit (Motilität):** Der Anteil der Spermien, die sich bewegen. Gut bewegliche Spermien schwimmen gerichtet nach vorn.
- **Morphologie:** Die Form der Spermien. Beurteilt werden Kopf, Mittelstück und Flagellum, also der Geißelfaden, mit dem die Spermie schwimmt.
- **Flagellum:** Der lange, bewegliche Faden einer Spermie, mit dem sie sich fortbewegt. Er wird bei der Formbeurteilung mit angesehen.
- **Testikuläres Dysgenesie-Syndrom (TDS):** Ein Konzept, nach dem schlechte Spermienqualität, Hodenhochstand, Hypospadie und Hodenkrebs eine gemeinsame Ursache in einer gestörten Hodenentwicklung im Mutterleib haben könnten.
- **Hodenhochstand (Kryptorchismus):** Ein Hoden liegt nicht im Hodensack, sondern weiter oben. Er gilt als möglicher Hinweis auf eine gestörte Hodenentwicklung.
- **Hypospadie:** Eine angeborene Fehlbildung, bei der die Harnröhrenöffnung nicht an der Spitze des Penis liegt.
- **Beobachtungsstudie:** Eine Studie, die Menschen nur beobachtet und vergleicht, ohne etwas zu verändern. Sie zeigt Zusammenhänge, aber keine sichere Ursache.
- **Konfidenzintervall:** Ein Bereich, in dem der wahre Wert mit großer Wahrscheinlichkeit liegt. Schließt er die Null ein, ist kein sicherer Unterschied nachgewiesen.
- **Dosis-Wirkung:** Je mehr von einem Einfluss, desto größer die Wirkung. Ein solches Muster macht einen Zusammenhang überzeugender, beweist ihn aber nicht.
- **Cotinin:** Ein Abbauprodukt von Nikotin im Blut. Es zeigt objektiv an, ob jemand dem Tabakrauch ausgesetzt war.
- **Epigenetik:** Chemische Markierungen am Erbgut, die steuern, welche Gene aktiv sind, ohne das Erbgut selbst zu verändern. Sie können durch Einflüsse von außen verändert werden.
- **PFAS:** Eine Gruppe sehr langlebiger Chemikalien (per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen). In den Studien wurden sie im Blut der Mütter gemessen.
- **Phthalate:** Weichmacher, die zu den hormonell wirksamen Stoffen gezählt werden. Ihre Folgen für die Spermienqualität sind unklar.
- **Bisphenol A:** Eine Chemikalie, die zu den hormonell wirksamen Stoffen gezählt wird. Die Studien zu ihrer Wirkung auf die Spermien sind klein.
- **Anogenitalabstand:** Die Strecke zwischen After und Genitalien bei Neugeborenen. Studien nutzen sie als Stellvertretergröße für Einflüsse auf die Entwicklung der Geschlechtsorgane.
- **Diethylstilbestrol (DES):** Ein künstliches Östrogen, das früher Schwangeren gegeben wurde. Bei den Kindern traten Fehlbildungen der Fortpflanzungsorgane auf.
- **Confounding (Störgröße):** Ein dritter Faktor, der sowohl die Exposition als auch das Ergebnis beeinflusst und so einen scheinbaren Zusammenhang erzeugt.

## Quellen

Alle Quellen mit PMID/DOI: https://bosslevel.eu/recherche/praenatal.html und https://bosslevel.eu/recherche/praenatal.md
